ExbundespräsidentDie letzte Würde

Auch der ehemalige Bundespräsident hat ein Recht auf eine faire Beurteilung, nicht nur durch die Justiz. von 

In anderen Zeiten und in einem anderen Zusammenhang könnte der Satz leicht herablassend wirken. Was aber der amtierende Bundespräsident Joachim Gauck bereits mehrfach über seinen Vorgänger gesagt hat, ist heute fast schon eine Mutprobe: Christian Wulff tue ihm menschlich leid. Das sehen die meisten Deutschen anders. Nach einer Forsa-Umfrage vom November empfinden 86 Prozent der Bürger kein Mitleid mit dem zurückgetretenen Präsidenten. Und wer in den Medien einmal nicht auf Wulff herumtrampelt, kann mitunter sein blaues Wunder erleben: Als zum Beispiel im vergangenen Jahr die Sächsische Zeitung einen Schnappschuss von Wulff und seiner Frau veröffentlichte, die die Frauenkirche in Dresden besucht hatten, kam es zu heftigen Leserreaktionen, als habe das Blatt die Ankunft des Leibhaftigen verkündet.

Nun ist Christian Wulff auch kein Unschuldsengel. Aber der Furor und die Unerbittlichkeit, die ihm entgegenschlagen, verraten inzwischen mehr Abgründiges, als es die vielen Enthüllungen über Wulff bislang vermocht hätten. Besonders bestürzend ist es, wenn ausgerechnet das am Ende unverhältnismäßig wirkt, von dem man sich gerade unvoreingenommene Aufklärung erhofft hatte – die Ermittlungen gegen Wulff und seinen Freund David Groenewold durch die Justiz in Hannover. Seit einem Jahr arbeiten sage und schreibe 24 Staatsanwälte und Ermittlungsbeamte an dem Fall, sie ermittelten zunächst gegen Wulff und Groenewold wegen des Verdachts der Vorteilsnahme und der Vorteilsgewährung. Es ging am Anfang um zwei Urlaubsreisen nach Sylt und einen Besuch beim Oktoberfest im Jahr 2008. Die Beamten gingen jeder Spur nach, sie nahmen die Rezeptionistinnen des Hotels Bayerischer Hof in München ebenso streng ins Verhör wie einige als Zeugen infrage kommende Hotelgäste aus dem Ausland, die zufällig in der Nähe standen, als Groenewold oder Wulff ihre Rechnungen beglichen. Es sollte nur niemand sagen können, irgendwer wolle das hohe Tier Wulff schonen.

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Es geht auch um die Frage, ob Wulff Champagner oder Saft getrunken hat

Übrig blieb aber kaum etwas Justiziables. Zurzeit geht es noch um Sachleistungen in Höhe von 770 Euro, die Groenewold Wulff angeblich zukommen ließ, um sich die Unterstützung bei einem Filmprojekt zu erkaufen. Den größten Anteil bilden 400 Euro, die Groenewold, wie er behauptet, ohne Wissen von Wulff, an der Hotelrechnung Wulffs übernommen hatte. Diese Kosten wären dem aber von der Staatskanzlei in Hannover ohnedies erstattet worden. Der zweitgrößte Posten ist eine Champagnersause im Käfer-Zelt, die ebenfalls von Groenewold bezahlt worden war. Die Staatsanwaltschaft hat den Bewirtungsbeleg anteilig auf die Gäste Groenewolds umgelegt. Dagegen wehrt sich Wulff, weil seine Frau zu jener Zeit noch gestillt und daher nicht getrunken habe; er selbst sei als notorischer Obstsafttrinker bekannt. Dem hält die Staatsanwaltschaft, so klein ist das Karo inzwischen, eine Sammlung von Fotos entgegen, die Wulff bei offiziellen Terminen mit einem alkoholischen Getränk zeigen sollen. Die restlichen Posten sind eine von Groenewold beglichene Rechnung für eine Nanny im Hotel der Wulffs und eine zweite für ein Abendessen, von dem aber nicht klar ist, ob die Eheleute Wulff überhaupt dabei waren.

