Als gingen Hollywood die Geschichten aus, stürzt sich die amerikanische Filmindustrie gerade auf altbekannte Märchen. Nach der nicht enden wollenden Flut von Superhelden- und Fantasyfilmen sind die Produzenten auf der Suche nach massentauglichen Stoffen nun im Märchenwald fündig geworden. Da gibt es Figuren, die gut eingeführte Unterhaltungsmarken sind und die man niemandem erklären muss. Sie sind schon so bekannt wie Batman oder Spiderman. Für diese Figuren muss man – anders als bei den Comicsuperhelden – keine sündhaft teuren Urheberrechte bezahlen. Und man kann mit ihnen machen, was man will, ohne dass sich die Rechteinhaber oder nervige Nachfahren des Autors einmischen. Es ist wie im Märchen.

Zunächst waren es die Shrek-Animationsfilme, in denen dekonstruierte Figuren aus bekannten Märchengeschichten in Nebenrollen auftraten. Einige von ihnen – wie der Gestiefelte Kater alias Puss in Boots – bekamen schließlich sogar ihren eigenen Film. Dann folgte eine Reihe von Spielfilmen, deren Geschichten man als mutierte Märchen bezeichnen könnte. Das ging los mit Brothers Grimm (2005) von Terry Gilliam, der aus den beiden hessischen Germanisten zwei abgebrannte Möchtegern-Hexenjäger machte. Catherine Hardwickes Red Riding Hood (2011) nahm die Geschichte von Rotkäppchen als Ausgangspunkt für einen düsteren Heimatfilm. Sowohl Rupert Sanders’ Snow White and the Huntsman (2012) wie Tarsem Singhs Spieglein Spieglein (2012) unterzogen die Mär von Schneewittchen einer Totaloperation. Und nun ballern sich Hänsel und Gretel (Regie Tommy Wirkola) als spätmittelalterliche Terminatoren durch den deutschen Forst und klopfen dabei Sprüche wie: "Wir sind auf den Geschmack von Blut gekommen. Hexenblut." Ebenfalls gerade im Kino: Jack and the Giants, der zeigt, wie man das Märchen von Hans und der Bohnenranke zu einem dröhnenden 200-Millionen-Dollar-Actionfilm voller digitaler Spezialeffekte in 3-D aufpumpt.

Jack and the Giants ist ein gutes Beispiel für die fröhliche Chuzpe, mit der Hollywood hilflose Märchen durch den Wolf dreht. Es gibt in dem Film zwar einen Jungen namens Jack (Nicholas Hoult), Riesen, Zauberbohnen und Bohnenstauden, die in den Himmel wuchern. Aber ansonsten hat der Film nichts mit dem historischen Märchen aus Cornwall zu tun. Die vier Drehbuchschreiber haben aus der Fabel eine Art mittelalterliche Invasion aus dem Weltall gemacht, in der es vor allem kracht und knallt. Regie führt ein Experte für solche Spektakel: Bryan Singer, der auch schon einige X-Men -Filme und Superman Returns gedreht hat.

Auch die Fankulturen im Internet spinnen die alten Geschichten fort

Und es sind nicht nur Kinofilme: Zwei der derzeit erfolgreichsten US-Fernsehserien wildern ebenfalls im Märchenrevier. Once upon a time – eine Seifenoper, die in einem Vorort voller Märchenfiguren spielt, die ihr Gedächtnis verloren haben – läuft seit vergangenem Jahr in Deutschland auf RTL. Und bei Vox ist seit Februar die Polizeiserie Grimm zu sehen, bei der schon der Titel deutlich macht, wo sich die Macher bedient haben: Detective Nick Burkhard (David Giuntoli) ist ein Nachfahre der Brüder Grimm. Die haben allerdings nach Lesart der Serie keine Märchen gesammelt, sondern Tatsachen aufgeschrieben. Denn die Welt ist von Märchenkreaturen unterwandert, die als normale Mitmenschen getarnt sind und die nur ein "Grimm" erkennen kann. In diesen Serien heißt das Rotkäppchen plötzlich Red und ist ein Werwolf. Schneewittchen überfällt Wanderer im tiefen, dunklen Wald und raubt sie aus. Der große, böse Wolf ist ein Serienmörder, der gerne Bach hört, während er seine Opfer zu Fleischpastete verarbeitet.

