Diogenes VerlagAlles Erbe ist schwer

Der Chef des Diogenes Verlages in Zürich ist Unternehmer und Künstler zugleich. Kann er die Erfolgsgeschichte fortschreiben? von 

Philipp Keel, Chef des Diogenes Verlages in Zürich, gleicht den Autoren seines Hauses insofern, als er gerne erzählt. Was wäre die Literatur ohne das Erzählen? Man muss es allerdings können. "Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur die langweilige nicht" – an diesen weidlich zitierten Spruch des großen Voltaire glauben die Diogenes-Menschen seit eh und je. Auch Philipp Keel glaubt daran, und wer ihm begegnet, muss Langeweile nicht befürchten. Die Geschichten sprudeln nur so aus ihm heraus, und nicht wenige haben mit seinem Vater zu tun, mit Daniel Keel, dem 2011 verstorbenen Verlagsgründer.

Das Bürozimmer, in dem wir miteinander reden, hat einen bescheidenen Zuschnitt, und es wirkt, obwohl Philipp Keel schon seit einem Jahr darin regiert, noch immer provisorisch. Die fünf disparaten Sessel stehen nur zur Probe da. Das Leitungskollegium, das sich hier trifft, hat sich für den bequemsten noch nicht entschieden. Die Wände sind ebenso weiß wie die niedrigen, halb leeren Regale. Nur ein altes aus braunem Holz ist noch da, angefüllt mit den burgunderroten Bänden der Encyclopædia Britannica. "Es steht am selben Platz, wo es früher stand. Als ich am Couchtisch meine Hausaufgaben machte, hatte ich das Lexikon immer im Blick, und mein Vater, der am Schreibtisch Manuskripte las, hatte mich im Blick."

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"Ich muss den Rücken frei haben", sagt er über seinen Arbeitsplatz

Die einst bis zur Decke reichende Bücherwand hinter dem Schreibtisch ist einer weißen Pinnwand gewichen. "Ich muss den Rücken frei haben." Die Vorstellung, berühmte Diogenes-Autoren wie Maurice Sendak, Patricia Highsmith oder Friedrich Dürrenmatt blickten ihm ins Genick, scheint ihn zu beunruhigen. Ohnedies ist er ein sensibler, nervöser Typ, darin dem Vater ganz ähnlich. Die Lage der Buchbranche macht ihm offensichtlich Sorgen. Man könnte seine Stimmung mit dem Satz umschreiben: "Ich hab keine Angst vor der Zukunft, verstehen Sie? Ich hab nur ein kleines bisschen Angst vor der Gegenwart." Man findet das Zitat in dem Roman Spinner von Benedikt Wells, einem der jungen Erfolgsautoren des Verlags.

Die Gegenwart ist unübersichtlich, weil neue Entwicklungen das Geschäftsmodell der Branche ernstlich bedrohen: einerseits das elektronische Buch, dessen Marktanteil wächst, wobei niemand weiß, wie man damit auf seine Kosten kommt und ob es nicht die Preisbindung untergräbt; andererseits der Onlinehandel, der die traditionellen Buchläden schwächt. "Es brennt überall", sagt Keel. Das verhasste Wort Amazon nimmt er gar nicht erst in den Mund, spricht verächtlich von "dem Namen, den ich nicht nennen will". Aber den Boykott, den manche fordern, hält er für unmöglich. "Wir machen damit zehn Prozent unseres Umsatzes."

Immerhin, so tröstet Keel sich selber und seinen Besucher, sei der Umsatz stabil, die Lage komfortabel. Aber er weiß, dass es nicht leicht sein wird, die einst ungeahnte Erfolgsgeschichte fortzusetzen. In seinen nunmehr sechzig Jahren hat der Verlag mehr als 200 Millionen Bücher verkauft. 176 Neuerscheinungen brachte er zuletzt jährlich heraus.

"Die Erfahrung, dass es einfach immer so weitergeht, stimmt nicht mehr", sagt Philipp Keel. Druck und Beschleunigung haben zugenommen, und der Brauch der Altvorderen, das Fass ihres Erfolgs langsam ins Tal zu rollen, Zigarillos rauchend und Bordeaux trinkend, ist pure Nostalgie. "Wir sind noch gut dran, aber wir müssen uns Mühe geben. In diesen Zeiten muss man besonders achtsam und besonders frech sein."

Gut ist, dass der Verlag die Filmrechte von Autoren wie Patricia Highsmith oder Patrick Süskind, Bernhard Schlink oder Martin Suter besitzt, denn mit Papier allein kommt man nicht mehr weit. Und doch ist Philipp Keel davon überzeugt, dass das gute alte Buch nicht untergehen wird. Er sieht eine Gegenbewegung zur virtuellen Welt, eine Sehnsucht nach dem Handfesten, Konkreten. "Die Menschen wollen den schönen Gegenstand, der sich gut anfassen lässt. Von ›haptisch‹ hat man vor ein paar Jahren noch gar nicht geredet." Und schön sollen die Diogenes-Bücher bleiben, lesbar, "weniger langweilig", wie der alte Keel einst sagte, und es soll dabei bleiben, dass die Mannschaft des Verlags Bücher macht, die sie selber gerne liest.

Und Sachbücher? "Nein", sagt Keel, "es sei denn, einer unserer Autoren schriebe eins. Wir bleiben bei der Belletristik, bei Kunstbänden und natürlich bei den Kinderbüchern."

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