Der Jugendwahn hat einen festen Wohnsitz: die Unternehmensberatungen. Die meisten Jungberater sind frei von eigener Berufserfahrung. Sie kommen direkt von der Uni, noch nie haben sie eine Firma als Mitarbeiter von innen gesehen, allenfalls als Praktikanten. Die Abläufe, die Gepflogenheiten, die Geschäftsmodelle, all das kennen sie nicht. Touristen sind sie im Firmenland – müssen aber gleich als Reiseführer agieren!

Die Beratungsfirmen sagen, die Hochschulabgänger hätten einen unverbrauchten Blick auf die Dinge. Das klingt besser als "Sie sind ahnungslos!", bedeutet aber dasselbe. Einerseits sind die Unternehmensberatungen bei ihrer Personalauswahl äußerst penibel; sie nehmen nur die besten Absolventen eines Jahrgangs. Andererseits scheint es egal zu sein, dass die Jungberater außer Schule und Hochschule wenig gesehen haben. Aber wie soll jemand, der vom Innenleben einer Firma nichts versteht, genau dieses Innenleben optimieren? Wie soll jemand, der nicht unterscheiden kann zwischen formalen und heimlichen Spielregeln, zwischen Organigramm und tatsächlicher Machtverteilung, zwischen Zahlen auf dem Papier und echter Geschäftslage – wie soll er ein über Jahrzehnte gewachsenes Unternehmen beraten?

Frei nach George Bernard Shaw: Das Beraten ist etwas Wundervolles. Es ist eine wahre Schande, dass man es an die Jugend vergeudet. Zumal der Jungberater, wenn er ein paar Jahre Erfahrung gesammelt hat, von seiner Firma verabschiedet und durch junge Nachrücker ersetzt wird; nur ein Bruchteil der Berater kann zum Seniorberater und später zum Partner aufsteigen.

Das größte Kapital eines Beraters sind menschliche Reife und Erfahrung. Und die wachsen mit den Lebensjahren. Deshalb wäre es klug, nicht möglichst junge, sondern möglichst erfahrene Berater einzustellen, gerne zwischen 50 und 70. Solche Menschen haben viel gesehen, bringen Maßstäbe mit und können deshalb auch eher in kurzer Zeit die Potenziale einer Firma erkennen. Zugleich haben sie bei den Kunden das nötige Standing – was man von Jungberatern nicht immer behaupten kann. Nichts spräche dagegen, dass auf jeden älteren Berater ein jüngerer kommt – statt auf fünf jüngere (schätzungsweise) nur einer von über 45, wie in der jetzigen Kultur des Jugendwahns.