Mainzer RepublikSie gingen voran

Allen inneren Widersprüchen zum Trotz: Die Mainzer Republik von 1792/93 bleibt der mutige erste Versuch, in Deutschland die Demokratie zu wagen.

Selbst im Fall einer Revolution würden die Deutschen sich nur Steuerfreiheit, nie Gedankenfreiheit zu erkämpfen suchen.« Dieser Satz findet sich im Tagebuch des Dichters Friedrich Hebbel, der vor 200 Jahren, am 18. März 1813, geboren wurde. Die Notiz stammt aus dem Jahr 1836, zwölf Jahre bevor 1848 – auch an einem 18. März – die deutsche Revolution im Barrikadenkampf begann. Die Mainzer Republik war damals längst Geschichte.

Der Glaube an die Fähigkeit der Deutschen zur Revolution war von jeher begrenzt, nicht erst seit der Erfahrung des Scheiterns von 1849. Im Land der Reformation, der aufgeklärten Fürsten, in dem seit dem Dreißigjährigen Krieg das Trauma vom zügellosen Chaos in vielfältiger Weise nachwirkte, fand der gewaltsame Umbruch wenige Anhänger.

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War die Mainzer Republik eine Revolution? Gehört sie zur deutschen Demokratiegeschichte? Das, was sich am 18. März 1793, 20 Jahre vor Hebbels Geburt, im Mainzer Deutschhaus vollzog, war keine eigenständige deutsche Revolution. Auch war es ganz sicher nicht der glanzvolle Beginn einer deutschen Demokratie. Und doch betraf die Ausrufung der Mainzer Republik gewiss nicht nur die Region zwischen Landau und Bingen. Und sie wirkte deutlich über ihre kurze Lebensdauer hinaus. Diese Republik und ihre zeitgenössisch als »Jakobiner« verdächtigten Protagonisten setzten einen frühen Markstein in die widerspruchsvollen Anfänge deutscher Demokratie.

Die Rede

Der Präsident des Deutschen Bundestages Norbert Lammert (CDU) weist gern auf Deutschlands demokratische Traditionen hin. Im Mainzer Landtag würdigte er jetzt die Mainzer Republik von 1792/93; wir dokumentieren seine Rede. Damals gab es, unter dem Schutz der französischen Revolutionsarmee, erstmals allgemeine Wahlen und bis zur Rückkehr der Truppen des Ancien Régime im Juli 1793 ein Parlament. Es tagte im Deutschhaus, heute Sitz des Landtags von Rheinland-Pfalz. Dessen Adresse heißt seit Montag: Platz der Mainzer Republik 1.

Der 18. März 1793 ist mit der Gründung der Mainzer Republik eines der vielen ambivalenten Daten der deutschen Geschichte, in der Glanz und Elend oft allzu nahe beieinanderliegen. Dies gilt allerdings nicht minder für die Französische Revolution selbst. Auch deren historische Errungenschaften wurden mit einem hohen Preis bezahlt: mit Denunziationen, Gesinnungsterror, Lynchjustiz und Willkürherrschaft.

Solche Ambivalenzen bestimmten immer wieder das Verhältnis der Deutschen zur Revolution: Die französischen Gewaltexzesse und das Umschlagen – übrigens nicht erst unter Napoleon – in den revolutionären Eroberungskrieg wurden für deutsche Eliten zu einem Schreckensszenario auf dem sich damals überhaupt erst entwickelnden eigenen nationalen Weg. In den Koalitionskriegen formierte sich der Widerstand des Ancien Régime. Am 18. März, genau dem Tag also, als in Mainz die Republik ausgerufen wurde, vollendete ein junger Angehöriger des im benachbarten Frankfurt lagernden preußischen Garderegiments einen Brief an seine Tante: »Die Franzosen oder vielmehr das Räubergesindel wird jetzt allerwärts geklopft«, heißt es darin. Es war Heinrich von Kleist, der während des Rheinfeldzugs gegen Frankreich 15-jährig an der Belagerung von Mainz teilnahm.

Im Mainzer Nationalkonvent saßen Bauern wie Kaufleute und Gelehrte

Die Sorge vor dem vermeintlich »welschen« Chaos machte nicht bei klerikalen und konservativen Kreisen halt. Vorbehalte hegten auch Vertreter der vergleichsweise kleinen, im Reich verstreuten Gruppe deutscher Intellektueller, welche die Ablehnung des Bestehenden und der Wille zur Veränderung einte und die in der Aufklärung ihre eigentliche Aufgabe erkannten. Sie suchten den ideellen Anschluss an den Westen, an die weltbürgerlichen Ideen von Freiheit und Gleichheit – und begründeten doch gerade in der Abgrenzung zu Frankreich den Gedanken eines spezifisch deutschen Weges. Einer von ihnen, der Jurist Georg Friedrich Rebmann, der später vor allem durch den Vorsitz im Prozess gegen den »Schinderhannes« bekannt wurde, äußerte sich 1798 noch überzeugt: »Wir sind reifer zur Freiheit, als die Franken es noch jetzt nach acht Jahren des Kampfes sind.« Warum? Die Reformation, so Rebmann, habe schon einen großen Teil der Arbeit vollendet: »Die Hierarchie ist im protestantischen Teile Deutschlands zu Boden geworfen, und nur der weltliche Despotismus bleibt uns noch zu bekämpfen übrig.« – »Nur« der weltliche Despotismus! Der Weg von der Gedankenfreiheit zur politischen Freiheit sollte sich als noch sehr viel schwieriger erweisen, als es die Zeitgenossen damals schon wussten oder ahnten.

Die revolutionäre Mainzer Republik liegt quer zum Bild des reformistisch-aufklärerischen Deutschlands. Das macht sie schwierig und spannend zugleich – und deshalb wurde sie so lange stiefmütterlich betrachtet. Hier blieb eine kleine Gruppe radikaler Aufklärer dem Vorbild Frankreich auch dann noch treu, als sich andere von der Revolution, die sie zunächst als »herrlichen Sonnenaufgang« (Hegel) eines neuen Zeitalters begrüßt hatten, längst wieder abwandten. Kein Wunder: Das Experimentierfeld für eine deutsche Demokratie bestand überhaupt nur im Schutz französischer Besatzungstruppen. Und deren Interesse an politischer Destabilisierung in Deutschland war mindestens so groß wie an der Etablierung demokratischer Strukturen. Der Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent war als erstes deutsches Laboratorium der Freiheit machtlos, sobald diese schützende Hand verschwunden war.

Folgenlos blieben die propagierten Ideale indes nicht, und es gibt auch manche personelle Kontinuität. Der (damals blutjunge) Mainzer Republikaner Adam von Itzstein etwa verkörpert eine eigene deutsche Revolutions- und Demokratietradition von der Mainzer Republik über das Hambacher Fest 1832, den süddeutschen Konstitutionalismus bis hin zur Frankfurter Paulskirche 1848.

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