Nie wollte ich über Deutschland schreiben. Bei all den verschwommenen Bildern, in denen ich mir als Kind mein späteres Leben imaginierte, war nur eines scharf konturiert gewesen: Ich wollte im Ausland sein, auf Reisen. Dass ich mein Leben in der Fremde verbringen würde, wusste ich intuitiv, noch bevor ich wusste, dass ich schreiben würde. Nie wollte ich über Deutschland schreiben, das war eine dieser Gewissheiten, die so sicher sind, dass man sie nicht einmal denken muss, sie bleiben unausgesprochen, bis etwas daran rührt. Das fiel mir erst jetzt auf, als ich den überraschenden Auftrag bekam, doch meine eigene Demokratie, das, was mir vertraut sein sollte, wie die Fremde, in der ich seit vierzehn Jahren unterwegs bin, zu erkunden.

Wie beginnen?

Normalerweise lese ich lange vor jeder Reise, literarische, poetische, meist abwegige Texte, die nicht die Politik einer Region zu erklären behaupten, aber die helfen, die kulturellen und ästhetischen Assoziationen zu erahnen, in denen Menschen denken oder empfinden: welche Mythen und Erzählungen über den eigenen Staat weitergereicht werden, welche Bilder oder Wortfelder Angst schüren und welche Zorn, welche sich eingeschrieben haben ins Gedächtnis und welche daraus gelöscht wurden, wie in Texten und Bildern oftmals Individuen zu Kollektiven geformt werden und wie die Zyklen der Gewalt sie dann versehren.

Normalerweise betrachte ich Landkarten, alte und neue, wandere mit dem Finger einen Flussverlauf entlang oder eine Bergkette, suche Lücken zwischen den Karten, das, was verschwunden ist mit der Zeit und den Kriegen, ich wähle mir Dörfer aus und ahne, dass nachher die zerknitterten Landkarten, mit denen ich zurückkehre, an ganz anderen Stellen markiert sein werden als denen, die ich mir vorgestellt hatte. Und ich lege mir Notizbücher an, kleine schwarze mit einem weißen Aufkleber, auf dem das Land verzeichnet ist und das Jahr, in dem ich recherchiere.

Eine Demokratie ist kein Ort, sie lässt sich nicht bereisen wie eine Insel in den Tropen, sie ist nicht statisch, "ein Ort des Übergangs, nicht des Bleibens", hat der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss im brasilianischen Goiânia einmal bemerkt, und vielleicht erklärt das, warum die Demokratie einem wenig heimisch erscheint, wenn sie nur als abstrakte Institution gedacht wird und nicht auch als ein Netz aus Begegnungen und Gesprächen, aus dem, was erzählt und was erfunden wird, aus dem, was gezeigt und was verborgen wird, aus den Grenzen, die gezogen, und denen, die überspielt werden, aus der Logik der Inklusion und Exklusion, aus den Gruppen und Individuen, die dazugehören, und den "Subalternen", wie Antonio Gramsci sie nannte, denen am Rand, die ihre Zugehörigkeit immer wieder einklagen müssen. Eine Demokratie besteht aus all diesen diskursiven und nicht diskursiven Praktiken und Überzeugungen, die sich nur verstehen lassen, wenn man im Modus des Suchenden bleibt.

Und so habe ich mir als Erstes vorgenommen, die Ministerien der Bundesregierung zu Fuß abzulaufen. Vierzehn insgesamt. Nicht als topografische Erkundung, mehr als Form der gedanklichen Anreise zu den Themen und Motiven, um die es in den nächsten sechs Monaten des Wahlkampfs gehen wird.

An einem eisigen Morgen Ende Februar, an dem die besser situierten Dackel kuschelige Wollpullunder tragen, breche ich auf, wie ich auch in Haiti oder Gaza aufgebrochen wäre: mit einer Hose mit vielen Taschen, festen Schuhen und einem Kompass, alten und neuen Stadtplänen, einem von 1899 und einem von heute, meinem kleinen Taschenmesser und dem, was die Anthropologin Margaret Mead einmal den "Mut der fast vollständigen Unwissenheit" genannt hat.