Für eine Verurteilung vor Gericht wird das kaum reichen. Deshalb erschien es auch eigennützig, dass die Staatsanwaltschaft Wulff und Groenewold die Einstellung des Verfahrens in Aussicht stellte: gegen Zahlung einer Geldauflage von insgesamt 50.000 Euro. Und während die Summe, mit der er bestochen worden sein soll, immer kleiner wurde, geriet der Tatverdacht immer größer: Statt Vorteilsnahme und Vorteilsgewährung sollen es nun Bestechlichkeit und Bestechung gewesen sein. Die Einstellung nach Paragraf 153a bedeutet ausdrücklich kein Schuldeingeständnis. Aber in einem Schreiben der Staatsanwaltschaft wurde von beiden Beschuldigten die "Übernahme strafrechtlicher Verantwortung" verlangt. Inzwischen hat sie präzisiert, dass damit die Anerkennung des Verfahrensstands gemeint sei, dass es also einen hinreichenden Tatverdacht gegen Wulff und Groenewold gibt.

Aber selbst wenn sich Wulff auf diesen Deal einließe, aus Furcht vor einem neuen medialen Spießrutenlauf beim Prozess oder aus Angst vor immensen Anwaltskosten, für die er sich abermals verschulden müsste: Kann es sein, dass ein Bundespräsident am Ende wegen einiger nicht klar zuzuordnender Rechnungen zurücktreten musste? Ja, aber auch ohne Ermittlungsverfahren hätte er sich kaum im Amt halten können.

Denn Christian Wulff war keineswegs frei von Makel. Um einen Privatkredit zu verheimlichen, hat er den Niedersächsischen Landtag mindestens getäuscht. Es reihte sich eine peinliche Enthüllung an die andere: Gratisurlaube, schillernde Freundschaften, ein drohend-flehender Wutanruf beim Bild-Chefredakteur. Aber eben auch nichts, was den Eifer rechtfertigte, mit dem viele Medien Wulff verfolgten. Bis in seine Zeit als Schülersprecher am Gymnasium in Osnabrück wurde sein Leben aufgerollt. Als er nach dem Rücktritt schon am Boden lag, wurde nachgetreten, da durfte schon jeder Wetterfrosch einen Witz über Wulff zum Besten geben. Es ist wohl diese unheilvolle Dynamik, die auch dem Ermittlungsverfahren etwas Überdimensionales gab. Schließlich gelangte auch noch fast jedes Detail aus den Ermittlungen an die Öffentlichkeit. Christian Wulff ist in jedweder Hinsicht ein Vorverurteilter. Nachdem ihm alles genommen wurde, ist jetzt wenigstens noch Zeit, seiner fortdauernden gesellschaftlichen Ächtung Einhalt zu gebieten.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. ... bin ich mit jedem Wort einverstanden. Unser ehemaliger Bundespräsident war wohl beileibe kein Engel, aber die Maßlosigkeit und Reflexhaftigkeit der Reaktionen erzählt mehr über den "Triebstau" der Shitstormer als über Herrn Wulff.

    Nur kommt der Artikel wohlfeil, sozusagen in der "postkoitalen Phase", in der die Shitstormer ausgelaugt und etwas ermüdet an ihrer Pausenzigarette ziehen. Da kommt der Artikel nicht als mahnender Zwischenruf daher, sondern eher als ein "Hey, den gibt's ja auch noch - habt ihr den etwa schon vergessen?"

    Mein persönlicher Eindruck: Zeit Online (mehr als die Print-Version) ist in der "Enthüllungsorgie" fein mitgeschwommen und hat zu einer differenzierten - d.h. kritischen UND maßvollen - Berichterstattung ebenso wenig beigetragen wie die Kollegen anderer Medien. Da kommt der - in der Sache richtige - Zwischenruf von Herrn Lorenzo etwas dünkelhaft daher.

    Gruß,
    Tezcatlipoca

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    Wer sich über Shitstormer beklagt, sollte einfach auch wissen, ob man jenen überhaupt eine Vorlage geben sollte, oder nicht.
    Schliesse mich Ihrer Meinung an.

