Florida: Die Schatzsucher
Engelsflügel und Wendeltreppen sind Sammlerstücke – zu finden auf Sanibel Island in Florida. Hier gibt es Muscheln und Schnecken wie Sand am Meer.
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Angler am Strand von Sanibel Island
Wenn die Sonne scheint an den Stränden von Sanibel, wenn die Luft in den Wintermonaten 25 bis 30 Grad warm wird und sich dicht vor der Küste die Delfine tummeln – dann sitzt man im Sand, schaut seufzend auf den Golf hinaus und wünschte, die Idylle hätte bald ein Ende. Auf Sanibel hofft man auf schlechtes Wetter. Eine Kältewelle am besten und dazu noch ein kräftiger Sturm aus Nordwest. Denn wenn der Wind so richtig pustet, tragen die Wellen Millionen von Muscheln und Schnecken an die Küsten. Und die Leute strömen herbei, bewaffnet mit Regenjacken, selbst mitten in der Nacht. "Das sind die schönsten Momente", sagt Mary Burton. "Knietief im kalten Wasser zu stehen, klitschnass, mit der Taschenlampe und dem Kescher auf der Jagd." Allein ist man dabei zwar nie. "Aber das ist ja der Spaß daran!", sagt Burton. "Wir sind alle so verrückt hier! Und wenn man selbst ein Tierchen verpasst hat, kann man dem Nächsten zurufen: ›Achtung, da kommt eine Tulpenschnecke in deine Richtung geschwommen!‹"
Heute allerdings meint es das Wetter nicht gut mit Sanibels Muschelsammlern. Die aufgehende Sonne verspricht schon am frühen Morgen einen heißen Tag. Kleine Wellen lecken zahm und kraftlos am Lighthouse Beach im Südosten der Insel, gegenüber der Küste Floridas. Normalerweise tauchen hier schon vor dem Frühstück die ersten Muscheljäger auf, um die Lieferung der letzten Nacht zu begutachten. Aber heute hat die Strömung nur Müschelchen und Scherben hinterlassen. Burton runzelt die Stirn und schaut prüfend hinaus aufs Meer. Dann sagt sie: "Versuchen wir unser Glück woanders."
Auf Sanibel darf kein Haus die höchste Palme überragen
Tatsächlich sieht die Lage im Süden, auf der Golfseite der Insel, besser aus. Ein breites, schillerndes Band zieht sich den gesamten Strand entlang. Kammmuscheln gibt es hier – nicht wie in der Nordsee nur in langweilig Weiß und Grau, sondern auch in Pink, Lila, Orange, Gelb oder in kühnen Farbkombinationen gestreift. Anomiidae schimmern zart und durchsichtig wie Blütenblätter. Engelsflügel leuchten so weiß wie frisch von der Wäscheleine. Und Burtons Lieblingsmollusken, die Wendeltreppenschnecken, sehen aus, als hätte ein Zuckerbäcker sie an einem besonders inspirierten Tag erfunden.
Die Rentnerin nimmt auch ganz gewöhnliche Exemplare mit nach Hause – wenn sie hübsch genug sind. Mit geübtem Auge findet sie die Schmuckstücke inmitten von Knäueln aus Muscheln und Seetang. Ihr Sammelnetz füllt sich mit rosa Tellinidae, gelben Anodontia alba und glänzenden Olivenschnecken. Zu Hause macht sie daraus Kunst: Kettenanhänger, Wandbilder und Gestecke. Ihre Briefbeschwerer haben es sogar zu nationalem Ruhm gebracht, als der US-amerikanische Hausfrauenstar Martha Stewart sie in ihrer Fernsehshow vorstellte. Mit der Klebepistole setzt Burton die Muscheln zusammen. Anomiidae werden zu Klatschmohn, Coquina zu Tulpen. Selbst der Blütenstaub ihrer Blumengebinde kommt aus dem Meer: Er besteht aus den winzigen Skelettplatten des inneren Kieferapparates von Seeigeln, den sogenannten Laternen des Aristoteles.
