MenschenhandelFoltern für Geld

Beduinenstämme des Sinai entführen Flüchtlinge und erpressen ihre Angehörigen. Seit dem Zusammenbruch des Mubarak-Regimes in Ägypten floriert der Menschenhandel. von Fritz Schaap

Beduinen auf der Ladefläche eines Pickups in einem kleinen Dorf nahe El Gora auf dem Sinai

Beduinen auf der Ladefläche eines Pickups in einem kleinen Dorf nahe El Gora auf dem Sinai  |  © Ross Land/Getty Images

"Es ist gut hier im Gefängnis", sagt der Häftling." Er hockt auf dem Boden der Zelle auf einer dünnen, dreckigen Matratze. Seinen vollen Namen will er nicht sagen. "Nenn mich Kidane." Eigentlich darf er mit niemandem über die Zustände hier sprechen – auch nicht über die Umstände, die ihn hierhergebracht haben. Er ist Anfang 30, ein hagerer Mann mit dem Gesicht eines Jungen. Sein Rücken gleicht einer Kraterlandschaft von Narben, manche sind noch nicht verheilt.

Seit fast sechs Monaten sitzt er mit elf anderen Männern in dieser Zelle. Es riecht nach Exkrementen und eiternden Wunden. An den Wänden sieht man Heiligenbilder und Wappen großer europäischer Fußballclubs, die sie akkurat mit Bleistift gezeichnet haben. Zeugen leerer Tage. Kidane und die anderen stammen aus Eritrea, sie sind vor der Armut dort, vor allem aber vor dem Militärdienst geflohen – einer modernen Form von Zwangsarbeit, ohne Lohn, mit Folter und Misshandlungen. Alle wollten in den Sudan, die meisten nach Khartoum. Doch sie landeten im Sinai. Man hat sie hierher verkauft.

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Viele der Flüchtlingsgeschichten aus Ostafrika enden hier in El-Arisch, einer staubigen, ägyptischen Küstenstadt am Mittelmeer. Auf dem Friedhof oder im Gefängnis. Auf dem Dach der Haftanstalt befindet sich ein Maschinengewehrnest. Nervöse Polizisten hocken hinter frisch gefüllten Sandsäcken. Vor dem Gefängnistor stehen gepanzerte Fahrzeuge. Früher fürchteten die Bewohner hier den Staat, seit dem Sturz des Mubarak-Regimes fürchtet der Staat die Bewohner, die Beduinen. Das letzte drive-by shooting auf das Gefängnis liegt zwei Tage zurück. Die Haftanstalt ist in den Augen der Einheimischen eine Provokation.

Als der israelische Ministerpräsident Menachem Begin den Sinai im Rahmen des Camp-David-Abkommens 1982 den Ägyptern zurückgab, tat er dieses für den Frieden mit Ägypten, mehr aber noch, um eine Pufferzone zum Schutz Israels zu schaffen. Das Abkommen beschränkt massiv die ägyptische Militärpräsenz auf der Halbinsel und sieht zudem einen demilitarisierten Streifen im Osten vor, der von UN-Truppen überwacht werden soll. Diese verlassen ihre Stützpunkte allerdings kaum. So ist über die Jahrzehnte ein Machtvakuum entstanden, verschärft durch den Umstand, dass die Beduinen des Sinai unter dem Mubarak-Regime kollektiv aus dem Staatswesen ausgeschlossen wurden. Ihr Land wurde an Gefolgsleute des Präsidenten verteilt. Doch die Beduinen gingen nicht weg. Sie begannen das Machtvakuum zu füllen: Die Stämme entwickelten sich zu hochgerüsteten Milizen, die sich in einem zunehmend rechtsfreien Raum das Schmuggelgeschäft aufteilen. Geschmuggelt wird alles: Waren für die Palästinenser im Gazastreifen, Drogen, Waffen. Und Flüchtlinge. Die illegalen Geschäfte haben einige Beduinenfamilien sehr reich gemacht. Aber in ihren Augen nicht reich genug.

