SportlerinnenHöher! Schneller! Weiter?

Olympia ist das größte Ziel für einen Sportler. Im Jahr danach fragen sich drei Medaillengewinnerinnen: Will ich mir das alles noch einmal antun? von 

Zwei Wochen nach dem Rennen, nach der Silbermedaille, der Siegerehrung, den Tränen, dem Jubel und den Interviews sitzt Britta Oppelt im Zug nach Berlin und fragt sich, wie es weitergeht. Am Morgen ist sie mit dem Schiff, das die deutschen Athleten in London abgeholt hat, in Hamburg angekommen, beim Empfang im Rathaus hat sie sich früh verabschiedet. Im Zug findet sie Ruhe, wenigstens für eine Stunde, bis sie in Berlin ankommt, ihrer Heimat. Oppelt ist Ruderin, es waren ihre dritten Olympischen Spiele. Nach Athen 2004 war sie enttäuscht, sie hatte Gold gewollt und Silber bekommen, zu Hause wollte sie erst mal niemanden sehen. Nach Peking 2008 war es noch schlimmer, sie war erschöpft, beinahe hätte sie mit dem Sport Schluss gemacht.

Und jetzt?

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Ein Jahr lang hat Britta Oppelt für diesen einen Tag, diesen einen Moment trainiert, der die größte Ehre bereithält: eine olympische Medaille. Für einen Augenblick hat sie sich ins Zentrum der Aufmerksamkeit geschoben, einen für sie fremden und fernen Ort, an dem nur wenige Sportler verweilen. Der Weg dorthin ist Teil des klassischen Sportler-Heldenepos. Aber wie ist es, von diesem fernen Ort zurückzukehren? Drei Sportlerinnen und die Zeit nach der Medaille: Britta Oppelt, 34, Ruderin aus Berlin, Silbermedaille in London im Doppelvierer. Helena Fromm, 25, Taekwondoka aus Oeventrop im Sauerland, Bronzemedaille. Und Linda Stahl, 27, Speerwerferin aus Leverkusen, ebenfalls Bronzemedaille.

Vor Olympia gibt es keine Zeit für Zweifel. Hinterher zu viel. Plötzlich sind sie da, die Fragen, und man muss aufpassen, dass sie einen nicht ins Wanken bringen: Will man den Kampf, von dem man nicht weiß, ob man ihn gewinnen kann, noch mal aufnehmen? Den Kampf gegen den eigenen Kopf? Den Kampf, beiden Leben gerecht zu werden, dem Leben des Sportlers und dem Leben nach dem Sport? Den Kampf gegen den eigenen Körper?

Oder, ganz konkret: "Ich will 2016 nach Rio. Aber nehme ich dafür in Kauf, in zehn Jahren vielleicht ein künstliches Knie zu bekommen?"

Die Frau, die sich diese Frage stellt, hat einen Namen wie eine Messdienerin und einen Tritt wie Bruce Lee: Helena Fromm, die beste deutsche Taekwondoka. In London kämpfte sie zur Hauptsendezeit um Bronze, und als sie ihre australische Gegnerin mit einem Tritt an den Kopf besiegte, sahen acht Millionen in der ARD dabei zu. "Unvorstellbar", sagt Fromm. Postete sie während und direkt nach den Spielen etwas auf ihrer Facebook-Seite, bekam sie sofort ein paar Hundert Likes.

Jetzt, im November, 14 Wochen nach Olympia, sind die Likes weniger geworden. Fromm, lange blonde Haare, glitzernde Ohrringe, sitzt im Warteraum eines Reha-Zentrums in Neuss. Sie trägt eine kurze Sporthose, und man erfährt einiges über ihren Kampf mit dem Körper, wenn man die Narben an ihren Knien sieht. 2005 der erste Kreuzbandriss, 2007 der zweite, 2011 die erste Meniskusoperation, vor wenigen Wochen, Ende Oktober, die zweite. Dann ist da noch die Narbe an ihrer rechten Hand: ein komplizierter Bruch, 2009, und, vom rechten Schuh verdeckt: die Narbe auf ihrem Fußrücken, ein Überbein vom vielen Treten, abgefräst, auch Ende Oktober.

Nach der Meniskusoperation 2011 war sie schnell wieder ins Training eingestiegen, London vor Augen. Schon im Januar, als sie die Olympiaqualifikation schaffte, zwickte es, sie merkte: Das ist nicht ganz ausgeheilt. Olympia rückte näher, abends im Bett schmerzte das Knie. "Der Meniskus war sicher schon die ganze Zeit gerissen", sagt sie. "Aber ich wollte nichts Genaueres wissen, ich wollte nicht, dass mein Kopf rattert." Irgendwann hatte sie sich daran gewöhnt: an den Schmerz als Normalzustand.

Britta Oppelt gab als Schlagfrau den Rhythmus vor.

