Zwei Wochen nach dem Rennen, nach der Silbermedaille, der Siegerehrung, den Tränen, dem Jubel und den Interviews sitzt Britta Oppelt im Zug nach Berlin und fragt sich, wie es weitergeht. Am Morgen ist sie mit dem Schiff, das die deutschen Athleten in London abgeholt hat, in Hamburg angekommen, beim Empfang im Rathaus hat sie sich früh verabschiedet. Im Zug findet sie Ruhe, wenigstens für eine Stunde, bis sie in Berlin ankommt, ihrer Heimat. Oppelt ist Ruderin, es waren ihre dritten Olympischen Spiele. Nach Athen 2004 war sie enttäuscht, sie hatte Gold gewollt und Silber bekommen, zu Hause wollte sie erst mal niemanden sehen. Nach Peking 2008 war es noch schlimmer, sie war erschöpft, beinahe hätte sie mit dem Sport Schluss gemacht.

Und jetzt?

Ein Jahr lang hat Britta Oppelt für diesen einen Tag, diesen einen Moment trainiert, der die größte Ehre bereithält: eine olympische Medaille. Für einen Augenblick hat sie sich ins Zentrum der Aufmerksamkeit geschoben, einen für sie fremden und fernen Ort, an dem nur wenige Sportler verweilen. Der Weg dorthin ist Teil des klassischen Sportler-Heldenepos. Aber wie ist es, von diesem fernen Ort zurückzukehren? Drei Sportlerinnen und die Zeit nach der Medaille: Britta Oppelt, 34, Ruderin aus Berlin, Silbermedaille in London im Doppelvierer. Helena Fromm, 25, Taekwondoka aus Oeventrop im Sauerland, Bronzemedaille. Und Linda Stahl, 27, Speerwerferin aus Leverkusen, ebenfalls Bronzemedaille.

Vor Olympia gibt es keine Zeit für Zweifel. Hinterher zu viel. Plötzlich sind sie da, die Fragen, und man muss aufpassen, dass sie einen nicht ins Wanken bringen: Will man den Kampf, von dem man nicht weiß, ob man ihn gewinnen kann, noch mal aufnehmen? Den Kampf gegen den eigenen Kopf? Den Kampf, beiden Leben gerecht zu werden, dem Leben des Sportlers und dem Leben nach dem Sport? Den Kampf gegen den eigenen Körper?

Oder, ganz konkret: "Ich will 2016 nach Rio. Aber nehme ich dafür in Kauf, in zehn Jahren vielleicht ein künstliches Knie zu bekommen?"

Die Frau, die sich diese Frage stellt, hat einen Namen wie eine Messdienerin und einen Tritt wie Bruce Lee: Helena Fromm, die beste deutsche Taekwondoka. In London kämpfte sie zur Hauptsendezeit um Bronze, und als sie ihre australische Gegnerin mit einem Tritt an den Kopf besiegte, sahen acht Millionen in der ARD dabei zu. "Unvorstellbar", sagt Fromm. Postete sie während und direkt nach den Spielen etwas auf ihrer Facebook-Seite, bekam sie sofort ein paar Hundert Likes.

Jetzt, im November, 14 Wochen nach Olympia, sind die Likes weniger geworden. Fromm, lange blonde Haare, glitzernde Ohrringe, sitzt im Warteraum eines Reha-Zentrums in Neuss. Sie trägt eine kurze Sporthose, und man erfährt einiges über ihren Kampf mit dem Körper, wenn man die Narben an ihren Knien sieht. 2005 der erste Kreuzbandriss, 2007 der zweite, 2011 die erste Meniskusoperation, vor wenigen Wochen, Ende Oktober, die zweite. Dann ist da noch die Narbe an ihrer rechten Hand: ein komplizierter Bruch, 2009, und, vom rechten Schuh verdeckt: die Narbe auf ihrem Fußrücken, ein Überbein vom vielen Treten, abgefräst, auch Ende Oktober.

Nach der Meniskusoperation 2011 war sie schnell wieder ins Training eingestiegen, London vor Augen. Schon im Januar, als sie die Olympiaqualifikation schaffte, zwickte es, sie merkte: Das ist nicht ganz ausgeheilt. Olympia rückte näher, abends im Bett schmerzte das Knie. "Der Meniskus war sicher schon die ganze Zeit gerissen", sagt sie. "Aber ich wollte nichts Genaueres wissen, ich wollte nicht, dass mein Kopf rattert." Irgendwann hatte sie sich daran gewöhnt: an den Schmerz als Normalzustand.

