Tom Schilling"Warum habe ich mehr Glück als andere? Wie lange geht das noch gut?"

Allein, verzweifelt und ängstlich: Den Schauspieler Tom Schilling plagen wiederkehrende Albträume. Doch in manchen Situationen dienen sie ihm als Ansporn und Motor. von Jörg Böckem

Niemand außer mir sieht die Katastrophe kommen. Am Himmel brennende Flugzeuge, die in Richtung Erde stürzen. Die Menschen um mich herum sind ahnungslos, ich gerate in Panik, versuche, die anderen zu warnen und Schutz zu finden, aber es ist zu spät. Ich kann die Tragödie nicht aufhalten, vermag niemanden zu retten. Die ersten Wrackteile stürzen herab, kein Schutz, nirgends. Als ich aufwache, bin ich schweißgebadet, mein Herz rast.

Diesen Albtraum habe ich in leicht abgewandelter Form schon einige Male geträumt. Am Ende bin ich meist allein inmitten der Zerstörung, allein mit meiner Angst und meiner Verzweiflung.

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Angst ist ein wichtiges Thema für mich, nicht nur in meinen Träumen. Ich weiß nicht, woher sie kommt, aber sie ist mein ständiger Begleiter. Sie ist mal stärker, mal schwächer, aber immer da. Versagensangst zum Beispiel, die Angst davor, nicht zu genügen, Erwartungen nicht erfüllen zu können. Vor allem beruflich fühle ich mich diesen Ängsten oft ausgeliefert. Wenn ich die vielen großartigen Schauspieler sehe, die weniger erfolgreich sind als ich, frage ich mich, warum ich mehr Glück habe als die. Wie lange geht das noch gut? Wann kommt mir jemand auf die Schliche und erkennt, dass ich meinen Erfolg nicht verdiene? Jede schlechte Kritik, jede Szene, die nicht den Erwartungen entspricht, meinen oder denen des Regisseurs, verstärkt diese Angst.

Tom Schilling

31, geboren in Berlin, spielte schon mit 12 kleinere Rollen in Theater und Fernsehen. Bekannt wurde er 2000 durch seinen Auftritt in der Literaturverfilmung Crazy. Für seine Hauptrolle in Oh Boy wurde er im Januar mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Zurzeit ist er in der Komödie Hai-Alarm am Müggelsee im Kino zu sehen.

Dazu kommt eine tief sitzende Existenzangst. Diese Angst davor, irgendwann meinen Lebensunterhalt nicht mehr finanzieren zu können und nicht zu wissen, wie es weitergehen soll. Wenn ich darüber nachdenke, ist mir klar, dass es kaum einen Anlass für solche Sorgen gibt. Ich führe ein sehr privilegiertes Leben, habe das große Glück, früh meinen Traumberuf gefunden zu haben, meine Karriere ging bisher stetig voran, ich habe genügend Rollenangebote und verdiene gut. Theoretisch weiß ich, dass es immer weitergeht im Leben. Aber die Angst widersteht der Vernunft.

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Ich habe mir häufig gewünscht, anders zu sein, angstfreier. Habe die Menschen um mich herum beneidet, die anders, scheinbar leichter mit sich und ihrem Leben umgehen. Oft denke ich, mein Leben wäre in vielen Situationen einfacher, wenn ich nicht alles so wichtig nehmen würde. Dann wiederum frage ich mich, ob diese Menschen, die ich so beneide, nicht auch Ähnliches empfinden und es nur anders mit sich austragen, ihre Ängste also weniger sichtbar werden lassen. Vor allem aber frage ich mich, ob meine Ängste nicht vielleicht ein wichtiger Teil von mir sind, sogar einer, der ausmacht, wer ich bin. Sicher, häufig empfinde ich sie als Last, als Blockade, andererseits sind sie in vielen Situationen Ansporn und Motor. In gewisser Weise sind sie womöglich auch ein Grund dafür, dass es Menschen gibt, die mich mögen. So, wie ich bin, mit all meinen Ängsten und Unsicherheiten.

Und wovon träumen Sie? Wenn Sie morgens aufwachen – an welchen Traum erinnern Sie sich? Schicken Sie uns eine Mail an traum@zeit.de. Eine Auswahl der Einsendungen veröffentlichen wir im April

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Leserkommentare
  1. Es macht Tom so authentisch, wenn er über die eigenen Ängste redet. Deshalb kann man ihn mögen - wie er ist.

    Tom's Erfolg ist nur logisch, denn Erfolg ist immer das, was er"folgt".

    2 Leserempfehlungen
    • Gex83
    • 25. März 2013 11:21 Uhr

    Nun, Angst haben wir in diesen unsicheren Zeiten alle. Aber bei einer Sache hast du doch schon den wichtigsten Schritt gemacht: Du hast dein Talent unter Beweis gestellt. Natürlich ist Schein oft mehr als Sein und nicht selten neigen wir nicht dazu andere Leute wegen der Art zu bewundern wie sie sind sondern wie sie scheinen. Doch ironischerweise hast du durch die Art wie du sein könntest bzw. den Schein auch bewiesen was du wirklich kannst. Zu beweisen was man wirklich kann ist in dieser Gesellschaft einer der wichtigsten Voraussetzungen. Da du ein guter Schauspieler bist, hast du das bewiesen. Andere müssen auf diese Chance warten.

    Ich habe mich bewusst für das Du entschieden da wir mehr oder weniger "zusammen" (bzw. entfernt) aufgewachsen sind. Aber es ist schön dass wir trotz eines Erfolges in der gleichen Welt leben. Das macht dich authentisch trotz aller Schauspielerei.

