Was um Himmels willen tut er als Nächstes? Das fragen sie in Rom jetzt jeden Tag. Denn er weicht ja nicht nur in der Heiligen Messe vom Protokoll ab, wenn er sich mit dem Rücken zum Altar stellt. Er durchbricht nicht nur die Absperrungen zum Kirchenvolk. Er brüskiert nicht nur den rüschenverliebten Zeremoniar Guido Marini und die Kostümfraktion des Vatikans mit Sätzen wie: "Der Karneval ist vorbei." Papst Franziskus ignoriert auch den Zeitplan, wenn das Verabschieden der Gottesdienstbesucher an der Kirchentür länger dauert. Franziskus schüttelt alle Hände, und erst wenn das letzte Kleinkind gesegnet ist, bricht er zum Angelus-Gebet auf. Es beginnt dann eben nicht Punkt zwölf, sondern später.

Das ist für die römische Betonfraktion das Schlimmste und für alle anderen das Schönste: dass der Neue ein friedlicher Revolutionär und seine Waffe die Unberechenbarkeit ist. So beginnt die generalstabsmäßig geplante Amtseinführung fast eine Stunde früher, weil der Papst im offenen Wagen über den Petersplatz fahren will, was die Sicherheitsleute auf Trab bringt. Auch andere päpstliche Truppenteile haben Stress. Bei Radio Vatikan bekommen sie keine vorgefertigten Reden mehr. Sie hören die nächste Predigt genauso live wie die anderen Journalisten. Sie verstehen manchmal sein Italienisch nicht hundertprozentig und müssen doch die richtigen Kommentare abgeben. Denn ihr Chef tritt nicht länger als Beamter Gottes auf, nicht als ängstlicher Besitzstandswahrer, sondern, nun ja, als freier Mensch.

Wie viel mehr Freiheit den Katholiken durch Franziskus tatsächlich zuwächst, kann nach einer Woche Pontifikat noch niemand sagen. Aber so viel steht fest: "Der Papst liebt eine gewisse Spontaneität." Diese Warnung hat Vatikansprecher Federico Lombardi am Abend vor der Amtseinführung herausgegeben. Ja, dieser Papst überbietet sich ständig selbst. Haben eben noch alle gelacht, dass Bergoglio am Tag nach der Papstwahl sein Pensionszimmer im Casa del Clero selber bezahlte, staunen sie nun, dass er das höchste Amt in der Kurie, den Posten des Kardinalstaatssekretärs, mit drei Personen besetzen will. Statt klerikaler Macht innerbetriebliche Demokratie.

Woran erkennt man eine friedliche Revolution? An der guten Laune der Beteiligten. Sie kommt von der Hoffnung, dass jetzt das Richtige geschieht. So kann es in den Tagen der Revolution geschehen, dass man auf einen bestens gelaunten Kardinal Timothy Dolan trifft, der als Beinahe-Papst der US-Amerikaner eigentlich enttäuscht sein müsste. Stattdessen strahlt er, während er die Hoteltreppe der Residenza Paolo Sesto hinuntereilt. Dolan, ein leutseliger Riese im schwarzen Habit, schüttelt der Reporterin die Hand, fragt nach dem Woher. Ach so, aus Deutschland? "Gemütlich!", ruft er entzückt auf Deutsch. Mit der Gemütlichkeit sei es in Rom ja nun endlich vorbei!

Tag 1: Mittwoch. Die Papstwahl

Noch hat die Revolution nicht begonnen. Der Rauch aus der Sixtina war schwarz, aber während drinnen gewählt wurde, konnte man draußen das Neue schon ahnen. Die Kardinäle hatten im Prä-Konklave gefordert, die Kurie müsse sich reformieren, nur so werde die Kirche wieder glaubwürdig. Für Thomas Frauenlob von der Bildungskongregation, von dessen Bürofenster aus man die Heiligenstatuen des Petersplatzes sieht, ist die saubere marmorne Fassade des Domes ein Bild, dem der Vatikan endlich entsprechen müsse: Schluss mit Gekungel, Illoyalität und Pfauentum! Die (italienische) Berauschtheit ob der eigenen Wichtigkeit müsse ein Ende haben. Die tiefere Ursache der Misere sei nach seinem Dafürhalten ein eklatanter Mangel an Demut – im wahrsten Sinne des Wortes: an Mut zum Dienen. Es fehle allzu oft an Hingabe und Verantwortungsgefühl. Frauenlob kann in diesem Moment noch nicht wissen, dass der kommende Papst Jesuit sein wird. Aber er findet, die Spitze der Kirche müsse dem jesuitischen Paradox des Ordensgründers Ignatius von Loyola folgen: "Handle so, als hinge alles von dir ab, aber vertraue darauf, dass alles von Gott abhängt."