Im September, nach Olympia, ließ sie sich untersuchen. Meniskusriss. Am Tag vor der Operation ging sie klettern, joggen, im Kopf der Gedanke: Ab morgen läufst du auf Krücken. Sie verschob den OP-Termin, "wie ein trotziges Kind". Da war die Angst vor dem Danach. Das Aufwachen. Die Schmerzen. Die ersten quälenden Schritte. Das erste Mal auf dem Fahrrad, zu spüren: Die Kondition ist weg. Sie kannte das alles ja, "man fällt nach jeder OP in ein Loch", sagt sie. Sie wollte noch nicht fallen, sich noch nicht auf den langen Weg machen, der, vielleicht jedenfalls, zurück nach oben führt. Aber es musste sein.

Bei der Weltmeisterschaft im Juli 2013 in Mexiko, "da wird schon von mir erwartet, eine Medaille zu holen", sagt sie. Sie liebt ihren Sport, seine Schnelligkeit, den direkten Kampf gegen den Gegner. Doch in ihrem Kopf ist noch kein Platz dafür. Es hängt viel an ihrer WM-Teilnahme, sie könnte die Förderung der Sporthilfe und ihren Platz im Sportkader der Bundeswehr verlieren. "Aber nach meiner Karriere bin ich es, die mit meinem Körper weiterleben muss", sagt sie, "da hilft mir niemand mehr." Nach einer Verletzung muss der Körper wieder bei null anfangen, nach einem sportlichen Höhepunkt der Kopf. Helena Fromm macht beides zu schaffen. Dabei ist es schon schwer genug, sich nach Olympia wieder zu motivieren, wenn zwar der Körper mitmacht, aber das große Ziel, hinter dem alles andere verschwindet, plötzlich nicht mehr da ist.

Es ist halb neun, ein sonniger Novembermorgen am Hohenzollernkanal in Berlin. Britta Oppelt hat ihr Boot zu Wasser gelassen, die ersten Schläge getan, schon muss sie wieder anhalten. Das Laub auf dem Wasser verfängt sich immer wieder in der Flosse ihres Boots. Ein paar Schläge gegen die Fahrtrichtung, das Laub löst sich, einmal links ziehen, einmal rechts, sonst blockiert es gleich wieder. Dann geht es weiter. Zwei Stunden lang.

"Mal ein kurzärmliges Kleid anzuziehen und nicht 'käse' auszusehen"

Nach dem Training erzählt sie, dass sie nach London darüber nachgedacht hat, ob es das gewesen ist. Sie ist 34, hat drei olympische Medaillen gewonnen und einen Weltmeistertitel, vielleicht wäre es Zeit, sagt sie, andere Dinge vor den Sport zu stellen. Nicht zu müde zu sein, um ins Kino zu gehen. Mal ein kurzärmliges Kleid anzuziehen und nicht "käse" auszusehen, wie sie es nennt, mit den breiten Rudererschultern. Eine Familie zu gründen.

Bei einer Regatta stand sie am Wasser und dachte: Was machst du hier? Du hast ja gar keine Lust! Du müsstest dich mal warm machen!

Die Zeit nach den Olympischen Spielen, sagt sie, war immer am schwierigsten. Vor allem 2008. In der Olympia-Vorbereitung gab es Ärger im Team, sie hatte Probleme mit ihrer Trainerin, die damals auch Bundestrainerin war und sehr viel Druck machte. Oppelt musste sich in die Mannschaft einfügen, obwohl sie den von der Trainerin vorgegebenen Rhythmus nicht gut fand, "ich konnte nicht so rudern, wie ich wollte", sagt sie. Es wurde Bronze. Die Frage, was herausgekommen wäre, wenn sie am Schlag gesessen hätte, nagte an ihr, den Herbst hindurch. Sie wechselte den Trainer, aber je näher der Frühling rückte, desto weniger lief es. Bei einer der ersten Regatten stand sie am Wasser und dachte: Was machst du hier? Du hast ja gar keine Lust! Du müsstest dich mal warm machen! Dich mal drauf einlassen! "Ich war blockiert", sagt sie, "ich merkte, ich schaffe es nicht. Die letzten Jahre waren psychisch zu anstrengend gewesen." Sie beendete die Saison. Es schmerzte, wenn die anderen zu Regatten fuhren.

Im Jahr nach Olympia holen viele Konkurrenten Luft, sagt Fromm, sagt Oppelt, ein gutes Jahr, um erfolgreich zu sein. Wenn man selbst nicht auch Luft holen müsste.

