ZypernWo, bitte, bleibt der Jubel?

Fast ebenso gefährlich wie die Krise ist Europas Neigung, sich selbst schlechtzumachen. von  und

Was diesem Kontinent fehlt, das ist die Liebe. Vor allem die Liebe zu sich selbst. Egal, was Europa macht, es hackt auf sich rum. Schafft die EU etwas, dann wird über das gesprochen, was ihr nicht gelingt. Findet sie eine Lösung, an der es – wie jetzt in Zypern – nicht genug zu kritisieren gibt, dann machen sich alle über das Wie her: Warum nicht gleich so? Warum nicht schon vor einer Woche? – das wird der Troika nun von allen Seiten entgegengerotzt. Und alle Welt zetert: Vertrauen verspielt, Spaltung vertieft sowie orthografische Fehler im Kleingedruckten.

Stellen wir uns nur einmal vor, die Zyprer wären zu den Russen übergelaufen – was dann jetzt wohl los wäre! Oder malen wir uns für ein paar Sekunden aus, wie das Krisenmanagement der EU bewertet worden wäre, wenn Zypern heute pleite wäre. Beides ist abgewendet worden. Und wo bitte bleibt der Jubel? Da könnten die Europäer von den Amerikanern was lernen: Die halten sogar Siegesparaden für verlorene Kriege ab. Das ist Liebe. Zu sich selbst.

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Es ist schon klar, warum Europa sich selbst derart runtermacht: Den einen ist immer zu wenig Europa, was da jeweils rauskommt. Den anderen ist es zu viel. Und den Dritten, Vierten, Fünften und Sechsten ist es zu deutsch oder zu südeuropäisch oder zu französisch oder zu britisch. Doch damit nicht genug: Europa vergleicht sich auch stets falsch. Am liebsten mit den USA. Ein Bundesstaat mit eigener Währung, der sich so viel Geld drucken kann, wie es ihm beliebt, herrlich! Aber mal abgesehen davon, dass die so entstehenden Schulden auch irgendwann berappt werden müssen – Europa hat einfach andere Probleme.

Zum einen die, über die es ständig spricht: die Wachstumsschwäche, das Demokratieproblem, der weltweit schwindende Einfluss. Und dann sind da Probleme, die nur bei Gelegenheit auffallen, dann aber umso stärker. Zypern zum Beispiel: eine geteilte Insel mit einer geteilten Hauptstadt, also erheblicher historischer Ballast. Solchen Ballast gibt es an sehr vielen Stellen des Kontinents, die Vergangenheit ist nicht mehr kriegsgefährlich, aber sie muss immerfort berücksichtigt, bearbeitet und mit Geld geheilt werden. Wenn denn welches da ist.

Und dann fließt überall in die EU das russische Geld, nicht nur auf die steuerparadiesische Insel Zypern. Russland vergiftet mit seinem Gasgeld mehr als nur die eine oder andere Bank, es verteuert in den schönsten Städten des Kontinents die Mieten und verdirbt die Preise im Profifußball.

Neben dem östlichen Nachbarn gibt es aber noch den südlichen. Immer mehr verlangen der Mittlere und Nahe Osten der EU ab, militärisch, ökonomisch, politisch und durch die Zuwanderung. Das soll der ewigen Selbstkritik nicht Einhalt gebieten (die gehört ja konstitutiv zu Europa dazu), aber es könnte sie in eine vernünftige Proportion setzen.

Mitunter beteiligen sich an der Kritik am Krisenmanagement der EU sogar jene, die für das Durcheinander, das sie beklagen, selbst Verantwortung tragen. Der luxemburgische Finanzminister Luc Frieden etwa war gerade erst vom Brüsseler Verhandlungstisch aufgestanden, da nörgelte er im deutschen Frühstücksfernsehen schon an den Verhandlungen herum. Wenn für die Rettung Haltungsnoten vergeben würden, die Retter kämen nicht gut weg. Nicht mal nach ihren eigenen Maßstäben. Aber vielleicht geht es darum auch gar nicht.

Wäre Europa ein Staat – man hätte den Fall Zypern wahrscheinlich schon längst gelöst. Das Land wäre unter Zwangsverwaltung gestellt und saniert worden. Wäre Europa ein Bund souveräner Staaten, wäre der Fall Zypern mutmaßlich auch schon gelöst, weil das Land auf sich allein gestellt im Angesicht des drohenden Bankrotts viel früher Gegenmaßnahmen ergriffen hätte. Aber in den Brüsseler Verhandlungsnächten treffen Vertreter halbsouveräner Staaten aufeinander, die zwar die Währung teilen, sonst aber ihre jeweiligen Eigenheiten verteidigen.

Und Zypern hat ziemlich viele Eigenheiten. Das Geschäftsmodell des Landes besteht darin, durch niedrige Steuern internationales Kapital teils zweifelhafter Herkunft anzulocken. Die Insel ist seit 1974 geteilt, im Norden leben vornehmlich die türkischen, im Süden die griechischen Zyprer. Als diese 2004 der EU beitraten, ging es ihnen vor allem um eines: Sie suchten politische Stabilität und Schutz vor den Türken. Europa war kein romantisches, sondern ein recht eigennütziges Motiv. Schon damals war Zypern bekannt als Umschlagplatz für ausländisches Kapital vor allem aus Russland. Das schien für die Zyprer – und die EU – bis vor Kurzem kein Problem zu sein.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte kommentieren Sie zum konkreten Artikelthema. Danke. Die Redaktion/kvk

    3 Leserempfehlungen
  2. 2. [...]

    Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Die Redaktion/kvk

    5 Leserempfehlungen
  3. "Was diesem Kontinent fehlt, das ist die Liebe. Vor allem die Liebe zu sich selbst."
    -------------------------
    Och, der Kontinent kann ja lieben... nur die Bürger tun das nicht mehr. Vielleicht ist das Verwechseln dieser beiden ja schon das Problem

    3 Leserempfehlungen
  4. "Russland vergiftet mit seinem Gasgeld mehr als nur die eine oder andere Bank, es verteuert in den schönsten Städten des Kontinents die Mieten und verdirbt die Preise im Profifußball..."
    -------------------------------------------------------

    Das ist doch alles nicht mehr ernst zu nehmen:
    Die dämonischen Russen hier und die miesepetrigen Europäer dort. Ja warum jubeln sie nicht die Menschen in Nikosia, in Athen, in Lissabon, in Rom in Paris und in Berlin?