Beim großen Sanibel Shell Festival, das jedes Jahr im März stattfindet, belegt Mary Burton mit ihren Werken regelmäßig einen der vorderen Plätze. Die Veranstaltung ist sowohl bei Sammlern als auch bei Künstlern beliebt, denn neben einer Show mit besonders seltenen Exemplaren gibt es auch Wettbewerbe für die Muschelkunst. An die Königsdisziplin, die Sailor’s Valentines, hat Burton sich bisher allerdings nie herangewagt: In meist achteckigen Holzrahmen werden dafür Hunderte winziger Muscheln zu Mustern, Bildern und Liebesbotschaften zusammengesetzt. Im 19. Jahrhundert waren sie ein beliebtes Mitbringsel von Seeleuten für ihre Geliebten daheim. Bis ein solches Bild fertig ist, dauert es Monate – aber die Mühe lohnt sich. Auf dem Sammlermarkt erzielen Sailor’s Valentines Preise bis zu 20.000 Dollar. "Egal", sagt die Rentnerin lachend, "mir ist das zu viel Fummelkram."
Inzwischen hat sie am Strand genug Beute gemacht. Für die Touristen, die langsam eintrudeln, bleiben trotzdem mehr Muscheln übrig, als am Ende in den Koffer passen. Wo die Sandwege vom Strand zurück zu den Hotels führen, zeugen kleine Muschelhaufen von emotionalen Dramen zwischen Eltern und Kindern – angesichts drohender Übergepäckgebühren am Flughafen. Viele erwachsene Besucher der Insel haben hier selbst schon die Urlaube ihrer Kindheit verbracht. Und finden Sanibel kaum verändert vor. Dass es heute an vielen Ecken noch genauso aussieht wie vor 40 Jahren, liegt an der weisen Voraussicht der Stadtväter. Als im Mai 1963 eine Brücke zum Festland eröffnet wurde, fielen Touristen und Investoren in Scharen über die damals noch fast unberührte Wildnis her. Bis Sanibel elf Jahre später das Stadtrecht bekam und rigoros alles gestoppt wurde, was den Charme der Insel gefährden könnte. Seitdem darf kein Haus die höchste Palme der Insel überragen. Es gibt kein Großkino, kein Fast Food und keine Mega-Supermarkt-Filiale – statt dessen mehr als 35 Kilometer Fahrradwege, unberührte Mangrovensümpfe mit Alligatoren und Zugvögeln sowie kleine Geschäfte wie den Laden She Sells Sea Shells, mit Bastelsätzen für Muschelkästchen, Muschelschmuck, Muschelkunst, Sammelnetzen für Muscheln und Muscheln, Muscheln, Muscheln.
© Mario Tama/Getty Images

Strandbesucher auf Sanibel Island
Warum aber treibt es die Mollusken überhaupt so massenhaft nach Sanibel? Erklären kann dieses Phänomen niemand so gut wie José Leal – ein hochgewachsener, stiller Brasilianer und einer der führenden Muschelexperten weltweit. Leal ist Professor an der University of Miami und der Florida Gulf Coast University, Präsident der Conchologists of America und Herausgeber der Fachzeitschrift The Nautilus . Vor allem aber leitet er seit 17 Jahren das Muschelmuseum von Sanibel.
Aus der Triplofusus giganteus machten die Indianer Hämmer
Ein alter Fahrstuhl verbindet die Ausstellungsräume im Erdgeschoss mit Leals Reich im ersten Stock, wo die Wände hinter stahlgrauen Schubladenschränken verschwinden. Hier lagern Exemplare der mehr als 400 Molluskenarten, die auf Sanibel bereits gefunden worden sind. Und Dank privater Sammler wie Mary Burton, die ihre ganz besonderen Trophäen dem Museum überlassen, werden es immer mehr.
Den Muschelreichtum verdankt die Insel ihrer Lage und Ausrichtung. Florida selbst ist nur der sichtbare Rücken einer Plattform, die rund 90 Meter unter dem Meeresspiegel liegt und, 160 Kilometer von der Küste entfernt, steil zum Boden des Golfes von Mexiko abfällt. "Kommt die Winterkälte, machen die Muscheln sich von ihren Bänken auf der Florida Plattform auf in Richtung Strand, in die warmen küstennahen Gebiete", erklärt Leal. Der Wind aus Nordwest treibt sie direkt auf die Küste Floridas zu – wo Sanibel wie ein Ost-West-Riegel quer in der Strömung liegt und die Muscheln abfängt.
Den Muschelreichtum schätzten schon die Calusa-Indianer. Sie kamen vor 2500 Jahren nach Sanibel und gründeten auf der Insel eine große Siedlung. Hier gab es alles, was sie zum Leben brauchten: Fisch, Muscheln und Früchte im Überfluss – so viel, dass sie sich gar nicht erst mit Ackerbau abgaben. In der Ausstellung sitzen zwei lebensgroße Indianerpuppen an einem künstlichen Strand: ein Vater, der seinem Sohn erklärt, was man aus Molluskenschalen alles herstellen kann. Die großen Gehäuse von Triplofusus giganteus oder der Roten Fechterschnecke etwa werden zu Hämmern und kleinen Äxten verarbeitet, abgeschlagene Schalen eignen sich als scharfe Klingen.