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  2. ich denke schon, dass jedermann Ängste hat, der Ziele verfolgt.
    Aber ich bin mir nicht sicher, ob es der Außenwelt nicht mit Ihnen genauso geht, wie umgekehrt.

    Sprich: Meinen Sie tatsächlich, dass Ihre Angst für andere sichtbar ist, solange Sie diese nicht, wie hierüber kund tun?

    Ihre Arbeit beeindruckt mich, auch in dem 3-Teiler, der letzte Woche lief, haben Sie wieder einmal bewiesen, dass Sie Klasse und Format besitzen.

    Ich kann mir vorstellen, dass die Arbeit als Filmdarsteller sehr schwer sein kann, da jeder einzelne Fehler auf Zelluloid festgehalten wird und jederzeit wieder betrachtet werden kann.
    Nichtsdestotrotz - sehen Sie ihre Angst als Triebfeder. Ich zumindest freue mich auf Ihre nächsten Projekte.

  3. Ein sehr schöner Text, der mir unheimlich viel Kraft gegeben hat. Anscheinend hat wirklich jeder solche Ängste. Man spielt sich ja immer gegenseitig vor, dass man keine Angst hat, das man entschlossen ist und zielgerichtet sein Ding macht, aber gerade bei Kreativität sind doch oft die schiefen Wege die richtigen oder sie können einen doch zumindest dahin führen.

    Danke.

    2 Leserempfehlungen
  4. Lieber Herr Schilling,
    ihre Rollen in Napola und “UMUV“ habe ich mit großer Begeisterung am Fernseher verfolgt.Sie gehören mit Fug & Recht zu den wenigen Jungschauspielern der wiedervereinigten Deutschland,die ihrer Kunst alle Ehre machen.
    Es ist vielleicht und gerade diese Verletzlichkeit und die ängstliche Miene in ihren Gesten, die ihrem Spiel eine besondere Note verleiht. Jedoch täten sie gut daran, die Ängste, die sie auch außerhalb ihrer Rollen plagen, nicht in eine Neurose ausarten zu lassen. Betrachten sie sie rein pragmatisch als Begleiter, dem sie sich nur gelegentlich zuwenden, um zu sich selbst zu finden, nicht aber als Teil ihrer selbst. Denn Ängste, diese archetypischen Relikte unserer Vorfahren, können gerade in ihrem Beruf zerstörerisch wirken.
    Also Kopf hoch, Tom !

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  5. angesichts der weit verbreiteten "Angsterkrankungen" ist es auch gut zu wissen, dass übermäßige Ängste nicht gleich einen Nachteil bedeuten müssen. Ob man Künstler oder "normaler" Berufstätiger ist - die Ängste treiben einen voran. Und die Offenheit bei diesem Thema könnte vielleicht das Selbst stärken und zum anderen dazu führen, dass man sich durch seine Ängste nicht isoliert fühlt.

  6. Es ist aufbauend, dass andere Menschen ähnliche Gedanken haben, vor allem solche, von denen man sagt sie haben es geschafft. Denn eigentlich bist du ja erfolgreich in deinem Beruf.
    Ich bin auch beim Film bzw studiere noch, aber habe auch oft Angst, dass irgendwann jemand merkt, dass ich eigentlich gar nichts kann, obwohl ich im Grunde nur positive Resonanz bekomme. Und ich im Grunde vermutlich doch etwas kann, aber die Unsicherheit ist oft da.
    Aber ich habe auch Angst, dass ich es nicht schaffe einen Job zu finden, von dem ich leben kann. Vielleicht ist das aber auch eine branchenspezifische Angst.
    Auf jeden Fall kann ich deine Zweifel an dir nicht bestätigen. Im Gegenteil, ich finde es wirklich toll, dass du einer der wenigen bist, die für qualitativ hochwertige Filme stehen und du nicht in jeder schrottigen Liebeskomödie ohne Inhalt dabei bist.
    Nutze deine Angst weiterhin als Antrieb, sie macht dich zu dem Menschen, der du bist.

    Eine Leserempfehlung
  7. Dies ist eine interessante Schilderung und dabei anerkennenswerte Selbstoffenbarung Tom Schillings. Interessant auf dem Hintergrund seines wirklich großen Erfolges – die Filmografie in Wiki ist beeindruckend.

    Mir ist Tom Schilling in zuerst in Napola und natürlich zuletzt in Unsere Mütter, unsere Väter aufgefallen - aufgefallen ist mir sein besonders differenziertes und in Phasen zurückhaltendes, gleichwohl hintergründig intensives Spiel. Das ist eine selten beherrschte Kunst. Und ich hatte mich gefragt, wieso ein so junger Mensch dies so scheinbar selbstverständlich ausdrücken kann. Die Antwort konnte ich jetzt erfahren. Danke dafür.

    Dass Tom Schilling, so wie ich ihn verstanden habe, einerseits sich gerne aus seinen Ängsten, Unsicherheiten in Richtung Leichtigkeit häuten würde, ist verständlich und ihm sicher zu wünschen – nur sie sind vermutlich wie er selbst schreibt „ein wichtiger Teil von mir sind, sogar einer, der ausmacht, wer ich bin“ - .
    Andererseits hypothetisch gefragt: Wäre er ohne sie – wer wäre er denn dann?

    Ich persönlich halte ein Leben für gelungen, wenn der Mensch sich mit seinen Schwächen versöhnt, sie aktiv in sein Leben integriert, sie dann womöglich als eher identitätsstiftenden Gewinn und weniger als Last erlebt. Bei dieser Arbeit können erlebnisorientierte Methoden wie das Psychodrama des von mir geschätzten J. L. Moreno hilfreiche Unterstützung bieten.

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  • Serie Ich habe einen Traum
  • Schlagworte Glück | Flugzeug | Herz | Karriere | Katastrophe | Motor
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