SchachMagnus Carlsen greift an

In London kämpfen acht Schachspieler um das Recht, den Weltmeister herauszufordern. von 

Wir sind direkt an der Themse, neben der Waterloo Bridge, im IET, dem Palast der britischen Ingenieure, dessen Räume nach Tüftlern und Entdeckern heißen, Kelvin, Maxwell, Faraday. 25 Pfund Eintritt zahlen, an der Sicherheitskontrolle die Arme heben ("Kein Handy in den Saal!") und sich vortasten ins Dunkel. Bis zu 300 Zuschauer sitzen bequem im schattigen Halbkreis über der Bühne, auf der vier kunstvoll arrangierte, blendfrei ausgeleuchtete Tische stehen. Dies ist die Arena. Hier wird gekämpft. Täglich eine Runde, immer nachmittags, Stunde um Stunde in den Abend hinein, jeder gegen jeden zwei Partien, 14 Runden insgesamt bis Anfang April, und dann erst wird man wissen, welcher der acht Kandidaten unter Aufbietung aller Schläue, Konzentration und Standfestigkeit das Recht erringt, den Schachweltmeister zu dem seit 1886 etablierten Zweikampf herauszufordern.

Im Saal kein Wort, kein Flüstern. Gelegentlich ertönt der metallische Klang einer Thermoskanne vom Buffet, wenn ein Spieler sich Tee holt. Leise gluckerndes Einschenken.

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Es sind da aber immer Blitzlichter, wenn Großmeister Magnus Carlsen den Ingenieurspalast betritt, und diese Blitzlichter umflattern ihn, wo er geht und steht. Carlsen, 22, aus Norwegen, der einzige Westler im Feld, erregt das größte Aufsehen. Würden seine Erfolgsaussichten in Lux gemessen, sähe es für die anderen sieben ziemlich duster aus.

DIE ZEIT 13/2013
Dieser Artikel stammt aus der aktuellen ZEIT, die am Kiosk erhältlich ist.

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Seit dem Januar 2010 führt er die Weltrangliste an, inzwischen mit Abstand. Unter den Besten ist er der Jüngste und Stärkste. Anders als die anderen gibt er nicht so viel auf die computergestützte Eröffnungsvorbereitung, bei der es darum geht, sein Gegenüber zu Beginn der Partie in vorbereitete Varianten zu locken und dann auszutricksen. Stattdessen spielt er. Mag bei seinen Eröffnungen nicht viel herauskommen, es gibt ja selbst in ausgeglichenen Positionen noch Möglichkeiten. Vielen seiner Gegner unterlaufen winzige Ungenauigkeiten, die er gnadenlos bestraft.

So ist das frühere Wunderkind zu einem erfahrenen Kämpfer gereift. Magnus Carlsen wirkt selbstbewusst, ohne arrogant zu erscheinen, ist nach der Mode gekleidet, stimulierte eine Weile lang sogar als schwarz-weiß dreinschauender Plakatheld der Marke G-Star die Kauflust deutscher Teenager. Schon soll er – meldete der Guardian vergangene Woche – eine Million Euro im Jahr verdienen mit Gutschachspielen und Coolaussehen.

Aber damit ist er immer noch nicht Herausforderer. Und Carlsen will Weltmeister werden, wie alle anderen hier, nur dass er sich ob seiner Jugend noch etwas Zeit damit lassen könnte. Bei den Älteren tickt die Uhr. Zudem war noch kein Kandidatenturnier so stark besetzt wie dieses. Der von seiner Wertungszahl her schlechteste Spieler im Feld, der 44 Jahre alte Boris Gelfand aus Israel, war der letzte Herausforderer des Weltmeisters, dem er im vorigen Mai nur knapp unterlag (ZEIT Nr. 21 bis 24/12).

Auch andere wissen sich zu inszenieren. Da ist zuvörderst der stets gut gelaunte Levon Aronian, dessen Freundlichkeit am Brettrand endet. Der 30-Jährige ist ein brandgefährlicher Taktiker, wie der solide Gelfand in der zweiten Runde erfahren musste. Ein verblüffendes Läuferopfer legte die Schwächen der Stellung offen. Gelfand knetete seinen Kopf mit den Händen noch heftiger als üblich, konnte die Niederlage aber nicht mehr abwenden.

Das Geld für das Turnier kommt aus Aserbaidschan

Aronian gewann die erste Partie im Turnier überhaupt, ein Fanal – der Jubel im schachverrückten Armenien muss riesig gewesen sein. Um der Begeisterung seiner Landsleute zu entgehen, lebt er seit Jahren in Deutschland. In seiner Heimat bekomme er jeden Abend Besuch, erzählt er. Besser werden könne man als Spitzenspieler aber nur in der Abgeschiedenheit, die er an Berlin so schätze! Die Jazzszene dort mag natürlich auch ein Argument sein. "Jazz inspiriert mich sehr", sagt er. So sei er gerade extra nach Hamburg gefahren, um den amerikanischen Saxofonisten Ned Rothenberg zu hören, einen guten Freund von ihm.

