Am Anfang der Reise steht ein Bild. Es ist kaum größer als eine Männerhand und hat den Umriss eines Bullauges, das Bild wird gerahmt vom Fenster eines Flugzeugs. Ich sitze in dieser kleinen Kiste, und sie steht in einem Meer aus giftgelbem Schaum. Die 7-Uhr-Maschine der Lufthansa wurde an diesem Morgen mit vereisten Flügeln vor einer schneeverwehten Startbahn ausgebremst. Eine über 2.000 Kilometer breite Kaltfront hat sich über Europa gelegt, ein Vorgang, der sich wie eine Katastrophe anfühlt, weshalb das Fernsehen am Abend zuvor eine Sondersendung zum Thema Wetter eingeschoben hat. Irgendwas läuft schief, ob Klima- oder Lebenswandel, ist noch ungeklärt, als wir, wider alle Vernunft, durch ein eisklirrendes Mitteleuropa nach Paris starten wollen, um mit Sebastião Salgado, einem der weltgrößten Fotografen, über den Zauber einer ursprünglichen, reinen Schöpfung zu reden, über sein Projekt Genesis. Und nun diese Kanone, die über meinem Kopf Enteisungschemie verspritzt, eine sich schleimig auflösende Masse, die von den Flügeln des Flugzeugs auf die Rollbahn tropft.

Salgado ist ein Meister der Schwarz-Weiß-Fotografie, gelb oder nicht, wäre nicht sein Thema. Seine großen Bildserien sind in monumentalen Schwarz-Weiß-Abzügen um die Welt gegangen, es sind Ikonen der menschlichen Mühsal, etwa die Fotos aus den Goldminen Afrikas, in denen Menschen wie schmutzverkrustete Tierchen krabbeln. Wir haben es schließlich zu ihm nach Paris geschafft und sitzen in seinem Studio, dessen deckenhohe Fenster auf einen Kanal hinausgehen, mit Regalen, in denen sich beschriftete Kartons stapeln, der Ernte eines 40-jährigen Fotografenlebens: »Sahel« oder »Asie« oder »Bicylettes en Chine«. Gerahmte Poster zeigen bizarr aufragende Eisberge, neben denen die Silhouette der Elbphilharmonie verzagt aussähe. Schwarze Gestalten mit mehlig bestäubten Gesichtsmasken. Man sieht Kisten aus frisch gesägtem Holz, darauf in roten Lettern: Genesis. Destination: London. Natural History Museum, dort wird am 9. April die große Ausstellung eröffnet.

DIE ZEIT: Mr. Salgado, Sie sind der Welt bekannt als der Fotograf der sozialen Fragen, Sie haben die Würde, die Qualen der Arbeit gezeigt, die Flüchtlingsströme dieser Welt – und jetzt: Natur. Was ist passiert?

Sebastião Salgado: Ich habe meinen Planeten gesehen. Wüsten, die Antarktis, Wälder, Menschen, ich möchte zeigen, dass es noch eine Welt gibt, so rein, wie sie am Tag der Schöpfung war, fast die Hälfte dieses Planeten ist noch genau so, wie sie war, als alles begann. 46 Prozent sind unberührt! Zum ersten Mal habe ich fotografiert, was man la nature morte nennt, tote Landschaften, aber sie sind ja gar nicht tot, sie leben, alle Berge – leben. Ich habe endlich auch andere Tiere fotografiert, bislang hatte ich ja erst ein Tier aufgenommen.

ZEIT: Welches Tier war das?

Salgado: Der Mensch. Lassen Sie uns nicht vergessen, auch der Mensch ist nur ein Tier im Königreich der Tiere.

ZEIT: Sie haben den Menschen vorher als Opfer in den Fokus genommen – als Opfer von Ausnutzung, Willkür, Hunger und Armut. Sie haben mich damit zum Weinen gebracht! Im Berliner Zeughaus sah ich vor zehn Jahren die Ausstellung Exodus, ich stand vor den Bildern, auf denen Menschen über Felsen und Eis hasteten, während sich auf ihren Rücken knochendürre Alte festkrallten und Kinder in ihren Armen starben – und brach in Tränen aus.

Salgado: Diese Bilder, vor denen Sie weinten, haben auch mich zum Weinen gebracht. Was Sie sahen, habe ich erlebt. Ich habe mit diesen Leuten gelebt, die so litten. Ich sah ihren Widerstand gegen diese Gewalt, für die sie nicht verantwortlich waren, eine Gewalt, die von einem Krieg ausging oder daher kam, dass reiche Länder mit den armen Ländern ihre Spiele trieben und so diese unvorstellbare Gewalt auslösten, die nicht über Hunderttausende, sondern über Millionen von Menschen hereinbrach. Menschen, die einmal ein Heim gehabt hatten, eine Familie, Freunde, und alles verloren. Diese Brutalität beeinträchtigte mich zutiefst.