    Wulff selbst provoziert die öffentlichen Reaktionen, wenn er bei jeder sich bietenden Gelegenheit sofort wieder die Flucht nach vorne antritt, und sich geriert, als geschehe ihm Unrecht.

    So lange in Deutschland Verkäuferinnen wegen einer Wurstsemmel oder einem Getränkebon gefeuert werden, muss auch ein Herr Wulff ertragen, dass man ihm nachforscht, von wem er sich alles Geld geborgt hat, das er sich dann wieder von jemand anderem nochmal geborgt hat, um es dem vorigen zurückzahlen zu können. Aha, so, so. Alles klar. Herr Wulf macht sehr den Eindruck eines Unschuldigen und sieht gar nicht aus, als hätte er die Ansprüche, die man an ihn an Benehmen und Liquidität gestellt hat, nicht erfüllen können.

    "So lange in Deutschland Verkäuferinnen wegen einer Wurstsemmel oder einem Getränkebon gefeuert werden, muss auch ein Herr Wulff ertragen..."

    Meinetwegen, damit hätte ich kein Problem. Der Mann liegt am Boden nachdem er lange Zeit ziemlich weit oben gesessen hat. Da mag sich nun jeder sein eigenes Bild und seine eigene Meinung drüber machen.

    Allerdings werde ich den Eindruck nicht los, dass hier die Öffentlichkeit ("Das Volk") ein Ventil dafür sucht, dass die größten Ungerechtigkeiten eben im Rahmen der Gesetze stattfinden, wie die sich ankündigenden Enthüllungen über die Off-Shore-Vermögen deutscher Oligarchen nahelegen. Wenn man anstelle der vielzitierten Supermarktverkäuferin dieses Extrem vom anderen Ende der moralisch bedenklichen Verhaltensweisen zum Vergleich heranzieht, zeigt sich schon eine gewisse Unverhältnismäßigkeit.

    24 Staatsanwälte waren mit der "Causa Wulff" befasst, während in Sachen Steuergerechtigkeit die Behörden allenthalben über Überlastung und unzureichende personelle Ausstattung klagen. Auch das wirft die Frage nach der Verhältnismäßigkeit auf.

    Es gibt zahlreiche Ereignisse, bei denen ich mich frage, wo der Volkszorn bleibt, die Wulffstory gehört sicher nicht dazu. Meiner Meinung nach eignet sie sich nicht einmal dafür, sozusagen exemplarisch einen Befund über den moralischen Zustand der Republik und ihrer Eliten zu erheben. Der wäre aber dringend überfallig, wie es aussieht.

  2. Eben!

    Auch die derzeitige Flut von "Mitleidsgetose" ändert nichts an diesem Sachverhalt, so viel man es auch schönzureden vermag!

    Die Kritik der Presse mag meinetwegen gelegentlich überzogen gewesen sein. Dennoch habe ich aber lieber eine aggressive Presse, als eine durch einen Wulff-Anruf erpressbare Berichterstattung!

    Diese Tatsache wird scheinbar leicht vergessen...

    24 Leserempfehlungen
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    Wie wäre es denn mit integren, unbestechlichen, möglichst objektiv schreibenden, machtresistenten Menschen die für die Presse arbeiten? Wäre ihnen das angenehm?
    Vieleicht würden solche Menschen bei der Presse eher für Aufklärung und gute Informationsvermittlung sorgen, als diese unsäglichen Schwarz-Weiß-Denker, überwiegend im Leserbereich.
    Glauben Sie allen Ernstes Sie hätten NUR die Wahl zwischen einer demütigen oder einer agressiven Presse?
    Wenn überhaupt dann haben zuguterletzt die Mitarbeiter der Presse die Wahl, ob sie die Form der Informationsübertragung der jeweiligen Shitstormermentalität anpassen (oder irgendeiner anderen Glaubensgemeinschaft) oder ihr eigenes vertretbares Bild vermitteln.