Ich kenne die Mikrophysik der Macht nicht, ich verstehe die Sprachspiele nicht. Zu mir gelangen keine Gerüchte aus Vor- oder Hinterzimmern

Ich wandere los in Moabit, am Innenministerium, von dort am nördlichen Ufer der Spree entlang, mit Blick auf das Schloss Bellevue (ob Innenminister Friedrich jemals zum Bundespräsidialamt spaziert?), von dort durch den Tiergarten, vorbei am Haus der Kulturen der Welt zum Kanzleramt und zu den sich anschließenden Ringen aus professionellen Deutern und Kommunikatoren, die sich um die Zentren der parlamentarischen Demokratie legen: das Bundespresseamt, die öffentlich-rechtlichen Anstalten mit ihren Hauptstadtbüros, die Nachrichtenagenturen und die PR-Firmen (die Gegend, die man daran erkennt, dass alle schnell laufen), dann nordwärts, die Invalidenstraße auf und ab, vom Verkehrsministerium (vor dem passenderweise eine Baustelle vor sich hin dümpelt) zum Wirtschaftsministerium in der Scharnhorststraße, wieder zurück (weil ich schon mal hier herumspaziere, wo ich sonst nie bin, gönne ich mir einen Abstecher ins Naturkunde-Museum zu den Dinosauriern) und von dort vorbei am Bildungsministerium zur Friedrichstraße, zum Gesundheitsministerium, direkt neben dem Friedrichstadt-Palast, hinein in das wuselige Innere des touristischen Berlins, das ich sonst gern meide, dann südlich, über Unter den Linden in die leicht unterentwickelt wirkende Ecke der Glinkastraße zum 6 und von da an nur noch in Schlangenlinien, Werderscher Markt, Mohrenstraße, Wilhelmstraße, mit einem Schlenker zum Bundesrat an der Leipziger Straße, bis zum Potsdamer Platz, dem Umweltministerium, bis schließlich zum südlichsten Punkt, dem Verteidigungsministerium in der Stauffenbergstraße.

Als ich nach viereinhalb Stunden müde und verfroren zu Hause in Kreuzberg wieder ankomme, ist klar: Der distanzierte Blick, die unbeteiligte Beobachter-Perspektive, wird nicht gelingen. Das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz, das überall auf der Welt kaum zu balancieren ist, fällt mir hier noch schwerer.

Weil es meine Demokratie ist, fühle ich mich zuständig

Ich kenne die Mikrophysik der Macht nicht, ich verstehe die Sprachspiele im politisch-medialen Milieu nicht, besitze keine Telefonnummern der entscheidenden Akteure, mir ist die parteipolitische Strategie aus postideologischer Ideologie und Personalisierung rätselhaft, zu mir gelangen keine Gerüchte oder Geschichten aus den Hinter- oder Vorzimmern, ja, ich kann nicht einmal instrumentalisiert werden von Politikern, die ihre Sichtweise "durchstechen" wollen, weil sie sich dafür an einschlägige innenpolitische Kommentatoren wenden müssen.

Und gleichzeitig ist dies eben doch meine Gesellschaft, die Geschichten, die erzählt werden über dieses Land, sind meine, die Bilder und Wortfelder aus Schuld und Zerstörung haben sich eingeschrieben und schüren bis heute mein Misstrauen gegen Symbole des Nationalen und alle Rekurse auf Gewalt (morgens, bevor ich loszog, hatte ich es nicht einmal fertiggebracht, "Deutschland" auf mein Notizbuch zu schreiben), ich bin engagiert in der Mitgliederversammlung der Heinrich-Böll-Stiftung seit einigen Jahren. Die drei Politikerinnen und Politiker, die ich vor allem von Diskussionen in Theatern oder Kirchen kenne, duze ich, denn ich bin ihnen nie als jemand begegnet, der über sie schreiben würde. Und weil es eben meine Demokratie ist, fühle ich mich zuständig, ich bin enttäuschter, vermutlich auch ungerechter als anderswo.

All das disqualifiziert mich. Eine objektiv-distanzierte Betrachtung wird mir ebenso wenig gelingen wie eine informiert-professionelle – für das eine bin ich zu nah, für das andere zu fern.

Was bleibt?

