Gartenkultur"Das Stiefmütterchen wird diffamiert"

Warum pflanzen die Deutschen auf einmal überall Bambus? Ist der Buddha der neue Gartenzwerg? Und wie viel wahre Naturliebe steckt in der neuen Landlust? Ein Gespräch mit Udo Weilacher, Kenner und Kritiker der Gartenkultur von 

Um die Entwürfe für dieses typisch deutsche Gartengrundstück zu sehen, klicken Sie auf das Bild.

Um die Entwürfe für dieses typisch deutsche Gartengrundstück zu sehen, klicken Sie auf das Bild.   |  © Elisabeth Maria Thiel/TUM

DIE ZEIT: Herr Weilacher, ungeduldig warten wir auf den Frühling, nächsten Monat beginnt in Hamburg die Gartenschau, zweieinhalb Millionen Besucher werden erwartet – lassen Sie uns also über die Deutschen und ihre Gärten reden.

Udo Weilacher: Oje. Das wird heikel.

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ZEIT: Warum?

Weilacher: Weil Gärten etwas zutiefst Privates sind. Zumal in dieser individualistischen Zeit, in der so vieles Auskunft geben soll über unsere Persönlichkeit: die Kleidung, die wir tragen, die Musik, die wir hören, sogar das Auto, das wir fahren – obwohl es sich dabei um ein Massenprodukt handelt. Und ein Garten ist ja wirklich eine Einzelanfertigung. Das Werk eines Einzelnen, jedenfalls einiger weniger Menschen. Da fließt immer viel Persönlichkeit ein.

ZEIT: Wenn Sie die Gärten von heute analysieren, welche Sehnsüchte erkennen Sie darin?

Udo Weilacher

ist Professor für Landschaftsarchitektur und lehrt seit 2009 an der Technischen Universität München. Zuvor war er an der Universität Karlsruhe, an der ETH Zürich und an der Leibniz Universität Hannover tätig. Der 50-Jährige ist einer der profiliertesten Experten für europäische Landschaftsarchitektur. Für seine Entwürfe erhielt er den Schinkel- und den Lenné-Preis, auch sein Buch Syntax der Landschaft wurde ausgezeichnet. Derzeit arbeitet er mit seinen Studenten an Ideen für eine Neugestaltung des ehemaligen Maserati-Werksgeländes in Mailand, einer 27 Hektar großen Industriebrache. Gemeinsam mit seiner Frau führt er in Freising ein privates Büro für Garten- und Landschaftsarchitektur.

Weilacher: Mir fällt auf, dass es ein riesiges Bedürfnis nach Kontemplation, nach Entschleunigung und Rückzug gibt. Und dass viele Menschen versuchen, dieses Bedürfnis über den Konsum zu befriedigen, wie sie es nun mal gewohnt sind. In den Gartencentern kaufen die Leute gerade unzählige Buddhas, Feuerschalen und Profigrills. Ich frage mich manchmal: Wo soll das ganze Zeug hin, das die Leute da rausschleppen?

ZEIT: Klingt, als hätten Sie eine Buddha- und Feuerschalen-Allergie.

Weilacher: Erst mal stelle ich nur etwas fest. Bei der Gestaltung eines Gartens treibt uns die Sehnsucht nach dem Paradies. Wer einen Garten plant, entwirft sein Wunschbild der Welt. Er nimmt sich Versatzstücke aus der Natur – oder eben aus dem Gartencenter – und komponiert sie zu seinem Stück idealer Welt. Das kann ein Nutzgarten sein, der unabhängiger macht von industrieller Nahrungsmittelproduktion. Das kann ein Repräsentationsgarten sein, in dem, wie im Barock, alle Achsen auf das Haus des Herrschers weisen. Derzeit ist es vor allem die aufwendig ausstaffierte Gartenoase in einem als stressig empfundenen Alltag.

ZEIT: Fast 15 Milliarden Euro geben die Deutschen jährlich für Gärten und Grünzeug aus, Zeitschriften wie Landlust boomen, junge Städter werden Schrebergärtner, alle Welt spricht von einer Rückbesinnung auf die Natur. Aber ausgerechnet dieses letzte Stück »Natur« in unserem Leben ist eine absolute Kunstwelt?