Der Preis für die Freilassung wird immer höher

In den 1990ern und frühen 2000ern brachten die Beduinen russische Zwangsprostituierte über den Sinai nach Israel. Um 2006 suchten immer mehr afrikanische Flüchtlinge den Weg nach Europa über den Sinai. Erst kamen Sudanesen, dann Eritreer. Sudanesen trafen in Kairo auf Kontaktmänner, die sie in den Sinai schmuggelten, wo verschiedene Beduinenclans sie an unbewachte Abschnitte der israelischen Grenze brachten, die erst seit einigen Jahren, allerdings im Eiltempo, befestigt wird. Der massive Zaun wurde im Januar fertiggestellt. Flüchtlinge aus Eritrea ließen sich erst in den Sudan von dort in den Sinai schmuggeln, wo sie von lokalen Schleusergruppen übernommen wurden. Um die 2.000 Dollar musste ein Flüchtling zahlen. Das waren die billigen Zeiten.

Karte Sinai

© ZEIT-Grafik

Vor rund vier Jahren begannen die Schmugglerclans die Preise zu erhöhen. Aus 2.000 wurden 4.000, dann 5.000 Dollar, dann 10.000. Keiner der Flüchtlinge besitzt, was die Menschenhändler fordern – manche haben noch nie in ihrem Leben eine Dollarnote gesehen. Doch es gibt ein dichtes weltumspannendes Netzwerk von Exil-Eritreern, in dem das Geld für Flüchtlinge zusammengetragen wird. Keine andere afrikanische Exilgemeinschaft ist ähnlich gut organisiert. Das weiß man auch im Sinai. Irgendwann erkannten einige Clans, dass sie mit eritreischen Geiseln mehr Geld machen können als mit eritreischen Migranten. Sie nahmen die Flüchtlinge gefangen und forderten von deren Familien Lösegeld. 10.000 Dollar. Dann 20.000, inzwischen sind es 40.000 Dollar. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, foltern sie ihre Gefangenen so, dass ihre Angehörigen es hören können.

In Ruhe und ausführlich mit Kidane zu reden ist nicht möglich. Journalisten dürfen offiziell gar nicht mit den Flüchtlingen reden. Es bedarf Tarnung und Geld, um in das Gefängnis zu kommen.

In der kurzen Zeit des Gefängnisbesuches erzählt er immerhin so viel: dass er drei Monate in einem Haus der Menschenhändler nahe der Grenze zu Israel gefangen war. Dass die Männer im Keller aneinandergekettet, die Frauen und Kinder im Erdgeschoss eingesperrt gewesen sind. Dass man ihm ein Telefon in die Hand gab, ihn seine Familie anrufen ließ, dann Strom an die Ketten legte. Dass er schrie, bevor er die Lösegeldforderung durchgeben musste: 35.000 Dollar.

Leserkommentare
  1. Eine grausige Art, an Geld zu gelangen, aber fast 100% sicher. Weder droht Strafverfolgung, noch Verlust der geringen Investitionen. Entweder werden die Gefangenen zuruck nach Hause verkauft, oder weiter an Sklavenhaendler, oder an einen Organhaendler.

    Stellt sich beinahe die Frage, weshalb dies Banden ihre Opfer bislang nur auf dem Sinai und in Afrika fangen, und ihre Taetigkeiten nicht auch auf Westeuropa ausdehnen. Dort waeren die Gewinnmargen fuer Entfuehrungen deutlich hoeher.

    Die Weltgemeinschaft sollte eingreifen,

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen. Danke, die Redaktion/sam

    2 Leserempfehlungen
  2. Was soll mit diesem Beitrag erreicht werden ? Es handelt sich um ein inner-
    islamisches Problem, was die Beteiligten Staaten selbt lösen mussen. Oder
    hoffen da wieder einige Gutmenschen, das Europa da helfen soll ? Wir
    sollten da sehr zurückhaltend sein.