Vielleicht eine Art subjektiv-reflektiertes Staunen über das, was ich nicht verstehe an dieser Demokratie. Warum Angela Merkel mit ihrem dezisionistischen Stil immer davonkommt. Warum ihr keiner mehr Gründe abverlangt, die nachvollziehbar machen, wie sie zu ihren (wandelnden) Überzeugungen gelangt ist. Oder: wann Peer Steinbrück eigentlich beschlossen hat, dass er nicht gern Kanzler werden möchte – schon vor seiner Kandidatur oder erst währenddessen?

Was ich nicht verstehe, sind auch strukturelle Fragen: wie eine parlamentarische Demokratie funktionieren kann, wenn von vornherein die Ergebnisse des Nachdenkens als "alternativlos" bezeichnet werden. Warum sich bei aller Sichtbarkeit der politischen Debatten, aller Verfügbarkeit von Redebeiträgen und Gesetzesvorlagen, bei allem Dein-Politiker-kommt-dir-jetzt-auch-ganz-nah-Getwittere der Eindruck des Flüchtigen aufdrängt. Wieso auf dem Weg von "draußen" nach "drinnen" die politische Rhetorik der Wirklichkeit ihre Dringlichkeit und Verzweiflung zu nehmen scheint. Warum mit jedem Untersuchungsausschuss, der eingesetzt wird, die brisanten Fragen einfach in eine Parallelwelt zu wandern scheinen, die so entschleunigt agiert, bis aller Anspruch an Konsequenzen aus dem Fokus verschwunden ist. In welchem Rhythmus eine Demokratie funktioniert. Wann Politikerinnen und Politiker eigentlich lesen. Welche Rolle die Ökonomie der Zeit für die politische Willensbildung spielt. Vor allem in Zeiten der sogenannten Liquid Democracy, der Digitalisierung nicht nur der Medien, sondern der Gesellschaft insgesamt, in der der Takt der Kommunikation sich immer weiter verkürzt.

Der unwahrscheinlichste Ort, um sich auf die Suche nach Demokratie und ihrer Zeit zu begeben, ist vermutlich der Bundestag. Niemand, der etwas von zeitgenössischer politischer Theorie oder Praxis versteht, würde sich ernsthaft in den Plenarsaal des Bundestages setzen. Dort, wo die politischen Kontroversen, die Debatten über gesellschaftliche Fragen und Gesetzesvorhaben zur Schau gestellt werden, vermutet jeder nur noch Spektakelhaftes. Das Sichtbare gilt längst als das Unauthentische, wozu also sich mit dem, was gezeigt wird, überhaupt befassen? Auch die Tatsache, dass der Zugang kontrolliert ist, dass es eine Akkreditierung braucht (Nachfrage von der Pressestelle des Bundestages per Telefon, was jemand, der nicht aus der Parlamentsredaktion sei, denn im Bundestag wolle), eigene Eingänge, Sicherheitskontrollen, all der Aufwand nährt den Verdacht der Attrappe, suggeriert, es könne nicht um etwas Wichtiges gehen.

Die erfahrenen Kollegen schmunzeln über mein Vorhaben mit einem Anflug von Sentimentalität, vermutlich, weil sie sich daran erinnern, wie jung sie waren, als sie noch daran glaubten, im Parlament lasse sich die parlamentarische Demokratie verorten, zwei Kolleginnen, die nicht nur die Hauptstadtpolitik, sondern vor allem mich gut kennen, schicken vorsichtshalber noch SMS mit Ratschlägen: "Denk dran: vielleicht nicht gerade Turnschuhe", "Jackett sollte schon sein".

Die Regularien sehen eine Minute Fragezeit vor. Eine Uhr zeigt das Verstreichen der Redezeit in Sekundeneinheiten an

Ich suche mir die 224. Sitzung des Deutschen Bundestages aus. An einem Mittwoch. Es könnte auch eine andere, an einem anderen Tag sein. Mich interessieren nicht spezifische Redebeiträge, sondern das Unspezifische, das, was ritualisiert ist, die Strukturen, die den politischen Habitus formen, und mich interessiert, was geschieht, wenn man die Debatten ohne die Dramaturgie und Perspektive einer Bildregie, sondern ungekürzt und ohne Fokus betrachtet. Selbst der hinreißende Saaldiener, der seit zwanzig Jahren im Bundestag arbeitet und mir Ratschläge gibt, auf welcher Höhe und Seite der Tribünen ich sitzen muss, lacht, als er hört, dass ich mir keine einzelnen Highlights, sondern tatsächlich den ganzen Sitzungstag anhören will.