Britta Oppelt gab als Schlagfrau den Rhythmus vor.  |  © Natacha Pisarenko/AFP/Getty Images

Im September, nach Olympia, ließ sie sich untersuchen. Meniskusriss. Am Tag vor der Operation ging sie klettern, joggen, im Kopf der Gedanke: Ab morgen läufst du auf Krücken. Sie verschob den OP-Termin, "wie ein trotziges Kind". Da war die Angst vor dem Danach. Das Aufwachen. Die Schmerzen. Die ersten quälenden Schritte. Das erste Mal auf dem Fahrrad, zu spüren: Die Kondition ist weg. Sie kannte das alles ja, "man fällt nach jeder OP in ein Loch", sagt sie. Sie wollte noch nicht fallen, sich noch nicht auf den langen Weg machen, der, vielleicht jedenfalls, zurück nach oben führt. Aber es musste sein.

Bei der Weltmeisterschaft im Juli 2013 in Mexiko, "da wird schon von mir erwartet, eine Medaille zu holen", sagt sie. Sie liebt ihren Sport, seine Schnelligkeit, den direkten Kampf gegen den Gegner. Doch in ihrem Kopf ist noch kein Platz dafür. Es hängt viel an ihrer WM-Teilnahme, sie könnte die Förderung der Sporthilfe und ihren Platz im Sportkader der Bundeswehr verlieren. "Aber nach meiner Karriere bin ich es, die mit meinem Körper weiterleben muss", sagt sie, "da hilft mir niemand mehr." Nach einer Verletzung muss der Körper wieder bei null anfangen, nach einem sportlichen Höhepunkt der Kopf. Helena Fromm macht beides zu schaffen. Dabei ist es schon schwer genug, sich nach Olympia wieder zu motivieren, wenn zwar der Körper mitmacht, aber das große Ziel, hinter dem alles andere verschwindet, plötzlich nicht mehr da ist.

Es ist halb neun, ein sonniger Novembermorgen am Hohenzollernkanal in Berlin. Britta Oppelt hat ihr Boot zu Wasser gelassen, die ersten Schläge getan, schon muss sie wieder anhalten. Das Laub auf dem Wasser verfängt sich immer wieder in der Flosse ihres Boots. Ein paar Schläge gegen die Fahrtrichtung, das Laub löst sich, einmal links ziehen, einmal rechts, sonst blockiert es gleich wieder. Dann geht es weiter. Zwei Stunden lang.

Leserkommentare
  1. Daran sollten sich mal Fussballer messen, die sich immer wieder über "englische Wochen" beschweren, zum Beispiel beim VfB-Stuttgart.

    Einfach lachhaft Jungs.

    Eine Leserempfehlung
    • UP
    • 24. März 2013 16:27 Uhr

    Im Sommer, zum nächsten Schuljahr, wollten wir das erste unserer beiden sportlich talentierten Kinder auf eine der ca. 40 "Eliteschulen des Sports" mit angeschlossenem Internat in die dortige G9 Sportklasse wechseln lassen. Der Sportverein hat uns dabei unterstützt.

    Funktionäre, die dafür da sind, "Brücken zu schlagen" und "Wege zu ebnen", haben sich am Tag der offenen Tür 3 Stunden "den eigenen Bauch gepinselt", sind im anschliessenden Gespräch im Schulleiterzimmer auf formellen Zugangsvoraussetzungen herumgeritten und haben uns einige Tage später per Email eine Absage erteilt. Wir Eltern wurden in diese Entscheidung nicht einbezogen. Die Sportklasse umfasst 4 statt 2 Stunden Schulsport und 32 Stunden.

    Unsere Kinder absolvieren derzeit das unselige G8 mit gebundenem Ganztag und damit 39 Wochenstunden, davon 2 Stunden Sport.

    Armes Deutschland!

    Wenn man bedenkt, wie wenige Kinder geboren sind und wie wenige davon Sporttalente sind und wie wenige von den Eltern unterstützt werden können...

    Und wie wenig finanzielle Unterstützung und Anerkennung diese Hochleistungssportler dann in ihrer Laufbahn bekommen...

    Ganz armes Deutschland, im dem sich nur die Funktionäre feiern!

    via ZEIT ONLINE plus App

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Leistungssportler sind doch nur Kanonenfutter für die Medien-, Bespaßungs- Werbeindustrie und für Funktionäre, faktisch für Politik. Einige GANZ WENIGE der Sportler werden mit einem etwas besseren Einkommen abgefunden, Top-Verdiener kann man in Deutschland an zwei Händen abzählen (Fußballer mal ausgenommen).
    Tausende andere werden allein gelassen mit ihren gesundheitlichen und psychischen Schäden.

  2. Leistungssportler sind doch nur Kanonenfutter für die Medien-, Bespaßungs- Werbeindustrie und für Funktionäre, faktisch für Politik. Einige GANZ WENIGE der Sportler werden mit einem etwas besseren Einkommen abgefunden, Top-Verdiener kann man in Deutschland an zwei Händen abzählen (Fußballer mal ausgenommen).
    Tausende andere werden allein gelassen mit ihren gesundheitlichen und psychischen Schäden.

    • Iktomi
    • 25. März 2013 13:45 Uhr

    Ich finde, dass Medaillengewinner bei den olympischen Spielen einen Anspruch auf eine Art Ehrensold erwerben sollten, der dann später z.B. der Rente zugeschlagen wird. Schließlich haben sie unser Land mitunter besser repräsentiert als so manch anderer Ehresoldbezieher.

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