CohousingDie neuen Kommunen

In neuen Formen gemeinschaftlichen Wohnens soll für Städter die dörfliche Idylle wiederauferstehen.

Bewohner der Wohnsiedlung Lebensraum in Gänserndorf, Niederösterreich

Bewohner der Wohnsiedlung Lebensraum in Gänserndorf, Niederösterreich

Im großen Wohnzimmer stehen 25 Menschen im Kreis, halten einander an den Händen und schweigen. Männer und Frauen, Alte und Junge im Poloshirt, Trainingsanzug oder Kapuzenpullover. Uschi Pollanka, eine Mittfünfzigerin mit Krausehaar, hat heute süßen Nudelauflauf gekocht. »Ich hoffe, es ist genug für alle da«, sagt sie und wünscht: »Guten Appetit!«

Der Kreis löst sich auf. Keine Minute dauert das Ritual, das sich viermal die Woche wiederholt, von Montag bis Donnerstag, immer um sieben Uhr abends im Gemeinschaftshaus der Wohnsiedlung Lebensraum in Gänserndorf, nördlich von Wien. Die Menschen, die da so vertraut nebeneinander an den Tischen sitzen, sind nicht bloß Nachbarn. Sie sind ein Ernährungskollektiv. Wer mitessen will, muss einmal im Monat einkaufen und kochen. Die restlichen Tage nimmt man einfach am gedeckten Tisch Platz. »Wir können uns gar nicht mehr vorstellen, woanders zu wohnen«, sagen Uschi und ihr Mann René, der früher nie am Esskreis teilnehmen wollte. »Das ist mir befremdlich vorgekommen, fast wie beten«, sagt er. Inzwischen habe er sich daran gewöhnt: »Es gibt der Gruppe ein wirklich gutes Vertrauen zueinander.«

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Ein Haus in einer ruhigen Nachbarschaft, ein Auto in der Garage, ein Rasenmäher und ein Pool – so sieht der Traum der Mittelstandsfamilie aus. Die Siedler in Gänserndorf sehen das anders. Eine teure Verschwendung sei es, wenn jeder alles haben muss, wo man doch teilen könne.

In ihrem Lebensraum wohnen seit 2004 rund zwei Dutzend Familien zusammen. Es war das erste derartige Projekt in Österreich. Die Siedlung wurde von ihren Bewohnern selbst erdacht, geplant, finanziert und gebaut.

Cohousing nennt sich diese Form gemeinschaftlichen Wohnens, die ursprünglich in Dänemark entstand und mittlerweile nicht nur in Skandinavien, sondern auch in den USA weit verbreitet ist. Sie richtet sich vor allem an Städter, die der Anonymität urbaner Wohnformen entfliehen wollen. Kinderwunsch, Wohnungsknappheit und steigende Mieten lassen viele Familien über alternative Strukturen des Zusammenlebens nachdenken. Je nach Auslegung des weitgespannten Begriffs gibt es in Österreich bereits fünf bis zehn fertiggestellte Cohousing-Siedlungen, eine Reihe weiterer Projekte befindet sich in unterschiedlichen Planungsstadien – darunter auch eine Siedlung auf dem burgenländischen Friedrichshof, wo einst der wilde Kommunarde Otto Muehl ein Paradies sexueller Freizügigkeit verwirklichen wollte. Von solchen aufrührerischen Ideen sind heute die Nachfahren allerdings meilenweit entfernt.

Bei der Kinderbetreuung hilft man sich

Die Lebensraum-Siedlung zeigt, wie Cohousing funktionieren kann, wenn alles klappt. Sie besteht aus 32 hausähnlichen Wohneinheiten, die durch überdachte Gänge mit einem Gemeinschaftsraum verbunden sind. Hinter den Wohngebäuden liegt der zwei Hektar große Garten. Im Sommer erstreckt sich hier ein Freizeitparadies: links ein Schwimmbecken und ein Kinderspielplatz, rechts ein Beachvolleyball-Platz, dahinter ein Fußballfeld, eine Festbühne und rund 1.000 Quadratmeter Gemüsegärten. Im Sommer vergangenen Jahres kam ein Hühnerstall hinzu. Dort legen nun fünf Hennen vorläufig höchstens sechs Eier pro Woche.

Das kollektive Idyll erinnert ein wenig an das Ideal einer Kommune aus der Hippiezeit, wo sich alles im Gemeinschaftsbesitz befinden sollte. Die Siedler von Gänserndorf hören das nicht gern. Denn bei ihnen basiert das Zusammenleben gleichermaßen auf Freiwilligkeit wie auf Privatbesitz. Wer bei gemeinsamen Aktivitäten nicht mitmachen will, muss es nicht. Verpflichtend ist nur, sich für die Gebäudeerhaltung zu engagieren.