Vor allem aber sind die Tiere natürlich auch essbar, was ein großer Esstisch in der Mitte der Ausstellung verdeutlicht, über dem eine Weltkarte hängt. Auf einem Touchscreen können Besucher eine Muschelart auswählen, Herzmuscheln zum Beispiel, und dazu eine Weltregion, sagen wir Nordamerika. Auf dem Bildschirm erscheint kurz darauf ein US-amerikanisches Rezept, Spicy Manhattan Cockle Chowder. Und was macht man mit Austern in Lateinamerika? Ostiones pimentados – gepfefferte Austern. Wer auf den Geschmack kommt, kann sich das Rezept gleich selbst zumailen und zu Hause nachkochen.
Den Muschelrezept-Generator hat The Timbers Restaurant & Fish Market gesponsert, das in bequemer Fahrraddistanz vom Museum entfernt liegt. Das behäbige Mietrad zwingt unterwegs zu einem Tempo, das genügend Zeit lässt, um Flora und Fauna am Straßenrand zu betrachten – den Schmuckreiher im Tümpel, der geduldig auf den nächsten Fisch wartet, die Kormorane, die über den Wipfeln der Palmen kreisen.
Im Timbers laufen am Nachmittag schon die Vorbereitungen für den Abend. Soßen und Marinaden müssen vorbereitet, Kühlschränke und Schubladen aufgefüllt werden. Chef Teh inspiziert die Austernvorräte. Drei verschiedene Sorten gibt es heute, aus Florida, aus North Carolina, aus Washington State. Die Spezialität bei Timbers sind Oysters Rockefeller – überbacken mit Spinat und Käse. Aber es gibt sie auch mit Kaviar, Frühlingszwiebeln und Sour Creme, mit Knoblauchbutter und Parmesan, mit Was-auch-immer-Teh-sonst-gerade-einfällt, paniert und gebacken. Oder ohne alles. "Austern muss man unbedingt roh probieren", findet der geborene Malaysier. "Nur dann kann man richtig schätzen, wie gut und nahrhaft sie aus dem Meer kommen. Ich weiß, ich sollte das bei meinem Beruf vielleicht nicht sagen, aber die Natur ist der beste Koch."
- Unterkunft
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Am besten wohnt man auf Sanibel bei einem der vielen Anbieter, die Strandhütten oder kleine Apartments mit Küchenzeile vermieten.
Zum Beispiel im West Wind Inn, 3345 West Gulf Drive, Sanibel, FL 33957, Tel. 001-239/4721541. DZ ab 169 Dollar
- Essen
The Timbers Restaurant & Fish Market, 703 Tarpon Bay Road, Sanibel, FL 33957, Tel. 001-239/4723128
- Museum
The Bailey-Matthews Shell Museum, 3075 Sanibel-Captiva Road, Sanibel, FL 33957, Tel. 001-239/3952233
- Auskunft
Die Küche ist jetzt startklar. Der Abend kann beginnen. Wenn um kurz nach sechs die Sonne untergeht und im Timbers die ersten Gäste an ihren Cocktails nippen, versinkt der Rest der Insel in Dunkelheit. Es gibt keine Straßenlaternen auf Sanibel. Wegen der Georgia-Gopherschildkröten. Frisch geschlüpfte Gopher krabbeln direkt auf die hellste Lichtquelle zu, was in der Natur zur Schlüpfzeit, also nachts, der Sternenhimmel über dem offenen Meer sein sollte. Leuchtet eine Laterne jedoch heller, machen sich die Baby-Gopher auf in Richtung Straße. Und so verzichtet Sanibel ihnen zuliebe auf nächtliche Beleuchtung.
Was sollte man nach Einbruch der Dunkelheit auch draußen wollen? Schließlich hat der Tag früh begonnen. Noch ein letzter Blick in die Glut des rosa-pink-goldenen Sonnenuntergangs, ein herzhaftes Gähnen – und dann ab ins Bett. Denn auch in dieser Nacht wird die Strömung wieder neue Muscheln anspülen. Und im Koffer wäre noch jede Menge Platz dafür.








Beim aller Liebe, aber auf der Straße sind die Baby-Schildkröten besser aufgehoben, als sich am "Sternenhimmel über dem offenen Meer" zu orientieren. Es sind nämlich Landschildkröten!
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