DIE ZEIT: Herr Schneider, Mobilität galt lange als der Inbegriff von Freiheit und Unabhängigkeit. Ist das heute noch immer so?

Norbert Schneider: Zum Teil, ja. Meist werden aber die Risiken, die Mobilität mit sich bringt, außer Acht gelassen.

ZEIT: Sie forschen seit vielen Jahren zum Thema Pendeln und berufliche Mobilität. Auf welche Risiken sind Sie dabei gestoßen?

Schneider: Zum Beispiel sind Frauen, die pendeln oder beruflich viel unterwegs sind, nicht nur häufiger kinderlos und seltener verheiratet – der Zusammenhang ist noch direkter: Wenn Frauen Kinder bekommen, hören sie eher auf, mobil zu sein – und nehmen damit Karriererisiken in Kauf. Bei Männern hingegen konnten wir feststellen: Verheiratete Männer und solche mit Kindern sind im Durchschnitt genauso oft beruflich mobil wie ledige, kinderlose Männer. Und wenn sie Vater werden, ändert sich auch nichts an ihrer beruflichen Mobilität. Die gesellschaftliche Folge: Je mehr Mobilität es gibt, desto eher zementieren wir über Elternschaft unterschiedliche Karrierechancen für Männer und Frauen.

ZEIT: Das Gegenteil von der überall angestrebten Gleichheit zwischen den Geschlechtern.

Schneider: Genau. Und ganz unabhängig von der Geschlechterfrage wird Mobilität inzwischen nicht mehr durchgehend als Garant für Freiheit und Unabhängigkeit wahrgenommen. Wir haben die Menschen gefragt, ob ihre Mobilität opportunity-driven ist, ihnen also neue Möglichkeiten eröffnet, oder ob sie sie eher als survival-driven empfinden, also dem Umstand geschuldet, dass sie im Grunde gar nicht anders können, als mobil zu sein, weil sie sonst im Job oder Privatleben Nachteile haben. Ein Drittel hat survival-driven angegeben. Das heißt, jeder dritte beruflich Mobile ist quasi zwangsmobilisiert. Für diese wachsende Zahl von Menschen ist Mobilität weniger Freiheit als Bedrohung.

ZEIT: Wie definieren Sie berufliche Mobilität? Jemand fühlt sich vermutlich nicht bedroht oder eingeschränkt, wenn er 20 Minuten mit dem Bus oder Auto zur Arbeit fährt.

Schneider: Nein, wir betrachten nur verschiedene Formen intensivierter Mobilität. Damit ein Pendler als beruflich mobil gilt, muss er oder sie mindestens eine Stunde für den einfachen Weg von Tür zu Tür brauchen, also zwei Stunden täglich unterwegs sein, an mindestens drei Tagen pro Woche. Zu diesen sogenannten Fernpendlern gehören sieben Prozent aller Erwerbstätigen.

Davon zu unterscheiden sind die Wochenendpendler. Das sind Menschen, die nicht täglich nach Hause zurückkehren, sondern längere Zeit abwesend sind und drei, vier, fünf Tage pro Woche am Stück am Arbeitsort verbringen. Ein Beispiel wäre jemand, der seine Familie in Nürnberg hat und dort lebt, aber unter der Woche in München arbeitet und wohnt. Diese Gruppe macht zwei Prozent aus. Und schließlich die drei Prozent Dienstreisenden, die mindestens 60 Nächte im Jahr berufsbedingt von zu Hause abwesend sind, aber an wechselnden Orten.

Neben diesen verschiedenen Formen des Pendelns betrachten wir noch Formen der Umzugsmobilität, in denen Menschen berufsbedingt ihren Wohnort wechseln. In der Summe kommen wir zu dem Ergebnis, dass gegenwärtig jeder fünfte Erwerbstätige beruflich mobil ist. Auf einen Lebenslauf betrachtet, bedeutet das: Jeder zweite Erwerbstätige war während seines Berufslebens mindestens einmal in einer dieser Formen beruflich mobil.

ZEIT: Was hat das für Folgen?

Schneider: Die Risiken in den Bereichen Gesundheit, soziale Integration und Familienleben wachsen. Pendler sind dabei am stärksten belastet, das gilt insbesondere für Fernpendler. Bei ihnen haben wir ein erhöhtes Gesundheitsrisiko festgestellt. Pendeln selbst macht zwar nicht krank, aber die Risiken, krank zu werden, sind erhöht. Pendler fühlen sich signifikant häufiger gestresst als der Rest der Bevölkerung, besonders wenn sie nicht in Gleitzeit arbeiten. Solange sie das Gefühl haben, die Kontrolle über die Zeit zu haben, hält sich der Stress noch in Grenzen.

Wenn ich als Pendler aber unvorhergesehen im Stau stehe oder wenn der Zug Verspätung hat und der Anschlusszug verpasst werden könnte, entstehen typische Situationen mit Kontrollverlust. Gerade dann entstehen enorme Stressspitzen. Einer britischen Studie zufolge haben Pendler sogar höhere Stressspitzen als Jetpiloten im Kampfeinsatz. Medizinisch äußert sich das erst mal unspezifisch: Bei Pendlern finden sich häufiger Rückenschmerzen, Verspannungen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen. Außerdem haben Pendler weniger Zeit für die Gesundheitsvorsorge, weil sie seltener zum Arzt gehen. Und dadurch erhöht sich auch das Risiko für verschiedene körperliche Krankheiten, die bei anderen oft früher erkannt werden.

ZEIT: Welche sozialen Folgen hat berufliche Mobilität?

Schneider: Mobilität kann sozial desintegrierend wirken. Hier sind besonders die Wochenendpendler betroffen: Die Wahrscheinlichkeit ist erhöht, dass man sozial außen vor ist. Denn Wochenendpendler pendeln im Prinzip zwischen zwei Welten, in denen sie nicht voll integriert sind. Diese Folgen der Mobilität werden auch von staatlicher und gesellschaftlicher Seite unterschätzt. Laut Gesetz ist es für einen Arbeitslosen zumutbar, wenn er für einen neuen Arbeitsplatz vier Stunden täglich pendeln muss.