Richterliche UntersuchungWas wird aus Nicolas Sarkozy?

Sarkozy hätte Chancen für ein politisches Comeback: Präsident Hollande enttäuscht und die Rivalen in seiner Partei neutralisieren sich – wenn da nicht er selbst wäre. von 

Eigentlich standen die Chancen für Nicolas Sarkozy bis zuletzt nicht schlecht. Seine Wahlniederlage vom 6. Mai 2012 ist zwar nicht vergessen. Doch sein kläglich agierender Amtsnachfolger François Hollande wird inzwischen von den eigenen Mitarbeitern im Élysée heimlich "Opi" genannt, und die jetzige Regierung irrt in ungeordneter Formation durch die Wirtschaftskrise.

In Sarkozys Partei wiederum, der UMP, hat ein hasserfüllter Nachfolgekrieg zwei potenzielle Kandidaten für die nächsten Wahlen 2017 verschlissen. Jüngere Talente haben bisher nicht gezeigt, dass sie das Zeug zur Nummer eins im Staat haben. Weshalb die Parteibasis keinen Zweifel daran lässt, dass ihr Favorit für 2017 Sarkozy heißt. Und der Expräsident, der sich ein Büro in Sichtweite des Élysée gemietet hat, signalisiert fleißig: Rechnet mit mir!

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Seit vergangener Woche allerdings ist Sarkozy nicht mehr nur Zeuge in einem richterlichen Untersuchungsverfahren, sondern Angeschuldigter. Sehr wahrscheinlich wird Anklage erhoben, weil er 2007 die Altersschwäche der Milliardärin Liliane Bettencourt ausgenutzt haben soll, um der Dame Geld für seinen Wahlkampf abzuluchsen.

Der Verdacht existiert schon länger. Bis heute wurden der Öffentlichkeit aber keine Fakten bekannt, die ihn ausreichend erhärten – man darf daher gespannt darauf sein, wie die Justiz eine Anklage begründen wird. Die Entscheidung erstaunt auch deshalb, weil der ebenso ambitionierte wie umsichtige Sarkozy bisher stets Sicherheitsabstand zu fischigen Vorgängen gewahrt hatte, an denen Frankreichs Politik nicht minder reich ist als die italienische.

Gut möglich, dass die Affäre mit einem Freispruch ausgeht. Aber sie dürfte sich über Jahre hinziehen, in denen Sarkozy nicht mehr die Kontrolle über die Ereignisse hat, und allein das ist schon schlimm genug für ihn. Würde er am Ende gar verurteilt, hinge alles davon ab, ob nur wegen illegaler Parteienfinanzierung oder auch wegen Ausnutzung von Altersschwäche.

Die beiden größten Risiken für Sarkozy allerdings sind derzeit er selbst und seine Freunde. Am Donnerstagabend vergangener Woche verlor er vor dem Untersuchungsrichter Jean-Michel Gentil (gentil heißt "freundlich", geht es noch ironischer?) die Beherrschung. Als Gentil die neunstündige Vernehmung mit den Worten "Gut, wir sind durch" beenden wollte, entgegnete Sarkozy scharf: "Das glaube ich kaum. Wir sind noch lange nicht durch."

Ein echter Sarko. Aber wohl doch zu heftig. Denn was die Franzosen ihm vor allem verübelt hatten, war sein mangelnder Respekt vor Institutionen. Einem Richter kommt man nicht so. Und als sich Sarkozys Freunde in den darauffolgenden Tagen mit Kritik an der Justiz überboten, machten sie alles nur schlimmer, bis der Chef selbst sie zurückpfiff.

Die Wogen glätten – das ist jetzt seine Taktik. In Umfragen reagieren die Franzosen bisher gelassen auf das Strafverfahren. Die sozialistische Partei wiederum kassiert keine Zusatzpunkte. Gerade erst musste ausgerechnet ihr Budgetminister zurücktreten, weil sich der Verdacht erhärtete, er habe heimlich ein Konto in der Schweiz geführt.

