MartensteinÜber eine umstrittene Band aus Südtirol und ehrenwerte Rapper

Harald Martenstein fragt sich, warum Frei.Wild vom Echo ausgeladen werden und Bushido schon so viele bekommen hat. Der sei doch noch viel schlimmer als Rainer Brüderle.

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Ich bin ein alter Rock'n'Roller, wisst ihr. Deshalb habe ich mitgekriegt, dass sie eine rechtsradikale Band, die für den Musikpreis Echo nominiert war, wegen Rechtsradikalismus wieder ausgeladen haben. Diese Band heißt Frei.Wild und kommt aus Südtirol. Daraufhin habe ich mir auf den wichtigsten Internetseiten mal die wichtigsten Textbelege für den Rechtsradikalismus dieser Band angeschaut. Auf ZEIT ONLINE hieß es, die Band singe den Satz »Südtirol, wir tragen deine Fahne« und verwende Wörter wie »Helden« und »Volk«. Da war ich perplex, weil David Bowie doch Heroes gesungen hat und John Lennon Power to the People. Meiner Ansicht nach ist Lennon nie ein echter Nazi gewesen. Bowie, gut, der hat in Deutschland gelebt, aber doch nicht aus Liebe zu Adolf Hitler. Auf stern.de stand das Frei.Wild-Zitat: »Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat. Ohne sie gehen wir unter.« Das könnte doch auch irgend so ein bedrohter Indianerstamm im Amazonasgebiet singen. Die Südtiroler sind ebenfalls eine Minderheit, die es nicht immer leicht gehabt hat. Zweiter Beweis für das Nazitum war der Satz: »Ich scheiße auf Gutmenschen und Moralapostel.« Sorry, für mich klingt das eher nach Heiner Lauterbach als nach Nazis. Nach Ansicht eines Extremismusexperten bedeuten diese Sätze aber eine »harte Absage an eine moderne Gesellschaft«. Das kapiere ich auch nicht. Wieso muss denn jeder für die moderne Gesellschaft sein? Ich schwöre bei der Fahne Südtirols, dass ich mich niemals piercen lasse, und ich trinke auch keinen Bubble-Tea, egal, wie modern es ist. Ein anderer Experte sagte auf ZEIT ONLINE, zu den Vorbildern der Naziband gehöre der Politiker Heinz Buschkowsky – der ist in der SPD! Wenn sogar die SPD schon faschistisch ist, Himmel, was bleibt dann noch übrig?

Offenbar soll man in der modernen Jugendmusik immer nur, Song für Song, das grüne Parteiprogramm vertonen. Ich habe mir natürlich nicht sämtliche Texte von Frei.Wild angeschaut, aber hey, die Ankläger werden doch hoffentlich in ihrer Anklage die härtesten Stellen bringen, oder? Was ich aber gemacht habe: Ich habe die Texte von früheren Echo-Gewinnern gelesen. Der Rapper Sido: »Ich hab keinen Bock auf Spasten.« Oder: »Michel Friedman – scheiße! Ich kann euch nicht leiden, nicht riechen. Ihr wart als Kinder schon scheiße.« Tut mir leid, da höre ich ein gewisses Ressentiment gegen Behinderte und Juden heraus. Aber der kriegt einen Kulturpreis.

Anzeige

Wobei man der Gerechtigkeit halber sagen muss, dass Bushido, Träger mehrerer Echos und eines Ehren-Bambis für Verdienste um die Integration, die härteren Texte hat. In der ersten Fassung dieser Kolumne hatte ich zwei Bushido-Zitate untergebracht. Nennt mich meinetwegen einen Nazi, aber im Vergleich zu dessen Texten finde ich die Zeile »Südtirol, wir tragen deine Fahne« eigentlich fast poetisch und old school. Daraufhin meldete sich die Redaktion. Die Bushido-Zitate stünden auf dem Index. Wenn ich das bringe, muss die ZEIT offenbar unterm Ladentisch verkauft werden.

Bushido sitzt in Talkshows, tritt mit Horst Seehofer auf, sein Leben wurde verfilmt. Kann das denn wirklich nur damit zusammenhängen, dass Bushido kein Südtiroler ist? Ich werde niemals kapieren, wieso Rainer Brüderle für den Satz »Sie können ein Dirndl ausfüllen« einen Shitstorm erntet, während Bushido mit tausendmal sexistischeren Sätzen einen Ehren-Bambi für Verdienste um die Integration bekommt. Die moderne Gesellschaft ist, bei aller Modernität, oft ein bisschen ungerecht. Darf man das so formulieren?

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Ach, fast hätte ichs vergessen: dass Martenstein das auch behauptet, macht es nicht wahrer, es macht nur Martensteins Kolumne noch schlechter als sie sowieso schon ist.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. ... erkennen Sie, dass ich sowohl den eigentlichen Artikel, als auch diverse Diskussionsbeiträge hier meinte (wer anders als deren Verfasser sollte sonst wohl mit "Apologeten" gemeint gewesen sein?).