Britta Oppelt ist ein wenig später ins Training eingestiegen als in nicht olympischen Jahren. Sie macht jetzt anders Sport als früher, sagt sie, entspannter. Sie will weitermachen: eben weil es nicht immer so schön war wie jetzt. Im Spätsommer 2013 sind Weltmeisterschaften. "Das Gefühl, ganz oben auf dem Treppchen zu stehen, hatte ich noch nicht oft", sagt sie, "das würde ich gern noch mal erleben." Ihr Trainer Dieter Öhm ist zufrieden mit ihr, doch er sagt auch: "Es gibt junge Ruderinnen, die nicht bei Olympia waren und den Herbst durchgeackert haben. Als älterer Athlet muss man aufpassen: Da nimmt keiner Rücksicht, auch auf den Namen Britta Oppelt nicht." Die Saison ist kurz, seine Ansage hart: "Entweder es läuft, oder man kann gleich aufhören."

Der Körper hat seine Grenzen, der Kopf auch, und das Grenzgebiet, in dem Sportler sich dauernd aufhalten, ist eine gefährliche Gegend. In einer Studie der Deutschen Sporthilfe, bei der mehr als tausend Spitzensportler befragt wurden, gaben 40 Prozent an, gesundheitliche Risiken bewusst in Kauf zu nehmen. Jeder fünfte leidet gelegentlich unter Depressionen oder Burn-out, jeder zehnte unter Essstörungen. Im Taekwondo, sagt Fromm, wo man in Gewichtsklassen antritt, seien Essstörungen natürlich ein Thema: "Wer knapp an der Gewichtsgrenze ist und in den Tagen vor einem Wettkampf ein Nutellabrot essen will, weiß: Das darf nicht drinbleiben."

Der Leistungsdruck, so die Studie, "birgt die Gefahren einer physischen und mentalen Erschöpfung". Spitzensport ist auch eine Psychoauslese. Nur wer dem Druck standhalten kann, schafft es bis nach oben. Wie stark dieser Druck ist, begreift man vielleicht am besten, wenn man sich den Moment beschreiben lässt, in dem er weicht: den Moment des Erfolgs. Wenn man Fromm, Oppelt und Stahl fragt, was sie im Augenblick des Medaillengewinns als Erstes gespürt haben, sagen sie: Erleichterung. Befreiung. Nicht Glück oder Freude.

Was die Studie noch ergab: Die sportliche Gegenwart steht der beruflichen Zukunft im Weg. Oppelt und Fromm haben bei der Wahl ihrer Ausbildung auf den Sport Rücksicht genommen. Oppelt hat es geschafft, als erste Ruderin in den Sportkader der Bundespolizei aufgenommen zu werden, und solange sie Erfolg hat, ist das Training ihr Dienst. Fromm studiert Internationales Management für Spitzensportler, ein Fernstudium mit Blockseminaren, und sie ist Sportsoldatin. Eigentlich war es ihr Traum, Medizin zu studieren. Aber als sie Abitur machte, trainierte sie gleichzeitig für die WM. Ihr Schnitt reichte nicht für einen Studienplatz.

Dezember, 17 Wochen nach Olympia, Linda Stahl sitzt in der Kantine des Bundesleistungszentrums in Kienbaum bei Berlin. Trainingslager der Speerwerfer, sie kommt gerade aus dem Kraftraum. Stahl frotzelt im Training oft, und sie wettet gern auf ihre Leistung, um ein Eis oder einen Cocktail. Sie ist zielstrebig, ohne verbissen zu wirken. Die Langzeitwette mit ihrem Trainer: Wenn sie es schafft, 68 Meter zu werfen, bekommt sie einen Roboterstaubsauger.

Stahl wollte nicht einen Traum für den anderen eintauschen. Sie will Ärztin werden und Sportlerin sein. Nach Olympia, sagt sie, habe sie oft gehört, wie toll es sei, dass sie es schaffe, Studium und Spitzensport zu vereinbaren. Sie lächelte dann. Und dachte: Wenn ihr wüsstet, was mir alles im Magen liegt. Die Doktorarbeit über Medikamentenrückstände in Blutplasmaproben soll bis Februar fertig werden. Ein Kurzpraktikum in einer Arztpraxis. Ein Vorbereitungskurs für das Praktische Jahr. Und dann im Februar das, was ihr am meisten Sorgen macht: das Praktische Jahr selbst. "40 Stunden in der Woche im Krankenhaus und danach zum Training", sagt sie, "da habe ich ein bisschen Angst, ob das gut geht."

