Shitstorm-Opfer Katja Riemann © Henning Kaiser / dpa

Der Shitstorm, der doch reines Menschenwerk ist, hat es geschafft, in den Rang eines Wetterphänomens aufzusteigen: Man hat sich damit abgefunden, dass er uns alle begleiten und vielleicht sogar überdauern wird. Es gibt bereits wissenschaftliche Skalen, nach denen man berechnen kann, ob man es mit einem Shitstorm der Kategorie 3 (mäßig bewegte See, andauernde Kritik von Einzelpersonen, zunehmende Reaktionen der Community), 4 (grobe See, Herausbildung einer vernetzten Protestgruppe, zahlreiche Blogs und Berichte in Onlinemedien) oder 6 (Orkan, aufgepeitschtes Publikum, Tonfall aggressiv) zu tun hat.

Und es gibt Spezialisten, die professionell Shitstorms säen. Die Agentur Caveman zum Beispiel verspricht folgende Dienste: »Wir potenzieren Ihren Unmut und fluten bei Facebook die Fanseiten mit Kommentaren und Likes. Wir halten uns hier streng an moralische Richtlinien. Wir garantieren die Anonymität unserer Auftraggeber.«

Caveman bietet vier »Shitstormpakete« an: Shitstorm S kostet 4.999 Euro, geboten werden 100 Kommentare und 150 Likes. Shitstorm M: 9.999 Euro, 500 Kommentare, 300 Likes. Shitstorm L: 49.999 Euro, 3.000 Kommentare, 1.500 Likes. Shitstorm XL: 199.000 Euro, 15.000 Kommentare, 5.000 Likes.

Der Duden definiert einen Shitstorm als »Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht«. Der jüngste deutsche Shitstorm ergab sich aus einer Talkshow im NDR, ja im Grunde gabelte sich der Sturm sogleich in zwei Unterstürme. Die Schauspielerin Katja Riemann und der Journalist Hinnerk Baumgarten kamen in der Sendung Das! auf so lähmende, faszinierende, fußnägelaufrollende Weise nicht miteinander zurecht, dass sich im Netz zwei Lager bildeten: Das eine Lager nennt Katja R. eine fürchterliche Ziege, das andere Lager nennt Hinnerk B. einen »überforderten Sachenwegmoderierer« (Stefan Niggemeier).

Über beide Menschen wurde sehr viel geschrieben; kaum geschrieben wurde über die Menschen, die, lustvoll mitfliegend, den Sturm anfeuern, genießen, ja bilden. Sie sind aber viel interessanter als Katja R. und Hinnerk B. Was treibt sie an?

Bequeme Genugtuung

Eigentlich handelt es sich beim Shitstorm um eine Steinigungs- und Verwünschungskultur. Der Shitstorm-Angehörige reist zwar mit einer Hetzmeute, er bleibt dabei aber völlig allein und im Trockenen: Er steinigt aus einer Loge heraus. Bequemer ist Genugtuung nicht zu haben.

»Die Wahrheit, die erste Wahrheit, ist vermutlich, dass wir alle miteinander verbunden sind und einander beobachten. Selbst die Bäume.« Als der Dramatiker Arthur Miller diesen Satz schrieb, der immer noch jeden Tag wahrer wird, gab es das Internet noch nicht, es gab nur: Briefe, Gerüchte, Buschtrommeln, Türspione, Ferngläser. Man musste hinaus in die Welt, um den Menschen kennenzulernen. Heute sitzen die Menschen wie auf miteinander verwurzelten Bäumen, von denen herab sie einander beobachten. Die soziale Kontrolle erreicht globale Dimensionen. Der Zorn aller auf alle ebenfalls. Hier sorgt der Shitstorm für Entlastung.

Das Unglück des Menschen bestehe darin, dass er nicht ruhig in seinem Zimmer sitzen bleiben könne, hat Pascal gesagt. Dieses Unglück verschwindet allmählich. Ein anderes Unglück erobert die Welt: der ruhig in seinem Zimmer sitzende, nach draußen zielende Hassschreiber. Er beugt sich ein wenig vor und steinigt einen Idioten seiner Wahl, der zu vorwitzig seinen Kopf aus der Menge gehoben hatte.

Verstohlene Befriedigung

Er mache, sagte der Schriftsteller Max Frisch in seinen späten Jahren nicht ohne Resignation, Erfahrungen nur noch beim Schreiben. Auf der Welt hat sich eine Technik ausgebreitet, die Frischs Lamento zur Daseinsform erhebt: das Schreiben im Netz. Die Erfahrung der eigenen Autonomie, Freiheit und Wehrhaftigkeit lässt sich im Netz simulieren, ja gleichsam anprobieren, ohne dass man sie tatsächlich gemacht hätte. Man umkreist einen Prominenten, Mächtigen, Schönen im Sog eines Shitstormgeschwaders, und schon fühlt man sich belohnt: als habe man diesem anderen einen Schlag versetzt.

