ArbeitsorganisationDas Zitat... und Ihr Gewinn bedient wird

Honoré de Balzac sagt: Die Bürokratie ist ein gigantischer Mechanismus, der von Zwergen bedient wird. von 

Wer behauptet, die deutsche Wirtschaft wachse zu langsam, übersieht einen wuchernden Tumor: die Bürokratie. Das Berichtswesen entwickelt sich zum Unwesen, die standardisierten Prozesse fressen die Arbeitszeit, Formulare nagen an den Nerven der Mitarbeiter. Und das Controlling schafft es, Ergebnisse nicht mehr nur zu kontrollieren, sondern vorauseilend zu verhindern. Der Angestellte fühlt sich als Zwerg, der einen eigenen gigantischen Mechanismus bedient (wie Balzac das formuliert).

Was früher eine Sache von zwei Minuten war, etwa ein Anruf beim Lieferanten, um Spezialteile zu bestellen, wird vom Prozesssystem zum Staatsakt aufgeblasen. Zum Beispiel kenne ich einen Konzern, der eine Mindestsumme definiert hat, die seine Lieferanten an jährlichem Lieferwert erreichen müssen. So sind etliche Spezialzulieferer, die dringend benötigt wurden, aus dem Prozesssystem herausgefallen.

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Den verzweifelten Mitarbeitern blieb nur ein Trick: Sie regten die kleinen Lieferanten an, größere Firmen als Strohmann zu nutzen und unter deren Namen zu liefern. Das bedeutete erheblichen Organisationsaufwand. Und die Preise stiegen, weil nun zwei Zulieferer verdienen wollten. Dem Prozesssystem war das egal – solange der Lieferant seinen Mindestlieferwert überschritt.

Martin Wehrle
Martin Wehrle

Der Coach Martin Wehrle ist Autor mehrerer Karrierebücher und gibt jede Woche Karrieretipps in der Kolumne "Das Zitat und Ihr Gewinn".

In anderen Firmen müssen Vertriebsmitarbeiter lange Berichte über Kundenbesuche schreiben, bestimmte Kilometerzahlen bewältigen und sich eine ständige GPS-Überwachung gefallen lassen. Es ist ein Witz: Statt Verkäufer einfach verkaufen zu lassen, statt sie an Zahlen und zufriedenen Kunden zu messen, werden ihnen bürokratische Hindernisse in den Weg gestellt. Ich kenne Vertriebler, die ihren Beruf ergriffen haben, weil sie mit Menschen zu tun haben wollten. Jetzt werden sie zu Verwaltern gemacht. Für den Kunden bleibt kaum mehr Zeit. Darunter leidet die Motivation. Und mit ihr leiden die Verkaufszahlen.

Wie wäre es, wenn die Firmen eine Initiative "Stoppt die Bürokratie!" starten und ihre Mitarbeiter einladen würden, Vorschläge zum Abbau unnötiger Formalien und Prozesse einzureichen? So ließen sich Milliarden sparen. Fangen Sie bei Ihrem Arbeitsplatz an: Machen Sie Vorschläge, wie sich die Bürokratie verkleinern und die Effektivität vergrößern ließe. Am besten mündlich gegenüber Ihrem Vorgesetzten – denn bis Ihr offizieller Verbesserungsvorschlag im Dschungel der Bürokratie geprüft wäre, könnten Sie schon in Rente sein...

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Leserkommentare
  1. "Das Zitat... und Ihr Gewinn bedient wird" ???

  2. Ja, ja, so ist es in Zeiten des absurden Controllings. Was habe ich schon alles an unsinnigem Zeugs machen müssen, damit sich die Herren Controller befriedigt sahen.

    Und dieses unsinnige Zeug führt nur dazu, dass man sich Wege überlegt, wie man die Herren Controller befriedigt und trotzdem zu seiner eigentlichen Arbeit kommt.

    Dieses Controlling dient doch meist nur dazu, dass der Controller und der, der ihn beauftragt hat, nach noch weiter oben absichert. "Sehr her, ich habe alles getan, dass meine Leute funktionieren. Wenn jetzt die Zahlen nicht stimmen, liegt es nicht an mir.".

    Und genau dieses "Absichern" nach oben ist das, was einem von der eigentlichen Arbeit abhält. Jeder ist nur noch damit beschäftigt, seinen A***h abzusichern. Nach dem Motto: Ich war`s nicht!

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  3. Leider kann ich diesen Artikel aus eignem, leidgeprüftem Erleben nur bestätigen. Ein Übermaß an Kontrolle, die mit dem Anspruch antritt die Ergebnisse zu verbessern, verhindert durch den sich damit verbindenden Aufwand die Absicht derentwegen sie geschaffen wurde. Zuletzt fokussiert man auf Fügsamkeit um seinen Frieden mit dem Moloch zu machen. Der eigentliche Anspruch des Unternehmens Kunden preiswerte Produkte zu liefern um in der Gunst von Kunden und Lieferanten zu steigen, interessiert nicht mehr.

    3 Leserempfehlungen
    • xNCx
    • 21. April 2013 10:20 Uhr

    wir zertifizieren uns zu tode.
    Oder auch, wir sterben, aber zertifiziert.
    Die Forscher an der Uni arbeiten jetzt auch exzellent.
    Also sie Schreiben exzellente Anträge und weisen exzellent Forschungsergbnisse nach.

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  4. ...wie kam es denn zum Pferdefleischskandal? Oder zum BER?
    Bevor man das Kind mit dem Bade rauswirft sollte man bedenken das Controlling auch seine guten Seiten hat - wenn man es nicht übertreibt!

  5. definitiv zu viel Empirie. Aber die gelehrten Statistiker sind halt so stolz darauf, mit Kuchen- und Balkendiagrammen zu beweisen, dass man irgendwo noch einsparen, verzeihung, opimieren kann. Mal abwarten wann sie herausfinden, was viele schon ahnen: die Statistiker kann man auch einsparen.

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  6. Sicher beschreibt der Autor vieles richtig. Wenn er aber die staatliche Monsterbürokratie und die öffentliche Verschwendung betrachtet, wird ihm das hier richtig beschriebene, absolut lächerlich erscheinen.

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Luhmann sieht den Unterschied zwischen hoheitlicher Verwaltung und der Verwaltung eines Unternehmens in der unterschiedlichen Zwecksetzung.
    Hoheitliche, d.h. staatliche Verwaltung bezieht ihre Macht daraus, dass Menschen sich ihr anpassen. Ihr Erfolg liegt im Machterwerb.
    Betriebswirtschafliche Verwaltung lebt von der Fähigkeit sich dem Kunden anzupassen, andernfalls man mit gravierenden Wettbewerbsnachteilen zu kämpfen hat.

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  • Serie Das Zitat und Ihr Gewinn
  • Schlagworte Karriereberatung | Karriere | Bürokratie | Arbeit | Arbeitsbedingungen
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