Nie wird sie die Nacht vergessen, in der sie in ihr neues Leben ritt, über Berge und Hügel, durch Täler und Wälder. In ein Dorf, das sie nicht kannte, zu einem Mann, den sie noch nie gesehen hatte. Ja, sie wusste noch nicht einmal, ob sie nur einen Mann bekommen würde oder gleich mehrere.

Sechs Tage zuvor hatten ihre Eltern, tibetische Bauern, Chemaiyamkap von ihrer Entscheidung unterrichtet. Du wirst heiraten. Es war ein Satz mit Punkt und ohne Fragezeichen. Also legte sie ihren Brautschmuck an, ließ den Blick ein letztes Mal über ihr Dorf schweifen und schwang sich aufs Pferd. Sie fröstelte, und es lag nicht an der Kälte.

An jenem Morgen vor 25 Jahren erreichte sie ihre neue Heimat. Dongqing, ihr Bräutigam, erwartete sie bereits. Der glücklichste Moment in Dongqings Leben war nicht die Hochzeit. Waren nicht die beiden rauschhaften Tage, als Menschen von nah und fern in sein Bauernhaus kamen, sangen, tranken und tanzten. War nicht die Nacht, in der er Chemaiyamkap zum ersten Mal in seine Arme schloss, unbeholfen noch, seine Finger über ihr rundes Gesicht wandern ließ.

Der glücklichste Moment seines Lebens, sagt Dongqing, war der Tag, an dem auch sein jüngerer Bruder Yipyip beschloss, Chemaiyamkap zur Frau zu nehmen.

Da waren sie dann zu dritt. Dongqing, der Ältere, heute 46 Jahre alt, ein stämmiger, selbstbewusster Mann, struppiges Haar zu freundlichem Koboldgesicht. Chemaiyamkap, 45, eine schüchterne Frau, das Gesicht rund wie der Mond, die Wangen apfelrot. Und Yipyip, 42, der jüngere, feinere, stillere der beiden Brüder.

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Lange hatte Dongqing auf ein Zeichen des Jüngeren gehofft. Als Dongqing und Chemaiyamkap heirateten, war Yipyip noch klein, mehr am Kartenspielen interessiert als an Frauen. Dongqing beobachtete den Bruder genau. Wie stand er zu seiner Frau? War da ein Blick, ein Lächeln, das mehr versprach? Gab es Hoffnung auf eine Vielehe? "Die Vielehe", sagt Dongqing, "ist einfach die bessere Ehe. So viel stärker, so viel intensiver."

Zwei, drei, vier Brüder und eine Frau. Brüder sollten zusammenbleiben, sagt Dongqing, ihr Leben lang. Sollen gemeinsam Kinder zeugen, acht sind es bei ihnen, vier Jungen und vier Mädchen. Um die Geburtenplanung der chinesischen Regierung hat man sich in seinem Dorf noch nie gekümmert. Unhöflich wäre es, zu fragen, welche Kinder von welchem Bruder stammen. Nicht dass man es nicht erahnen könnte. Die einen haben eine breite Knubbelnase wie Dongqing, bei den anderen ist sie schmal und gerade wie bei Yipyip.

Hätte Yipyip sich gegen die Vielehe entschieden, sagt Dongqing, er wäre todtraurig gewesen. Die Leute im Dorf hätten geredet, die Köpfe geschüttelt, hätten gesagt: Diese Familie ist einfach nicht stark.

Nyo zählt 3.000 Seelen. Es sieht so aus, wie man sich das Ende der Welt vorstellt. Und falls Sie noch nicht da waren: Das Ende der Welt ist fantastisch. Glasklare Höhenluft. Schneebedeckte Gipfel. Grashügel, auf die die Wolken ihre Schatten werfen. Dazu das Eisblau des Flusses, das Rot, Gelb und Braun der Erde, Gras in allen Schattierungen, gelbes Schilfgras, braunes Steppengras, grünes Golfplatzgras. Geräumige Bauernhöfe aus gelbem Lehm und roten Ziegeln. Als hätte man einen Aquarellkasten ausgeleert.

