BundestagswahlFremd im eigenen Land

Unsere Reporterin schrieb bisher vor allem über das Ausland – Gaza, Irak, Haiti. Jetzt wagt sie sich auf unbekanntes Terrain: Deutschland, Berlin, Innenpolitik, und berichtet für uns in loser Folge über den Bundestagswahlkampf von 

Nie wollte ich über Deutschland schreiben. Bei all den verschwommenen Bildern, in denen ich mir als Kind mein späteres Leben imaginierte, war nur eines scharf konturiert gewesen: Ich wollte im Ausland sein, auf Reisen. Dass ich mein Leben in der Fremde verbringen würde, wusste ich intuitiv, noch bevor ich wusste, dass ich schreiben würde. Nie wollte ich über Deutschland schreiben, das war eine dieser Gewissheiten, die so sicher sind, dass man sie nicht einmal denken muss, sie bleiben unausgesprochen, bis etwas daran rührt. Das fiel mir erst jetzt auf, als ich den überraschenden Auftrag bekam, doch meine eigene Demokratie, das, was mir vertraut sein sollte, wie die Fremde, in der ich seit vierzehn Jahren unterwegs bin, zu erkunden.

Wie beginnen?

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Normalerweise lese ich lange vor jeder Reise, literarische, poetische, meist abwegige Texte, die nicht die Politik einer Region zu erklären behaupten, aber die helfen, die kulturellen und ästhetischen Assoziationen zu erahnen, in denen Menschen denken oder empfinden: welche Mythen und Erzählungen über den eigenen Staat weitergereicht werden, welche Bilder oder Wortfelder Angst schüren und welche Zorn, welche sich eingeschrieben haben ins Gedächtnis und welche daraus gelöscht wurden, wie in Texten und Bildern oftmals Individuen zu Kollektiven geformt werden und wie die Zyklen der Gewalt sie dann versehren.

Normalerweise betrachte ich Landkarten, alte und neue, wandere mit dem Finger einen Flussverlauf entlang oder eine Bergkette, suche Lücken zwischen den Karten, das, was verschwunden ist mit der Zeit und den Kriegen, ich wähle mir Dörfer aus und ahne, dass nachher die zerknitterten Landkarten, mit denen ich zurückkehre, an ganz anderen Stellen markiert sein werden als denen, die ich mir vorgestellt hatte. Und ich lege mir Notizbücher an, kleine schwarze mit einem weißen Aufkleber, auf dem das Land verzeichnet ist und das Jahr, in dem ich recherchiere.

Eine Demokratie ist kein Ort, sie lässt sich nicht bereisen wie eine Insel in den Tropen, sie ist nicht statisch, "ein Ort des Übergangs, nicht des Bleibens", hat der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss im brasilianischen Goiânia einmal bemerkt, und vielleicht erklärt das, warum die Demokratie einem wenig heimisch erscheint, wenn sie nur als abstrakte Institution gedacht wird und nicht auch als ein Netz aus Begegnungen und Gesprächen, aus dem, was erzählt und was erfunden wird, aus dem, was gezeigt und was verborgen wird, aus den Grenzen, die gezogen, und denen, die überspielt werden, aus der Logik der Inklusion und Exklusion, aus den Gruppen und Individuen, die dazugehören, und den "Subalternen", wie Antonio Gramsci sie nannte, denen am Rand, die ihre Zugehörigkeit immer wieder einklagen müssen. Eine Demokratie besteht aus all diesen diskursiven und nicht diskursiven Praktiken und Überzeugungen, die sich nur verstehen lassen, wenn man im Modus des Suchenden bleibt.

Und so habe ich mir als Erstes vorgenommen, die Ministerien der Bundesregierung zu Fuß abzulaufen. Vierzehn insgesamt. Nicht als topografische Erkundung, mehr als Form der gedanklichen Anreise zu den Themen und Motiven, um die es in den nächsten sechs Monaten des Wahlkampfs gehen wird.

An einem eisigen Morgen Ende Februar, an dem die besser situierten Dackel kuschelige Wollpullunder tragen, breche ich auf, wie ich auch in Haiti oder Gaza aufgebrochen wäre: mit einer Hose mit vielen Taschen, festen Schuhen und einem Kompass, alten und neuen Stadtplänen, einem von 1899 und einem von heute, meinem kleinen Taschenmesser und dem, was die Anthropologin Margaret Mead einmal den "Mut der fast vollständigen Unwissenheit" genannt hat.