"Tous pourris!" – "Alle korrupt", der Slogan der Rechtsextremisten aus den dreißiger Jahren geht wieder um. Und in der Tat ist der eigentliche Gewinner der Front National. Der Verfall der sozialistischen Regierungskompetenz lässt sogar an ein Szenario denken, in dem Marine Le Pen und Nicolas Sarkozy einander in der Stichwahl gegenübertreten. Dann freilich wäre sein Triumph gewiss. Denn Nicolas Sarkozy entspricht einem Archetyp in Frankreichs historischem Tableau: dem Mann der Vorsehung, der aus dem Nichts zurückkehrt, um die Nation zu retten. Napoleon, de Gaulle, Sarkozy? Manchmal wiederholt sich die Geschichte, wenn auch nicht stets auf gleichem Niveau.

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Leserkommentare
  1. Hochgeschätzter Herr von Randow, ihre Artikel, und ihre Zahl ist inzwischen Legion, mögen noch so eloquent und weitschweifig daher kommen, von der Krankheit der Widersprüchlichkeit und, wie die Indianer sagen würden, Doppelzüngigkeit, sind auch sie nicht gefeit.

    Ich erinnere mich noch ganz genau, als sie vor der Präsidentenwahl vor über einem Jahr Sarkozy als eine Peinlichkeit par excellence darstellten und keinen Zweifel an seiner Abwahl ließen.
    Nur weil sein Nachfolger eine, zugegeben, armselige Figur macht, sollten sich nun keine 180 Grad Wendung vollführen und Sarko in ein besseres Licht stellen. Wenn Hollande ein Langweiler und Hasenfuß ist, dann ist Sarko immer noch dieser von Nepotismus und Vulgariät gesteuerte Parvenü mit Hafenarbeiter-Manieren.
    Bleiben sie also ruhig ihrem untrüglichen Urteil treu und stellen sie den Typen nun bloß nicht auf eine Ebene mit Napolèon und De Gaulle, wobei Ersterem reichlich Soladenblut an seinen kleinen Tyrannenfüßchen kleben.

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    • Varech
    • 27. März 2013 20:07 Uhr

    ...sollten wir hier aussen vor lassen. Sie sehen Widerspruch, wo keiner ist. Die Situation ist heute eine andere. Die Franzosen hatten gewählt, und sie sind jetzt enttäuscht. Das sind sie nachher immer. Tatsächlich versucht wohl Sarkozy, sich jetzt als der einzigmögliche Retter aufzuspielen. Und die Methode hat Aussicht auf Erfolg, denn auch dafür sind Krisen gut. Das Wahlvolk ist vergesslich, und die Hoffnung auf den starken Mann scheint wohl wirklich archetypisch zu sein, wenn nicht gar hormonell. Ein Gerichtsverfahren wird dem Ex sicher nicht schaden können, vielleicht sogar im Gegenteil. Man misstraut der Justiz nämlich noch mehr als der Politik. Ein Problem hätten wir allerdings alle im Falle einer Verurteilung mit Unwählbarkeit. Dann könnte sogar eine Art Staatsstreich angesagt sein. Auch das wäre in der Geschichte nicht neu.

    Der Artikel beschribt die Situation sehr richtig, egal, ob sie den Autor mögen oder nicht.*

    Redaktion

    ... ist keine Krankheit, wie Sie schreiben, sondern eine Eigenschaft der Wirklichkeit.

  2. die Menschen müssen wohl immer erst durch Schmerz lernen. Erst wenn die Arbeitlosenzahl dermaßen in die Höhe gestiegen ist wird der Michel wach und entdeckt dass die Rattenfängermentalität hinter der sozialen Kuschelrhetorik nurdem Machterhelt der Sozen dient und niemandem anderen.

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  3. Erst als Tragödie, dann als Farce ...

    2 Leserempfehlungen
  4. -italien fällt immer wieder nur berlusconi ein
    -frankreich hatte seinen sarkozy
    -deutschland hat seine mutti

    wobei: die terrible-twins bleiben doch wohl merkozy, oder?!

    also bewahre uns europa vor der rückkehr vor sarkozy, das würde mutti -als selbsternannte "schwäbische" hausfrau- nur unnütz in ihrem sparwahn stärken.

    schließlich bedarf jede macht einer gegenmacht, sonst könnte es übel werden (die geschichte hat da zahlreiche beispiele)

    3 Leserempfehlungen
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    "wobei: die terrible-twins bleiben doch wohl merkozy, oder?!"
    -----------------------------------
    Nur für diejenigen die sich nicht an "Schröder / Fischer" erinnern können. Die Gnade der spätgeborenen sozusagen.