In Nyo, nahe der Kreisstadt Nangqian in der Provinz Qinghai, nur wenige Kilometer von der Grenze zur Autonomen Provinz Tibet entfernt, lebt die tibetische Volksgruppe der Kham. Nangqian ist ein verschlafenes Städtchen, durch das morgens die Yaks und Kühe ziehen. Erst spät am Vormittag gesellen sich die Städter hinzu, Tibeter mit langen Haaren und wehenden Mänteln, Frauen mit endlosen Zöpfen. In Nangqian gibt es nur wenige Han-Chinesen, deshalb können Bilder mit dem Dalai Lama ganz offen in Restaurants und Geschäften hängen. Die Polizisten wagen es nicht, sie abzunehmen; sie fürchten den Volksaufstand. Auf dem Dorf geht es noch traditioneller zu als in der Stadt. In Nyo leben alle Familien in Vielehe. Zwei, drei, manchmal sogar vier Brüder und eine Frau.

Wie wahrt sie in der Liebe die Diplomatie?

Wer Dongqings Familie besuchen will, muss erst zwei Höllenhunde passieren, riesenhafte Mastiffs. Im Hof parkt ein feuerroter Lastwagen, dahinter steht ein gemütliches Haus. Große Fenster, durch die das Licht in dicken Streifen fällt, die Küche ein Farbenrausch, tibetische Malerei, wohin man schaut. Auf dem Ofen köchelt der Buttertee, darunter hat sich ein Kätzchen eingerollt, und irgendwie fühlt man sich mit einem Mal so wohlig, dass man es ihm nachtun möchte.

Seit Jahrhunderten, sagt Dongqing, gebe es hier die Vielehe. Man erzählt sich, es habe an dieser einen Familie gelegen, in der zwei Brüder sich eine Frau teilten. "Die Familie wurde reich und stark, und so kam es, dass sich das einbürgerte."

Der Brauch passt gut zur Lebensweise der Region. Im Sommer müssen im Hochland die Yaks gehütet werden. Wenn die Familie zugleich Felder in der Nähe des Winterhauses hat, sind sie zu bestellen. Und wer zudem Handel treibt, hat wegen der dünnen Besiedelung weite Strecken zurückzulegen.

"Die Vielehe ermöglicht es Brüdern, zu handeln und das Vieh zu hüten, während immer einer bei Frau und Kindern bleibt", sagt Dongqing.

So halten sie es auch. Dongqing, der Ältere, bestellt das Feld, kümmert sich um die Ziegen, hilft seiner Frau mit den Kindern. Er ist der Hausherr, trifft alle Entscheidungen und repräsentiert die Familie nach außen. Yipyip hingegen ist meist mit seinem Lastwagen unterwegs, manchmal sechs Monate am Stück; er fährt bis nach Lhasa. Im Winter ist das gefährlich. Sein Beifahrer und er schlafen im Führerhäuschen, das mit Stockbetten, Fernseher und tibetischem Tempelchen ausgestattet ist. Fünfmal am Tag ruft er zu Hause an. "Der Jüngere muss auf die Entscheidungen des Älteren hören", sagt Yipyip, "dafür ist er frei, herumzuziehen wie der Wind."

Und welchen Regeln unterwirft sich die Liebe? Trifft Chemaiyamkap Abend für Abend ihre Wahl, gleich einem chinesischen Kaiser, der sich für seine Lieblingskonkubine entscheidet? Machen die Brüder Monat für Monat einen Plan? Gibt es besondere Zeichen? Lässt man die Hausschuhe auf der Fußmatte stehen?

"Ach, das ist alles ganz einfach", sagt Dongqing. Es gibt im Haus zwei Schlafzimmer. Normalerweise nächtigt Dongqing bei Chemaiyamkap, doch wenn Yipyip von einer langen Fahrt zurückkehrt, zieht er sich nach nebenan zurück und lässt dem Jüngeren den Vortritt.

