An der Port Bell Road in Kampala rosten Traktorenwracks vor sich hin, Schrotthändler wühlen in Metallteilen. In einem Verschlag zimmern junge Männer aus Brettern ein schlichtes Regal. Doch zwischen den Hütten und bunten Steinhäusern glitzert die Glasfassade eines Hochhauses. »Quality Chemical Industries« steht auf einem Schild. Wer hinter der Rezeption durch eine Luftschleuse geht, betritt eine andere Welt. Computermonitore hängen an weißen Wänden; in den klinisch reinen Räumen steht Hightechgerät aus mattem rostfreiem Stahl. In weiße Schutzkleidung gehüllte Männer und Frauen hantieren an elektronischen Feinwaagen.

Hier produzieren 250 Mitarbeiter Medikamente gegen Aids und Malaria. Noch steht ihnen eine Handvoll Berater des indischen Pharmariesen Cipla zur Seite. Die übrige Belegschaft stammt aus Uganda. So wie der Pharmakologe John Kamili. Er hat in der Ukraine und in Polen studiert. Jetzt führt er durch die Fabrik. Kamili deutet durch dicke Scheiben in eine Klimakammer. Hier werden die Produkte für unterschiedliche Klimazonen getestet. »Unsere Medikamente genügen den Standards der Weltgesundheitsorganisation«, sagt Kamili.

Als die ZEIT vergangene Woche die Deutschen nach dem Zustand von Umwelt, Familie und Gesellschaft befragte, zeigten sich die Bundesbürger pessimistisch. Besonders deprimierend sieht nach Meinung der Befragten die Lage in den Entwicklungsländern aus. Drei Viertel meinen, dass es den Menschen dort immer schlechter gehe.

Die Diagnose könnte irreführender kaum sein. Denn der Anteil der Menschheit, der in besseren Verhältnissen lebt als noch vor vierzig Jahren, ist drastisch gestiegen. Deutlich zeigt dies der Index der menschlichen Entwicklung, der alljährlich vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen veröffentlicht wird. Es ist fast egal, welchen Indikator man nimmt – Bildung, Gesundheit, Ernährung –, in den allermeisten Ländern zeigt der Trend stabil in eine positive Richtung.

Heute sterben dank Impfungen, sauberem Wasser und besserer medizinischer Versorgung sechzig Prozent weniger Kinder als 1970. Bei Frauen stieg die weltweite Lebenserwartung im selben Zeitraum von durchschnittlich 61,2 auf 73,3 Jahre, bei Männern von 56,4 auf 67,5 Jahre. Auch die landwirtschaftliche Produktivität nimmt zu: Seit den siebziger Jahren hat sich die Nahrungsmittelproduktion in den Entwicklungsländern verdreifacht. Mittlerweile verlieren weltweit mehr Menschen gesunde Lebensjahre durch Übergewicht als durch Unterernährung. Laut Weltbank verzeichneten in der vergangenen Dekade mehr als fünfzig Länder mit über vier Milliarden Einwohnern ein durchschnittliches Wachstum von fünf Prozent pro Jahr. »Durch dieses Wachstum ist die Armut stärker zurückgegangen als jemals zuvor«, so der Organisationschef Jim Yong Kim.

Innerhalb von zwei Generationen haben Länder wie Thailand, Indonesien oder Vietnam den Sprung vom Armenhaus zum Schwellenland geschafft. Taiwan oder Südkorea gehören heute zu den voll entwickelten Industriestaaten, deren Bildungsniveau sogar Deutschland übertrifft. Und China, Indien und neuerdings Brasilien gelten als kommende Großmächte, die mit ihren Hightechprodukten schon heute Europäern und Amerikanern das Fürchten lehren.

Wer heute von der »Dritten Welt« spricht, meint vor allem Afrika, insbesondere die Länder südlich der Sahara. In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ist der Schwarze Kontinent ein hoffnungsloser Fall. Zurzeit wütet in Mali ein Religionskrieg, Rebellengruppen terrorisieren den Kongo und Somalia. Und in Nigeria brennen christliche Kirchen. Wann immer die Wörter »Wahl« und »Afrika« fallen, bleibt das Wort »Fälschung« kaum aus. Uganda scheint typisch zu sein: Hier herrscht ein alternder Präsident, der sich an die Macht klammert. Homosexuelle Aktivitäten sind verboten, die Aids-Raten steigen wieder an, manchmal bricht die tödliche Seuche Ebola aus. Trotzdem: Auch in Uganda hat sich die Lage nachhaltig verändert – zum Besseren.

George Baguma, einer der Gründer von Quality Chemical Industries, stieg vor rund zehn Jahren in das Medikamentengeschäft ein. Heute empfängt der leicht ergraute Marketingchef im dunklen Anzug und dunkelblauer Krawatte Besucher in seinem klimatisierten Büro. Selbstbewusst, aber nicht triumphierend, wie es vielleicht der Gründer eines europäischen oder amerikanischen Pharmaunternehmens tun würde, erzählt er seine Geschichte. Erst hat er Tiermedikamente verkauft. Als das Geschäft florierte, nahm er Kontakt zu Cipla auf. Die indische Pharmafirma machte Schlagzeilen, als sie die ersten preisgünstigen Nachahmerpräparate für Aids auf den Markt brachte. »Doch wir wollten die Medikamente nicht nur verkaufen«, sagt Baguma. »Wir wollten sie selbst herstellen.«

Die Firma nahm einen Kredit auf, Cipla leistete technische Starthilfe. Geeignete Mitarbeiter gab es durchaus im Land. Der Pharmakologe John Kamili ist nicht der einzige Ugander, der im Ausland studiert hat. Und Universitäten gibt es natürlich auch im eigenen Land. Was den meisten Leuten gefehlt habe, sei praktisches Training, sagt Baguma. »Heute wissen wir, wie die Produktion läuft.« Mittlerweile stammt die Hälfte aller Pillen, die Aids-Patienten in Uganda schlucken, aus der Produktion seiner Firma. Quality Chemicals Industries hat Lizenzierungen im ganzen ostafrikanischen Raum erhalten und verkauft Anti-Malaria-Mittel nach Kenia. In der Nachbarschaft entsteht gerade ein dreimal so großes Werk. »Jetzt können auch die letzten indischen Berater nach Hause gehen«, sagt Baguma.

Die Pläne des Managers reichen noch weiter. Warum nicht die Ausgangsmaterialien für die Medikamente selbst herstellen, in einer Entwicklungsabteilung die pharmakologischen Geheimnisse einheimischer Pflanzen erforschen und dann ganz neue Produkte für Afrika entwickeln? Im Süden des Landes pflanzen Farmer bereits den Einjährigen Beifuß. Aus der Pflanze wird bei Cipla in Indien der Rohstoff für Malariamedikamente extrahiert, der dann wieder nach Uganda verschifft wird. Es fehlt nur noch der letzte Schritt, die Extraktion, dann wäre Uganda bei Malariamedikamenten Selbstversorger.