NEUBEGINN IM VATIKAN: Pontifex optimus
Der neue Papst passt in keines der vertrauten Raster. Das liegt mindestens so sehr an uns wie an ihm.
Ein Papst vom Ende der Welt, so hat er sich vorgestellt am Abend seiner Wahl auf dem Petersplatz. Und auch wenn er auf seine Herkunft von der Südhalbkugel mit einem Lächeln hinwies: Die Welt, ob gläubig oder nicht, muss nun mit dem wahrhaft ersten Papst des 21. Jahrhunderts klarkommen. Erstmals wird die älteste Institution des Abendlandes nicht von einem Mann aus ihrem bisherigen Zentrum bestimmt, was auch Nichtgläubigen eine Ahnung gibt von der Weltbühne von morgen. Auf der beansprucht der Süden die Rolle, die er sich über das 20. Jahrhundert erarbeitet hat. Auch so gesehen ist Papst Franziskus tatsächlich Franziskus I.
Der Wechsel von Joseph Ratzinger zu Jorge Mario Bergoglio wird mindestens so sehr ein Test für die Welt wie für den Mann, der über Nacht Oberhaupt einer Kirche von 1,2 Milliarden Gläubigen geworden ist. In knapp einer Woche hat der Geistliche aus Buenos Aires, äußerlich eher unscheinbar, schon einiges an alter Ordnung durcheinandergewirbelt, innerhalb wie außerhalb des Vatikans.
Die Kurie erlebt einen Franziskus, der täglich seine eigenen Legenden schreibt: Da ist der Pontifex, der seinen Koffer persönlich im Hotel abholt und der bei der Telefonvermittlung anruft, wenn ihm eine Durchwahl fehlt. Und wie schon zu Zeiten des heiligen Franz von Assisi zeigt sich im Zeitalter von Facebook und YouTube: Gesten senden manchmal stärkere Botschaften als Worte.
Auch sonst spricht viel dafür, dass hier einer mit seiner ganz persönlichen Kurienreform schon begonnen hat: Franziskus, der Unberechenbare, beunruhigt die Gemüter in Rom – und mancher Kuriale hofft inständig, dass das Wort von der "armen Kirche für die Armen" so wörtlich nicht gemeint ist.
Vor allem aber zeigt die Betonung der Armut durch den Mann von der Südhalbkugel, dass ein kirchlicher Klassiker neue Kraft bekommt: das Bekenntnis zu den Schwachen, die Skepsis gegenüber den Starken. Ähnlich beim Schutz der Schöpfung: Was manchmal als westliches Luxusprojekt fürs Grüner Wohnen daherkommt, klingt bei Franziskus nach existenzieller Elendsabwehr für Erdteile, wo Wasser wirklich verschmutzt ist und Fabriken eine Pest sind.
Ist Franziskus darum ein rot-grüner Papst? Nein, eine Zumutung wird Franziskus nicht allein für die Apparatschiks im Apostolischen Palast werden. Ein Papst aus der Dritten Welt hält nicht zwingend bereit, was deutsche Dritte-Welt-Gruppen sich von ihm erwarten. Hier steht ein Papst, der gern vom Teufel redet, der sich in der Demokratie kulturkämpferisch zeigte und in der Diktatur geschmeidig. Hier zieht ein Kardinal in Rom ein, der anderes politisches und womöglich auch theologisches Gepäck mitbringt, als man es sich in Freiburg, Krakau oder Florenz zulegt.
So breit also in der Öffentlichkeit der Wunsch war, auch einmal einen Kandidaten von außerhalb Europas im Konklave gewinnen zu sehen, so wenig wirkt der Westen innerlich gewappnet für die Positionen oder auch nur Kategorien, mit denen er sich künftig konfrontiert sieht: Worauf soll sich das Urteil über Franziskus stützen?





Sehr geehrter Herr Schwarz, liebe ZEIT-Redaktion,
zwei Punkte zu "Pontifex optimus":
1. Es ist m.E. unnötig, eine Einschätzung des neuen Amtsinhabers zu veröffentlichen, wenn keine oder nur sehr dünne Fakten vorliegen. Der Großteil des Artikels ist höchst spekulativ.
2. Daß es bereits ausreicht, daß Franziskus "seinen Koffer persönlich im Hotel abholt und ... bei der Telefonvermittlung anruft, wenn ihm eine Durchwahl fehlt" um Legenden zu schreiben, erlaubt Rückschlüsse darauf, welche Banalitäten im Verhalten eines potentiellen Jesus ausgereicht haben, um vor 2000 Jahren "Legenden" zu bilden, auf denen heute die Kirche ruht.
Zum Abschluß eine ernst gemeinte Frage: was läßt vermuten, "dass er ein ungewöhnlicher Mann sein könnte", alleine dadurch, daß "er am Balkon des Petersdoms stand, schwieg, wartete und lächelte"?
Mit besten Grüßen
Joachim Schneider
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