  3. Di Lorenzo springt für Wulff in die Bresche.

    Dem kann ich nur mit einigen Wulff Zitaten begegnen:

    “Ich bin davon überzeugt: Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar. Sie sehnen sich danach, reinen Wein eingeschenkt zu bekommen.”(2010)

    “Jeder Polizeibeamte, jeder Beamte eines Staatshochbauamtes, einer Vergabestelle hat natürlich gar kein Problem, Freunde aus der Wirtschaft in seinem Feld zu bekommen und beispielsweise auch Zuwendungen im Zusammenhang mit Festen, Feiern und privaten Dingen. Es darf nur eben nicht sein. Es muss jeder Eindruck von Korrumpierbarkeit schon im Ansatz verhindert werden. Es darf gar nicht erst zur Korruption kommen, sondern es muss der Anschein von Korrumpierbarkeit, von Abhängigkeiten, von Sponsoring von Politik und Politikern vermieden werden.” (1999)

    “Es muss der Anschein vermieden werden, dass es Interessenkollisionen gibt.” (2006)

    “Ich leide physisch darunter, dass wir keinen unbefangenen Bundespräsidenten haben.” (2000)

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    Ich sehe Ihren Kommentar nicht unbedingt im Widerspruch zu di Lorenzos.

    Die Medienhetze war nachher überzogen und das Verfahren jetzt lässt in Verhältnismäßigkeit schon Fragen aufkommen.

    Umgekehrt bleibt, dass Wulff zum großen Teil die Allein- und zum anderen Teil die Mitverantwortung hat.

    Gerade Wulff hat, wie u.a. Ihre Zitate zeigen, die Messlatte für ehrbares Verhalten selbst laut angelegt! Er hat andere gemessen, ziemlich konsequent. An sich selbst hat er diese Latte aber ganz offensichtlich nicht angelegt. Die Presse ist erst dann richtig hartnäckig geworden, nachdem Wulff jeden Vorwurf hab abperlen lassen und sich zeigte, dass er nur bei anderen gemessen haben will, für sich selbst aber Narrenfreiheit erwartet.

    Wie sehr er selbst damit alles aus dem Ungleichgewicht gebracht hat, sieht man doch auch an den Reaktionen! Ein Minister- / Bundespräsident, der sich derart in die Grauzone begibt, sich von anderen haushalten lässt für lächerliche Beträge, der so fixiert ist auf einen mondänen Lebensstil, den er sich gar nicht richtig leisten kann - der ist als Bundespräsident nicht tragbar, schon vor der Strafbarkeit seines Tuns. Das vergessen jene, die heute Wulff als reines Opfer stilisieren. (Was di Lorenzo nicht tut!)

    Die fehlende Reue Wulffs, die bis heute anhält, sollte aber auch Grund sein, zu einem sauberen, juristischen Abschluss zu kommen. Keine Spekulationen, darüber, ob das nun einen jur. Gehalt hatte oder nicht - dafür ist das öffentliche Interesse zu groß!

    daran falsch ?

    H. Wulff hat gelogen, getäuscht und betrogen.

    Er hat an andere die höchsten Maßstäbe angelegt.

    Er hat die Latte ganz hoch gelegt und ist selbst bequem unten durch gelaufen.

    Mitleid? Nein, warum?

    Haben die "Die Medien" überreagiert? Nein. Sie haben ausnahmsweise mal funktioniert.

    Ob Zufall, oder weil H. Wulff die BILD angepinkelt hat?

    Wer weiß.

    - aber meine Unzufriedenheit mit Wulff als BP begann schon, bevor er seinen Weg durch die Fettnäpfchen begann.

    Als die Neuwahl nach Köhlers Rücktritt nötig wurde, hatte es ja einige wohlklingende Namen auf der Kandidatenliste gegeben.
    Aber BK Merkel (als hochrangiges Mitglied einer Partei, die Schwergewichte wie von Weizsäcker oder Herzog ins Amt gebracht hatte) zog es vor, nach den Regeln ihrer Machtarithmetik einen blassgrauen Provinzfürsten und innerparteilichen Konkurrenten im höchsten Amt des Staates quasi zu entsorgen.
    Das Amt des Bundespräsidenten benötigt mehr denn je einen unabhängigen Querdenker, der die Statur hat, den in Stellungskämpfen versauernden Parteien und ihren Wählern auch mal Klartext ins Poesiealbum zu schreiben.
    Dieses Paar Schuhe war für Wulff - für jeden von vornherein erkennbar - mehr als eine Nummer zu groß. Trotzdem (oder deswegen) wurde er ins dieses Amt gehievt und es damit m.E. beschädigt.