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    [...]
    2. sind hier schutzlose Menschen aus verschiedenen Ländern involviert, daher hat die Staatengemeinschaft sehr wohl mitzureden.
    3. bei solchen Angelegenheiten wegzuschauen zeugt nicht von Toleranz, sondern von brutaler Gleichgültigkeit.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/au

    Wieso "innerislamisch"? Unter den Opfern, vor allem denen, die nach Israel woll(t)en, entstammt ein erheblicher Teil christlicher Kultur.
    Zwischen 40 bis 75 % der Bevölkerung Eritreas, Äthiopiens und des Südsudan sind Kopten (Orthodoxe), Lutheraner, Katholiken, Evangelikale. Selbst wenn man das ignorierte, wieso bliebe der Menschenhandel dann ein "innerislamisches" Problem?
    Die Welt hängt zusammen und ist vernetzt und es gibt u.a. eine UN-Menschenrechtscharta. Ignoranz, "Schlechtmensch", mag Ihre Sache sein, die brauchen Sie aber Anderen nicht vorschreiben. Anspruch auf einen individuellen Nachrichtenfilter ("Was soll mit diesem Bericht...") haben Sie auch nicht. Aktiv wegschauen müssten Sie schon noch selber, das nimmt Ihnen keiner ab.

  3. Oh, Mann, was ist mit irgendwelchen Russen, Rumänen, Deutschen, Türken, Italienern, die ihre miesen und brutalen Geschäfte mit Zwangsprostituierten und Frauenhandel machen?
    Was ist mit afrikanischen Madams, die selbst verwandte Mädchen hier zur Vergewaltigung an Freier verscherbeln.
    Ich bin einfach immer wieder entsetzt, mit welcher kaltschnäuzigen Brutalität Menschen andere Menschen behandeln und das in der Regel nur, um Gewinne zu erzielen.
    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/sam

    5 Leserempfehlungen
  4. nun endlich zum Zuge gekommenen politischen Islam habe ich dieses Thema (wie manches andere unerfreuliche auch) bisher noch nicht verhandelt gefunden.

    Zwischen "Beduinentradition" und "Blütezeit" könnten für Muslimbrüder und Salafisten doch noch schwerwiegende und schmerzhafte Richtungsentscheidungen bevorstehen.

    Eine Leserempfehlung
  5. Die derzeitigen Zustände in Ägypten erleichtern derartige Machenschaften sicher erheblich. Das sind die Folgen der Arabellion, die zum Ziel hatte, die Despoten abzuschütteln und den Menschen Freiheit zu bringen. Die autoritären Systeme wurden beseitigt, doch in das Machtvakuum stießen andere. Islamisten, Extremisten und solche, die ihre privaten wirtschaftlichen Interessen über das Gemeinwohl stellen und daran von einem schwachen, zerfaserten Staat nicht gehindert werden. Die arabische Welt ist keine stabile Region mehr und wird den westlichen Staaten auf Dauer wenig Freude bereiten. Nach dem Schlechten kommt nicht immer Gutes. Das werden wir bald in Syrien beobachten können.

    3 Leserempfehlungen
  6. Noch sind wir aus Seite 1 aber ich warte schon auf diejenigen, die das alles verstehen, verteidigen und "bloß in Ruhe lassen" wollen.

    Denn in Deutschland, USA oder England ist es ja "viel schlimmer", Und schließlich sollte man doch im Sinne der "Menschlichkeit" solche "kulturellen Identitäten" respektieren und in Frieden lassen.

    Lieber 1000 Menschen foltern lassen, als nur einen dieser Folterer durch eine Intervention des Westen zu verlieren.

    3 Leserempfehlungen
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    Bitte bemühen Sie sich um differenzierte Äußerungen. Danke, die Redaktion/fk.

  7. 7. [...]

    Entfernt. Bitte nutzen Sie die Kommentarfunktion nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Debatte leisten möchten. Danke, die Redaktion/sam

  8. sondern um diese allgemeine skrupellose Mentalität, die jede menschliche Bestialität damit verteidigt, das sie NICHT im Westen stattfindet und schon alleine deshalb ihre Daseinsberechtigung hat.

    Jede Bestialität wird immer dann verteidigt, wenn die Bestien in Opposition zum Westen stehen

    In den Augen dieser "Menschenfreunde" ist alleine schon HartzIV ein größeres Verbrechen, als was zB in diesem Artikel beschrieben wird.

    Anmerkung: Wir bitten alle Diskussionsteilnehmer_innen, das konkrete Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/sam

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Eritrea | Israel | Ägypten | Flüchtling | Folter | Gefängnis
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