Verhaltensforscher sagen, dass Menschen, die gehässige, anzügliche Kommentare ins Netz stellen, dabei eine verstohlene Befriedigung verspüren – als berührten sie einen anderen Menschen, ohne dass der sich wehren kann. Der Shitstorm erfüllt also für jene, die ihm zugehören, eine erotische Funktion: Er ist ein Quell der Stimulation; er gewährt Intimität mit einem ausgelieferten Fremden. Er ist eine grundsätzliche Möglichkeit der Lust für so viele Menschen, dass ganz klar ist: Dieser Sturm geht nicht mehr weg.

Borussia Dortmund im Shitstorm-Training

Es gibt nur eine Möglichkeit, sich gegen ihn zu wappnen: Man muss ihn annehmen als eine menschliche Kulturleistung, und man muss lernen, mit ihm zu spielen.

Auf dem Trainingsgelände des deutschen Fußballmeisters Borussia Dortmund lässt sich ahnen, wie das gehen könnte. Dort wurde im vergangenen Jahr ein Tempel für die Shitstorm-Ära errichtet. In einer kleinen Halle werden, so könnte man sagen, Shitstorms künstlich erzeugt und auf die Spieler des Vereins abgefeuert. Die Anlage heißt Footbonaut, und so funktioniert sie:

In der Mitte der Halle steht ein einzelner Fußballspieler; um ihn herum postiert sind acht Ballkanonen, die Fußbälle auf ihn feuern – und dies mit einer Geschwindigkeit von bis zu 120 Stundenkilometern. Der Footbonaut ist ein erstklassiges Shitstormlabor, der Sportler steht darin allein im Hagel der Attacken. Er muss den auf ihn zudonnernden Ball abfangen, annehmen, umleiten in eines von 72 Zielfeldern. Hier werden sie geformt, die Helden der Zukunft: Über die Konfrontationsformen früherer Zeiten sind sie hinaus, der Kampf Mann gegen Mann findet nicht mehr statt, der wahre Gegner ist unsichtbar. Was lernen sie hier? Auf dem Sturm zu reiten.

Die Fußballspieler fühlen sich, so ist zu hören, im Footbonauten außerordentlich wohl, sobald sie die Schreckminuten der ersten Trommelfeuer überstanden haben. Das mag daran liegen, dass sie hier einen Gegner haben, der Gnade und Pausen kennt (nach einer halben Stunde ist das Gewitter vorbei). Ansonsten, außerhalb des Shitstorm-Trainings, sind sie Gewalten ausgeliefert, die kaum mehr zu beherrschen und schon gar nicht zu bremsen sind: Profifußballer gehören zu den Menschen, die am meisten mit dem Hass im Netz zu kämpfen haben.

Eine Unterwelterscheinung

Der Shitstorm ist eine Unterwelterscheinung von nie gekannten Ausmaßen. Es war klar, dass die menschliche Spezies, welche sich so sehr der Selbstbeobachtung und Selbstregulierung verschrieben hat, einen Weltkeller, eine Katakombe brauchen würde, in der sie sich ungesehen ausleben kann.

Der Philosoph Hans Blumenberg hat es so gesagt: »Der Mensch ist das sichtbare Wesen in einem emphatischen Sinne. Er ist betroffen von seiner Sichtbarkeit durch die Auffälligkeit des aufrechten Ganges und durch die Wehrlosigkeit seiner unspezifischen organischen Ausstattung. Das macht ihn anfällig für die Lockung der Rückkehr in die Höhle. Sie ist die einzige Erfüllung seines tief in dieser Gattungslage verwurzelten Wunsches nach Unsichtbarkeit.«

Im Shitstorm findet der Mensch seine Höhle. Er ist die Erfüllung des Wunsches nach Unsichtbarkeit in jenem Moment, da die eigene Gemeinheit am größten ist. Der Sturm wird uns bleiben, und es stellt sich dem Einzelnen nur die Frage, wie er sich zu ihm verhält: Fliegt er, Pardon, mit der Scheiße, oder stellt er sich ihr entgegen?

Der Luxus des autonomen Menschen wird es sein, sich in den Sturm hineinzubeugen – genau so, wie es der Schiffspassagier tut, der entgegen allen Ratschlägen der Besatzung allein das sturmgefegte Deck betritt, sich erfrischt über die Reling beugt und seine vollständige Einsamkeit genießt.

Vom Shitstorm um die Welt getragen

Wer diesen Mut nicht entwickelt, ist der Zukunft nicht gewachsen. Wer ihn entwickelt, der kann es weit bringen: Er wird von seinem Shitstorm um die Welt getragen werden wie der Fliegende Holländer.

Das könnte künftig die Definition von »Unsterblichkeit« sein: Was von dir bleibt, ist die Silhouette, die du gegen deinen Shitstorm wirfst.

Und man ahnt, was Walter Benjamin vor Augen hatte, als er von dem Sturm sprach, der den Engel der Geschichte aus der Vergangenheit in die Zukunft bläst. Der Engel blickt, rückwärts fliegend, auf das wachsende Trümmerfeld der menschlichen Hinterlassenschaften. Den Sturm, von dem der Engel gepeitscht wird, nannte Walter Benjamin den Fortschritt. Was aber, wenn es der erste Shitstorm wäre?

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