Ich war in Indien bei einem Kongress für Familienunternehmen, als mich die Abstimmungsergebnisse vom 3. März erreichten: Der Familienartikel scheitert am Ständemehr, die »Abzocker-Initiative« wird mit 68 Prozent angenommen, und wir werden keine Olympischen Spiele feiern. Kurz darauf trudelte eine SMS nach der anderen ein. »Was ist bloß los mit der Schweiz?«, fragte etwa ein Freund, der viele Jahre in unserem Land gelebt hatte.

Das frage ich mich auch. Was ist geschehen, dass sich eine große Mehrheit der Stimmenden von der Wirtschaft abwendet und der Wirtschaftselite einen überdeutlichen Denkzettel verpasst? Warum scheitert zudem eine Vorlage, die eine Selbstverständlichkeit fördern will, nämlich dass Familien und insbesondere Frauen frei darüber entscheiden können, wie sie ihr Familien- und Berufsleben organisieren wollen? Und warum verweigert sich das weltoffene, sportbegeisterte Bündnerland Olympischen Spielen?

Auf den ersten Blick haben die Themen keinen inneren Zusammenhang – und doch gibt es Gemeinsamkeiten. Der Schweiz fehlt ein verbindendes Projekt, zwischen der globalisierten Wirtschaftselite und der Gesellschaft findet eine Entfremdung statt, und der Graben zwischen der urbanisierten und ländlichen Schweiz öffnet sich weiter.

Die Welt hat uns belächelt. Niemand konnte nachvollziehen, warum wir auf sechs Wochen Ferien verzichteten und die 40-Stunden-Woche ablehnten. Heute beglückwünscht sie uns für den Mut, der »Abzockerei« einen Riegel zu schieben. Sollen wir uns über diesen Applaus freuen? So populär und populistisch es ist, gegen »Abzocker« zu schimpfen, so wenig hat die Wahrnehmung mit der Realität zu tun. Eine ganz kleine Gruppe wird von den Medien zum Sinnbild für die gesamte Wirtschaft gemacht. Man empört sich lieber, als nüchtern festzuhalten, dass sichere Arbeitsplätze, ein hohes Steueraufkommen und die Wohltaten des Sozialstaats von vielen Unternehmerinnen und Unternehmern geschaffen werden, die alles andere als »Abzocker« sind.

Wer weiß schon, dass nicht große Publikumsgesellschaften, sondern Familienunternehmen den Hauptharst der Wirtschaftsleistung erbringen? Sie sind verantwortlich für 60 Prozent des Bruttosozialprodukts und beschäftigen zwei Drittel aller Erwerbstätigen in der Schweiz. Wie häufig ist in den Medien davon die Rede, dass einige der wichtigsten Philanthropen in der Schweiz aus diesen Unternehmerfamilien stammen und Milliarden in Projekte investieren, um die sich weder der Staat noch die Wirtschaft kümmert? Vielleicht liegt es daran, dass sich Unternehmer wie Peter Spuhler nicht mehr die politische Ochsentour antun wollen und so die Stimme der Wirtschaft in der Politik verstummt.

Familienunternehmen sind die Stütze der Wirtschaft. Sie wissen, welche Verantwortung Eigentum mit sich bringt, sie wissen, was Nachhaltigkeit ist, weil Kontinuität und Tradition Werte sind, auf die sie ihre Entscheide abstützen. Sie sind aber auf politische Kontinuität und Rechtssicherheit angewiesen.

Damit sie auch in Zukunft noch darauf bauen können, sind Familienunternehmen mehr denn je gefordert, wieder eine wichtigere Rolle zu spielen, Kitt zu sein zwischen der wirtschaftlichen Elite und der Gesellschaft. Unternehmer müssen wieder sichtbarer werden, indem sie sich in Politik und Gesellschaft engagieren und exponieren, und so das Vertrauen der Gesellschaft zurückerlangen.

Ich leiste meinen Beitrag, weil ich an das liberale Wirtschaftsmodell der Schweiz glaube, das Eigenverantwortung über staatliche Eingriffe stellt, und weil ich meine, die enge Verbundenheit zwischen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft ist essentiell für das Wohlergehen des ganzen Landes. Wir können es uns nicht leisten, die unternehmerische Initiative durch staatliche Überregulierung zu ersticken. Soziale Wohltaten einzufordern, gleichzeitig aber jenen Knüppel zwischen die Beine zu werfen, die diesen Wohlstand erschaffen, ist ein Widerspruch in sich selber.

Der Denkzettel des Souveräns ist angekommen. Nun wünsche ich mir, dass wieder die typisch schweizerische Weitsicht regiert und dass wir wieder mehr das Miteinander als das Gegeneinander betonen.