Ski und YogaSki Om!

Im Engadin will eine Skilehrerin Raser mit Yoga zur Besinnung bringen. Kann das gut gehen? Von einem, der auszog, die innere Pistensau zu zähmen. von Adrian Meyer

Ächzend bücke ich mich vornüber, die Skischuhe knarzen, meine Wadenmuskeln dehnen sich so weit wie möglich, also kaum. Mit Mühe bekomme ich die Spitzen meiner Ski zu fassen. Derweil Ski und Körper meiner Nachbarin ein vollendetes Dreieck formen. Elender Bewegungsidiot, fluche ich innerlich.

Doch dann beugt sich der Engel mit dem blonden Haar über meine Schultern, drückt sie sanft nach unten. Ich versuche mich zu lockern, murmle: "Meine Bretter sind halt ziemlich lang", und verharre kurz in meiner erbärmlichen Gebücktheit. Wieder aufgerichtet, sehe ich, wie der Engel sich grazil vornüberbeugt, seinen Kopf bis zu den eigenen Skispitzen senkt und ihnen mit den Lippen einen Schmatzer aufdrückt.

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Der Engel heißt Sabrina Nussbaum, ist 47, Bewegungspädagogin und Skilehrerin. Weil sie in diesem Winter schon zweimal bei schweren Sportunfällen Erste Hilfe geleistet hat, nennt man sie in ihrem Engadiner Skigebiet nun l’angelo . Außerdem ist Sabrina Yoga-Lehrerin und die Erfinderin der weltweit ersten Yoga-Piste. Diese liegt am westlichen Rand von Corviglia, wo keine andere Abfahrt die Strecke kreuzt, mit freier Sicht auf die Talebene.

Hier oben, hoch über St. Moritz, stehen wir also und machen zusammen Yoga in voller Skimontur, den Hund zum Beispiel, "Adho Mukha Svanasana". Die vier Freundinnen von Sabrina, die mit uns im Schnee ihre Körper strecken, sind erfahrene, biegsame Yogis. Ich hingegen bin blutiger Anfänger. Mir ist klar, dass die Yoga-Übungen, "Asanas", zur Entspannung gedacht sind, um die Nerven zu beruhigen. Aber statt zu mir zu finden, quält mich der Schmerz in den Waden. Die klobigen Skischuhe tragen auch nicht gerade dazu bei, eine elegante Figur abzugeben. Was zum Teufel mache ich hier?

"Ski-Yoga ist für jeden gedacht", sagt Sabrina, als wir zusammen mit dem Sessellift zurück an den Start der Yoga-Piste fahren, "nicht nur für Spirituelle und Yogis." Ihre goldblonden Haare sprudeln unter ihrem Skihelm hervor, zu zwei Zöpfen gebunden, fallen sie ihr bis auf die Brust. Die Wangen sind von der Alpensonne gegerbt, die Lippen spröde von den vielen Stunden in der trockenen Bergluft. Als private Skilehrerin der Skischule Suvretta in St. Moritz arbeitet sie in der Hochsaison nicht selten sieben Tage die Woche. Ihre Kunden sind wohlhabende Touristen aus aller Welt. Sie macht den Job bereits seit 27 Jahren.

Irgendwann, sagt Sabrina, sei ihr aufgefallen, dass immer mehr ihrer Gäste die Landschaft nur als Kulisse für ihren Wintersport betrachten. "Die kommen von Singapur, bleiben eine Woche, fliegen dann weiter nach London – und sehen vor lauter Stress gar nicht, wie schön es hier ist." Mit Yoga am Pistenrand wolle sie ihre Kundschaft zum Innehalten bewegen und ihnen die Natur näherbringen.