Barbara Helm und ihr Mann zogen 2004 mit ihrer damals zweijährigen Tochter als eine der ersten Familien in das Wohnprojekt ein. »Wir waren nicht glücklich mit dem Gedanken, unsere Kinder in Wien aufzuziehen«, sagt die 39-jährige Kindergartenpädagogin. »Als wir unterschrieben, war ich mit unserem zweiten Kind schwanger. Ich wollte nicht alleine mit dem Kind daheim in einer Stadtwohnung sitzen.«

Gemeinschaftliches Wohnen kommt gerade bei jungen Familien und Alleinerziehenden gut an. Bei der Kinderbetreuung hilft man sich gegenseitig. »Das ist hier schon sehr viel einfacher zu organisieren. Man braucht nur die Tür aufzumachen, und schon trifft man jemanden«, sagt Helm. Die Nachfrage potenzieller Zuzügler ist groß: Für jede frei werdende Wohneinheit gibt es eine Warteliste mit bis zu 70 Interessenten.

Leser-Kommentare
  1. "der moderne Spießer trägt Jutebeutel und Blech im Gesicht- garniert wird das Ganze durch die Intoleranz gegen andere Lebensentwürfe"

    prinzipiell möchte ich dieses Projekt nicht kritisieren.
    Die Lebenslogik , welche es repräsentiert dann schjon . Ein sorgloser Paternalismus und Etatismus bricht sich in der modernen saturierten Ökobewegung Bann.
    Schön, wenn man über den Dingen steht, dass man sich um die Produktion des zu verteilenden WOhlstandes keine Sorgen machen muss.
    Dafür hat man ja die Anderen

    4 Leser-Empfehlungen
  2. Nicht wirklich. Es sei denn, die Menschen machen Ernst, aber dann heißt es kein Smartphone, Internet, Wegwerfwindel, Pflaster, Biolimonade mehr.

    Subsistent würde nur gewirtschaftet, wenn die Bewohner einer solchen Siedlung keinem anderen Beruf nachgehen würden. Aber das grade ist ja nicht das Ziel, so wie es den Personen im Artilkel in den Mund gelegt wird.
    Und dann dürfte der Staat konsequenter Weise auch zum Beispiel keine Krankenversicherung mehr gewähren, denn wer subssitent wirtschaftet, erwirtschaftet kaum Überschuss und nimmt damit nicht am Wirtschaftskreislauf teil, kann also nicht seinen Teil des Risikos tragen.
    Entweder ist dies ein Fehler, der dem Autoren unterlaufen ist, oder aber, es passiert genau dass, was bei anderen Mehrgenerationenpürojekten etc.bemängelt wird: Etikettenschwindel.

    Das ganze ist meiner Meinung nach interessant, funktioniert aber nur, wenn man genügend Geld hat, denn echte Subsistenzwirtschaft macht keinen Spaß.
    Das Problem bei vielen solcher Projekte ist, dass dem Ganzen ein romantisch verklärtes Bild von der Natur und speziell von Landwirtschaft zu Grunde liegt.

    3 Leser-Empfehlungen
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    "Das Problem bei vielen solcher Projekte ist, dass dem Ganzen ein romantisch verklärtes Bild von der Natur und speziell von Landwirtschaft zu Grunde liegt."

    Rousseau lässt grüßen!

    "Das Problem bei vielen solcher Projekte ist, dass dem Ganzen ein romantisch verklärtes Bild von der Natur und speziell von Landwirtschaft zu Grunde liegt."

    Rousseau lässt grüßen!

  3. "Das Problem bei vielen solcher Projekte ist, dass dem Ganzen ein romantisch verklärtes Bild von der Natur und speziell von Landwirtschaft zu Grunde liegt."

    Rousseau lässt grüßen!

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    Antwort auf "Subsistenz? "
  4. "Kinderwunsch, Wohnungsknappheit und steigende Mieten lassen viele Familien über alternative Strukturen des Zusammenlebens nachdenken."

    Meinen Sie: Verarmung, Verarmung und Verarmung?

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  5. CoHousing - nach etwas weiterer Recherche (angeregt durch diesen Artikel), klingt das nach einer spannenden Idee mit viel Potential.

    Ich wohne selbst glücklicherweise in einem Mehrfamilienhaus mit relativ viel Kontakt zwischen allen Bewohnern. Und seitdem ich dieses "sich kennen & aktiv miteinander zu tun haben" wieder erlebe, möchte ich es kaum noch missen.

    Bei uns im Haus ist dies eher zufällig entstanden. Die Chancen von CoHousing sehe ich darin, die Ideen & Kräfte all der Menschen besser bündeln zu können. Wodurch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass lokale Projekte verschiedenster Art auch realisiert werden können. (Was dann gewiss auch der weiteren Umgebung Pluspunkte

    [Dementsprechend finde ich es schade, dass die ersten beiden Kommentatoren scheinbar auf einige Worte/Abschnitte des Artikels wie auf Trigger reagieren, um erstmal "wieder kritisieren zu können".

    Es wäre ja auch zu einfach, sich mal über einen positiven & inspirierenden Artikel zu freuen. Schade.]

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    Wer sich seiner Sache sicher ist, greift einen Kritiker nicht persönlich an, sondern dessen Argumente.

    Was ich schrieb, schrieb ich aus einer meiner Meinung nach rationaler Erwägung. Wenn Sie oder irgendjemand anders mir einen Fehler in der Gedankenkette nachweisen kann, dann bitte ich sehr darum, mir diesen mitzuteilen, ich will ihn ja nicht immer wieder machen.