Es beginnt um 13 Uhr. Auf dem Programm steht die "Befragung der Bundesregierung". Die Drucksache 17/12439 listet alle 86 vorab formulierten Fragen auf, sortiert nach den Geschäftsbereichen der Ministerien, von der Frage nach der "Verlängerung der strafrechtlichen Verjährungsfristen bei sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen" (Nr. 6) über meine persönliche Lieblingsfrage nach der "anthropogenen Aalsterblichkeit" und den jüngsten Forschungsergebnissen, denen zufolge "Aale, die in Flüssen und Seen leben, eine geringere Chance haben, sich fortzupflanzen" (Nr. 31), bis hin zu der Frage, wann und auf welcher Grundlage die Bundesregierung beschlossen habe, "die Übernahme der Mehrkosten von bis zu 2 Mrd. Euro für das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 zu genehmigen" (Nr. 45). Allerdings ist bei der Befragung der Bundesregierung die Bundesregierung abwesend. Für das geplante Rede-und-Antwort-Stehen haben die meisten Ministerinnen und Minister des Kabinetts Stellvertreter ins Plenum geschickt.

Aber vorher gibt es noch den ersten Tagesordnungspunkt (TOP 1), den "Jahres-Abrüstungs-Bericht 2012", Staatsminister Michael Link vom Auswärtigen Amt trägt vor. Dann darf nachgefragt werden. Die Regularien sehen eine Minute Fragezeit vor. Eine Uhr zeigt das Verstreichen in Sekunden-Einheiten an. Das Ritual verlangt Höflichkeit. Also aufstehen, Mikro richten, die Uhr läuft, dem Vorsitzenden Vizepräsidenten des Bundestags danken, der Abgeordnete der Linken Jan van Aken hat eine mehrteilige Frage, die Uhr schaltet nach 30 Sekunden auf Gelb, "Wie viele Waffen wurden in Libyen tatsächlich eingesammelt oder vernichtet?", nach einer Minute zeigt die Anzeige Rot und blinkt. Ein paar Fragen später hilft Vizepräsident Wolfgang Thierse etwas nach: "Ich empfehle, immer nur eine Frage zu stellen. Damit der Herr Staatsminister auch die Chance hat, sie zu beantworten. Sie wissen, dass es eine strenge Einminutenregel gibt."

Später wehrt der Staatsminister des Auswärtigen Amtes ab: "Ich empfehle die ausführliche Lektüre des Berichts." Das Dokument, das hier zur Debatte steht, so wird im Verlauf der immer kurioseren Fragerunde deutlich, wurde aber erst vormittags an die Abgeordneten verschickt. Ein Text von 200 Seiten. Und so ruft denn auch aus den Reihen der Grünen jemand dazwischen: wann, bitte, das denn zu lesen gewesen sein solle. Woraufhin der Vertreter des Auswärtigen Amtes erklärt: Der Bericht sei schließlich morgens im Kabinett erst beschlossen worden, und er stelle ihn hier kurz vor, was vermutlich heißen soll, das Parlament solle dankbar sein, dass es überhaupt so zügig von dem erfährt, was die Regierung beschlossen hat.

Welche Halbwertszeit haben Ressentiments?

Mir fällt ein Dokumentarfilm des Regisseurs Harun Farocki ein, Der Auftritt, von 1996. Darin schaut Farocki einer Werbeagentur bei der Präsentation einer Kampagne für einen Optik-Konzern zu. Vierzig Minuten lang erlebt man, wie die Werber einem weitestgehend stummen Kunden ihr Konzept erläutern, wie sie jeden Begriff, jeden Slogan, jedes Logo ihrer Kommunikationsstrategie als durchdacht und folgenreich beschreiben, es gibt keinen doppelten Boden, keine Momente des Intransparenten, und doch, je länger es dauert, desto unkalkulierter erscheint die kalkulierte Selbstdarstellung.