Viele brave Kurienbeamte freuen sich über die Wahl des eigensinnigen Bergoglio. In den ersten Tagen danach erzählen sie sich seine Regelbrüche wie Etappensiege: Der Papst ist direkt nach der Wahl nicht in die Limousine gestiegen, sondern in den Bus der Kardinäle: Habemus patribus! Der Papst ist inkognito durch die Stadt gelaufen! Der Papst hat selbst zum Telefonhörer gegriffen, um den Generaloberen der Jesuiten anzurufen, woraufhin der Pförtner, der das Telefonat entgegennahm, fast in Ohnmacht fiel.

Frauenlob wird nach der Wahl schmunzelnd sagen, alle Kurienmitarbeiter müssten jetzt ihr Haus in Ordnung bringen: "Denn jederzeit kann der Papst an die Tür klopfen. Davor ist keiner mehr gefeit."

Tag 2: Donnerstag. Kardinalsmesse

Normalerweise hat ein Papst natürlich Wichtigeres zu tun als Administration. Sanctus ut oret, doctus ut doceat, prudens ut gubernet – der Heilige Vater muss ein Heiliger sein, damit er bete; ein Gelehrter, damit er lehre; ein Regent, damit er regiere. Auf seiner Prioritätenliste stehen Glaubensverkündigung, Sakramentenspendung, Leitung der Weltgemeinde, Gesetzgebung. Und erst dann etwas so Profanes wie innervatikanische Politik. Aber jetzt sei Verwalten vordringlich, sagen sie in der Bar La Vittoria, wo der vatikanische Feierabend stattfindet. Benedikt XVI. habe Aufklärung gewollt, aber sei zu freundlich gewesen. "Jetzt muss einer sagen: Mit mir macht ihr das nicht!" Ein Geschäftsmann, der seit Jahrzehnten mit dem Vatikan zusammenarbeitet, ist über die Entscheidung für Bergoglio schier aus dem Häuschen. Dass er das schlichte Kreuz behalten und die Mozetta abgelehnt habe! Welch ein Mut! Und dass er auf der Benediktionsloggia mit den Gläubigen betete, was noch keiner seiner Vorgänger getan habe! Dazu der Satz: Erst segnet ihr mich, und dann segne ich euch! Der Geschäftsmann ist sicher: "Francesco wird die Fenster des Vatikans aufreißen und den Mief rauslassen." Der päpstliche Hofstaat werde den Papst nicht länger benutzen, um die eigene Macht zu demonstrieren.

Tag 3: Freitag. Wer hat ihn gewählt?

Die Spekulationen über den Verlauf des Konklaves sind dank Bergoglio diesmal so langweilig wie selten. Selbst den tratschsüchtigen römischen Zeitungen fällt dazu wenig ein. Gerüchte machen die Runde, dass die aussichtsreichen italienischen Kardinäle Sodano und Scola sich gegenseitig neutralisierten, dass Kardinal Scherer aus Brasilien keine Chance hatte und dass die Nordamerikaner Dolan, O’Malley und Ouellet an den Afrikanern abprallten. Tatsache aber ist, dass sich bei dieser Wahl die Reformfraktion durchgesetzt hat. Als einer ihrer Wortführer gilt der 80-jährige emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper. Die katholischen Reformtheologen in Deutschland sehen ihn als Königsmacher. Er selber winkt bescheiden ab. Nein, nein!