Vor London hat Stahl mit ihrem Studium pausiert, es war das erste Mal, dass sie nur Sportlerin war. Jetzt ist sie wieder eine Studentin, die nebenbei mit dem Speer wirft. Als sie 2006 einen Studienplatz in Münster bekam, fuhr sie jeden Tag nach der Uni nach Leverkusen zum Training, 130 Kilometer hin, 130 Kilometer zurück. Um zehn Uhr abends war sie wieder zu Hause, manchmal musste sie dann noch lernen, um sechs klingelte der Wecker. Wenn es zu viel wurde, schlief sie von Samstagnachmittag bis Montag früh durch. Erst im Herbst 2008 konnte sie an die Uni Köln wechseln, seitdem wohnt sie in Leverkusen.

"Der Schmerz ist vergänglich, der Stolz bleibt"

In Zeiten, in denen sie viel trainieren und viel studieren musste, war sie verletzungsanfälliger, sagt Stahl. Sie fragt sich: Wird das jetzt wieder so, wenn sie anfängt zu arbeiten und zugleich für die WM im Sommer trainiert? Medizin studieren und Leistungssport, das schaffst du nicht, hätten ihr vor dem Studium alle gesagt. "Es hat aber trotzdem hingehauen", sagt sie, "das will ich diese Saison noch mal beweisen. Das ist meine Motivation."

Im Januar, 21 Wochen nach Olympia, verkündet Jonas Reckermann, Goldmedaillengewinner im Beachvolleyball, seinen Rücktritt. Der Rücken macht nicht mehr mit. Ein paar Tage später sitzen die Turner Philipp Boy, Marcel Nguyen und Ronny Ziesmer im Aktuellen Sportstudio. Auch Boy hört auf, er bekommt einen Sturz vom Reck nicht mehr aus dem Kopf, "und mit einer Turnmedaille kannst du keine Altersvorsorge aufbauen", sagt er. Ziesmer sitzt im Rollstuhl, seit einem Unfall bei einem Doppelsalto rückwärts am Pferd. Auf Nguyens Brust ist tätowiert: Pain is temporary – Pride is forever.

Es ist ein Moment, in dem sich die Frage nach dem Warum noch stärker stellt als ohnehin. Es gibt Sportarten, Fußball, Tennis, Formel1, da liegt die Antwort auf der Hand, und sie ist so einleuchtend, dass Kinder davon träumen, Bastian Schweinsteiger zu werden oder Roger Federer oder Michael Schumacher: Ruhm und Geld. Vom Speerwerfen, Rudern oder Taekwondo träumen wenige. Helena Fromm war seit zwei Jahren nicht mehr schmerzfrei. Linda Stahl kann das Jahr nach Schmerzen einteilen: Im Spätherbst und Winter Nackenschmerzen vom Krafttraining, dann kommen die Schulterschmerzen, wenn sie im Training mit Kilokugeln und Medizinbällen wirft, im Sommer Rückenschmerzen, wenn sie aus dem vollem Anlauf den Speer fliegen lässt. "Der Schmerz ist vergänglich, der Stolz bleibt" – ist es wirklich so einfach? Lohnt sich das alles, für den Stolz auf den einen, großen Moment, den One Moment in Time?

Fromm sagt: "Ich wollte immer etwas erreichen, was noch keiner geschafft hat." Sie ist die erste Frau, die im Taekwondo eine olympische Medaille für Deutschland gewann. Stahl sagt, wenn sie sich im Training quäle, dann hole sie sich die Bilder von London in den Kopf, "dann weiß ich genau, warum ich das mache". Und: Der Sport gibt ihr Bestätigung, jeden Tag. Stahl sagt, sie sei eigentlich eher ein unsicherer Typ. Als sie im Studium einmal eine schwierige Multiple-Choice-Klausur mit einer guten Note bestand, dachte sie gleich, sie habe sicher Glück beim Ankreuzen gehabt. In einem Praktikum wurde sie gelobt, "dabei wusste ich, ich habe nicht mal die Niere im Ultraschall gefunden". Ein klares Feedback ist ihr lieber. Im Sport, wo Leistung in Zentimetern messbar ist, gibt es wenig Spielraum für Interpretationen. "Da weiß man immer, wo man steht", sagt Stahl. Ob man auf dem richtigen Weg ist. Ob man gut ist oder nicht. Und wenn man es nicht weiß, dann sagt es einem der Trainer.

