MartensteinÜber eine umstrittene Band aus Südtirol und ehrenwerte Rapper

Harald Martenstein fragt sich, warum Frei.Wild vom Echo ausgeladen werden und Bushido schon so viele bekommen hat. Der sei doch noch viel schlimmer als Rainer Brüderle. von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Ich bin ein alter Rock'n'Roller, wisst ihr. Deshalb habe ich mitgekriegt, dass sie eine rechtsradikale Band, die für den Musikpreis Echo nominiert war, wegen Rechtsradikalismus wieder ausgeladen haben. Diese Band heißt Frei.Wild und kommt aus Südtirol. Daraufhin habe ich mir auf den wichtigsten Internetseiten mal die wichtigsten Textbelege für den Rechtsradikalismus dieser Band angeschaut. Auf ZEIT ONLINE hieß es, die Band singe den Satz »Südtirol, wir tragen deine Fahne« und verwende Wörter wie »Helden« und »Volk«. Da war ich perplex, weil David Bowie doch Heroes gesungen hat und John Lennon Power to the People. Meiner Ansicht nach ist Lennon nie ein echter Nazi gewesen. Bowie, gut, der hat in Deutschland gelebt, aber doch nicht aus Liebe zu Adolf Hitler. Auf stern.de stand das Frei.Wild-Zitat: »Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat. Ohne sie gehen wir unter.« Das könnte doch auch irgend so ein bedrohter Indianerstamm im Amazonasgebiet singen. Die Südtiroler sind ebenfalls eine Minderheit, die es nicht immer leicht gehabt hat. Zweiter Beweis für das Nazitum war der Satz: »Ich scheiße auf Gutmenschen und Moralapostel.« Sorry, für mich klingt das eher nach Heiner Lauterbach als nach Nazis. Nach Ansicht eines Extremismusexperten bedeuten diese Sätze aber eine »harte Absage an eine moderne Gesellschaft«. Das kapiere ich auch nicht. Wieso muss denn jeder für die moderne Gesellschaft sein? Ich schwöre bei der Fahne Südtirols, dass ich mich niemals piercen lasse, und ich trinke auch keinen Bubble-Tea, egal, wie modern es ist. Ein anderer Experte sagte auf ZEIT ONLINE, zu den Vorbildern der Naziband gehöre der Politiker Heinz Buschkowsky – der ist in der SPD! Wenn sogar die SPD schon faschistisch ist, Himmel, was bleibt dann noch übrig?

Offenbar soll man in der modernen Jugendmusik immer nur, Song für Song, das grüne Parteiprogramm vertonen. Ich habe mir natürlich nicht sämtliche Texte von Frei.Wild angeschaut, aber hey, die Ankläger werden doch hoffentlich in ihrer Anklage die härtesten Stellen bringen, oder? Was ich aber gemacht habe: Ich habe die Texte von früheren Echo-Gewinnern gelesen. Der Rapper Sido: »Ich hab keinen Bock auf Spasten.« Oder: »Michel Friedman – scheiße! Ich kann euch nicht leiden, nicht riechen. Ihr wart als Kinder schon scheiße.« Tut mir leid, da höre ich ein gewisses Ressentiment gegen Behinderte und Juden heraus. Aber der kriegt einen Kulturpreis.

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Wobei man der Gerechtigkeit halber sagen muss, dass Bushido, Träger mehrerer Echos und eines Ehren-Bambis für Verdienste um die Integration, die härteren Texte hat. In der ersten Fassung dieser Kolumne hatte ich zwei Bushido-Zitate untergebracht. Nennt mich meinetwegen einen Nazi, aber im Vergleich zu dessen Texten finde ich die Zeile »Südtirol, wir tragen deine Fahne« eigentlich fast poetisch und old school. Daraufhin meldete sich die Redaktion. Die Bushido-Zitate stünden auf dem Index. Wenn ich das bringe, muss die ZEIT offenbar unterm Ladentisch verkauft werden.

Bushido sitzt in Talkshows, tritt mit Horst Seehofer auf, sein Leben wurde verfilmt. Kann das denn wirklich nur damit zusammenhängen, dass Bushido kein Südtiroler ist? Ich werde niemals kapieren, wieso Rainer Brüderle für den Satz »Sie können ein Dirndl ausfüllen« einen Shitstorm erntet, während Bushido mit tausendmal sexistischeren Sätzen einen Ehren-Bambi für Verdienste um die Integration bekommt. Die moderne Gesellschaft ist, bei aller Modernität, oft ein bisschen ungerecht. Darf man das so formulieren?

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. 44 Leserempfehlungen
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    dem schliesse ich mich gerne an. Ich lese Martenstein am liebsten von allen. Herr Martenstein bringt es so oft auf den Punkt, und ich muss ihm meistens uneingeschränkt zustimmen. Darüber hinaus, recht amüsant zu lesen. Meine Meinung: keiner schreibt so ehrlich, unopportunistisch, mutig und spannend wie Martenstein.
    Deshalb @ Herr Martenstein: weiter so, Sie haben viele Fans, und ich bin nur einer davon.