    8 Leserempfehlungen
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    Danke !
    Stimme Ihnen voll und ganz zu !
    Dieser Russenhass (auch, in anderem Zusammenhang, Sebrenhass),
    diese Slavophobie sind unerträglich !
    Zypriotische Banken - und nicht die Bürger ! - wurden "gerettet".
    Warum muß man dann in einem "Artikel" darüber auf "die" Russen
    eindreschen und Hassparolen verbreiten ?
    Im übrigen: wenn sich wirklich welche Russen Wohnungen kaufen,
    dann sind das nicht "die" Russen - die Mehrheit in Russland kann sich
    gerade so mal das tägliche Brot leisten und geht nicht im Westen shoppen.

    Hier ist es sehr schön illustriert, warums nichts zu jubeln gibt...

    http://www.titanic-magazi...

  5. weil niemand weiß, was dort abläuft. Und wenn man es wüsste (bzw. das Wenige was man so mitbekommt), gäbe es ebenfalls nichts zu jubeln. Nur weil es viel Medienblabla zu dem Thema gibt, heißt das nicht, dass man auch etwas weiß. Aber man spürt sehr wohl, dass man mal wieder durch den Kakao gezogen wird, von Politik und Medien. "Irgendjemand muss am Ende die Rechnung übernehmen." - ja wer könnte das wohl sein? "Richtung der gemeinsamen Politik stimmt" - und wohin geht diese Richtung? Und vermutlich haben die Leser auch Wendungen wie "zu den Russen übergelaufen" satt, die direkt aus der Hochzeit des Kalten Kriegs kommen, weil sie wissen, dass damit nur ein künstliches Feindbild zur Ablenkung aufgebaut werden soll...

    13 Leserempfehlungen
    • putin2
    • 27. März 2013 14:44 Uhr
    6. [...]

    Entfernt. Verzichten Sie auf überaus polemische Äußerungen. Die Redaktion/mak

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Der Kommentar auf den Sie sich beziehen wurde bereits entfernt. Die Redaktion/mak

    Wir kritisieren zu recht, dass in Russland die Rechtsstaatlichkeit unterentwickelt ist und dass Demokratie nur in sehr spärlichen Dosierungen exisitiert, vergessen aber, dass in Europa die strake Rechtsbrüche stattfinden, die nur weniger auffallen, weil sie sanfter vonstatten gehen und die Demokratie weniger sichtbar systematisch ausgehebelt wird, Bevor wir Russland kritisieren, sollten wir ersteinmal vor der eigenen Tür kehren.

    „Und das Geld der jüdischer Großbanken endet nicht etwa regelmäßig in Weltkriegen, Staatsbankrotten, hungernden Kontinenten und heimlichen Atomwaffen?“

    Selbst wenn es so wäre, wäre das keine Entschuldigung für irgendetwas, das russische Oligarchen zu verantworten haben. :P

    • zozo
    • 27. März 2013 16:50 Uhr

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

  6. ..."endgültig" gerettet worden sind.
    Vielleicht stimmts sogar eines Tages, dann mach eine Flasche Sekt auf und Feier - versprochen!

    5 Leserempfehlungen
  7. Der für Zypern beschlossene »Rettungsplan« wird nun auch dieses Land auf den Weg nach unten schicken, dorthin, wo sich die anderen Defizitländer bereits befinden. Zugleich wird Zypern trotz der Hilfen für seine Banken als Finanzplatz ausfallen.
    http://www.jungewelt.de/2...
    Nietzsche:
    "Was einstweilen vorgeht, ist mir zu widerlich, um auch nur den Zuschauer davon abzugeben. Ich kenne Nichts, was dem erhabenen Sinne meiner Aufgabe tiefer widerstünde als diese fluchwürdige Aufreizung zur Völker-, zur Rassen-Selbstsucht, die jetzt auf den Namen „große Politik“ Anspruch macht; ich habe kein Wort um meine Verachtung vor dem geistigen Niveau auszudrücken, das jetzt in Gestalt des deutschen Reichskanzlers und mit den preußischen Offizier-Attitüden des Hauses Hohenzollern sich zu Lenkern der Geschichte der Menschheit berufen glaubt, diese niedrigste Species Mensch, die nicht einmal dort fragen gelernt hat, wo ich zerschmetternde Blitzschläge von Antworten nöthig habe, an der die ganze Arbeit der geistigen Rechtschaffenheit von Jahrhunderten umsonst gewesen ist — das steht zu tief unter mir, als daß es auch nur die Ehre meiner Gegnerschaft haben dürfte. Mögen sie ihre Kartenhäuser bauen! für mich sind „Reiche“ und „Tripel-Allianzen“ Kartenhäuser… Das ruht auf Voraussetzungen, die ich in der Hand habe… Es giebt mehr Dynamit zwischen Himmel und Erde als diese gepurpurten Idioten sich träumen lassen…"
    http://www.nietzschesourc...

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