Die Frage nach dem Warum, Britta Oppelt überlegt kurz. "Nein", sagt sie dann, "die großen Momente sind einzigartig, aber sie wiegen nicht alles auf. Es lohnt sich für mich selbst, für mein Leben. Im Sport habe ich erfahren, dass Körper und Geist mehr leisten können, als man sich zutraut. Dass nicht Schluss ist, wenn man denkt, es geht nicht weiter. Dieses Gefühl bleibt für immer."

Im Dezember war Britta Oppelt krank, vor einer Woche hat sie sich an der Hand verletzt. Jede Trainingspause macht sich sofort bemerkbar

Der Berliner Januar ist kalt, und Britta Oppelt vermisst das Wasser. Der Kanal ist zugefroren, seit ein paar Wochen trainiert sie nur noch auf dem Ergometer. Im Kraftraum des Ruderzentrums am Hohenzollernkanal wummern aus einem Lautsprecher harte Beats, mit jedem Meter, den Oppelt und die anderen aus ihrer Trainingsgruppe im Raum ziehen, wird die Luft dicker. 14,2 Kilometer hat Oppelt schon hinter sich, sie schwitzt sogar auf den Schienbeinen. Im Vergleich zum vergangenen Jahr fehlen ihr, auf 500 Meter gerechnet, zwei bis drei Sekunden. Im Dezember war sie krank, die Nebenhöhlen, vor einer Woche hat sie sich an der Hand verletzt, konnte nicht richtig trainieren. Jede kleine Pause macht sich sofort bemerkbar. Morgen geht es ins Trainingslager, zwei Wochen Frankreich, endlich wieder Wasser, Sonne, Boot, Ausdauer erhöhen, die Technik verbessern. Hohl, sagt Britta Oppelt, fühle sie sich nach harten Trainingseinheiten. Aber sie freut sich darauf, vielleicht bald wieder mit den anderen aus ihrem Olympiaboot zu trainieren. Davor stehen die Regatten im April. "Die Unsicherheit bleibt immer: Wie sind die anderen drauf? Ich muss noch ranklotzen, um mitmischen zu können."

Bei Linda Stahl läuft es gut. Sie ist im Januar wieder in Kienbaum bei Berlin, für einen Leistungstest. Vor der Wurfhalle, die aussieht wie eine überdimensionale offene Garage, ist der Boden weiß gefroren. Drinnen liegen die bunten Speere von Stahl und den anderen Speerwerferinnen aus dem Nationalkader wie Mikadostäbe in einem Metallgestell, ein Heizpilz verströmt vergeblich ein wenig Wärme, es gibt Früchtetee. Am Rand der kurzen Laufbahn steht Bundestrainerin Maria Ritschel, das Ende des Maßbands in der Hand. Normalerweise trägt Stahl ihre schulterlangen dunklen Haare offen, in ihrer Alltagskleidung wirkt sie fast mädchenhaft. Jetzt hat sie ihre Haare streng von der Stirn zu einem Zopf weggeflochten, die kurzen Ärmel ihres Sportshirts spannen um ihre enormen Oberarmmuskeln. Sie greift nach ihrem Speer.

Gesundheit kostet Geld

Speerwerfen ist brutal. Die Anlaufgeschwindigkeit liegt bei sechs, die Fluggeschwindigkeit des Speers bei 26 Metern pro Sekunde, im Moment des Abwurfs wirkt eine Kraft von 25g, also die 25-fache Erdbeschleunigung, auf den Körper ein. Bei der Formel1 sind es in der Kurve 6g. Wenn die Bewegung nicht optimal ist, sagt Stahl, fühlt es sich kurz an, als würden Schulter und Rücken wegfliegen.

Stahl läuft an, elf Schritte, "Arm hoch", sagt ihr Trainer immer, Oberkörper senkrecht, Gewicht unter den Oberkörper, den Speer nicht nach oben kippen lassen, sie wirft, der Speer fliegt gut. "60,82", ruft die Bundestrainerin Ritschel. So weit hat Stahl im Winter noch nie geworfen. "Hast wohl was vor im Sommer", sagt eine andere Werferin zu ihr. "Ja", sagt Stahl, "sieht so aus." Die Bundestrainerin tritt dazu, "hoffentlich saugen sie dir im Krankenhaus nicht das Mark aus den Knochen", sagt sie. Stahl hat den Chefarzt ihrer ersten Station im Klinikum Leverkusen um ein Gespräch gebeten. Sie hofft, ein paar Tage Sonderurlaub zu bekommen, ihre freien Tage reichen nicht aus für Turniere und Trainingslager. "Aber ich will auch nicht zu viel fehlen", sagt sie, "ich bin ja dort, um zu lernen." Es ist, als säßen ihr jetziges Leben als Sportlerin und ihr zukünftiges als Ärztin wie zwei kleine Teufelchen auf ihren Schultern: Was das eine ihr einflüstert, ist nicht gut für das andere. Die Einführungsveranstaltung an der Uni in Köln beginnt am Karnevalsdienstag um acht, um zwölf muss sie sich in der Klinik vorstellen. "Vielleicht", sagt sie, "ist dazwischen ja noch Zeit fürs Training."