    Daher glaube ich - langer Rede kurzer Sinn - dass viele bei ihrer Kritik an Wulff den Sack schlugen, aber den Esel meinten. Seine Fehler waren der Aufhänger; die Unzufriedenheit lag tiefer in der Vorgeschichte seiner Ernennung begründet.

  4. Der Fall Wulff ist sicher eine menschliche Tragödie, aber politisch wiegt die Mißachtung des Grundgesetzes durch die Medien weit schwerer. Der Mißbrauch der Pressefreiheit, um einen von den Medien ungeliebten Präsidenten aus dem Amt zu moppen, ist ein Skandal, der einem Rechtsstaat Hohn spricht!

    § 61 (1) Der Bundestag oder der Bundesrat können den Bundespräsidenten wegen vorsätzlicher Verletzung des Grundgesetzes oder eines anderen Bundesgesetzes vor dem Bundesverfassungsgericht anklagen. Der Antrag auf Erhebung der Anklage muß von mindestens einem Viertel der Mitglieder des Bundestages oder einem Viertel der Stimmen des Bundesrates gestellt werden. Der Beschluß auf Erhebung der Anklage bedarf der Mehrheit von zwei Dritteln der Mitglieder des Bundestages oder von zwei Dritteln der Stimmen des Bundesrates. Die Anklage wird von einem Beauftragten der anklagenden Körperschaft vertreten.
    (2) Stellt das Bundesverfassungsgericht fest, daß der Bundespräsident einer vorsätzlichen Verletzung des Grundgesetzes oder eines anderen Bundesgesetzes schuldig ist, so kann es ihn des Amtes für verlustig erklären. Durch einstweilige Anordnung kann es nach der Erhebung der Anklage bestimmen, daß er an der Ausübung seines Amtes verhindert ist.

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    Medien?

    In dem von Ihnen zitierten Artikel steht, was Bundestag oder Bundesrat dürfen; aber das bedeutet doch nicht, dass Medien nicht berichten bzw. in der Berichterstattung nicht über die Stränge schlagen dürfen. Das Grundgesetz bietet in dem von Ihnen zitierten Artikel nur einen Weg, den Präsidenten unter klar bestimmten Umständen (weil sie nämlich das Amt an sich beschädigen) auch ohne dessen freiwilligen Rücktritt vor Ablauf seiner Amtsperiode seines Amtes zu entheben.
    Artikel 5 Abs. 1 GG (Gewährleistung der Pressefreiheit) wird dadurch überhaupt nicht berührt; allenfalls könnte man über den Absatz 2 (Schranken der Pressefreiheit) diskutieren. Aber da wiederum denke ich, dass die Medien einen sehr breiten Raum haben, bis dieser Absatz tatsächlich zur Anwendung kommen könnte. Immerhin weiß jeder, der sich in die Öffentlichkeit begibt, auch, dass die Öffentlichkeit sehr genau schaut, wer sie da vertritt.

    Genau darauf hatte ja schon Ex-Präsident Herzog hingewiesen, dass es verwunderlich sei, dass eine Provinstaatsanwaltschaft einen Bundespräsidenten vor Gericht zöge. Es war Wulffs entscheidender Fehler, dass er sich diesem grundgesetzwidrigen Verfahren überhaupt gestellt hat, anstatt sine ira et studio auf die Gesetzeslage zu verweisen.

    Ohnehin handelt es sich bei der Causa Wulff aufgrund eines beunruhigenden Zusammenspiels von Justiz und Medien um eine deutsche Dreyfus-Affaire. Leider schwant selbst einem Qualitätsblatt wie der ZEIT jetzt erst, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, dass man sich von einer Kampagne hat beeindrucken lassen, und deshalb die gebotene Zurückhaltung nicht durchweg gewahrt hatte.