Weilacher: Das ist so, seit der Garten erfunden wurde, als die Menschen vor Tausenden von Jahren in Mesopotamien sesshaft wurden, Feldbau betrieben und ihre Äcker zum Schutz vor wilden Tieren einzäunten. Da ging es nicht um Naturnähe, sondern zu hundert Prozent um Nützlichkeit. Kriterien wie Schönheit kamen hinzu, als der Mensch sich in der Renaissance von den Kräften der Natur emanzipierte – und sie deshalb überhaupt erst zu genießen lernte. Das heißt: Gärten gehen selten direkt aus der Natur hervor. Die Gartenkunst hat vielmehr immer dann große Sprünge gemacht, wenn Gesellschaften einen Überschuss an Zeit, Geld oder Energie hatten. Wenn heute zwanzig Millionen Haushalte in Deutschland einen Garten haben und die meisten dieser Gärten reine Ziergärten sind, bedeutet das also nicht back to the roots, sondern: Wir leben in einer Überflussgesellschaft, die sich das Luxusprodukt Garten leisten kann.

ZEIT: Finden Sie das jetzt gut oder schlecht?

Weilacher: Ich finde es toll, dass die Deutschen beginnen, in Gartenbildbänden zu blättern, Gartenzeitschriften zu lesen. Nicht so toll finde ich, dass sie dabei auf eine regelrechte Gartenindustrie hereinfallen, die eben nicht an wirklicher Gartenkultur interessiert ist, sondern an Auflage, Umsatz und Gewinn. All das erreicht sie besser mit einem leicht verständlichen, gut verkäuflichen Angebot, mit klischeehaften Gartenidealen. Warum stellen wir Mitteleuropäer Buddhas auf unsere Terrassen? Nicht weil das unser innigster Wunsch wäre, sondern weil wir nicht mehr wissen, welche Alternativen es gibt. Dass der richtige Baum an der richtigen Stelle viel kontemplativer sein könnte. Und das wissen wir nicht, weil unserer gefühlten Naturnähe eine Naturferne innewohnt.

Leserkommentare
  1. Der Buddha ist in der deutschen Kauflandschaft zur Dekoration verkommen. Man findet ihn im NaNu NaNaNa und allen möglichen anderen Deko Läden.
    An sich finde ich das nicht so schlimm auf den ersten Blick. Was soll man dagegen haben. Kruzifixe werden ja auch überall verscheuert. Trotzdem macht es irgendwie traurig. Weil das ist mit vielen religiösen Sachverhalten so abläuft: Sie werden zur Ware. Wenn man sich anschaut, was aus Ostern oder Weihnachten geworden ist: Dekoration und Geschäft. Das Traurige daran ist, dass die eigentlichen Inhalte mehr oder weniger "verschütt" gehen. Weil die Menschen der Illusion oder dem Irrtum verfallen, dass sie diese kaufen und konsumieren könnten, wie irgendein Wellness Produkt. Ich gehe so weit, das für eine Zivilisationskrankheit zu halten. Weil dabei wirklich etwas auf der Strecke bleibt.

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    ... (zumindest theoretisch) genehmigungspflichtig. Das ist auch gut so.

  2. gut vorbereitet, ein wirklich kompetenter Gesprächspartner- Ich bitte um mehr !!!

    8 Leserempfehlungen
    • illyst
    • 07. April 2013 13:27 Uhr

    Bitte, jetzt kommt ihr schon wieder mit den Bildern aus diesem missglückten Gestaltungswettbewerb. Wie kann man nur die Natur wie Beton in glatte Scharfkantige Formen bestimmen wo am liebsten noch die Bienen eine Einflugschneise bekommen sollen.