Ihr Trainer fragt, wann sie wieder zum Training kommt. Aber wenn Helena Fromm an Taekwondo denkt, brennt innerlich noch nichts

Bleibt da noch Raum für Freundschaften, für Beziehungen? Stahl hat einen Freund, "in guten Phasen muss er weniger Stress ausgleichen", sagt sie, "in schlechten mehr". Er hat sie in London vor dem Wettkampf besucht, sie hatte höchstens eine Stunde für einen Kaffee und war, sagt sie, kaum ansprechbar. Nach dem Wettkampf drängten sich die Termine, sie musste ihm sagen: Toll, dass du extra hergekommen bist, aber ich habe keine Zeit für dich. "Saumäßig schwierig" sei das, sagt sie. Ihr Freund war früher Sprinter und Bob-Anschieber, er kennt den Leistungssport, das hilft. Oppelts Freund ist Trainer. Fromms Freund war Skiläufer, bis er seinem Körper und den Verletzungen nachgab und aufhörte. Sie lernten sich vor ein paar Jahren in der Reha kennen. Wo sonst.

Ende Januar, 23 Wochen nach Olympia. Helena Fromm ist bei der Physiotherapie in Soest, seit Dezember kommt sie jeden Tag hierher in die Praxis. Sie hat das Gefühl, dass zum ersten Mal ihr ganzer Körper gründlich behandelt wird. Ihre hintere Oberschenkelmuskulatur, die bei jedem Tritt an ihrem Meniskus zerrt, wird gezielt gedehnt, ihr Bindegewebe, verklebt und verdreht nach all den Verletzungen, beweglicher gemacht. Sie überlegt, sich eine Zahnschiene zuzulegen, die vom Kiefer ausgehende Verkrampfungen in der Muskulatur verhindert. Sie lernt, anders zu atmen. Sie hat einen Schmerztherapeuten angeschrieben. Ihr Trainer finde das ein oder andere seltsam, sagt sie. Aber Fromm muss etwas verändern, wenn sie sich nicht weiter alle zwei Jahre verletzen will. Sie sucht den Fehler, in allen Richtungen. Um auszuschließen, dass die einzige Lösung ist, mit dem Sport selbst aufzuhören.

Ihr Trainer Carlos Esteves fragt jetzt häufiger, wann sie endlich mit dem Training anfangen will. Doch wenn sie an Taekwondo denkt, sagt sie, brennt innerlich noch nichts. "Ich habe noch das Gefühl von London im Kopf", sagt sie, "da war ich topfit. Wenn ich wieder anfange, werden meine Füße wie Kaugummi an der Matte kleben." Sie weiß, dass dieses Gefühl auf sie zukommt. "Aber es wird mich trotzdem erschrecken."

Vor Olympia hing über ihrem Bett eine Fahne mit den fünf Ringen. Sie wusste jeden Morgen, warum sie aufsteht, und jeden Abend, wofür ihr der Körper wehtut. Nach Olympia hat sie die Fahne in einen Karton gepackt. Die Wand über ihrem Bett ist jetzt leer. Noch fehlt ihr ein neues Ziel, für das sich die Schmerzen lohnen. Die WM schiebt sie von sich weg. Auch weil sich deren Termin geändert hat, er liegt jetzt ausgerechnet in der Woche, in der Fromms Schwester heiratet. Fromm soll Trauzeugin sein. Sie will nicht drüber nachdenken, was ihre Schwester sagen würde, wenn sie nicht käme. Die Ansprüche des Sports und die Ansprüche des ganz normalen Lebens bewegen sich auf Kollisionskurs. Das reibt auf. Und es beschäftigt den Kopf, der doch frei sein sollte.

Drei Wochen später in der Saturn-Arena in Ingolstadt, deutsche Meisterschaft im Taekwondo. Auf acht Matten wird gleichzeitig gekämpft, jeden Tritt begleitet ein spitzer Schrei. Wenn man die Augen schließt, klingt es, als befinde man sich in einem Gehege mit exotischen Vögeln.