Auch für mich war das Alpenpanorama beim Skifahren bisher eher Nebensache. Als Innerschweizer ist man die vielen Berge eben einfach gewöhnt. Seit ich als Dreijähriger zum ersten Mal auf zwei Brettern stand, besteht für mich der ganze Sinn einer Abfahrt darin, mit Adrenalinantrieb die Hänge hinunterzubrausen: rasant und nah am Kontrollverlust – für den Kick. Entspannen kann ich ja später auf dem Sessellift. Oder am Nachmittag in der Alphütte, bei einem heißen "Zwetschgen-Luz", Kaffee mit Zwetschgenschnaps. Gelingt es einem wie mir überhaupt, die innere Pistensau mit Yoga zu zähmen? Sodass am Ende die Natur den Kick bringt und nicht die Raserei?

"Und jetzt krümmt ihr bei der Abfahrt eure Zehen nach oben", fordert Sabrina

Nach ein paar Schwüngen über flaches Gelände lotst uns Sabrina auf ein Plateau abseits der Piste, wo ein Holzpfahl im Schnee steckt, der sich am oberen Ende gabelt. Daran prangt ein Schild mit dem Yoga-Symbol "Om". Dieses Mantra, erklärt Sabrina, verbinde Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, "wie beim Skifahren: Wir fahren hin, wir halten an, wir fahren weiter." Insgesamt vier dieser Pfähle sind über die gesamte Strecke verteilt, im Tiefschnee jedoch leicht zu übersehen. Es sind Inseln der Ruhe, jede einzelne mit Aussicht auf das Engadin, auf das weite Tal und die massenhaften Berggipfel.

Einstweilen habe ich dafür allerdings keinen Blick. Zu sehr bin ich mit meinem eigenen Körper beschäftigt und damit, Sabrinas Instruktionen zu folgen: "Spürt euch und eure Ski!" Wir stehen mit geschlossenen Augen im Schnee, in der Ferne röhrt der Sessellift, Skifahrer rauschen an uns vorbei. Vertraute Geräusche, die auf einmal merkwürdig ungewohnt klingen, wie Wellen, die an einen Kieselstrand schwappen. Bei voller Fahrt hätte ich sie nie wahrgenommen.

Leserkommentare
  1. jeder kann im Schnee machen was er will.

  2. ... kommt mir so vor, als wenn ein hyperaktiver Hund überall sein Revier markieren muss, am besten mit Foto dazu. Nichts gegen Yoga an sich, aber das ist kindisch und nervt.

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    Wieso regen sie sich denn darüber auf? Sie werden doch dadurch nicht gestört oder behindert. Solange es den Leuten hilft und ihnen gut tut, sollen sie es doch machen.
    Ich fand es nett zu lesen, wie die "Pistensau" gezämt wird und am Ende einfach mal relaxen kann.

  3. Wieso regen sie sich denn darüber auf? Sie werden doch dadurch nicht gestört oder behindert. Solange es den Leuten hilft und ihnen gut tut, sollen sie es doch machen.
    Ich fand es nett zu lesen, wie die "Pistensau" gezämt wird und am Ende einfach mal relaxen kann.

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    • Petka
    • 28. März 2013 16:39 Uhr

    ... nur mit Hilfe und Yoga zähmen kann, sollte vielleicht besser gleich zu Hause bleiben, zum Schutz aller anderen auf der Piste.

    • Petka
    • 28. März 2013 16:39 Uhr

    ... nur mit Hilfe und Yoga zähmen kann, sollte vielleicht besser gleich zu Hause bleiben, zum Schutz aller anderen auf der Piste.

    Antwort auf "Wieso aufregen?"
  4. So ist es wirklich.

    Wenn ich mit einem richtig teuren Skipass ausgestattet bin, empfände ich es als äußerst unentspannend, im Schnee zu liegen und in den Himmel zu gucken.

    Das kann ich auf einer Winterwanderung oder Skitour machen oder nach Liftschluss.

    Alles zu seiner Zeit!

    Mein Verdacht ist, dass es einfach eine Marketingidee ist, den Kunden langsame Skilifte als "entspannend" schmackhaft zu machen.

    Mir soll's recht sein. Je mehr zahlende Kunden glücklich im Schnee liegen, desto leerer sind die Pisten...

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  • Schlagworte Ski | Schnee | Yoga | Schweiz | St. Moritz
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