Eine Studie der Bundesbank zur Verteilung des Vermögens in Europa zeigt jetzt zur allseitigen Überraschung: Die Deutschen liegen nur im Mittelfeld. Klar hinter Spanien und Italien. Wie ist das zu verstehen?

DIE ZEIT: Ein deutscher Mythos platzt: Viele haben geglaubt, wir seien reicher als die Bürger Südeuropas, obwohl wir es nicht sind. Warum haben wir das eigentlich geglaubt?

Werner Abelshauser: Wir glauben an diesen Mythos, weil wir seit 1952 Jahr für Jahr Exportüberschüsse erzielen. Deshalb denken wir, wir seien reich. Von diesem Erfolg als Exportweltmeister geht ein Zauber aus. Die Überschüsse sind zum Fetisch geworden. Über den Wohlstand der Bürger aber, über ihr privates Vermögen, sagt er wenig aus.

ZEIT: Wir haben auch geglaubt, dass wir viel verdienen und viel sparen. Ist das noch ein Mythos, der platzt? Dieses Geld müsste sich doch in den Vermögen niederschlagen.

Abelshauser: Sicher, wir verdienen gut, aber die Inflation frisst viel auf. Am anderen Mythos ist etwas dran, wir gehören tatsächlich in Europa zu denen, die viel sparen, obwohl uns der Sozialstaat Sicherheit gibt. Vielleicht ist dies der Einfluss der protestantischen Ethik...

ZEIT: ...nun erfährt man aber, die Schweden oder die katholischen Franzosen sparen ebenso viel, und die Franzosen sind, wie man nun lesen kann, doch vermögender als wir.

Abelshauser: Das täuscht. Die französischen Bürger sind nicht wohlhabender als die westdeutschen. Der deutsche Mittelwert wirkt auf uns jetzt nur so verblüffend niedrig, weil die Vermögen in Ost- und Westdeutschland so weit auseinanderklaffen.

ZEIT: Der Wohlstand ist so gering, weil 16 Millionen ostdeutscher Habenichtse den Schnitt verändern?

Abelshauser: Die Ostdeutschen konnten kaum Vermögen bilden, können also auch nichts vererben. Wenn man das bedenkt, verändert sich der Blick auf die Statistik: Umso wohlhabender sind die Westdeutschen! Genauer: wenige Westdeutsche. Das Vermögen ist hierzulande besonders weit zwischen wenigen Reichen und vielen Ärmeren gestreut.

ZEIT: Aber warum sind denn nun die privaten Vermögen besonders in den südeuropäischen Krisenstaaten so stattlich? Sind es historische, sind es kulturelle Gründe?

Abelshauser: Man rechnet in Südeuropa nicht mit dem Sozialstaat. Stattdessen bilden die Bürger möglichst Rücklagen für die Ausbildung der Kinder, für den Krankheitsfall, für das Alter. Das Vermögen wird dafür gebraucht! Es übernimmt die Aufgabe der Vorsorge, die bei uns der Sozialstaat innehat. Wer sich in Griechenland operieren lässt, bringt einen Umschlag Geld mit ins Krankenhaus. Ein höheres Vermögen kann auch ein Indikator für Schwäche sein. Es gibt ja außer dem eigenen Besitz oder dem der Familie nur wenig Sicherheit. Hinzu kommen manche kurzfristigen Gründe für den Wohlstand: Gerade der Süden hat vom Euro profitiert.

ZEIT: Das erklärt noch nicht, warum man im Süden viel mehr Wohneigentum besitzt als in Deutschland oder Österreich.

Abelshauser: Diese Tradition reicht länger zurück. Europas Süden hat nicht wie Deutschland Massen an proletarischen Fabrikarbeitern erlebt, die während der Industrialisierung in städtischen Ballungsräumen Platz finden mussten. Das führte fast zwangsläufig zur Vermietung von Wohnraum, anders ließen sich diese städtischen Massen nicht vernünftig unterbringen. Stattdessen fällt im Süden der Familismus ins Gewicht, also die Vielzahl kleiner Familienunternehmen, die weit übers Land gestreut sind. Im ländlichen Südeuropa war einfach genug Raum für Wohneigentum, das familiär vererbt wird.

ZEIT: Hat der Zweite Weltkrieg die deutschen Eigentumsverhältnisse verändert?

Abelshauser: Nicht wesentlich. Die Millionen an Vertriebenen und Flüchtlingen wurden mithilfe des Lastenausgleichs im Westen integriert. Zur Umverteilung des westdeutschen Vermögens hat der Lastenausgleich aber dennoch nicht beigetragen, weil er sich als Abgabe über viele Jahre hinweg wie andere Kosten auch auf Käufer und Mieter abwälzen ließ. Anders wäre es gelaufen, hätte der Lastenausgleich die Hälfte des westdeutschen Vermögens in einer Stiftung für die Kriegsgeschädigten und Vertriebenen zusammengefasst. Dann hätte es wirklich eine Umverteilung gegeben.

ZEIT: Woran liegt es dann, dass auch in der Nachkriegszeit relativ wenige in Deutschland Wohnungen kauften? Gehört zur sozialen Marktwirtschaft in einer Mittelstandsgesellschaft nicht auch der Stolz aufs Eigentum?

Abelshauser: Das Wirtschaftswunder hat in der Tat für eine Zunahme an Eigentum gesorgt. Aber der große Rückstand im Vergleich zu Südeuropa wurde nie wieder aufgeholt, auch weil der deutsche Mietwohnungsmarkt, anders als in Italien und Spanien, wegen der industriegesellschaftlichen Bevölkerungsentwicklung in den Städten sehr gut war. Dies wurde Teil der deutschen Mentalität: Man sah sich nicht zwingend veranlasst, zu kaufen. Es gibt gute Gründe, Mieter zu bleiben. Immobilien liegen schwer auf der Freiheit der Einzelnen und binden ihre Eigentümer.