DIE ZEIT: Herr Weilacher, ungeduldig warten wir auf den Frühling, nächsten Monat beginnt in Hamburg die Gartenschau, zweieinhalb Millionen Besucher werden erwartet – lassen Sie uns also über die Deutschen und ihre Gärten reden.

Udo Weilacher: Oje. Das wird heikel.

ZEIT: Warum?

Weilacher: Weil Gärten etwas zutiefst Privates sind. Zumal in dieser individualistischen Zeit, in der so vieles Auskunft geben soll über unsere Persönlichkeit: die Kleidung, die wir tragen, die Musik, die wir hören, sogar das Auto, das wir fahren – obwohl es sich dabei um ein Massenprodukt handelt. Und ein Garten ist ja wirklich eine Einzelanfertigung. Das Werk eines Einzelnen, jedenfalls einiger weniger Menschen. Da fließt immer viel Persönlichkeit ein.

ZEIT: Wenn Sie die Gärten von heute analysieren, welche Sehnsüchte erkennen Sie darin?

Weilacher: Mir fällt auf, dass es ein riesiges Bedürfnis nach Kontemplation, nach Entschleunigung und Rückzug gibt. Und dass viele Menschen versuchen, dieses Bedürfnis über den Konsum zu befriedigen, wie sie es nun mal gewohnt sind. In den Gartencentern kaufen die Leute gerade unzählige Buddhas, Feuerschalen und Profigrills. Ich frage mich manchmal: Wo soll das ganze Zeug hin, das die Leute da rausschleppen?

ZEIT: Klingt, als hätten Sie eine Buddha- und Feuerschalen-Allergie.

Weilacher: Erst mal stelle ich nur etwas fest. Bei der Gestaltung eines Gartens treibt uns die Sehnsucht nach dem Paradies. Wer einen Garten plant, entwirft sein Wunschbild der Welt. Er nimmt sich Versatzstücke aus der Natur – oder eben aus dem Gartencenter – und komponiert sie zu seinem Stück idealer Welt. Das kann ein Nutzgarten sein, der unabhängiger macht von industrieller Nahrungsmittelproduktion. Das kann ein Repräsentationsgarten sein, in dem, wie im Barock, alle Achsen auf das Haus des Herrschers weisen. Derzeit ist es vor allem die aufwendig ausstaffierte Gartenoase in einem als stressig empfundenen Alltag.

ZEIT: Fast 15 Milliarden Euro geben die Deutschen jährlich für Gärten und Grünzeug aus, Zeitschriften wie Landlust boomen, junge Städter werden Schrebergärtner, alle Welt spricht von einer Rückbesinnung auf die Natur. Aber ausgerechnet dieses letzte Stück »Natur« in unserem Leben ist eine absolute Kunstwelt?

Weilacher: Das ist so, seit der Garten erfunden wurde, als die Menschen vor Tausenden von Jahren in Mesopotamien sesshaft wurden, Feldbau betrieben und ihre Äcker zum Schutz vor wilden Tieren einzäunten. Da ging es nicht um Naturnähe, sondern zu hundert Prozent um Nützlichkeit. Kriterien wie Schönheit kamen hinzu, als der Mensch sich in der Renaissance von den Kräften der Natur emanzipierte – und sie deshalb überhaupt erst zu genießen lernte. Das heißt: Gärten gehen selten direkt aus der Natur hervor. Die Gartenkunst hat vielmehr immer dann große Sprünge gemacht, wenn Gesellschaften einen Überschuss an Zeit, Geld oder Energie hatten. Wenn heute zwanzig Millionen Haushalte in Deutschland einen Garten haben und die meisten dieser Gärten reine Ziergärten sind, bedeutet das also nicht back to the roots, sondern: Wir leben in einer Überflussgesellschaft, die sich das Luxusprodukt Garten leisten kann.

ZEIT: Finden Sie das jetzt gut oder schlecht?

Weilacher: Ich finde es toll, dass die Deutschen beginnen, in Gartenbildbänden zu blättern, Gartenzeitschriften zu lesen. Nicht so toll finde ich, dass sie dabei auf eine regelrechte Gartenindustrie hereinfallen, die eben nicht an wirklicher Gartenkultur interessiert ist, sondern an Auflage, Umsatz und Gewinn. All das erreicht sie besser mit einem leicht verständlichen, gut verkäuflichen Angebot, mit klischeehaften Gartenidealen. Warum stellen wir Mitteleuropäer Buddhas auf unsere Terrassen? Nicht weil das unser innigster Wunsch wäre, sondern weil wir nicht mehr wissen, welche Alternativen es gibt. Dass der richtige Baum an der richtigen Stelle viel kontemplativer sein könnte. Und das wissen wir nicht, weil unserer gefühlten Naturnähe eine Naturferne innewohnt.