Helena Fromm schaut von der Tribüne aus zu. Ihre Laune ist nicht die beste. Sie wollte den Verband davon überzeugen, dass es gut wäre, wenn sie ihren Physiotherapeuten mitnähme ins Trainingslager nach Mexiko Ende März. Der Verband hat zugestimmt: wenn er nicht mehr koste pro Tag als der verbandseigene. Fromm überlegt, die Differenz selber zu zahlen. Eine dreistellige Summe pro Tag, bei 16 Tagen. Gesundheit kostet Geld. Wenn Linda Stahl zu dem Sportmediziner Müller-Wohlfahrt nach München fährt, bezahlt sie ihn aus eigener Tasche, genau wie ihren Chiropraktiker. Eine Investition in die Zukunft, die man sich in der Gegenwart leisten können muss. In Jahren, in denen Stahl nicht so erfolgreich war, blieb am Ende kein Geld übrig.

Zum Start der Bundesliga-Rückrunde veröffentlicht Bild die Jahresgehälter einiger Bundesliga-Profis, Franck Ribéry: 10 Millionen, Müller-Wohlfahrt als Mannschaftsarzt inklusive. Diego: 8,2 Millionen. Simon Rolfes, der für Bayer Leverkusen spielt, den Verein, für den auch Linda Stahl startet: 2,5 Millionen. Helena Fromm bekommt von der Bundeswehr 1.700 Euro im Monat, von der Sporthilfe 400. Nach der Medaille konnte sie ein wenig zurücklegen, 7.500 Euro Prämie von der Sporthilfe, 5.000 vom Land NRW. Sie hat nach Olympia die Autohäuser der Region angeschrieben, ein Sponsor wäre gut, mit der Medaille, dachte sie, würde es leichter. Sie hat neue Fotos machen lassen, für Autogrammkarten, auch eins von hinten, in Jeans, die Medaille auf dem bloßen Rücken. Sie ist hübsch, sympathisch, man kann sie sich sofort in einem Action-Werbespot vorstellen. Aber wie viele der acht Millionen, die ihr zugeschaut haben, erinnern sich noch an sie?

Es ist Nachmittag in Ingolstadt, Finale in Fromms Gewichtsklasse bis 67 Kilo, gegen die beiden Finalistinnen hat sie noch nie verloren. Ein komisches Gefühl, sagt sie. Kurz vor Ende des Kampfs verlässt sie die Tribüne. Ein paar Sekunden später ist sie nicht mehr Deutsche Meisterin. Zum ersten Mal seit sieben Jahren.

Sie hat wieder mit dem Training angefangen. "Helena macht einen guten Eindruck", sagt ihr Trainer, der auch Bundestrainer ist. "Sie hat Zeit gehabt und sich Zeit genommen. Sie musste auch mal runterkommen, sie hat vor Olympia auf eine Menge verzichtet. Aber sieben Monate sind sehr viel. Nach Olympia ist vor Olympia. Jetzt sind die Freiheiten vorbei. Jetzt muss sie sich wieder knechten."

Ausgerechnet jetzt, wo sie ihren Kopf im Griff hat, streikt ihr Körper.

Ende Februar, 28 Wochen nach Olympia, steigt Britta Oppelt im Bundesleistungszentrum Kienbaum aus ihrem Auto, sie trägt ihre Polizeiuniform. In einer halben Stunde wird sie verbeamtet, auf Lebenszeit. Mit einem Himbeerkuchen in den Händen läuft sie zur Bundespolizeisportschule, deren Dienststelle in Kienbaum ist. Rechts und links neben dem Weg ist der Schnee zu kleinen Inseln zusammengeschmolzen, die Eisdecke auf dem See hinter den Bäumen knackt. Der Frühling kündigt sich an, mit ihm die Rudersaison, und eigentlich müsste Britta Oppelt sich darauf freuen. Wenn der Husten nicht wäre.

Seit der Rückkehr aus dem Trainingslager hat sie keinen Sport gemacht. Drei Wochen, eine Ewigkeit, das Trainingslager umsonst, die Anstrengung, morgens zwei Stunden Rudern, nachmittags zwei Stunden Rudern oder Krafttraining, danach Laufen. Am letzten Tag kam der Husten. Und blieb. Auf dem Flur ihrer Dienststelle wartet der Leiter der Bundespolizeisportschule. "Wird sicher kein toller Saisonstart", sagt Oppelt auf seine Frage, wie es ihr gehe. In fünf Wochen steht der Frühtest an, wichtig für die Entscheidung, wer in welchem Boot sitzt in dieser Saison. "Ich würde es ungerne noch einmal erleben, dass welche an mir vorbeifahren, die ich die letzten Jahre immer hinter mir gelassen habe."

