Umbau Ost: Den Ruinen verfallen
Schön, dass der Osten so herrlich saniert wurde. Einige Orte sollten aber ihren maroden Charme behalten.
Erstaunlich hoch hinaus wollte die Deutsche Demokratische Republik in Pirna. Dort, im VEB Strömungsmaschinen, plante der Arbeiter-und-Bauern-Staat die Produktion eines Passagierdüsenflugzeugs, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte. Der Jet sollte ein Zeichen setzen im erbitterten Wettbewerb mit dem Westen. Die SED nahm seine Entwicklung ernst – so ernst, dass sie dem volkseigenen Betrieb ein Werksgelände spendierte, das zu den interessantesten Bauten der frühen DDR-Zeit zählt.
Das Düsenflieger-Projekt erwies sich zwar als Luftnummer. Das einstige Speisehaus, die Edelkantine des Werks, steht jedoch noch immer, einsam und verlassen; einer sozialistischen Kathedrale gleich, mit ihren riesigen, meterhohen Fenstern; mit ihren geschwungenen Treppen. Verfallende Herrlichkeit, morbide Pracht. Ein ästhetischer Genuss.
Mehr als ein Dutzend solcher verlassener Bauten sind nunmehr in dem Bildband Geisterstätten zu sehen. Das Buch versammelt Fotos imposanter Orte im Dresdner Raum. Es sind Anblicke, die allmählich verschwinden: Denn schon jetzt, zum Erscheinungstermin, sind drei der 14 gezeigten Gebäude gar keine verlassenen Orte mehr. Sondern sie werden saniert; umgebaut zu exklusiven Wohnanlagen. Auch in Pirna am VEB Strömungsmaschinen werden nun die Bagger rollen.
Waren es bislang Krisen, die solche Gebäude verfallen ließen, ist es jetzt paradoxerweise eine Krise, die den Verfall beendet: die Krise des Euro. Und die damit zusammenhängende Flucht in die Immobilie. Wer Geld hat, investiert es.
Überhaupt wird ja seit zwei Jahrzehnten im Osten heftig saniert: ein Grund zur Freude! Die Innenstädte der einstigen DDR, zerstört nach verzehrenden Jahrzehnten, wurden mit Milliarden und Abermilliarden von D-Mark und Euro in Prunkstücke verwandelt. Prächtig sieht inzwischen aus, was am Ende der DDR nur grau war. Es gibt kaum mehr Schandflecke in Pirna, in Görlitz, Leipzig oder Berlin – und das ist gut. Aber jetzt, da die Schandflecke so selten geworden sind, gewinnen sie an Wert: Sollte man sie deshalb nicht retten? Sie als Leerstellen erhalten, als Risse, als Wunden?
Die Autorin ist Kunsthistorikerin und Mitherausgeberin von Geisterstätten.
Es geht um jene Authentizität und steingewordene Poesie, wie sie sich nur im Osten erhalten hat und wie gerade Kinomacher sie lieben: Deutschlands Osten wird für Hollywood immer mehr zur traumhaften Kulisse. Anfang dieses Jahres begannen in Görlitz die Dreharbeiten für Wes Andersons Film The Grand Budapest Hotel. Auch andere Blockbuster wie Der Vorleser oder Inglourious Basterds entstanden schon an der Neiße: in einer Stadt, die nach Vergangenheit aussieht, nach gestern; in einer Fertigkeit, die es nur heute und nur selten gibt.
Dem Morbiden seiner alten Bausubstanz verdankt auch eine Stadt wie Leipzig viel von ihrem neuen Ruf als "The next Berlin". Als Hort unbändiger Kreativität – weil all die jungen Menschen Raum für ihre Kunst in leeren Hallen und Straßenzügen finden. In Dresden gibt es die Ostrale, eine der wichtigsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst, nur deshalb, weil noch Platz ist: in den Futterställen des einstigen Schlachthofgeländes an der Dresdner Messe. Den vorgeblich historischen, barocken Fassaden am Dresdner Neumarkt sieht man ihre Jugend an. Ausgerechnet dort, wo die Bauten alt sind und verfallen, ist Platz für die Kreativen.







Ein schöner Beitrag über ein Lebensgefühl ... über eine ästhetische Wahrnehmung in den o. g. Orten Sachsens, wo ich seit fast 20 Jahren lebe. Ich bin nicht architektonisch-künstlerisch angehaucht - bin mir jedoch sicher, dass der in diesem redaktionellen Beitrag beworbene Bildband mir sehr gefallen würde.
Aber:
Erstens - Wenn ich der (Mit)Herausgeberin eines käuflichen Buches hier in der ZEIT einen Raum gebe, um ein eigenens Produkt zu vermarkten, dann sollte ich darüber den Begriff der "Anzeige" deutlich positionieren. Alles andere empfinde ich als unredlich und journalistisch extrem fragwürdig.
Zweitens - Ich lebe seit fast 20 Jahren in Sachsen (mit Unterbrechungen). Ich kann den Immobilienmarkt und den Umgang mit historischen Gebäuden natürlich rein ästhetisierend beschreiben ... ich kann aber auch - erfahrungsbedingt - feststellen, dass hier im großen Stil mit alten Immobilien Schindluder betrieben worden ist, ... dass - mrd-schwer - Fördermittel mit hoher krimineller Energie vergeudet worden sind, und dass - mit Ausnahme von Berlin - nirgendwo so viel kriminelle Energie zum Einsatz gekommen ist, wie bei der Rettung historischer Bausubtanz im Freistaat Sachsen.
Gäbe es in Dresden beispielsweise nicht Bereiche wie die DD-Neustadt, müsste man festhalten, dass mit Mrd-schwerer steuerlicher Förderung in DD ein Puppenstube für Touristen jenseits des Rentenalters entstanden ist.
Schön für steuerabschreibende Investoren - problematisch für städtisches Leben.
Ingenlath
Der sog. deutsche Journalismus macht einen Fehler, je mehr die deutschen Journalisten über Dinge schreiben über die sie nicht Bescheid wissen, desto schlimmer die Fantasie-Berichte. Es wird ein Fehler gemacht, je mehr man auf Seelen reinhaut, desto schöner und verklärter wird die Vergangenheit. Ich bin Ossi und habe die Wende aktiv mit gestaltet, anders als so mancher deutscher Politiker, die oft Trittbrettfahrer sind. Ihr deutschen Journalisten raubt mit solchen Artikeln oft Biographien. Ein solches Verhalten erlebte ich in der Ehemaligen. Es stand ein Marx-Jubiläum an und wir hörten nur noch über den Trierer. Es stank uns so an, dass viele DDR-ler den Namen Marx nicht mehr hören konnten Ähnliches geschieht hier mit solchen Artikeln, nur umgedreht. Solche Artikel schmieden mehr zusammen als man sich vor stellen kann. So bleibt die Deutsche Demokratische Republik am Leben, Danke dafür. Im Übrigen, ich lebe seit 1991 im guten Westen im Bayernland, ich wurde geholt weil ich fachlich gut war. .
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