Aber seine Freude über das Ergebnis will er nicht verhehlen. Als er am Freitagnachmittag schwungvoll die Tür seiner Wohnung öffnet, da sieht er so erleichtert aus, dass man ihm gleich gratulieren möchte. Kasper hatte während des Konklaves in dem Haus Santa Marta im Zimmer schräg gegenüber von Bergoglio gewohnt. Am ersten Abend hat er dem Kardinalskollegen sein neues Buch über Barmherzigkeit überreicht. Kasper sagt: "Diese Wahl ist eine große Hoffnung auf Erneuerung der Kirche. Der Name Franziskus ist ein ganzes Programm. Franziskus hat als junger Mann die Stimme gehört: Baue meine Kirche wieder auf! – Dann leitete er eine grundlegende Reform ein." Kasper, der wie fast immer zivil gekleidet ist (statt Prälatentracht schwarze Hose und schwarzes Hemd), sitzt in seinem offenen Wohnzimmer, um sich herum die Bibliothek mit den zeitgenössischen Philosophen. Er erklärt, für welche Kirche der neue Papst stehe: eine Kirche, die sich auf ihren Ursprung im Evangelium besinnt, die demütig auftritt, allen Pomp ablegt und für die Armen eintritt. Dabei solle man die Entschiedenheit des neuen Papstes nicht unterschätzen, gegen Korruption in der Kurie vorzugehen und das Höfische zurückzudrängen. "Das haben fast alle Kardinäle nachdrücklich gewünscht." Und er selbst? "Ich habe mir keinen anderen als Papst vorgestellt als denjenigen, der es dann im fünften Wahlgang geworden ist. Ich bin sehr glücklich über diese Wahl. Sie bedeutet einen Neuanfang, nicht in der Lehre, wohl aber in einem Stil, der den ursprünglichen Inhalt unverstellt zum Leuchten bringt."

Tag 4: Samstag. Audienz für die Journalisten

Es hätte aber auch anders kommen können. Denn es gibt auch noch eine andere Art von Kirche, als Bergoglio und Kasper sie verkörpern. Krakaus Kardinal Dziwidz zum Beispiel. Wenn man aus dem Zentrum der Stadt hinausfährt zum Polnischen Haus, dann tritt man in die schattige Vergangenheit der Revolution. Dziwidz stand als enger Vertrauter Johannes Pauls II. auch einmal für das Neue. Er findet, jetzt komme mit Bergoglio ein neuer Frühling, der die Skandale der Kirche vergessen machen könne. Aber seine eigene Art zu sprechen, auf die Besucher zuzugehen, ist noch alte Schule. Man spürt die große Distanz zwischen Kirchenführung und Welt.

Papa Francesco dagegen macht die Leute glauben, dass es diese Distanz nie gab. Er spricht mit ihnen direkt, herzlich, wie unter Gleichen. Wenn man im Theater die Hauptrolle in Friedrich Dürrenmatts Komödie Romulus der Große besetzen müsste, würde man einen Typen wie ihn nehmen: der Kaiser, der sich weigert zu herrschen. Der Antiheld, der sein zerfallendes Reich nicht durch Machthaberei retten will, sondern durch Menschenfreundlichkeit und Humor. Bergoglios Satz, mit dem er die Leute auf dem Petersplatz verabschiedete, ist in Rom bereits zum geflügelten Wort geworden, das alle scherzhaft benutzen: "Und wie der Papst sagt – Gute Nacht!"

Gute Nacht heißt zugleich Guten Morgen, Grüß Gott und Willkommen in der Zukunft. Man muss kein Katholik sein, um das Historische des Augenblicks zu empfinden. Es reicht die Teilnahme an der Presseaudienz am Samstagvormittag. "Liebe Freunde!", sagt der neue Papst zur Begrüßung. Wie bitte? Bei Benedikt waren die Journalisten neulich noch die "Pumpe des Teufels". Jetzt werden sie gelobt, dass sie den Menschen helfen, "die Kirche zu verstehen". Bergoglio erklärt ihnen freundlich, dass das Wesen der Kirche aber nicht politischer, sondern geistlicher Natur sei. "Hier steht nicht der Papst im Mittelpunkt, sondern Christus." Es ist eine schöne Rede, die er mit seinem Segen beschließt. Nicht pompös katholisch, sondern dezent, sodass sich außer den Katholiken auch die anwesenden Protestanten, Juden, Atheisten, Muslime angesprochen fühlen können. Der Papst versucht, respektvoll in die moderne, plurale Welt hinein zu sprechen. Selbstbewusst, aber nicht selbstherrlich. Alle sind gerührt. Applaus, Bravo und Tränen.

Tag 5: Sonntag. Messe in St. Anna. Angelus

Man könnte lange in Rom bleiben und täglich darauf warten, was dieser argentinische Abweichler, dieser Gorbatschow der Kirche heute wieder anstellen wird. Am Sonntag zelebriert er die erste öffentliche Messe in der kleinen Kirche St. Anna, am Eingang des Vatikans. Auch so eine Demutsgeste. Zweihundert Gläubige finden hier Platz – wie soll das gehen? Ganz einfach. Es dürfen nur jene Gemeindemitglieder hinein, die auch sonst hier die Heilige Messe besuchen. Eine salomonische Lösung, eine basisdemokratische Idee.