"Eifersucht gibt es bei uns nicht", sagt Dongqing. "Sonst hätten wir ja nicht geheiratet. Manchmal hört man in den Familien der Nachbarschaft davon – wenn eine Frau einem Bruder mehr Zuneigung zeigt als dem anderen. Aber dann gilt sie als schlechte Frau."

Nun würde man gern von Chemaiyamkap wissen, wie sie die Vielehe sieht. Wie es ist, zwei Männern, die sie doch vielleicht in ganz unterschiedlichem Maße liebt, die gleiche Zuneigung zu schenken? Wie wahrt sie auf dem gefährlichsten aller Felder, der Liebe, die Diplomatie?

Leider ist es nicht möglich, mit ihr allein zu sprechen. Sie ist sehr schüchtern und wirkt ein wenig bedrückt, obwohl Dongqing sie wortreich als beste Frau der Welt preist. Aber wenn sie mit den Kindern spielt, den Mädchen die Zöpfe flicht, den Jungs in die Mäntel hilft, lacht sie ein glockenhelles Lachen. "Die Vielehe ist gut", sagt sie. "Das Gefühl ist stärker. Wie sollte ich alleine so viele Kinder hüten? So bin ich nicht allein und habe viel weniger Arbeit."

Dongqing lässt den Blick über seine Söhne schweifen. "Ich hoffe sehr, dass auch meine Söhne zusammen heiraten. Doch der Einfluss der Han-Chinesen, der Moderne wird immer größer. Ich habe Angst, dass sie eines Tages einfach zu modern werden."

Andere haben sich bereits in die Moderne aufgemacht. Die Familie von Aho zum Beispiel. An einem Tag vor zehn Jahren verstaute er seine Eltern, seine Brüder, seine Frau und seinen Sohn in einem Lastwagen und karrte sie in die fünf Stunden entfernt gelegene Stadt Yushu, die ebenfalls in der Provinz Qinghai liegt. Sie wollten ihr Glück versuchen. Wie hätten sie ahnen können, dass dieser Stadt so gar kein Glück bevorstand?

Bis vor wenigen Jahren galt Yushu unter Reisenden als Geheimtipp, schon wegen der Anreise. Spektakulär ist die Berglandschaft, durch die sich die Flugzeuge wie Pfeile schlängeln. Doch im Jahr 2010 zerstörte ein gewaltiges Erdbeben die Stadt. Jetzt wird sie komplett neu aufgebaut, viele Han-Chinesen sind hergezogen. Stellenweise wirkt Yushu wie die Kulisse eines absurden Filmes. Ein rosafarbener Plattenbau reiht sich an den nächsten, verziert mit naiven, pseudotibetischen Friesen.

Bis vor Kurzem lebte Ahos Familie noch in einem Zelt, drei Winter lang froren sie bei Temperaturen von mehr als 30 Grad minus. Erst vor zwei Monaten sind sie in ihr neues Stadthaus gezogen, gleich neben dem Tempel. Hinter dem Wellblechzaun im Hof sind die schneebedeckten Berge zu sehen.

Schwer zu sagen, ob dies jetzt ein Stadthaus ist oder ein Bauernhaus, denn im Wohnzimmer stapeln sich schwere Säcke voller Pilze. Die Familie sitzt auf der kunstledernen Couch und schneidet mit langen Messern Fleischstücke von einem gewaltigen Yakschenkel. Sie haben sich irgendwo zwischen Tradition und Moderne eingerichtet, jeder von ihnen auf seine Weise.

Die Großeltern könnten aus einem fernen Jahrhundert stammen, die herbeieilenden Nachbarskinder aus einer Seifenoper des Fernsehens. Die Großmutter rührt die Gebetstrommel, wo immer sie geht und steht, nie hört sie auf, ihre Mantras zu murmeln. Der Großvater erinnert an einen uralten Baum, die Haut rissig wie Rinde, die Hände gleich knorrigen Wurzeln. Er kichert ununterbrochen, seine letzten beiden Zähne zeigend, vor allem dann, wenn es um die Liebe geht.

