Das ZDF im Höhenflug: Kaum sind das Medienecho und der Oral-History-Schub nach dem Weltkriegsdreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter abgeklungen, schickt der Sender die nächste Serie ins Rennen. Kleiner im Format, ist es dieses Mal kein Historienepos, sondern ein Krimihappen, den der aktuelle Marktführer des deutschen Fernsehens an drei aufeinanderfolgenden Sonntagabenden im April (7., 14., 21. 4.) um 22 Uhr serviert. Stories, so hieß das Format der kurzen Geschichten in der Vorlage Verbrechen von Ferdinand von Schirach, die den Stoff zu den sechsmal 45 Minuten langen Episoden liefert.

In seinem Bucherfolg von 2010 arbeitete Schirach mit minimalistischem, scharfem Stil Fälle aus seiner Arbeit als Anwalt fiktional auf – schaurige Taten, begangen nicht von kranken Serientätern, sondern von normalen Bürgern. Stoisch mordet hier der nette Mensch von nebenan, ebenso stoisch vertritt der Anwalt seine Mandanten, die straffrei bleiben oder nur milde verurteilt werden. "Ein Anwalt will nicht immer die Wahrheit wissen", so das verstörende Motto, das auch die Miniserie zum Kern hat.

Doch obwohl der Film ganz nah am Buch bleibt, sind Direktzitate unmöglich. Schirach lässt sich nicht übersetzen. Seine Genialität liegt in der Sprache, der Prägnanz, mit der er ganze Leben in wenigen Sätzen bis zu ihrer fatalen Wendung beschreibt. "Über Fähners Leben hätte es eigentlich nichts zu erzählen gegeben. Bis auf die Sache mit Ingrid." Einen solch kühlen Determinismus können Bilder nicht wiedergeben.

Produzent Oliver Berben hat es deshalb nicht einmal versucht. Und damit den Stoff vor einem tristen Doku-Abklatsch gerettet. Fetzig, schnell, schrill kommt Verbrechen im Fernsehen daher, mit reichlich Musik und Tatwaffen, die als bunt gefärbte Icons im Bild erscheinen, das immer wieder anhält und eine Art psychedelische Röntgenaufnahme der Szene zeigt, bis das Geschehen weiterrast. Während im Buch Anwalt Leonhardt ein stiller Icherzähler ist, tritt mit Josef Bierbichler ein in Physis und Dialekt sehr präsenter Charakter auf den Bildschirm. Zeigt die Geschichte Fähner einen Mann, der jahrzehntelang von seiner Frau niedergemacht wird – im Buch wird die Monstrosität eines Ehealltags entwickelt –, inszeniert der Film nur das überzeichnete Monster.

Fälle wie Der Igel gewinnen als bewegte Bilder wiederum an Charme. Herausragend spielt Karim Chérif einen Deutsch-Libanesen, der sich vor Gericht dümmer stellt, als er ist. Wenn er sein Hochdeutsch und das gebügelte Hemd gegen gegelte Haare und prollige Trainingsjacke tauscht und Dinge wie "Frau Rischta, isch schwör" sagt, wird klar, was Verbrechen als Serie leisten kann und was nicht. Dort, wo der Autor Schirach mit seiner Literatur in aller Ruhe kalte Schauer evoziert, liefert die Verfilmung vor allem eines: gute Unterhaltung.

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