    Woraus schließen Sie eigentlich, dass ich mich in einer "Opferrolle suhle"? Oder, dass ich mich ärgere, wenn ich nicht als Nazi tituliert werde?

    Ihr Beitrag ist ein sehr schönes Beispiel dafür, was ich meine. Hier wird Menschen Nazitum (oder zumindest eine Vorliebe für die "Nazi-Opfer-Rolle") unterstellt, sobald man ihnen argumentativ nicht mehr beikommen kann. Und genau hier sehe ich das Problem einer ganzen Gruppe von Menschen, die ich ganz gerne auch mal (bewusst pauschalierend) als "grüne Gutmenschen-Fraktion" abtue.

    Antwort auf "Antwort an meppener"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das ist ja schon geradezu klassisch, wie Sie mich bestätigen. Da schrieb ich explizit dass ich frei.wild oder auch Sie nicht = NICHT für Nazis halte. Was kommt von Ihnen :"

    "Hier wird Menschen Nazitum unterstellt."

    Sie scheinen mit Argumenten nicht weiter zu kommen, und unterstellen deshalb das glatte Gegenteil von dem, was wirklich gesagt wurde.

    Das ist ja schon geradezu klassisch, wie Sie mich bestätigen. Da schrieb ich explizit dass ich frei.wild oder auch Sie nicht = NICHT für Nazis halte. Was kommt von Ihnen :"

    "Hier wird Menschen Nazitum unterstellt."

    Sie scheinen mit Argumenten nicht weiter zu kommen, und unterstellen deshalb das glatte Gegenteil von dem, was wirklich gesagt wurde.

  3. Die Methode jemand zur Unperson zu machen, jener moralische Hochflug, hat auch etwas von der Haltung " An unserem Wesen soll die Welt genesen! an sich. Die Attitüde, im Triumphwagen der Guten zu sitzen, hat etwas Bigottes an sich.

    2 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "@DjangoPolitico"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    >richtigem Bewusstsein< habe ich je geschrieben. Sie haben mich da offenbar gründlich falsch verstanden.

    Das hätte Ihnen übrigens auch schon bei dem Wort >Mäeutik< in meinem Kommentar aufgehen können.....

    >richtigem Bewusstsein< habe ich je geschrieben. Sie haben mich da offenbar gründlich falsch verstanden.

    Das hätte Ihnen übrigens auch schon bei dem Wort >Mäeutik< in meinem Kommentar aufgehen können.....

  4. Es stimmt wohl dass Wahrnehmung und Verarbeitung der Geschichte auch damit zu tun hat auf welcher Seite man stand. In Südtirol wurden die Nazis bei ihrem Einmarsch 1943 mit stürmischem Jubel empfangen, Südtirol hatte unter dem italienischen Faschismus gelitten und den Einmarsch als Erlösung gefeirt und es begann vorallem für die "Dableiber" der Option(1939), jene die nicht fürs deutsche Reich optiert hatten, eine schwere Zeit. Natürlich sieht man sich lieber als Opfer, nicht nur in Südtirol sondern in ganz Italien.

  5. >richtigem Bewusstsein< habe ich je geschrieben. Sie haben mich da offenbar gründlich falsch verstanden.

  6. Das hätte Ihnen übrigens auch schon bei dem Wort >Mäeutik< in meinem Kommentar aufgehen können.....

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Habe deswegen mal in Wikipedia nachgelesen. Da steht, Möeutik sei ein auf Sokrates zurückgehendes "didaktisches Verfahren" um beim Schüler Einsicht zu "gebähren". Auf deutsch: sie betrachten sich als Lehrer, der Einsichten vermitteln will.

    Nun lassen sich viele aber nicht gerne belehren. Sie möchten diskutieren, Argumente austauschen, vielleicht auch überzeugen und überzeugen lassen - ganz im Sinne gelebter, diskursiver Demokratie!

    Aber mal zur Sache: habe mir mal ein paar Texte von Frei.Wid angesehen (http://www.songtextemania... - unten sind weitere Lieder verlinkt). Nun ja - wirkt auf mich etwas verschwurbelt-pubertär. Der eine oder andere Text "tümelt" auch wohl mal heimatlich-markig daher. Das würde ich als Grund für fehlende Preiswürdigkeit anerkennen. Aber rechtsradikal? Nazitum? Um das herauszulesen, muss man schon sehr rabulistisch interpretieren.

    Ich glaube, hier wurde tatsächlich mit der großen Keule ziemlich alarmistisch draufgeschlagen. Und das ist - mit Verlaub - pädagogisch nicht sinnvoll, sondern könnte die Fans nolens volens in eine Ecke drängen, in welche sie gar nicht gehören, und aus der heraus sie sich dann in Verteidigungsposition eine Sache zueigen machen, die gar nicht die ihre ist.