Als die drei Männer mit ihrer gemeinsamen Frau in Yushu ankamen, wurden sie angesehen wie Außerirdische. "Die konnten einfach nicht fassen, dass wir eine Vielehe führen. Das war ihnen komplett unbekannt", sagt Aho, der älteste Bruder. Der 35-Jährige wirkt modern und elegant. Er trägt Koteletten und einen schwarzen Cardigan. Sein prüfender Blick ist der eines Geschäftsmannes. In dieser Familie machen Bruder eins und drei die Geschäfte. Sie handeln mit einem besonderen Pilz, dem caterpillar fungus, dem wahre Wunderkräfte nachgesagt werden. Han-Chinesen kaufen ihn zu exorbitanten Preisen.

Takyb, 32, Bruder Nummer zwei, kümmert sich um Frau und Kind. Er scheint ganz anders als der ältere Bruder zu sein, weich, fürsorglich, offen. Er trägt traditionelle Kleidung, wie es alle tun, die daheim bleiben. Wer rausgeht, um Geschäfte zu machen, kleidet sich westlich.

Der dritte Bruder, Jamtsen, 29, ist gerade unterwegs. Alle drei sind mit der 32-jährigen Gyakyen verheiratet, einer lebhaften, fröhlichen Frau. Sie scherzt mit ihren Ehemännern.

Ist das nicht anstrengend mit drei Ehemännern?

Wie sie sich kennengelernt haben? Die Frage lässt die Familie kichern. Der Großvater muss so lachen, dass er sich nicht mehr halten kann und aus dem Zimmer humpelt. "Es war eine Liebesheirat." Ihre Dörfer lagen nur zwei Kilometer voneinander entfernt, und manchmal, wenn sich Aho und Gyakyen auf dem Feld trafen oder beim Hüten der Yaks, dann neckten sie sich.

Eines Tages begann Aho für Gyakyen zu singen. Über Täler und Berge hinweg, er wusste, irgendwo hinter dem Hügel musste sie sein und die Yaks der Familie hüten. Er besang ihre Schönheit und ihr warmes Herz. Und am Ende sang er: Wenn du auch etwas für mich empfindest, dann sing doch zurück. Nach einem Moment, der ihm schien wie eine Ewigkeit, hörte er ihre Stimme.

"Drei Jahre lang waren wir zusammen, dann erst wagten wir unsere Eltern zu fragen, ob wir heiraten könnten", sagt Aho. "Wir waren so nervös, denn wir waren ja noch so jung."

Er unterrichtete seine Brüder. Auch die mochten Gykakyen. "Es gibt bei uns keine Eifersucht, weil wir Brüder sind", sagt Aho. "Wären wir das nicht, dann wären wir natürlich sehr eifersüchtig." Persönlich finde er die Vielehe sehr gut, doch für die tibetische Bevölkerung sei sie nicht ideal. Denn gemeinsam haben die vier Eheleute nur einen Sohn.

Aber ist das nicht sehr anstrengend mit drei Ehemännern? "Ach was!", sagt Gyakyen und lacht. "Wenn ich sie nicht alle drei gut fände, hätte ich sie nicht geheiratet. Sollte einem etwas zustoßen, habe ich immer noch zwei. Hätte ich nur einen Mann oder zwei, dann wären sie die ganze Zeit unterwegs, und ich würde sie nur alle paar Monate sehen. Nein, so ist es perfekt, ich liebe sie alle drei."

Kompliziert, sagen sie, sei selbst die Liebe unter vieren nicht. Sie haben vier Zimmer, jeder hat sein eigenes. Und manchmal schlüpft dieser zu Gyakyen ins Zimmer hinein, manchmal jener. "Wir brauchen keine Zeichen", sagt Aho. "Wir sind so lange miteinander verheiratet, wir merken das schon."