Leserkommentare
    • Berski
    • 21. März 2013 11:18 Uhr

    Das Geld kommt aus "Aserbaidschan"? Dubiose Finanzierungen scheinen bei Schachturnieren üblich zu sein.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Thema des Artikels. Danke, die Redaktion/se

    Eine Leserempfehlung
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    Zumindest in Sachen Finanzierung kann das Schach dem Fußball das Wasser reichen.

    Meinen Sie das Weltmeisterschaftsturnier 1972 Fischer - Spasski in Rejkjavik?

    Als ein James Slater das Preisgeld um 50.000 Pfund erhöhte, damit endlich das Turnier anfangen konnte

  1. Zumindest in Sachen Finanzierung kann das Schach dem Fußball das Wasser reichen.

    2 Leserempfehlungen
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    Redaktion
    • stock
    • 21. März 2013 13:37 Uhr

    Werter caissa66,

    wahrscheinlich meinen Sie das nicht ganz ernst. Die Finanzierungsfrage im Schach ist leider ungelöst. Bis heute ist nicht klar, wo der WM-Kampf im November 2013 stattfinden soll. Weil man noch keinen hat, der zahlt.

    Wenn all die Vielen, die im Netz die Partien verfolgen, ein paar Cent gäben, wäre das kein Problem. Erinnert an das Feld der Musik. Schachübertragungen sollten vielleicht bei iTunes angeboten werden.

    Beste Grüße,
    Ihr Schachreporter

  2. Spätestens seit gestern (5. Runde) ist auch jedem Schachpatzer klar, sein geliebtes Klötzchenschieben ist auf diesem Niveau ein knüppelharter Kampfsport, der auch seine Besten auslaugen wird - obwohl, besser: gerade weil es 4 Remispartien gegeben hat. Inzwischen sind ja auch alle im Turnier angekommen; nur die Punktestände differieren ein bißchen (+ 2 bis -2). Und - greift Popstar Wicki an?! Eigentlich nicht - er wartet wie beim Cricket auf die Unachtsamkeiten der Kombattanten. 1. Prognose: Von Carlsen die seit längerem erhoffte "Reform" des Schachs zu erwarten, ist unrealistisch; er spielt eher altväterlich wie Emanuel Lasker. 2. Prognose: Gute Stellungen zu bekommen, reicht nicht - dann müßten Kramnik oder Swidler vorn liegen. Schlechtere Stellungen nicht zu verlieren, das machen einem Carlsen und Aronian vor. 3. Es werden Kleinigkeiten das Turnier entscheiden - und charakterliche Vorzüge wie z.B. Frechheit (eigentlich hätte Carlsen gg. Ivanchuk ins Gras beißen müssen; stattdessen lehnt er ein Remisangebot ab). Oder wie Abwesenheit von Hybris und übersteigertem Nationalstolz (deshalb wird Radjabov nicht gewinnen). Oder die Fähigkeit zum Last Punch (haben eigentlich alle - aber finden sie ihn, wenn er da ist?). Oder ein sehr gutes Zeitmanagement (damit fallen Ivanchuk, Gelfand, Grischuk, Radjabov schon mal aus). Oder die reine Physis ("Hering" Aronian?). Ich persönlich wünsche Peter Swidler den Sieg - er ist der ehrlichste und liebenswürdigste unter allen.

    4 Leserempfehlungen
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    ich bin mir nicht sicher, worauf Sie genau hinauswollen oder ob ich die Ironietags übersehen habe, vorallem wegen "Feld der Musik"...werden die Züge raubkopiert oder wie, na das macht ja Sinn, ich muss mir einfach nur merken wie die Züge der Herren da ausschauen und schon gewinne ich überall? ignoriere die riesigen Zustandsraum...
    und was sollte iTunes an der Finanzierung von diesem Event ändern? evtl dass da 20-30% (wieviel warns genau) gleichmal an Apple geht? ...wohl wie die Musikindustrie mal wieder zu wenig nachgedacht? nur so nebenbei...
    aber vielleicht liegt das ja auch einfach daran, dass Schach zwar ein fazinierender Sport ist, aber eben einfach zu langweilig, da gibt es zu wenig events pro minute, wenn sie verstehen was ich meine...
    soll ich den spieler anstarren wir er das spielbrett anstarrt? Informationen daraus kann man ja keine gewinnen welche Züge er gerade durchkaut...
    es ist beim Schach meiner Einschätzung nach interessanter selber zu überlegen welchen Zug ich machen würde, da aber viel Zeit vergeht bis da wieder etwas passiert, verliert man eben schnell das Interesse, da der eigene Zug vermutlich viel schneller (aber undurchdachter) festgelegt ist als von den Profis mit viel Bedenkzeit...
    und wenn ich auf lange auf (unnütze) Entscheidungen warten will, dann gibts immer noch DSDS und son Schmarrn...
    wenn dann spiel ich das schachspiel im nachhinein schnell durch

    lg

  3. Redaktion
    • stock
    • 21. März 2013 13:37 Uhr

    Werter caissa66,

    wahrscheinlich meinen Sie das nicht ganz ernst. Die Finanzierungsfrage im Schach ist leider ungelöst. Bis heute ist nicht klar, wo der WM-Kampf im November 2013 stattfinden soll. Weil man noch keinen hat, der zahlt.

