DIE ZEIT: Herr Schwarz-Schilling, warum schafft es Ihre Partei, die CDU, bei den Themen Zuwanderung und Asyl nicht, einen sachlichen Ton anzuschlagen? Als sich die Zahlen der Asylbewerber aus Serbien und Mazedonien vergangenes Jahr erhöhten, sprach Innenminister Hans-Peter Friedrich sehr schnell von einem Missbrauch der Sozialsysteme. Ähnliches hört man derzeit, wenn es um die Zuwanderung von Roma aus Bulgarien und Rumänien geht.

Christian Schwarz-Schilling: Wenn die führenden Politiker Interessen und Absichten mit Polemik betreiben, können sie Teile der Bevölkerung – manchmal ja auch das ganze Volk, siehe 1933 – in eine falsche Richtung treiben. Heute übersehen viele, dass man als Politiker eine Riesenverantwortung gegenüber dem Volk hat. Man muss die Wahrheit sagen, nicht nur das, von dem man glaubt, das Volk wolle es hören.

ZEIT: Was hindert die CDU daran, die Debatte über die Einreise von Roma zu versachlichen? Sind es die Interessen der Führung, oder ist es die Angst vor der Basis?

Schwarz-Schilling: Beides. Weil die Führung Angst vor der Basis hat, statt sich an den Fakten zu orientieren und aufzuklären, verfolgt sie ein falsches Interesse. Das ist aber nicht nur bei uns Christdemokraten so. Denken Sie an das Wort des damaligen SPD-Innenministers Otto Schily, der 1998 sagte: "Das Boot ist voll." Als würde unser deutsches Boot kentern, wenn mal 1.000 oder 10.000 Leute dazukommen.

ZEIT: Der Deutsche Städtetag hat vor einigen Wochen vor der "Armutszuwanderung" aus Bulgarien und Rumänien gewarnt.

Schwarz-Schilling: Wir können nicht die ganze Welt retten, aber hier in Europa ist das etwas anderes, wir müssen helfen. Wir haben Rumänien und Bulgarien nun einmal in die EU aufgenommen. Die Frage, ob das richtig war oder nicht, ist jetzt, im Nachhinein, müßig.

ZEIT: Übertreiben die Kommunen?

Schwarz-Schilling: Nein, die Städte leiden unter den Fehlleitungen deutscher Politik, die den Neuzuwanderern verbietet zu arbeiten. Und die Leute sagen deshalb: Faulenzer! Wir schaffen uns die Schwierigkeiten selber. Aber es geht nicht nur um Wohlstand. Was diese Menschen wollen, ist Freiheit. Wir aber beschneiden weiter die Freiheit dieser Menschen, die im eigenen Land seit Jahrhunderten diffamiert werden. Sie wollen diesem Schicksal entkommen, dem Schicksal menschlicher Unfreiheit. Darum geht es! Aber wir reden von Missbrauch.

ZEIT: Wäre es nicht besser, den Minderheiten in den Herkunftsländern zu helfen? Die EU gibt Millionen für ihre "Roma-Strategie" aus, aber niemand kontrolliert, ob das Geld auch ankommt.

Schwarz-Schilling: Sehen Sie: Bis zur Wiedervereinigung gab es kaum eine Rede von Helmut Kohl, die nicht vom Selbstbestimmungsrecht Deutschlands gehandelt hätte. Damals hingen wir noch dem universellen Wertekodex an, weil wir damit auch deutsche Interessen verbinden konnten. In dem Moment, in dem wir unser Interesse erreicht haben, spielen diese Werte keine Rolle mehr für uns. Das ist unser Sündenfall!

ZEIT: Wahr ist aber auch, dass viele serbische und mazedonische Staatsbürger bei uns Asyl beantragen, in den meisten Fällen aber nicht asylberechtigt sind.

Schwarz-Schilling: Es gibt ja bei uns keine Alternative zum Asylantrag, anders als zum Beispiel in Kanada, wo Zuwanderer nach einem Punktesystem ausgewählt werden. Viele Kriterien, von der beruflichen Qualifikation bis zur persönlichen Gefährdung, spielen da eine Rolle. Bei uns jedoch kommen sie legal nicht rein, wenn sie nicht gerade gefoltert, vergewaltigt oder vertrieben wurden. Unsere Gesetzgebung erfasst auf diesem Gebiet nur einen Teil der Wirklichkeit und ist viel zu langsam, um den Ereignissen zu folgen.

ZEIT: Was hindert die Union daran, ein modernes Zuwanderungsgesetz zu schaffen? Die CDU hatte sich ja auch einmal sehr für das Punktesystem interessiert.

Schwarz-Schilling: Ja, das war ein kleiner Parteitag der CDU, ich glaube im Jahre 2002. Da hatte ich damals mit Wolfgang Bosbach einen Vorschlag ausgehandelt. Doch später hat die Bundestagsfraktion diesen Kompromiss weggebügelt. Wir lernen eben erst dann Dinge ernsthaft zu behandeln, wenn der Druck riesig wird.