Wie angemessen oder unangemessen die Zeit der Politik, wie schmerzlich nicht nur die beschleunigte Zeit, sondern auch die verlangsamte sein kann, wird bei der Befragung der Bundesregierung ab Frage 21 deutlich: Es geht um das ZRBG, das "Gesetz zur Zahlbarmachung von Renten aus Beschäftigungen in einem Ghetto", um es deutlicher zu sagen: Es geht darum, wie lange man damit warten darf, ehemaligen Ghettoarbeiterinnen und Ghettoarbeitern ihre Renten auszuzahlen.

Je länger debattiert wird, je länger die verwaltungstechnischen Kalkulationen dauern, umso wahrscheinlicher ist es, dass die Menschen, um die es hier geht, verstorben sind, bevor das versprochene Geld sie erreicht. In den Worten von Dr. Ralf Brauksiepe, dem Vertreter des zuständigen Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, der sich hier des Vorwurfs einer unmoralischen Verzögerung erwehren muss, klingt das Problem des Asynchronen in der Politik dann so: "Ich habe großes Verständnis dafür, dass sich die gefühlte Gerechtigkeit von der Renten-Mathematik unterscheiden kann."

Der Ablauf der Befragung der Bundesregierung wird unterbrochen. Die Oppositionsparteien haben eine Aktuelle Stunde beantragt zum Thema der Gleichstellung von Homosexuellen. Ausgerechnet. Auf der Regierungsbank haben inzwischen Finanzminister Wolfgang Schäuble und Familienministerin Kristina Schröder Platz genommen. Ab 15.35 Uhr wird aus dem eher ruhigen Debattenformat großes Theater, die prominenteren Politikerinnen und Politiker der Opposition gesellen sich hinzu, es wird emotional, unsachlich, mitunter auch etwas Loriot-haft, "Ja, wenn Sie laut reden, rede ich lauter!", die Entscheidungen aus Karlsruhe werden beschimpft, "das Verfassungsgericht ist auf dem Irrweg", die Rechte gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften werden als vernachlässigenswert kategorisiert, "die spielen statistisch eine geringe Rolle", und während es immer tumultartiger zugeht im Plenarsaal, wird deutlich: Bei allem taktischen Kalkül, mit dem die Opposition den Stachel einer inneren Kontroverse tiefer in die Regierungskoalition treiben will, geht es hier um etwas existenziell Demokratisches, nämlich um das Tempo gesellschaftlichen Lernens.

Wie lange braucht eine Gesellschaft, um zu erkennen, dass, was über Generationen legal war, nicht unbedingt legitim sein muss? (Das ist nicht eine Frage des Zeitgeists und der Demoskopie, auch wenn die Befürworter und Befürworterinnen der Gleichstellung das gern suggerieren.) Wie lassen sich Begriffe, die aufgeladen sind mit Bildern und Assoziationen wie "Ehe" und "Familie", mit anderen Bildern und Assoziationen versehen? Welche Halbwertszeit haben Ressentiments? Wie lange braucht es, bis Debatten sich aus der sozialen Peripherie ins politische Zentrum bewegen? Gibt es für Fragen der sozialen oder ökologischen Gerechtigkeit richtige und falsche Zeiten?

Am Tag darauf erläutert der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, die besonderen Zeitdimensionen in der Demokratie. Nicht nur, wie der Rhythmus der Politik das eigene Leben strukturiert oder das, was von einem eigenen Leben dabei noch übrig bleibt, sondern eben auch, was für einen langen Atem es für gewisse Themen braucht. "Es gibt keine festen Zyklen, in denen gesellschaftlicher Wandel organisiert werden kann", sagt Beck und erinnert sich an den langen historischen Bogen, die rund 25 Jahre von den ersten formulierten Gedanken der Gleichstellung von Homosexuellen bis zur gesetzlichen Forderung heute. "Die erste Phase macht Spaß, die, in der die programmatische Idee entwickelt wird", sagt Beck und lacht, "die zweite Phase, in der es um die politische Umsetzung geht, ist anstrengender."