    Was noch aussteht, ist die vollständige Rehabilitierung von Herrn Wulff. Ich zweifle daran, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft, viel weniger ihre öffentliche Elite, die Größe aufbringt, das eigene Versagen einzugestehen und Herrn Wulff um Verzeihung zu bitten.

  5. Kann man das Rad zurückdrehen? Natürlich nicht. Das drückt sich schon in der Überschrift dieses Artikels, dem ich zustimme, aus. Ich hoffe, sehr geehrter Herr Lorenzo, Ihr Appell ist ehrlich gemeint. Und ich hoffe auch, dass die Rolle der Medien und auch die Rolle der "Zeit" in dieser Affäre irgendwann einmal sachlich und objektiv aufgearbeitet wird. Mit einem (sicher nicht entschuldigend gemeinten) Hinweis darauf, dass man sein "blaues Wunder" erleben konnte, wenn man einmal nicht auf Wulff "herumtrampelte", kann es nicht getan sein. Wie man der fortdauernden gesellschaftlichen Ächtung von Christian Wulff Einhalt gebieten kann, ist mir noch nicht klar. Darüber sollten sich aber diejenigen, die dazu beigetragen haben, Gedanken machen.

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  6. Die ganze Angelegenheit gibt Grund zum Fürchten. Was wir gesehen haben, war im 21. Jahrhundert, ein klassisches Mob/Lynchverhalten, wie es auch zu Zeiten der Hexenverfolgungen und der Judenverfolgungen gegeben hat. Nur auf einer anderen Ebene.

    Das ist erschreckend, nicht nur weil es passiert ist, aber auch weil ansonsten gemässigte Journalisten/Zeitungen kräftig mitgemacht haben, mehr oder weniger direct oder indirect.

    Vielleicht ist es weil wir noch nicht mit den neuen Medien (Internetforen) umgehen können, aber die neuen Medien rechtfertigen nicht was da an Rufmord, Verleumdung und Verunglimpfung geschehen ist.

    Dass man jemanden nicht mag, gibt kein Recht auf Lynchjustiz. Das gesamte rechststaatliche Denken ist hier zu Grabe getragen worden.

    Es gibt aber noch eine andere Dimension. Bei Mob/Lynch-Verhalten gibt es immer welche, die die Strippen ziehen, und ich denke, es gibt hier noch viel Anlass für Nachforschungen. Wer hatte ein Interesse in der Demontage/Zerstörung von Wulff, war es ein politischer oder persönlicher Racheakt.

    Ich hoffe sehr, daß Wulff diese ganze Angelegenheit nicht auf sich beruhen läßt, sondern alle jene, die sich daran beteiligt haben auf ihn medial einzuschlagen, zur Verantwortung zieht und zu Schadenersatz heranzieht, und vielleicht auch Strafanzeige wegen Verleumdung stellt.

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    ich denke mal die Mehrheit der deutschen Bevölkerung trfft sich in diesen Kriterien.

    "Ich hoffe sehr, daß Wulff diese ganze Angelegenheit nicht auf sich beruhen läßt, sondern alle jene, die sich daran beteiligt haben auf ihn medial einzuschlagen, zur Verantwortung zieht und zu Schadenersatz heranzieht, und vielleicht auch Strafanzeige wegen Verleumdung stellt."

    Da kann ich Ihnen voll und ganz zustimmen!

    Unser über Jahrhunderte der Aufklärung erarbeitete Rechtsstaat darf nie und niemals von im Schatten agierenden Partikularinteressen geleitet werden, die die Stimmung der Bevölkerung erst erzeugen und dann für sich selbst ausnutzen.

    Es grüßt Sie
    AV2010

  7. Er ist einer derer, vor denen ich meine Eltern immer gewarnt habe.

    Ein Farbloser, der in der Hoffnung auf Glanz doch ohne Gespür für die richtige Mischung in Farbtöpfen rührt und rührt - bis sie wackeln und umfallen.

