Wir sind direkt an der Themse, neben der Waterloo Bridge, im IET, dem Palast der britischen Ingenieure, dessen Räume nach Tüftlern und Entdeckern heißen, Kelvin, Maxwell, Faraday. 25 Pfund Eintritt zahlen, an der Sicherheitskontrolle die Arme heben ("Kein Handy in den Saal!") und sich vortasten ins Dunkel. Bis zu 300 Zuschauer sitzen bequem im schattigen Halbkreis über der Bühne, auf der vier kunstvoll arrangierte, blendfrei ausgeleuchtete Tische stehen. Dies ist die Arena. Hier wird gekämpft. Täglich eine Runde, immer nachmittags, Stunde um Stunde in den Abend hinein, jeder gegen jeden zwei Partien, 14 Runden insgesamt bis Anfang April, und dann erst wird man wissen, welcher der acht Kandidaten unter Aufbietung aller Schläue, Konzentration und Standfestigkeit das Recht erringt, den Schachweltmeister zu dem seit 1886 etablierten Zweikampf herauszufordern.

Im Saal kein Wort, kein Flüstern. Gelegentlich ertönt der metallische Klang einer Thermoskanne vom Buffet, wenn ein Spieler sich Tee holt. Leise gluckerndes Einschenken.

Es sind da aber immer Blitzlichter, wenn Großmeister Magnus Carlsen den Ingenieurspalast betritt, und diese Blitzlichter umflattern ihn, wo er geht und steht. Carlsen, 22, aus Norwegen, der einzige Westler im Feld, erregt das größte Aufsehen. Würden seine Erfolgsaussichten in Lux gemessen, sähe es für die anderen sieben ziemlich duster aus.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen ZEIT, die am Kiosk erhältlich ist.

Seit dem Januar 2010 führt er die Weltrangliste an, inzwischen mit Abstand. Unter den Besten ist er der Jüngste und Stärkste. Anders als die anderen gibt er nicht so viel auf die computergestützte Eröffnungsvorbereitung, bei der es darum geht, sein Gegenüber zu Beginn der Partie in vorbereitete Varianten zu locken und dann auszutricksen. Stattdessen spielt er. Mag bei seinen Eröffnungen nicht viel herauskommen, es gibt ja selbst in ausgeglichenen Positionen noch Möglichkeiten. Vielen seiner Gegner unterlaufen winzige Ungenauigkeiten, die er gnadenlos bestraft.

So ist das frühere Wunderkind zu einem erfahrenen Kämpfer gereift. Magnus Carlsen wirkt selbstbewusst, ohne arrogant zu erscheinen, ist nach der Mode gekleidet, stimulierte eine Weile lang sogar als schwarz-weiß dreinschauender Plakatheld der Marke G-Star die Kauflust deutscher Teenager. Schon soll er – meldete der Guardian vergangene Woche – eine Million Euro im Jahr verdienen mit Gutschachspielen und Coolaussehen.

Aber damit ist er immer noch nicht Herausforderer. Und Carlsen will Weltmeister werden, wie alle anderen hier, nur dass er sich ob seiner Jugend noch etwas Zeit damit lassen könnte. Bei den Älteren tickt die Uhr. Zudem war noch kein Kandidatenturnier so stark besetzt wie dieses. Der von seiner Wertungszahl her schlechteste Spieler im Feld, der 44 Jahre alte Boris Gelfand aus Israel, war der letzte Herausforderer des Weltmeisters, dem er im vorigen Mai nur knapp unterlag (ZEIT Nr. 21 bis 24/12).

Auch andere wissen sich zu inszenieren. Da ist zuvörderst der stets gut gelaunte Levon Aronian, dessen Freundlichkeit am Brettrand endet. Der 30-Jährige ist ein brandgefährlicher Taktiker, wie der solide Gelfand in der zweiten Runde erfahren musste. Ein verblüffendes Läuferopfer legte die Schwächen der Stellung offen. Gelfand knetete seinen Kopf mit den Händen noch heftiger als üblich, konnte die Niederlage aber nicht mehr abwenden.

Das Geld für das Turnier kommt aus Aserbaidschan

Aronian gewann die erste Partie im Turnier überhaupt, ein Fanal – der Jubel im schachverrückten Armenien muss riesig gewesen sein. Um der Begeisterung seiner Landsleute zu entgehen, lebt er seit Jahren in Deutschland. In seiner Heimat bekomme er jeden Abend Besuch, erzählt er. Besser werden könne man als Spitzenspieler aber nur in der Abgeschiedenheit, die er an Berlin so schätze! Die Jazzszene dort mag natürlich auch ein Argument sein. "Jazz inspiriert mich sehr", sagt er. So sei er gerade extra nach Hamburg gefahren, um den amerikanischen Saxofonisten Ned Rothenberg zu hören, einen guten Freund von ihm.