Bei meinem Abstecher ins Naturkunde-Museum hatte ich vor den Vitrinen der Mineraliensammlung gestanden, das fiel mir jetzt beim Zuhören wieder ein, diese wunderschönen Steine, Sulfate wie ein Baryt oder Phosphate wie ein Annabergit. Zu Hause hatte ich nachgelesen, wie sich Gesteine bilden, wie sie sich durch Einschmelzen und Abkühlen verwandeln, wie Mineralien sich in magmatischen Gesteinen wie Granit wiederfinden, in Metamorphgesteinen wie Gneis oder Sedimentgesteinen wie Muschelkalk. Ein wenig so, wie politische Ideen sich zu politischen Überzeugungen und schließlich Gesetzen verdichten. Wie unterschiedlich die Härtegrade sein können, vom weichen Talk bis zu Quarz oder dem Diamanten, der alle anderen Minerale ritzen kann, so wie manche politischen Themen oder Werte unantastbar und unverrückbar erscheinen können und andere instabil und brüchig.

Eine ganze Stunde hat sich die Generalsekretärin der SPD, Andrea Nahles, Zeit genommen, um über die Frage der Zeit in der Demokratie zu sprechen. Wie großzügig das ist, wird mir erst im Verlauf des Gesprächs klar, als sie beschreibt, wie eng gespannt das zeitliche Korsett eines solchen Politikerlebens ist. Immer schon. Und jetzt im Wahlkampf erst recht. "Mein Takt wird sich wahrscheinlich weiter verkürzen", sagt Nahles ohne Selbstmitleid, "einfach weil es nicht anders geht, denn aus den 24 Stunden kann ich ja nicht 26 machen. Aber je mehr Entscheidungen ich treffen muss, desto kürzer ist die Frist. Das erfordert Training, wie bei einem Leistungssportler. Wenn ich das Pensum mit 25 hätte machen müssen, das ich heute mache, dann wär ich wahrscheinlich schnell am Ende meiner Kräfte gewesen."

Das ist also, was jetzt bevorsteht, in den nächsten sechs Monaten des Bundestagswahlkampfs 2013: Neben dem vermutlich schrilleren Ton, der aggressiveren Sprache wird sich vor allem die Frist verkürzen, in der gedacht und entschieden werden kann. Vielleicht ist das der Grund, warum im Wahlkampf so viele Fehler gemacht werden. Und warum das Fehlerpensum sich auf alle Parteien gleichermaßen verteilt.

Wie Andrea Nahles spricht, wird aber noch etwas anderes deutlich: Es gibt nicht einfach eine Zeitlichkeit in der Politik, Zeit gibt es nur im Plural; der schnelle Takt der Sitzungswochen im Wechsel mit dem langsameren Zuhause, in ihrem Wahlkreis ("Da gehen die Leute auch langsamer"), der schnelle Rhythmus heute im Vergleich zu dem ihrer Kindheit, und die Ungleichzeitigkeiten des langsamen Prozesses der Urteilsbildung in einer Partei und der eiligen Logik der Medien. "Da ist es für die Partei also immer die Frage: Wie viel investiere ich in die lange Linie, in den Prozess?", sagt Andrea Nahles. "Das ist es, was uns als Partei ausmacht und was uns Glaubwürdigkeit bei den Bürgern einbringt, das wird anerkannt. Aber die Tagesschau bringt dann letztlich nur ein paar Sekunden Berichterstattung eines Ereignisses." Sie zögert und fügt hinzu: "Im Prinzip überlegt man schon während des Interviews, was wird wie getickert? Man wird misstrauischer, was das eigene Wort angeht, weil es schneller aus dem Zusammenhang gerissen, noch schneller verdreht werden kann."

Nie wollte ich twittern. Diese Gewissheit ist nicht ganz so alt wie die, dass ich nicht über Deutschland schreiben wollte. Aber sie schien mir bislang ähnlich stabil. Ich bin langsam. Im Leben, aber vor allem im Schreiben. In den letzten Jahren hatte ich eigentlich beschlossen, noch etwas langsamer zu werden. Aber so wie ich mich auf den Reisen im Ausland einlasse auf andere Gewohnheiten und Gewürze, andere Rhythmen und Rituale, so werde ich mich in den nächsten Monaten, versuchsweise, einer anderen Sprache und Geschwindigkeit anpassen.

Auch das eine Expedition auf der Suche nach der Demokratie.