  2. noch in der ZEIT erscheinen darf. Ein Leuchtturm rationalen Denkens und logischer Argumentation, ein Kämpfer für die Meinungsfreiheit! Und das alles auf witzige Weise - vielen, vielen Dank, Herr Martenstein!

    28 Leserempfehlungen
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    "Ein Leuchtturm rationalen Denkens und logischer Argumentation, ein Kämpfer für die Meinungsfreiheit!"

    Oder aber ein Vorkämpfer der Verharmlosung rechtsnationaler Tendenzen im Gewand der Meinungsfreiheit. Die Demokratie geht nicht zuletzt an offen rechtsradikalen Gruppierungen zugrunde, sondern schon an der differenzlosen Hinnahme jedweder Meinung und Gesinnung unter dem Schutz der Meinungsfreiheit. Meinungsfreiheit ist nicht mit >jede Meinung hat gleiches Recht, gesagt zu werden, und jede Meinung ist moralisch gleich gut< zu verwechseln. Hier macht sich die Demokratie wehr- und zahnlos, wodurch die Rechten letztlich leichtes Spiel haben (das wussten diese übrigens schon zur Zeit der Weimarer Republik).

    Von "rationale[m] Denken[] und logischer Argumentation" kann ich an dem Text übrigens nicht viel erkennen. Eher unstringente, haltlose Pauschalisierungen, gewürzt mit einer >ich bin bewusst politisch unkorrekt<-Attitüde. Ein typischer Martenstein halt.

    Ps.: Liebe ZEIT, folgen Sie doch bitte dem >leuchtendem< Beispiel Martensteins, oder was der User Doublethink dafür hält, und beweisen Sie Toleranz und Meinungsfreiheit, indem Sie diesen Kommentar nicht sogleich löschen. Danke!

  3. Ihre wöchentlichen Kommentare sind (fast) jedesmal ein Genuss. Wie kaum ein anderer Kolumnist verstehen Sie es, in wenigen Zeilen die Verlogenheit unserer Mainstream-Medien auf eindrucksvolle Art und Weise deutlich zu machen. Dafür mein herzlicher Dank!

    Schade ist nur, dass Ihr Arbeitgeber, die ZEIT, ganz klar Teil dieser Verlogenheit ist und in weiten Bereichen von sog. Gutmenschen gesteuert und gestaltet wird. Aber ich denke, das wissen Sie. Ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, zur ZEIT eine kritische Distanz zu bewahren. Und solange Sie noch für die ZEIT schreiben "dürfen" und die Gutmenschen Ihre Kolumne ertragen, ist alles vielleicht auch nicht so schlimm.

    Herr Martenstein, weiter so!

    16 Leserempfehlungen
  4. Schön, diesmal nur positive Kommentare.
    Las' gerade zuvor was vom Martenstein über Toiletten, da wurde er von den Kommentatoren arg angepinkelt, obwohl er auch dort die gleiche Linie wie immer vertritt: ironisch auf den oftmaligen täglichen Wahn- oder Unsinn von Politik & Gesellschaft hinzuweisen.

    10 Leserempfehlungen
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    Denn: die Wiedergabe von Wahrheiten (unbestreitbaren, beweisbaren, offensichtlichen) ist keine Ironie*. Und der Herr Martenstein wird noch vor allen toten Päpsten zu Lebzeiten von mit höchst persönlich heilig gesprochen!

    * vgl.: http://de.wikipedia.org/w...

  5. "Offenbar soll man in der modernen Jugendmusik immer nur, Song für Song, das grüne Parteiprogramm vertonen."
    Dieser Satz trifft die gegenwärtige Meinungsgleichmacherei richtig gut, finde ich!
    Andersdenken? Oppositionelle Meinung? Da wird verbal/medial draufgeprügelt als ob es schon wieder soweit wäre.

    Danke für dieses Plädoyer gegen den gegenwärtigen Unsinn!

    20 Leserempfehlungen
  6. müsste ich eigentlich noch ein drittes Abo der Zeit bestellen :))

    3 Leserempfehlungen
    • Kometa
    • 21. März 2013 14:24 Uhr

    "Anruf", pardon: AnSchreiben bei Martenstein!

    Bei Zeit.online lese ich auch:

    "Ähnlich sieht das der Politikwissenschaftler Günther Pallaver von der Universität Innsbruck. "Frei.Wild besingen eine Blut-und-Boden-Ideologie und knüpfen genau dort an, wo man 1945 geglaubt hatte, einen Bruch vollzogen zu haben." Die Gruppe vertrete "typische Diskurse der Zwischenkriegszeit, die von den Deutschnationalen stammten".

    ... wäre doch einigen Nachenkens und -googelns wert gewesen, darauf zu anTorten -, pardon. antWorten?

    Ansonsten ist mit die Rapper-Sch... nicht des NachBuchStabierens wert.
    Oder bricht das weiche Wasser auch in deren GeFilden dein, pardon: den Stein?

    Eine Leserempfehlung
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    Wie bitte?

  7. 8. Pardon

    Wie bitte?

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "AnTort statt Antwort?"

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