Man muss ob solcher respektlosen Verballhornung nicht gleich den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören. Denn ursprünglich gehörten Varianten des vertrauten Stoffs geradezu zum Wesen der Gattung. Bevor die Brüder Grimm die deutschen Märchen aufschrieben, gab es von populären Geschichten so viele Versionen, wie es Großväter gab, die diese Geschichten ihren Enkeln erzählten. Solange die Märchen durch mündliche Erzählung überliefert wurden, konnten sie der Region, dem Publikum und der Zeit, in der sie erzählt wurden, angepasst werden. Dem fröhlichen Fabulieren waren Tür und Tor geöffnet.

Endlich kehren die Düsternis und die Gewalt zurück

Die Märchensammlung von Wilhelm und Jacob Grimm mag eine der bedeutendsten philologischen Leistungen des Biedermeiers gewesen sein. Ohne sie würden wir viele Märchen nicht mehr kennen, weil sie in der Zeit der industriellen Revolution den sich ändernden Lebensumständen zum Opfer gefallen wären. Doch die Grimms schufen auch einen narrativen Kanon. Mit ihren – oft von sexuellen Derbheiten gereinigten – Fassungen hatten sie die Version der Geschichten zu Papier gebracht, an der sich alle künftigen Varianten zu messen hatten. Die Geschichten waren im Druck fixiert.

Heute nennt man es Fan-Fiction

Die amerikanischen Filme und Fernsehserien, die sich nun der Stoffe annehmen, erobern sich die Unabhängigkeit der Geschichtenerzähler von einst zurück. Es wäre natürlich schön, wenn sie das auf etwas charmantere, weniger stereotype Weise tun würden. Aber die Freiheiten, die sie sich mit ihren Geschichten nehmen, passen in eine Zeit, in der die Produktion und Rezeption von Kultur in Bewegung geraten sind. Das Internet hat eine neue Form von Folklore möglich gemacht. Amateure veröffentlichen im Netz ihre eigenen digitalen Varianten von Geschichten, Liedern oder Filmen. Seien es Mash-ups, Remixe und eigene Fanvideos zu beliebten Songs, seien es selbst gedrehte Versionen von populären Filmen – die Art und Weise, wie Fans heute ihre eigenen Versionen von Kunstwerken schaffen, erinnert daran, wie sich einst Folklore anonym am Ofen oder am Lagerfeuer entwickelt hat.

Eine postmoderne und internetbasierte Fortführung der mündlichen Überlieferung und Transformation von Geschichten ist die sogenannte Fan-Fiction. Das ist eine riesige Internet-Subkultur, an der sich zwar Hunderttausende in der ganzen Welt beteiligen, die aber in der Mehrheitsgesellschaft kaum bekannt ist. Fans, die aus den offiziellen Quellen nicht genug Stoff für ihre Obsession bekommen, schreiben ihre eigenen Plots für bekannte Filme oder TV-Serien und veröffentlichen sie im Internet auf Websites wie fanfiction.net. Ohne finanziellen Anreiz liefern sie neue Geschichten für narrative Universen wie Star Trek, Star Wars oder Harry Potter.

Und weil sie nicht gestorben sind... gibt es Fortsetzungen

Der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins, Professor an der University of Southern California, der mehrere Bücher über Fankulturen veröffentlicht hat, betrachtet dieses Weiterspinnen als eine Form der kreativen Anteilnahme. Für ihn sind solche Fans keine lahmen Sofahocker, sondern Autoren, die altbekannte Stoffe fortschreiben. Sie tun das mit Romanen wie dem Herrn der Ringe ebenso wie mit tradierten Märchen wie Aschenputtel oder der Kleinen Seejungfrau.

Die Wiederauferstehung der alten Märchen in Film und Fernsehen sollte vor diesem Hintergrund betrachtet werden: als Hommage, Neuinterpretation oder Parodie der Originale im Geiste der Fan-Fiction. So macht Snow White and the Huntsman aus Schneewittchen eine protofeministische, schwertschwingende Amazone mit Dreck unter den Fingernägeln, die im Kampf mit der Armee der bösen Stiefmutter genauso grunzt wie ihre Truppe, die reichlich verwahrlosten sieben Zwerge. Dieser Film, aber auch die amerikanischen Serien geben ihren Märchenvorlagen auch einen Teil der Düsternis und Gewalttätigkeit zurück, die die Grimms in ihren Bearbeitungen wegredigiert hatten.

Anders als bei der Fan-Fiction geht es bei den Filmen freilich um sehr viel Geld. Wenn sie nicht gestorben sind (und wenn sie weltweit 400 Millionen Dollar einspielen wie Snow White and the Huntsman, an dessen Fortsetzung schon gearbeitet wird) – dann wird der Boom der Märchenfilme und -serien wohl so schnell kein Ende nehmen.