    Er ist ein Getriebener. Getrieben von einer hohen Affinität zur Macht. Sein Aufstieg begründet sich aus Empathie und Anpassungsfähigkeit. Er hat die Fähigkeit schnell aufzunehmen aber den Mangel der leiernden Wiedergabe. Er weiß, er hat keine Bässe und Höhen. Auch das treibt ihn. Er hat Angst, dass ihn andere - und er sich selbst - im grauen Klang der Mitteltöne nicht mehr sehen und hören.

    Er ist kein Typ für Spontanes. Er ist ein Beruhiger, Nivellierer. Er ist Ausdruck des uninspirierten Anti-Charismas. Er regelt die Dinge. Bis die Regel wichtiger ist, als der Gegenstand der Regelung. Er seziert alles Kreative. Und tötet es dabei.

    Seine Sprunggelenke kommen nie zu Einsatz. Er trägt immer Gleitschuhe.

    Er legt an alles Maß an. Mit einem Zollstock, dessen Kerben nur nach aussen gerichtet sind. Ein Maßstab, der stets und nur für andere gilt. Er will glänzen. Kontrapunkte setzen in einem Konzert der Durchschnittlichkeit.
    Doch er ist schlecht im Arrangieren des Besonderen - und er vermasselt es konsequent.

    Kein Künstler, nur ein Verwalter, der gerne Künstler wäre.

    Dadurch wird er der Garant eines fabelhaften Fiaskos, das alle, die zu nahe an seinen Farbtöpfen stehen, beflecken wird. Er ist der Dirigent einer Symphonie der schleichenden Zerstörung.

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    Und Sie sind einer derer, vor denen mich meine Eltern immer gewarnt haben!
    Ein autoerotischer, Sätze wie schillernde Seifenblasen im Lichte eigener Eitelkeiten herausstossender, distanzloser Wortakrobat!
    Da ich Sie ja eigentlich nicht wirklich, nicht persönlich kenne, nehme ich das selbstverständlich sofort zurück und leiste mit stattdessen die aus dem tiefsten Inneren, wie von einer Posaune herausgetriebene, alles entscheidende Frage:
    geht´s eigentlich noch?

    • Hagmar
    • 06. April 2013 10:44 Uhr

    ... da haben Sie aber schwer in der Metaphernkiste gerührt. War auch ein Topf Lack dabei?
    Ihre Schreibe mitsamt Inhalt ist zum Fürchten lernen.

    Wo hatte ich mir diesen vortrefflichen Stil, diese vollendete Kunst in Semantik und Syntax, doch gleich wieder entliehen?

    Besser gehts nicht...Beschreibt es Zu-Treffend..."Hochmut kommt vor den Fall".

    >> Er ist der Dirigent einer Symphonie der schleichenden Zerstörung. <<

    ... ein kleiner Widerspruch. Wulff ist kein Dirigent. Wulff spielt im Orchester derer, die sich bis heute weigern, die UN-Konvention gegen Korruption zu ratifizieren:

    "Präambel
    Die Vertragsstaaten dieses Übereinkommens,
    besorgt über die Schwere der korruptionsbedingten Probleme und Gefahren für die Stabilität und Sicherheit der Gesellschaften; diese Probleme und Gefahren untergraben die demokratischen Einrichtungen und Werte, die ethischen Werte und die Gerechtigkeit und gefährden die nachhaltige Entwicklung und die Rechtsstaatlichkeit, ..."

    http://www.unodc.org/images/treaties/UNCAC/Status-Map/UNCAC_Status_Map_C...

  8. und kommt mit einer Bewährungsstrafe davon, wenn man als milieugeschädigt eingestuft wird. Dies kann man sogar wiederholen ohne, dass die Justiz Grund sieht eine härtere Gangart einzulegen. Als Opfer bleibt man auf dem Schaden sitzen.
    Aber der Staat hat genug Geld um 24 Staatsanwälte für Ermittlungen über eine Champagnersause monatelang abzustellen?

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