  5. "wobei: die terrible-twins bleiben doch wohl merkozy, oder?!"
    -----------------------------------
    Nur für diejenigen die sich nicht an "Schröder / Fischer" erinnern können. Die Gnade der spätgeborenen sozusagen.

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    • Varech
    • 27. März 2013 20:07 Uhr

    ...sollten wir hier aussen vor lassen. Sie sehen Widerspruch, wo keiner ist. Die Situation ist heute eine andere. Die Franzosen hatten gewählt, und sie sind jetzt enttäuscht. Das sind sie nachher immer. Tatsächlich versucht wohl Sarkozy, sich jetzt als der einzigmögliche Retter aufzuspielen. Und die Methode hat Aussicht auf Erfolg, denn auch dafür sind Krisen gut. Das Wahlvolk ist vergesslich, und die Hoffnung auf den starken Mann scheint wohl wirklich archetypisch zu sein, wenn nicht gar hormonell. Ein Gerichtsverfahren wird dem Ex sicher nicht schaden können, vielleicht sogar im Gegenteil. Man misstraut der Justiz nämlich noch mehr als der Politik. Ein Problem hätten wir allerdings alle im Falle einer Verurteilung mit Unwählbarkeit. Dann könnte sogar eine Art Staatsstreich angesagt sein. Auch das wäre in der Geschichte nicht neu.

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    Antwort auf "widersprüchlich"
  6. @ nr 5 - semperfidelitas

    ich kenne auch noch den ursprung der terrible twins: kohl und mitterand.

    niemand hat die gezwungen _gegen jeden ökonomischen sachverstand!_ aus dem buchgeld euro die realwährung euro zu schaffen.

    > außer poliitschem übermut. denn eine währungsunion ohne fiskalunion ist und war einfach nur wenig sinnvoll. die folgen haben wir heute in ständig steigendem maße zu tragen:

    die rettung des euro's ist mittlerweile zum poitischen alltag geworden und die spaltung von europa nimmt zu.

    2 Leserempfehlungen
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    "niemand hat die gezwungen _gegen jeden ökonomischen sachverstand!_ aus dem buchgeld euro die realwährung euro zu schaffen"
    ----------------------------------
    Das stimmt nicht so ganz. Mittlerweile ist es kein Geheimnis mehr: Die Zustimmung zum Euro war der Preis für Frankreichs Zustimmung zur Wiedervereinigung. Ein wiedervereinigtes Deutschland mit einer starken D-Mark war für die stolzen Franzosen der Alptraum.

  7. "niemand hat die gezwungen _gegen jeden ökonomischen sachverstand!_ aus dem buchgeld euro die realwährung euro zu schaffen"
    ----------------------------------
    Das stimmt nicht so ganz. Mittlerweile ist es kein Geheimnis mehr: Die Zustimmung zum Euro war der Preis für Frankreichs Zustimmung zur Wiedervereinigung. Ein wiedervereinigtes Deutschland mit einer starken D-Mark war für die stolzen Franzosen der Alptraum.

    2 Leserempfehlungen
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    @nr 8 - semperfidelitas

    das war mir schon klar.

    im klartext heißt das doch aber auch:

    der rest von europa soll für die wiedervernigung deutschlands dann die euro-misere schultern?!

    => das kann doch nicht wirklich akezptiert werden!

    Zitat:
    Das stimmt nicht so ganz. Mittlerweile ist es kein Geheimnis mehr: Die Zustimmung zum Euro war der Preis für Frankreichs Zustimmung zur Wiedervereinigung. Ein wiedervereinigtes Deutschland mit einer starken D-Mark war für die stolzen Franzosen der Alptraum.

    .... keinerlei Beweise haben.

    Im übrigen hätte niemand den Euro gegen den Willen der Großindustrie und des Kapitals eingeführt. Aber die waren ja sowieso die Triebfeder des Euros, weil sie einen Ersatz für den gescheiterten ECU gebraucht haben und ihnen dafür eine Realwährung gerade recht war.

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  • Schlagworte Nicolas Sarkozy | Front National | Justiz | Liliane Bettencourt | Marine | Stichwahl
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