    Wenn all die Vielen, die im Netz die Partien verfolgen, ein paar Cent gäben, wäre das kein Problem. Erinnert an das Feld der Musik. Schachübertragungen sollten vielleicht bei iTunes angeboten werden.

    Beste Grüße,
    Ihr Schachreporter

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Wie beim Fußball ..."
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    • rgorn
    • 22. März 2013 21:00 Uhr

    Bitte lieber nicht.

    Gewinnen wird Aronian oder Carlsen -- Kramnik kann nicht mehr aufholen.

    Und in beiden Faellen gibt es offensichtlich gute Optionen fuer das eigentliche WM-Match am Jahresende.

    Mit Carlsen kann man _alles_ verkaufen -- und Aronian ist ein Nationalheld.

    (Anand ist auch ein Nationalheld.)

    Wer hier meint, irgendwelche bloeden Apple-Ideen aufgreifen zu muessen, der spielt noch schlechter Schach als ich. :)

  4. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/kvk

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    Der Kommentar auf den Sie sich kritisch beziehen wurde inzwischen entfernt. Die Redaktion/kvk

  5. Der Kommentar auf den Sie sich kritisch beziehen wurde inzwischen entfernt. Die Redaktion/kvk

    Antwort auf "[...] "
  6. ich bin mir nicht sicher, worauf Sie genau hinauswollen oder ob ich die Ironietags übersehen habe, vorallem wegen "Feld der Musik"...werden die Züge raubkopiert oder wie, na das macht ja Sinn, ich muss mir einfach nur merken wie die Züge der Herren da ausschauen und schon gewinne ich überall? ignoriere die riesigen Zustandsraum...
    und was sollte iTunes an der Finanzierung von diesem Event ändern? evtl dass da 20-30% (wieviel warns genau) gleichmal an Apple geht? ...wohl wie die Musikindustrie mal wieder zu wenig nachgedacht? nur so nebenbei...
    aber vielleicht liegt das ja auch einfach daran, dass Schach zwar ein fazinierender Sport ist, aber eben einfach zu langweilig, da gibt es zu wenig events pro minute, wenn sie verstehen was ich meine...
    soll ich den spieler anstarren wir er das spielbrett anstarrt? Informationen daraus kann man ja keine gewinnen welche Züge er gerade durchkaut...
    es ist beim Schach meiner Einschätzung nach interessanter selber zu überlegen welchen Zug ich machen würde, da aber viel Zeit vergeht bis da wieder etwas passiert, verliert man eben schnell das Interesse, da der eigene Zug vermutlich viel schneller (aber undurchdachter) festgelegt ist als von den Profis mit viel Bedenkzeit...
    und wenn ich auf lange auf (unnütze) Entscheidungen warten will, dann gibts immer noch DSDS und son Schmarrn...
    wenn dann spiel ich das schachspiel im nachhinein schnell durch

    lg

  7. Schach im kleinen Internet-Karo?! Aber ja - die Veranstalter (und andere auch) haben mit dem (angeblich) stärksten Computer-Programm dem analysierfreudigen Kunden ein schönes Spielzeug an die Hand gegeben. Man schaut aufs Brett, die Meister brüten - und die zauberhafte Fischdose wirft einem ständig drei spielbare Variantenfolgen in die Gehirnwindungen. Das kann durchaus süchtig machen - sehr schön zu verfolgen, wenn in den Chats die Möchtegern-Meister sich gegenseitig die Varianten an den Kopf donnern, so nach dem Motto: "Wie konnte dieser großmeisterliche Schwachkopf sich gegen den göttlichen Hal Fritz Rybka etc. nur so vergehen!" Und hinterher in der Pressekonferenz wird vorwurfsvoll gefragt: "Warum haben Sie nur diese glasklare Gewinnvariante übersehen?" Wenn man sich diese Unarten mal abgewöhnt hat, bietet einem das Analyse-Modul jede Menge Anregung, die eigene Spielschwäche ein bißchen aufzupäppeln und den GMs dennoch ins Hirn zu gucken. Im übrigen ist bei geschlossenen Systemen - etwa in den "Spanischen Stiefeln", die heute übers Brett trampeln, oder auch beim alten Schlangenfänger Rossolimo - schön zu beobachten, daß die Cracks am Brett durchaus von Houdini und anderen übermächtigen Rechenknechten zu Recht abweichen ... in der FastFood-Analyse behandeln die Programme mE die langfristigen Strategeme doch reichlich schnöde.

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