    Habe deswegen mal in Wikipedia nachgelesen. Da steht, Möeutik sei ein auf Sokrates zurückgehendes "didaktisches Verfahren" um beim Schüler Einsicht zu "gebähren". Auf deutsch: sie betrachten sich als Lehrer, der Einsichten vermitteln will.

    Nun lassen sich viele aber nicht gerne belehren. Sie möchten diskutieren, Argumente austauschen, vielleicht auch überzeugen und überzeugen lassen - ganz im Sinne gelebter, diskursiver Demokratie!

    Aber mal zur Sache: habe mir mal ein paar Texte von Frei.Wid angesehen (http://www.songtextemania... - unten sind weitere Lieder verlinkt). Nun ja - wirkt auf mich etwas verschwurbelt-pubertär. Der eine oder andere Text "tümelt" auch wohl mal heimatlich-markig daher. Das würde ich als Grund für fehlende Preiswürdigkeit anerkennen. Aber rechtsradikal? Nazitum? Um das herauszulesen, muss man schon sehr rabulistisch interpretieren.

    Ich glaube, hier wurde tatsächlich mit der großen Keule ziemlich alarmistisch draufgeschlagen. Und das ist - mit Verlaub - pädagogisch nicht sinnvoll, sondern könnte die Fans nolens volens in eine Ecke drängen, in welche sie gar nicht gehören, und aus der heraus sie sich dann in Verteidigungsposition eine Sache zueigen machen, die gar nicht die ihre ist.

  7. Da sie Tirol entstammen sage ich ihnen, als Sohn Berlins, das es hier nicht um Aufmerksamkeit geht, sondern um Verhältnismäßigkeit.
    Frei.Wild singt über Südtirol, ansich nichts schlimmes, machen die Kastelruter Spatzen, und der gesammte ARD Fernsehgarten ebenfalls.
    Bushido hingegen schmückt sich - nicht nur in seinen Texten - mit radikaler und extremer Schwulenfeindlichkeit "Zeig auf mich schwuchtel und ich zünd dich an!" oder Misogynie "sie wurde frech, da bekam sie ein paar, so läuft das ebend".

    Nun kann man drüber streiten was schlimmer ist, sein Land toll finden oder Homosexuelle in Brand zu stecken (Ich persönlich lehne eher den bestialischen Mord ab), hier geht es aber darum das Bushido dafür auch noch ein "Integrations-Bambi" bekommen hat.
    Das gibt die Message wieder: "Verprügelt Schwule und schlagt Frauen wenn sie frech werden nur dann ist man integriert"

    Zum anderen ist der Slogan "Süd-Tirol ist nicht Italien" nicht rechts.
    Es gibt auch "Katalonien ist nicht Spanien" und "Nordirland ist nicht Britannien" beides Sätze ziemlich linker Gruppen.

    Außerdem sollte man nicht vergessen das Südtiroler nicht nur faschistische Denkmäler dulden müssen, sondern von örtlichen Faschistenbanden auch noch quasi dazu genötigt werden italienisch zu sprechen.

    2 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn du dich mit Südtirol etwas mehr befasst hättest wüsstest du dass die Ausgangslage in Katalonien und im Baskenland eine völllig andere war und ist und deshalb mit Südtirol nur schlecht verglichen werden kann, In Südtirol gibt es links von der SVP (und über die Svp kann man viel sagen, aber nicht dass sie links ist) nur die Grünen (im deutschsprachigen Parteien Spektrum) und ich kann mich nicht erinnern dass die SVP oder die Grünen Schilder mit "Südtirol ist nicht Italien" entlang der österreich-italienischen Grenze positioniert haben.

    Wenn du dich mit Südtirol etwas mehr befasst hättest wüsstest du dass die Ausgangslage in Katalonien und im Baskenland eine völllig andere war und ist und deshalb mit Südtirol nur schlecht verglichen werden kann, In Südtirol gibt es links von der SVP (und über die Svp kann man viel sagen, aber nicht dass sie links ist) nur die Grünen (im deutschsprachigen Parteien Spektrum) und ich kann mich nicht erinnern dass die SVP oder die Grünen Schilder mit "Südtirol ist nicht Italien" entlang der österreich-italienischen Grenze positioniert haben.

  8. 80. jawoll

    dem schliesse ich mich gerne an. Ich lese Martenstein am liebsten von allen. Herr Martenstein bringt es so oft auf den Punkt, und ich muss ihm meistens uneingeschränkt zustimmen. Darüber hinaus, recht amüsant zu lesen. Meine Meinung: keiner schreibt so ehrlich, unopportunistisch, mutig und spannend wie Martenstein.
    Deshalb @ Herr Martenstein: weiter so, Sie haben viele Fans, und ich bin nur einer davon.

    Eine Leser-Empfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service