Menschen ändern ungern ihre Meinung. »Instinktfalle« nennen das die Neurologen, und sie haben herausgefunden, dass wir nicht nur gern unseren einmal gewonnenen Erkenntnissen und Verhaltensweisen vertrauen. Wir bleiben oft sogar dann bei der ursprünglichen Meinung, wenn viele Fakten dagegensprechen. Noch schwerer fällt uns der Meinungswandel, wenn das neue Wissen negative Folgen für uns haben könnte: Wenn wir uns beispielsweise die beängstigende Tatsache eingestehen, dass die Schätze der Erde nun mal endlich sind – und deshalb unseren Lebenswandel ändern und ein paar lieb gewonnene Verhaltensweisen aufgeben müssten. Lieber suchen wir mit viel Mühe alle möglichen Beweise, um unsere alte Einstellung zu verteidigen.

Seine Meinung ändern, dazu gehört offensichtlich viel Mut. Doch den beweisen in der Debatte um die Zukunft des Wirtschaftswachstums bisher nur wenige. Anders ist kaum noch zu erklären, dass der Satz »Die Wirtschaft kann nicht ewig weiterwachsen« reflexhafte Abwehrreaktionen auslöst. Vor allem unter älteren Wirtschaftswissenschaftlern, Politikern jeglicher Couleur und auch unter den meisten Journalisten. Die Angst vor dem Weniger ist offensichtlich so groß, dass einfach nicht sein kann, was nicht sein darf.

Die Diskussion über die Geschichte von Jan Müller zeigt das exemplarisch. Der Jugendliche wurde kürzlich im Dossier dieser Zeitung erfunden, um von der Hoffnung zu erzählen, dass sich menschliches Verhalten in einer neuen Generation sehr wohl grundsätzlich verändern kann. Denn Jan will später, als Erwachsener, andere Dinge als seine Eltern, vor allem will er weniger, weil er als Kind schon viel hatte. Und weil er bereits im Kindergarten gelernt hat, dass Autos den Klimawandel beschleunigen. Auch arbeitet er lieber weniger und verbringt mehr Zeit mit Freunden, statt für ein eigenes Auto zu schuften. Es reicht ihm, manchmal eins benutzen zu können. Wenn viele weniger konsumieren, so wie Jan, könnte die Erde für alle reichen – alle hätten durch das Weniger mehr.

Ein ZEIT-Wirtschaftsredakteur hielt in einer der folgenden Ausgaben dagegen: Nach seiner Vorstellung wird der junge Mann erwachsen und verwandelt sich langsam, aber sicher in einen Homo oeconomicus. Das ist der Modellmensch, anhand dessen die meisten Ökonomen so gern und so fürchterlich eindimensional das Handeln der Menschen beschreiben: Jan zieht aus, verdient Geld, will mehr haben und erleben und treibt so, ohne es zu wissen, als Konsument und Produzent das Wirtschaftswachstum an.

Vielleicht nicht so stark wie seine Eltern, das immerhin räumt der Autor ein. Dieser Jan reist zwar gern, kauft aber immer noch kein Auto. Die Ökonomen würden sagen, er dematerialisiert einen Teil seiner Bedürfnisse. Er braucht mehr Dienstleistungen und weniger Güter. Und weil sich viele aus seiner Generation ähnlich verhalten, wächst die Wirtschaft auch weniger schnell als in der Vergangenheit. Trotzdem, so schlussfolgert der Autor, bleibe alles irgendwie beim Alten: Durch Jans Bedürfnisse entstehen weiter neue Angebote, nur andere. Am Ende löst sich vielleicht sogar das ein oder andere Umweltproblem, weil Jan oder einer seiner Kumpels weiter Neues erfindet.

Wenn die deutsche Wirtschaft nicht wächst, dann gibt es Ärger

Eine schöne heile Welt ist das und ein Zukunftsglaube, der einen sprachlos macht. Nehmen wir tatsächlich an, dass Jan anders leben wird. Seine Freundin Anna bekommt ein Kind, doch die kleine Familie zieht nicht ins Grüne. Sie bleibt in einem Wohnprojekt in der Stadtmitte wohnen und braucht deswegen weniger Zimmer als noch die Eltern – auch weil sie manche Räume gemeinsam mit anderen nutzt. Sie braucht kein Auto, der vegane Supermarkt ist gleich um die Ecke und die Kita auch. Jan und seine Freundin können und wollen es sich sogar leisten, nur halbe Tage zu arbeiten: Sie sind gut ausgebildet und gehören zur begehrten Generation Y, die sich ihre Arbeitgeber aussuchen kann. Einfach, weil es so wenige von ihnen gibt. Also haben beide gute Jobs, aber auch viel Zeit für die Kinder. Dafür, ihr Fahrrad selbst zu flicken und Klavier zu spielen. Und weil viele ihrer Generation so wie Jan und Anna leben, wirkt sich das tatsächlich auf die Wirtschaft aus. Die wächst langsamer, weil der Binnenkonsum stagniert. Aber auch die Exporte nehmen ab. Schließlich produzieren die wenigen Jans mit ihren Halbtagsjobs nicht mehr so viel, und selbst die vielen neuen Techniken und Produktionsverfahren können das nicht wettmachen. Also wächst Deutschlands Wirtschaft tatsächlich irgendwann kaum noch.

Nur, das bleibt nicht einfach folgenlos. Schwierig wird es plötzlich in der Kita. Dort streiken die Erzieherinnen, denn ihr ohnehin niedriges Gehalt soll gekürzt werden. Schließlich nimmt die Stadt weniger Steuern ein. Wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst, wächst ja auch das Steueraufkommen nicht. Außerdem haben die Politiker in der Vergangenheit viele Schulden gemacht, also bleibt nun kaum noch Geld für die öffentlichen Angestellten. Der Seniorentreff, in dem Jans Vater immer Schachpartner gefunden hat, muss geschlossen werden. Und das Geld, mit dem die Schulen wärmegedämmt werden sollten, ist auch nicht mehr da. Von den geplanten Solarpanels auf dem Dach redet schon lange keiner mehr. Kurz: Alle, die sich in den vergangenen Jahrzehnten daran gewöhnt haben, mehr zu verteilen, müssen auf einmal das Weniger verwalten. Sie müssen darüber streiten, wofür noch Geld da ist und wofür nicht. Sicher, Jan hätte jetzt zwar Zeit, sich ehrenamtlich in der Kita zu engagieren und mit seinem Vater öfter Schach zu spielen. Aber eigentlich hat er dazu keine Lust: Wozu haben wir einen Sozialstaat, denkt er sich.