    Sich einfach mal freuen, also einfach mal die Gedanken abschalten und das Schlucken, was politisch korrekt ist? Niemals!
    Nur in der Diskussion, im Vergleichen von Standpunkten und Austauschen von Argumenten kommen wir voran. Dem müssen sich auch Cohouser und andere Menschen, die neuartige Konzepte verfolgen, stellen, wenn sie ihre Idee auf eine öffentliche Plattforn bringen.

    Niemand hat die Weisheit mit der Suppenkelle gefressen und jedes Konzpet hat auch seine Fehler. Nur wer das akzeptiert und auch akzeptiert, dass es andere Meinungen gibt, kann wirklich etwas progressives, dauerhaften schaffen. Sonst gibt es nur eine weitere "Sekte".

    Ich wünsche den Leuten, dass sie es schaffen, eine dauerhafte gute Siedlung aufzubauen, nur mit blauäuiger "zurück zur Natur" Ideologie die im Text gegen Ende anklingt (nicht unbedingt explizit, das ist wahr) wird das nichts im größeren Maßstab, denn nur sehr sehr wenige Menschen können sich mit dem ungehuer harten Leben einer solchen Wirtschaft, die so gar nicht wie der Ferienbauernhof ist, auf unbestimmte Zeit anfreunden.

    Wer sich seiner Sache sicher ist, greift einen Kritiker nicht persönlich an, sondern dessen Argumente.

    Was ich schrieb, schrieb ich aus einer meiner Meinung nach rationaler Erwägung. Wenn Sie oder irgendjemand anders mir einen Fehler in der Gedankenkette nachweisen kann, dann bitte ich sehr darum, mir diesen mitzuteilen, ich will ihn ja nicht immer wieder machen.

    Sich einfach mal freuen, also einfach mal die Gedanken abschalten und das Schlucken, was politisch korrekt ist? Niemals!
    Nur in der Diskussion, im Vergleichen von Standpunkten und Austauschen von Argumenten kommen wir voran. Dem müssen sich auch Cohouser und andere Menschen, die neuartige Konzepte verfolgen, stellen, wenn sie ihre Idee auf eine öffentliche Plattforn bringen.

    Niemand hat die Weisheit mit der Suppenkelle gefressen und jedes Konzpet hat auch seine Fehler. Nur wer das akzeptiert und auch akzeptiert, dass es andere Meinungen gibt, kann wirklich etwas progressives, dauerhaften schaffen. Sonst gibt es nur eine weitere "Sekte".

    Ich wünsche den Leuten, dass sie es schaffen, eine dauerhafte gute Siedlung aufzubauen, nur mit blauäuiger "zurück zur Natur" Ideologie die im Text gegen Ende anklingt (nicht unbedingt explizit, das ist wahr) wird das nichts im größeren Maßstab, denn nur sehr sehr wenige Menschen können sich mit dem ungehuer harten Leben einer solchen Wirtschaft, die so gar nicht wie der Ferienbauernhof ist, auf unbestimmte Zeit anfreunden.

  6. Es ist bedauerlich, dass der Autor des Artikels durch die Wahl abschätziger oder hilfloser Begriffe einen normalen menschlichen Ansatz, eine selbst-organisierte Lösung von Problemen des täglichen Lebens, ideologisch schubladisiert.

    Einige hier reagieren daher aufs Stichwort, statt einfach mal mit Verstand zu lesen.

    Diese Wohnformen haben sehr wenig mit altem Öko-Komunen-Denken, Dorfidyll oder Biedermeier-Sehnsüchten zu tun. Man merkt sehr schnell einen eher pragmatischen und sozial kompententen Lösungsansatz gegen Probleme des täglichen Lebens in der Stadt.

  7. Gemeinsam geniessen – statt einsam verzichten; nicht bloss Wohnungen, sondern Nachbarschaften errichten: Das ist das Konzept von «Neustart Schweiz»: http://www.neustartschwei...

    Multifunktionale Nachbarschaften sind das logische Produkt der notwendigen ökologischen und sozialen Umgestaltung unserer Gesellschaft: Nachbarschaften sind die Basis zukunftsfähiger Lebensweisen.

    Warum muß in jeder Wohnung eine Waschmaschine stehen? Alternative: Nachbarschaftlich organisierter Waschsalon. Auf jedem Hof 6 car-ports? Alternative: Nachbarschaftlich organisiertes car-sharing. Jeder seine eigene Bohrmaschine, Stichsäge, ...die er einmal im Jahr verwendet?
    In nachbarschaftlich organisierte Verbrauchergemeinschaften können sich die Leute ihre Lebensmittel holen, sie können nachbarschaftlich Kinder und Altenbetreuung organisieren usw usf.
    http://www.neustartschwei...
    Gemeinsam sein Lebensumfeld gestalten, Verantwortung (wieder) übernehmen, im kleinen (Haus, Nachbarschaft) bis hin zur kommunalen Selbstverwaltung (http://marx-forum.de/disk..., http://www.marx-forum.de/..., http://de.wikipedia.org/w...)

    2 Leser-Empfehlungen

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