Die amerikanischen Filme und Fernsehserien, die sich nun der Stoffe annehmen, erobern sich die Unabhängigkeit der Geschichtenerzähler von einst zurück. Es wäre natürlich schön, wenn sie das auf etwas charmantere, weniger stereotype Weise tun würden. Aber die Freiheiten, die sie sich mit ihren Geschichten nehmen, passen in eine Zeit, in der die Produktion und Rezeption von Kultur in Bewegung geraten sind. Das Internet hat eine neue Form von Folklore möglich gemacht. Amateure veröffentlichen im Netz ihre eigenen digitalen Varianten von Geschichten, Liedern oder Filmen. Seien es Mash-ups, Remixe und eigene Fanvideos zu beliebten Songs, seien es selbst gedrehte Versionen von populären Filmen – die Art und Weise, wie Fans heute ihre eigenen Versionen von Kunstwerken schaffen, erinnert daran, wie sich einst Folklore anonym am Ofen oder am Lagerfeuer entwickelt hat.

Eine postmoderne und internetbasierte Fortführung der mündlichen Überlieferung und Transformation von Geschichten ist die sogenannte Fan-Fiction. Das ist eine riesige Internet-Subkultur, an der sich zwar Hunderttausende in der ganzen Welt beteiligen, die aber in der Mehrheitsgesellschaft kaum bekannt ist. Fans, die aus den offiziellen Quellen nicht genug Stoff für ihre Obsession bekommen, schreiben ihre eigenen Plots für bekannte Filme oder TV-Serien und veröffentlichen sie im Internet auf Websites wie fanfiction.net. Ohne finanziellen Anreiz liefern sie neue Geschichten für narrative Universen wie Star Trek, Star Wars oder Harry Potter.

Und weil sie nicht gestorben sind... gibt es Fortsetzungen

Der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins, Professor an der University of Southern California, der mehrere Bücher über Fankulturen veröffentlicht hat, betrachtet dieses Weiterspinnen als eine Form der kreativen Anteilnahme. Für ihn sind solche Fans keine lahmen Sofahocker, sondern Autoren, die altbekannte Stoffe fortschreiben. Sie tun das mit Romanen wie dem Herrn der Ringe ebenso wie mit tradierten Märchen wie Aschenputtel oder der Kleinen Seejungfrau.

Die Wiederauferstehung der alten Märchen in Film und Fernsehen sollte vor diesem Hintergrund betrachtet werden: als Hommage, Neuinterpretation oder Parodie der Originale im Geiste der Fan-Fiction. So macht Snow White and the Huntsman aus Schneewittchen eine protofeministische, schwertschwingende Amazone mit Dreck unter den Fingernägeln, die im Kampf mit der Armee der bösen Stiefmutter genauso grunzt wie ihre Truppe, die reichlich verwahrlosten sieben Zwerge. Dieser Film, aber auch die amerikanischen Serien geben ihren Märchenvorlagen auch einen Teil der Düsternis und Gewalttätigkeit zurück, die die Grimms in ihren Bearbeitungen wegredigiert hatten.

Anders als bei der Fan-Fiction geht es bei den Filmen freilich um sehr viel Geld. Wenn sie nicht gestorben sind (und wenn sie weltweit 400 Millionen Dollar einspielen wie Snow White and the Huntsman, an dessen Fortsetzung schon gearbeitet wird) – dann wird der Boom der Märchenfilme und -serien wohl so schnell kein Ende nehmen.