Ich kenne die Mikrophysik der Macht nicht, ich verstehe die Sprachspiele nicht. Zu mir gelangen keine Gerüchte aus Vor- oder Hinterzimmern

Ich wandere los in Moabit, am Innenministerium, von dort am nördlichen Ufer der Spree entlang, mit Blick auf das Schloss Bellevue (ob Innenminister Friedrich jemals zum Bundespräsidialamt spaziert?), von dort durch den Tiergarten, vorbei am Haus der Kulturen der Welt zum Kanzleramt und zu den sich anschließenden Ringen aus professionellen Deutern und Kommunikatoren, die sich um die Zentren der parlamentarischen Demokratie legen: das Bundespresseamt, die öffentlich-rechtlichen Anstalten mit ihren Hauptstadtbüros, die Nachrichtenagenturen und die PR-Firmen (die Gegend, die man daran erkennt, dass alle schnell laufen), dann nordwärts, die Invalidenstraße auf und ab, vom Verkehrsministerium (vor dem passenderweise eine Baustelle vor sich hin dümpelt) zum Wirtschaftsministerium in der Scharnhorststraße, wieder zurück (weil ich schon mal hier herumspaziere, wo ich sonst nie bin, gönne ich mir einen Abstecher ins Naturkunde-Museum zu den Dinosauriern) und von dort vorbei am Bildungsministerium zur Friedrichstraße, zum Gesundheitsministerium, direkt neben dem Friedrichstadt-Palast, hinein in das wuselige Innere des touristischen Berlins, das ich sonst gern meide, dann südlich, über Unter den Linden in die leicht unterentwickelt wirkende Ecke der Glinkastraße zum 6 und von da an nur noch in Schlangenlinien, Werderscher Markt, Mohrenstraße, Wilhelmstraße, mit einem Schlenker zum Bundesrat an der Leipziger Straße, bis zum Potsdamer Platz, dem Umweltministerium, bis schließlich zum südlichsten Punkt, dem Verteidigungsministerium in der Stauffenbergstraße.

Als ich nach viereinhalb Stunden müde und verfroren zu Hause in Kreuzberg wieder ankomme, ist klar: Der distanzierte Blick, die unbeteiligte Beobachter-Perspektive, wird nicht gelingen. Das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz, das überall auf der Welt kaum zu balancieren ist, fällt mir hier noch schwerer.

Leserkommentare
  1. Diese Eindrücke hallen nach. Bitte mehr von dieser Güte. Die Art der Betrachtung lässt nachdenklich werden und das ist gut so.

  2. Spannend, Interesse bindend, der Blick von etwas außerhalb hinein in doch Gewohntes, mit voyeuristischem Blick und Ausdauer! Bravo DIE ZEIT, bravo Carolin Emcke, auch ich meine "bitte mehr davon" und "wir brauchen andere Sichtweisen in dieser immer eigener, unverständlicher und entfremdender werden institutionalisierten Politik".
    Ich, nun fast 60 Jahre, ein politischer Mensch, politisch mitgestaltend einige Jahre, Kulturforschungen in Südostasien in den 90er Jahre, bin müde geworden und fühle mich zunehmend entfremdet dem Politikstil und seinen Ergebnissen gegenüber.
    Ergeht es mehreren Menschen so?
    Einen nicht alltäglichen Blick auf das Politikgeschäft zu werfen, könnte etwas hoffnungsvolles beinhalten.
    Deshalb: mehr davon!

    Eine Leserempfehlung
    • arteve
    • 31. März 2013 17:55 Uhr

    sehr beeindruckend. Ich kann das nur bestätigen, was Sie schreiben.Ich war als Fotografin oft im Ausland und weiss, dass es vor der eigenen Haustüre mehr als genug Probleme gibt, worüber man berichten und fotografieren kann und soll.
    Das was Sie beschreiben liest sich wirklich authentisch.

  3. Diese Reportage - aus meiner Sicht nach wie vor die Königsdisziplin des Journalismus - gehört fraglos zum Besten, was ich in letzter Zeit in deutschsprachigen "Medien" über deutsche Zustände - nennen wir es: Politik - habe lesen dürfen. Und ich möchte die ZEIT anlässlich dieses Textes ermutigen, es zu wagen, genau diese Form des Qualitätsjournalismus weiter zu fördern. Derartige Texte verbunden mit klugen, gut gemachten Formen der angemessenen Darreichung im Web bzw. in Apps könnten eine Grundlage sein, auch im so genannten 'digitalen Zeitalter' eine ökonomische Grundlage für die vierte Säule der Demokratie zu schaffen. Ich war lange Jahre Abonnent bzw. regelmäßiger Leser der ZEIT; solche Reportagen könnten mich überzeugen, wieder einer zu werden.

    Danke, Frau Emcke!

  4. Kann jemand, der sich dermaßen mit einer einzelnen Partei identifiziert wie die Verfasserin mit den Grünen (sonst würde sie ja wohl nicht bei der Heinrich-Böll-Stiftung mitarbeiten!) sinnvoll als Journalist über die Politik schreiben, in der sie einen so extremen Standpunkt eingenommen hat? Abgesehen davon, daß sie von dem Land, über das sie berichtet, eine so negativ voreingenommene Meinung hat, daß sie Claude Lévi-Strauss zitieren muß, um sich zu trauen, darüber zu schreiben!
    Frau Emcke wußte instinktiv, daß sie nie über Deutschland würde schreiben wollen. Hätte sie diese Aufgabe doch besser den Leuten überlassen, die zu ihrem Land ein halbwegs normales Verhältnis haben.

    Eine Leserempfehlung

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