Ausgerechnet jetzt, wo sie ihren Kopf im Griff hat, streikt ihr Körper. Vielleicht, denkt sie, fordert er jetzt die Ruhe ein, die er die letzten zweieinhalb Jahre nicht bekommen hat. Es wird wieder schwierig. Es ist oft schwierig gewesen. Sie hat sich immer durchgebissen, und es hat sich gelohnt. Aber die Zeit rennt, nicht nur für diese Saison, sie läuft auch ihr selbst davon. Sie habe jetzt öfter "Gedanken, die den Wandel einläuten", sagt sie. Sport soll weiter Teil ihres Lebens sein, vielleicht auch bei der Polizei. Die kleine Zeremonie beginnt, gemeinsam mit den anderen Sportlern aus ihrer Lehrgruppe steht Oppelt jetzt in einer Reihe. Sie wird als Erste nach vorn gebeten, nimmt die Urkunde in beide Hände. Sie lächelt. Wie auch immer die Saison ausgeht, ein Stück ihrer Zukunft hat heute begonnen.

Jeden Tag geht Linda Stahl kaputt ins Training, Bankdrücken, Kniebeugen, Nackenstoßen, Reißen. Sie weiß nicht, ob sie das alles schafft

Bankdrücken, 60 kg. Linda Stahl ist im Kraftraum der Leichtathletikhalle in Leverkusen, Zehnerserien mit Langhanteln. Um halb acht hat heute früh ihr Dienst im Krankenhaus begonnen, Blutabnahmen, Aufnahme neuer Patienten, zwei Stunden Visite mit dem Oberarzt. Kniebeugen, 85 kg. Fürs Mittagessen hatte sie zehn Minuten Zeit, anschließend Fortbildung, um halb fünf direkt zum Training. Nackenstoßen, 85 kg. Die Arbeit im Krankenhaus macht ihr Spaß, der Chefarzt unterstützt sie, sie hat Sonderurlaub für die Trainingslager bekommen. Aber das viele Stehen im Krankenhaus ist Gift für ihren Rücken, "ich gehe jeden Tag kaputt ins Training", sagt sie. Nachher wird sie noch Kastensprünge machen und Wurftraining, Abendessen, um halb zehn Physiotherapie. Reißen, 70 kg, sie setzt sich auf einen Kasten, stützt die Arme auf die Beine, sie schnauft. "Das Schlimmste", sagt sie, "ist für heute überstanden."

Ein ganzes Jahr wird das jetzt so gehen. Dann noch das Examen und die Doktorarbeit, für die sie vor dem Praktischen Jahr keine Zeit gehabt hat. Sie weiß nicht, ob sie das alles schaffen wird, sie merkt, dass sie im Training nicht die volle Leistung bringen kann. Doch jeder Tag gibt ihr Bestätigung. Abends liegt sie erschöpft, aber zufrieden im Bett. Was sie über das Speerwerfen sagt, gilt auch für ihr Leben: "Wenn man sich nicht einredet, dass man 70 Meter werfen kann, ist auch bei 65 Metern Schluss."

Anfang März, 30 Wochen nach Olympia. German Open in Hamburg, das wichtigste Taekwondo-Turnier in Deutschland. Zum ersten Mal seit Olympia trägt Helena Fromm wieder den weißen Kampfanzug. Sie steht auf der Matte, vor ihr eine Gegnerin aus Moldawien. Ihr Trainer hat ihr erlaubt, nicht mit ins Trainingslager nach Mexiko zu fahren, damit sie weiter mit dem Physiotherapeuten arbeiten kann. Sie hat kaum noch Schmerzen. Ihr Wettkampftag bei der WM ist der 17. Juli, sie hätte Zeit, danach zur Hochzeit ihrer Schwester zu fliegen. Das Datum hat sich festgesetzt in ihrem Kopf, als Ziel, das wie ein Magnet alles andere in die richtige Richtung dreht. Ihr Kopf ist klarer, sie sagt, sie fühle sich frei. Noch 18 Wochen bis zur WM. Noch 178 Wochen bis Olympia. Helena Fromm spürt: Sie will wieder gewinnen. Der Schiedsrichter gibt das Zeichen. Ihr Kampf beginnt.