    Landschaftsarchitektur, und da muss ich mich wohl bei Herrn Weilacher für die Pauschalisierung entschuldigen, verkommt immer mehr in Sterilität die den Geist des Besuchers unfruchtbar macht.
    Das ist doch der völlige Gegensatz zur Natur die durch ihre Wildheit erst so viel schönes schafft. Versteht mich jetzt nicht als einen der möchte das Gärten zu einer Wildblumenwiese umgeben von Buschwerk verkommen sollen was schon zu einem Wald gewachsen ist. Aber warum kann man einer Landschaft nicht einfach eine Form geben und die Feinheiten der Natur überlassen?

    Ich verstehe ja schon das Landschaftsarchitkten auch nur Geld verdienen wenn sie gestalten was der Kunde will, nur wenn man sieht was dabei dann doch wieder raus kommt wenn man ihnen gestalterisch freien Lauf lässt, so muss ich doch erschreckend fragen was eigentlich in diesem Beruf gelehrt wird und dort eigentlich die Auffassung von Landschaft und Natur ist.

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  3. "In den Vorbesprechungen zu diesem Interview hatte kein einziger Kollege irgendeine Frage hinsichtlich öffentlicher Parks – aber viele hätten gern Ratschläge für ihren eigenen Garten."

    tja. die ZEIT redaktion wie sie leibt und lebt.

    "Ist es denkbar, dass das Stiefmütterchen je wieder modern wird?"
    "Wie kriegt man ein Gemüsebeet hin, das nicht wie ein Fremdkörper im Garten wirkt?"

    ich weiß nicht, aber wenn ich sowas lese, hab ich das gefühl, manchen leuten geht´s einfach immer noch viel zu gut ("hey, ihr habt aber echt ein paar ganz moderne blumen im garten" - "danke. die waren auch nicht ganz billig. jetzt müssen wir nur noch rausbekommen, welches gemüse am wenigsten fremd wirkt im gemüsebeet, und wie wir die kinder anziehen, dass sie optisch am besten mit dem gartenzaun harmonieren.")

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  4. mit einem hochinteressanten Gesprächspartner.

    Und das sage ich als Mensch, der sich nicht die Bohne für Gartengestaltung interessiert und den nächsten Wald vorzieht; dennoch hätte ich jetzt Lust, mir ein Grundstück zu kaufen und loszulegen...

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  5. Schade. DIE ZEIT trifft einen führenden Landschaftsarchitekten und unterhält sich leider überwiegend über Themen des Gartenbaus. Wo sind die Fragen zu den spannenden Themen dieser Zunft geblieben: großformatige Projekte (z. B. der Schloßbau in Berlin) oder die Bedeutung der Energiewende für unser Bild der Landschaft. Ebenso spannend wären all' die Themen gewesen, die sich den Regionen mit den meisten Menschen (und folglich dem größten Planungsbedarf) zuwenden: Südamerika, Afrika, Asien. Was kann Landschaftsarchitektur im Rahmen von Mega-Cities bewriken?

    Für den Fall, dass DIE ZEIT noch einmal ein solches Interview plant, möchte ich den Protagonisten von Weilachers »Syntax der Landschaft« vorschlagen: Peter Latz, den vielleicht wichtigsten Landschaftsarchitekten unserer Zeit. Aber dann bitte keine Gespräche über Baumärkte und Vorgärten, sondern die Themen, die herausfordern und kompliziert sind - und uns dennoch alle betreffen.

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  6. ... (zumindest theoretisch) genehmigungspflichtig. Das ist auch gut so.

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    Antwort auf "So ist es"
  7. sondern auch die in deutschland lebenden ausländer. diese verkürzung auf nur-deutsche wird der lebensrealität der bevölkerung in deutschland nicht gerecht. Mein nachbar hat nen Bambus gepflanzt, er ist kurde.

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    • snoek
    • 10. April 2013 9:02 Uhr

    Möglicherweise ist der Interviewte da schon einen Schritt weiter als Sie und hält es nicht für nötig Gartengestaltung unter dem Gesichtspunkt ethnischer Zugehörigkeit zu differenzieren.

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  • Schlagworte Garten | Gartenbau | Landschaften | Architektur | Architekt
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