Auf Booten gibt es ein Werkzeug namens Not-Axt. Es kommt zum Einsatz, wenn das Boot leckschlägt. Mit der Not-Axt wird dann notfalls die Schiffseinrichtung kurz und klein gehackt, Tische, Schränke, Kojen werden geopfert – womit auch immer das Loch sich abdichten lässt, Hauptsache, das Boot bleibt über Wasser. Auch Staaten, das sollte die Finanzkrise lehren, besitzen eine Not-Axt. Zum Einsatz kam sie in Irland, vor viereinhalb Jahren.

Am frühen Abend des 29. September 2008 versammeln sich im Dubliner Büro von Ministerpräsident Brian Cowen der Finanz- und der Justizminister, der Gouverneur der Zentralbank, der Regierungssprecher und ein halbes Dutzend Berater. Die Stimmung, heißt es später, sei panisch gewesen. Die Runde fürchtet, dass die gesamte Volkswirtschaft der Insel absaufen könnte, wenn am nächsten Tag die Banken und Börsen öffnen. Würden nicht noch in der Nacht entschiedene Maßnahmen ergriffen, könne es dem Staate Irland ergehen wie der kurz zuvor gescheiterten US-Bank Lehman Brothers: ein plötzlicher Vertrauensverlust, gefolgt vom Abzug sämtlicher Geldreserven. Schon am nächsten Vormittag könnte ein bank run einsetzen, ein Ansturm von Millionen Sparern, die alle ihr Geld ausbezahlt bekommen wollen. "Es ging darum, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten", sagt ein Insider rückblickend. Die irischen Ministerialbeamten fühlen sich der Situation allein nicht gewachsen, sie suchen Hilfe bei auswärtigen Experten.

Um 18.37 Uhr schickt ein ranghoher Finanzbeamter eine hektisch getippte Mail an die US-Bank Merrill Lynch. Erst wenige Tage zuvor hatte die Regierung ein Team von deren Investmentexperten als Notfall-Berater angeheuert. "Bin in Meeting mit Premierminister", steht in der Betreffzeile, "brauche so schnell wie möglich Übersicht über Für und Wider einer Garantie." Der Beamte meint eine Staatsgarantie, ein umfassendes Versprechen, dass die Regierung für sämtliche Verluste der irischen Banken einstehen werde. Es ist die Not-Axt. Und das Inventar, an das sie angesetzt wird, ist das öffentliche Vermögen.

Für wen genau haben die Iren eigentlich ihr nationales Inventar geopfert? Die oberflächliche Version der Euro-Rettung besagt, dass Deutschlands Steuerzahler Nationen aus der Patsche helfen, die ihre Finanzproblem nicht mehr in den Griff bekommen. Doch Irland ist nicht Griechenland und auch nicht Zypern. Seine Misere entstammt nicht der Misswirtschaft oder der dubiosen Finanzpolitik eines einzelnen Landes. Wer hat da wen gerettet? Diese Frage stellt sich ganz neu, wenn man der Frage nach der Schuld am irischen Crash und der Richtung der Finanzströme nachgeht.

Was das Krisenkabinett in der Nacht auf den 30. September 2008 beschlossen habe, sagt der stellvertretende irische Finanzminister Brian Hay heute, sei ein "schrecklicher Fehler" gewesen – aber wer konnte das damals schon wissen? Rund um die Welt hatte der Lehman-Schock Investoren und Sparer in helle Angst versetzt. Viele von ihnen, das wurde mit einem Schlag allen klar, hatten auf Luft gewettet und würden ihr Geld verlieren.

Durch verführerisch niedrige Steuern hatte ausgerechnet das kleine Irland besonders viel Investmentkapital angelockt. "Alle wollten hin", sagt ein ehemaliges Vorstandsmitglied der Deutschen Bank. "Nach dem EU-und Euro-Beitritt wurde das Standing das Landes immer besser." Die irische Regierung hielt die Insel für die beste aller Finanzwelten, mit einem Regelwerk, das die Vorteile europäischer, amerikanischer und asiatischer Vorschriften vereinte. Selbstbewusst vermarkteten die Iren die Ära des "keltischen Tigers". Und die Banker, auch und vor allem die deutschen, gaben ihm Futter.

Keine Frage, die Hauptschuld an ihrem Schuldendesaster tragen die Iren selbst. Zu viele von ihnen haben sich vom vermeintlich endlosen Aufschwung blenden lassen und sich viel zu viel Geld für viel zu viele Häuser, Autos und Urlaubsreisen geliehen. Dieses Geld allerdings haben die irischen Banken nicht etwa selbst gedruckt. Die Milliarden, die sie so verschwenderisch verteilten, haben sie sich vielmehr ihrerseits bei ausländischen Banken geliehen. Diese Banken und ihre Kunden haben mitverdient am falschen Optimismus der Iren.