MartensteinÜber Vorurteile, Toleranz, It-Girls und einen Slow-Boy

Harald Martenstein erhält Post: Statt "Behinderte" möge er bitte "Menschen mit Handicap" sagen. Sein persönliches Handicap: Er steigt da einfach nicht mehr durch!

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Lieber VHS-Kurs der Lebenshilfe-Werkstätten, Sie schreiben mir zum Thema "politisch korrekte Sprache". Sie möchten, dass der Ausdruck "Behinderte" nicht mehr verwendet wird, obwohl er noch vor wenigen Jahren als politisch besonders korrekt gegolten hat. Inzwischen sei das aber ein Schimpfwort. Deshalb plädieren Sie für den neuen Begriff "Menschen mit Handicap".

Ich werde, wenn wir uns treffen sollten, gern diese Bezeichnung verwenden. Aber ich fürchte, dass auch "Menschen mit Handicap", falls die Formulierung sich in Deutschland durchsetzt, sehr bald als Schimpfwort eingesetzt wird. Dann können Sie wieder ein neues Wort finden, und wieder eines, und wieder eines, aber das nützt überhaupt nichts. Sie können Vorurteile und Hass und negative Einstellungen nicht abschaffen, indem Sie neue Bezeichnungen einführen. Wenn es so einfach wäre – wunderbar. Vorurteile sind aber kein sprachliches Problem. Es liegt nicht auf der Zunge, es steckt im Kopf. Am besten haben es in dieser Hinsicht die Homosexuellen gemacht, indem sie das Schimpfwort ihrer Feinde, "schwul", einfach selber verwendet und so für sich erobert haben, offensiv. Das hat natürlich den Schwulenhass nicht aus der Welt geschafft. Aber es war ein Sieg. "Menschen mit Handicap" ist defensiv, ein Rückzug.

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Seit Jahren lese ich hin und wieder das Wort "It-Girl". Zuletzt wurde es auf die junge Piraten-Politikerin Marina Weisband angewendet. Die ist angeblich ein "It-Girl". Ich bin ein Hinterwäldler, ich wusste lange nicht, was das bedeutet. Es steht aber sogar im Duden. Ein "It-Girl" ist eine junge, gut aussehende Frau, die ständig in den Medien auftaucht, obwohl sie nicht viel geleistet hat. Weniger jedenfalls, als ein durchschnittlich aussehender, älterer Mensch bringen müsste, um ständig in den Medien zu sein. Ob das für Frau Weisband zutrifft, will ich nicht beurteilen. Das englische it kann man in diesem Zusammenhang vielleicht als "das gewisse Etwas" übersetzen. Ein "It-Girl" hat Charisma, Sex-Appeal oder was auch immer. Erfunden wurde das Wort 1927, als die Schauspielerin Clara Bow in dem Stummfilm It ein Mädchen mit dem gewissen Etwas gewesen ist. Als ich ein bisschen herumrecherchierte, habe ich schnell mitgekriegt, dass "It-Girl" neuerdings als sexistisch gilt. Alles andere hätte mich, ehrlich gesagt, auch gewundert. Man soll jetzt "Can-do-Girl" sagen. Für mich ist das furchtbar. Ich komme da nicht mehr hinterher. Ich kann die neuen Wörter überhaupt nicht mehr so schnell lernen, wie sie als sexistisch oder sonst wie diskriminierend aussortiert werden. Ich bin ein Slow-Boy.

"Toleranz" habe ich wirklich für ein völlig unverdächtiges Wort gehalten, ein sympathisches sogar. Toleranz, super, ich bin dafür. Jetzt habe ich gelesen, dass "Toleranz" ein schlechtes Wort ist, weil man ja etwas nur dann toleriert, also erträgt, wenn man es vorher ein klein wenig abgelehnt hat. Beispiel: Ich mag den Geruch von Patschuli nicht, aber wenn Sie sich das Zeug unbedingt hinters Ohr tupfen wollen, bin ich tolerant. Das ist die falsche Einstellung, auch das falsche Wort. Neuerdings soll man "Akzeptanz" zeigen statt "Toleranz". Man akzeptiert sofort, uneingeschränkt, deshalb muss man nicht mehr mühsam über die Hürde der Toleranz hinüberspringen, oder so ähnlich. Also, wenn Sie mich treffen, achten Sie bitte bloß nicht auf meine Wortwahl, ich bin nie auf dem neuesten Stand. Achten Sie auf mein Verhalten, ob ich nett bin, ob ich Sie respektiere, achten Sie auf den Tonfall. Ich bin der Slow-Boy.