Ist Papst Franziskus vielleicht doch ein gewiefter Populist vor dem Herrn? Sagen wir so: Seine Gesten mögen bewusst gesetzt sein, aber sie sind nicht berechnend. Seine Güte wirkt nicht inszeniert. Beim ersten Angelus erzählt er, wie ein altes Mütterchen, das zu ihm zur Beichte kam, auf die Frage, was sie denn zu beichten habe, geantwortet habe: Wir sind alle Sünder, aber Gott verzeiht immer. Woher sie das denn wisse, habe er zurückgefragt, sie habe doch schließlich nicht an der Gregoriana studiert? Die Antwort der Frau: Sonst würde die Welt nicht mehr existieren. Mit anderen Worten: Die Wahrheit des Glaubens erweist sich nicht an jesuitischen Universitäten, nicht in theologischen Disputen, sondern im Glauben selbst. Mit dieser Anekdote setzt Franziskus eine kleine Spitze gegen jene Jesuiten, die sticheln, der Jesuitenorden sei zwar intellektuell, aber der neue Papst sei es nicht unbedingt.

Bücher jedenfalls liest er. Während des Konklaves hat er tatsächlich das Buch von Kardinal Kasper durchgeackert. Nun zitiert er ihn, am Fenster des Apostolischen Palastes stehend, vor Tausenden Menschen: "Barmherzigkeit kann die Welt verändern." Er wolle hier keine Werbung machen, aber das sei ein ganz hervorragendes Buch. Am Ende der Rede folgt ein schlichtes "Buongiorno. Und guten Appetit!".

Tag 6: Montag: Staatsbesuch aus Argentinien

Es macht wirklich Spaß, den Papst zu begleiten! Das sagen sie auf CNN und zeigen ein Handyfoto, das einer der Kardinäle nach der Wahl im Bus gemacht hat. Ein lachender Papst, lachende Kardinäle. Ob das so bleibt? Wiens Kardinal Christoph Schönborn, der immer noch im Haus Santa Marta wohnt, zusammen mit fünfzehn verbliebenen Kardinälen und eben dem Papst, erzählt, wie sie beim Frühstück zusammensitzen und Franziskus durch seine Direktheit alles einfach mache. Wir treffen Schönborn, der selber ein aussichtsreicher Papstkandidat gewesen ist, am Tag des argentinischen Staatsbesuches in einem alten Kloster der Benediktinerinnen. Ein schlichter Raum, es ist kalt, etwas feucht. Schönborn rühmt die Klarheit des Papstes, der jeden Tag um halb fünf aufstehe und zwei Stunden in Kontemplation verbringe. Das sei seine Kraftquelle. Schönborn erzählt auch, wie Sicherheitsleute tags zuvor darauf drängten, dass der Papst ein Gespräch mit zwei Kardinälen unterbräche und allein in einen Aufzug stiege. Der aber sagte: "Ich habe doch keine Lepra." Und dann nahm er die beiden Brüder selbstverständlich im Aufzug mit.

Tag 7: Dienstag. Amtseinführung

Und jetzt? Am Tag der Amtseinführung macht Papa Francesco in einer Predigt über die Güte und Zärtlichkeit Jesu Christi klar, dass er sein Papstsein neu definiert. Dass er nicht meilenweit weg von den Menschen sein will, um Gott nah zu sein. Wieder sind alle begeistert. Nur beim Händeschütteln zeigt sich, dass Predigen leichter ist als Politik. Denn da steht plötzlich der Diktator Robert Mugabe aus Simbabwe, der wegen Menschenrechtsverletzungen von den Treffen der Vereinten Nationen ausgeschlossen ist. Auch ein neuer Papst macht also nicht plötzlich alles richtig. Und ob er das Amt im Kern revolutionieren kann? Auch Franziskus ist ein absoluter Wahlmonarch, egal wie schlicht er sich kleidet. Amt ist Amt. Doktrin ist Doktrin. Bisher hat er nicht angedeutet, dass er die ändern will. Aber wer weiß: Vielleicht bleibt der neue Mann in Rom ja unberechenbar.