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Leser-Kommentare
  1. Ich gehöre auch nicht zu den schnellsten (wie man dem Datum entnehmen kann). Aber diesmal hab ich die Nase vorn!
    Nie, klärte mein mich Sohn auf, darf man in England bei Behinderten von einem "Handicap" sprechen. In dem Begriff klingt noch deutlich an, was er ursprünglich meint: dass einer mit der Mütze in der Hand da steht und um Geld bettelt (was das allerdings mit Golf zu tun hat, weiß ich jetzt auch nicht). Die Leute von den Lebenshilfe-Werkstätten wenden also die von Ihnen empfohlene Strategie schon an - insgeheim natürlich. So geheim, dass Sie es selbst noch nicht wissen.

  2. "Politiker" muss aber ebenfalls antipatriarchal genderisiert werden! Ich bin für "Dumm Schwallende" oder "Gehirnfurz Absondernde".

    Sorry, hoffentlich ist das nicht zu proletig für das hiesige Inhaltevermittlungsdruckprodukt (= neu für "Zeitung").

    2 Leser-Empfehlungen
  3. Albert Hoffmann (1906- 2008), der Entdecker von LSD-25 hat in einem seiner letzten Interviews kurz vor seinem Tode die Befürchtung geäussert, dass die westliche Denk- und Geisteskultur eines Tages kollabieren werde, wenn sich die derzeit praktisch gleichzeitig statt findenden Veränderungsprozesse mit der selben Beschleunigung fortsetzen, wie in den vergangenen 30 Jahren. Ich glaube, diesen Tag haben wir bereits erreicht. Blickt man auf die Trümmer der Europäischen Union, dann wird einem langsam klar, dass der eigentliche Bankrott des Geldsystems eben nicht nur an den Finanz- und Kapitalmärkten statt findet, sondern auch in unseren Köpfen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Mari o
    • 01.04.2013 um 0:51 Uhr

    unter uns :Das war der Fehler.
    und Martenstein leidet unter Zensur-Paranoia und muss aufpassen daß er sich nicht eine Schreibblockade einfängt.

    • Mari o
    • 01.04.2013 um 0:51 Uhr

    unter uns :Das war der Fehler.
    und Martenstein leidet unter Zensur-Paranoia und muss aufpassen daß er sich nicht eine Schreibblockade einfängt.

    • daxer
    • 28.03.2013 um 23:37 Uhr

    Unsere Gesellschaft leidet an einer Art Opfer-Abo-Syndrom: der krampfhaften Suche nach immer neuen Formen von Benachteiligungen und der ans masochistische grenzenden Sucht, Demutsgesten vor den Opfern auszuführen und sich selbst mit Sprachverrenkungen zu kasteien.

    Ohne Sinn und Verstand wird der Bogen völlig überspannt und das ganze Gender-/PC-Neusprech nur noch als sinnlose Repressalie oder bestenfalls als Farce wahrgenommen.

    2 Leser-Empfehlungen
  4. Hast du meinen Kommentar bereits vermisst? Wäre schön. Genauso schön, wie die Kolumne. Aber auch ein GIRL sollte sich hin und wieder rar machen, besonders um das Großhirn weiterhin eingeschaltet lassen zu können. Wir befinden uns schließlich nicht mehr auf der Flucht. Ohne amygdala geht's gut.

    Wen ich wirklich einmal gerne treffen würde, ist und bleibt Campino.

    Frohe Ostern & geruhsame Tage wünscht
    WW

  5. bei uns im ÖSI land heissen die Negerküsse "Schwedenbomben".

    Die Schweden waren bei uns im 30-jährigen Krieg, und wohl auch noch einige jahre dahach, Feindfiguren -

    hoffentlich verrät ihnen das niemand, sonst müssten wir das auch ändern .....

    • Mari o
    • 01.04.2013 um 0:51 Uhr

    unter uns :Das war der Fehler.
    und Martenstein leidet unter Zensur-Paranoia und muss aufpassen daß er sich nicht eine Schreibblockade einfängt.

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