Wilde Zeiten von Kettly Mars ist nicht nur literarisch ein großer Wurf – das Buch ist ein Meilenstein auf Haitis holprigem Weg zur Aufarbeitung seiner Vergangenheit. Die Duvalier-Diktatur von Papa und Baby Doc dauerte von 1957 bis 1986 und saugte das ärmste Volk der westlichen Hemisphäre aus wie ein Vampir: Das Blut der Ärmsten der Armen und deren tiefgekühlte Leichen wurden unter Baby Doc an kanadische Universitäten verkauft, bis der HI-Virus das makabre Geschäft durchkreuzte. Auch nach dem Sturz des übergewichtigen Playboys, der mit neunzehn Präsident auf Lebenszeit wurde, kam Haiti nicht zur Ruhe, und von kritischer Aufarbeitung kann nicht die Rede sein. Dazu fehlte der politische Wille: Die Mörder und Folterer liefen frei herum, und die Umwandlung des Todeslagers Fort Dimanche in eine Gedenkstätte scheiterte am Boykott der Regierung und am Desinteresse der Öffentlichkeit. Das Duvalier-Regime hat Haiti korrumpiert und traumatisiert, und das jahrzehntelange Rede- und Denkverbot wirkt als Phantomschmerz nach, weil die Oberschicht ein System kommunizierender Röhren ist, wo jeder jeden kennt, Opfer und Täter miteinander verwandt oder befreundet waren.

Erst jetzt erscheint ein Roman, der den gordischen Knoten zerschlägt: »Dieselbe Diktatur, die mein Heim zerstört hat, bietet mir Schutz und Hilfe gegen die Willkür. Port-au-Prince ist eine Stadt mit zwei Gesichtern, eine Betrügerin. Sie ist schön, verschmitzt, heiter nach überraschenden Regengüssen, sie bietet ihre Balkone und Schaukelstühle dem sanften Licht des Nachmittags dar. Sie verschlingt auch gierig ihre Menschenbeute, Raubtierstadt, die jeden Abend im Herzen des Nationalpalasts brüllt, um die Sperrstunde, die Stunde aller Schrecken zu verkünden.«

Worum geht es in Wilde Zeiten? Während Präsident Duvalier sich von in die Stadt gekarrten Volksmassen zum Staatschef auf Lebenszeit ausrufen lässt, antichambriert Nirvah, Mutter zweier halbwüchsiger Kinder, bei seinem allmächtigen Sicherheitschef, um das Leben ihres Mannes zu retten. Der wurde ohne Haftbefehl von den Tontons Macoutes verschleppt, weil er der Kommunistischen Partei angehört, und er vegetiert, von der Außenwelt isoliert, in Fort Dimanche. Nirvah ist eine attraktive Mulattin, und schnell wird klar, welchen Preis der Staatssekretär von ihr verlangt. Doch statt im Büro über sie herzufallen, geht er, um seine Lust zu steigern, raffinierter vor: Er lässt die Zufahrt zu ihrem Haus asphaltieren, Nirvah bekommt wertvollen Schmuck und ein neues Auto geschenkt. Unter dem Vorwand, Nachrichten aus Fort Dimanche zu überbringen, besucht sie der Sicherheitschef und lässt mit Dollars gefüllte Umschläge auf dem Nachttisch zurück. Nirvah wird seine Mätresse und muss sich eingestehen, dass sie die Demütigung und Unterwerfung wider Willen genießt.

»Ich öffne meine Beine und meinen Mund dem Vergnügen des Staatssekretärs, einem Vergnügen, das immer anspruchsvoller, immer gieriger wird. In der eiskalten Finsternis meines Schlafzimmers kommt der Staatssekretär mit seinem Appetit über mich... Diese Situation ist für ihn ein göttliches Aphrodisiakum, das er nach Lust und Laune dosieren kann.«

Als Nirvah erkennt, dass ihr Liebhaber nicht nur sie, sondern auch ihre Tochter und ihren Sohn missbraucht, ist es zu spät: Der Staatssekretär wird verhaftet, während sie mit den Kindern in die Dominikanische Republik zu fliehen versucht – der überraschende Schluss soll hier nicht preisgegeben werden.

Das Buch von Kettly Mars ist so spannend wie Vargas Llosas Roman Das Fest des Ziegenbocks, und es rührt an ein Tabu. Der Klassenkampf zwischen der schwarzen Bevölkerungsmehrheit und der Mulattenbourgeoisie wird Ausländern gegenüber gern in Abrede gestellt: Keiner spricht darüber, aber alle wissen Bescheid. Nach dem siegreichen Sklavenaufstand und der 1804 erkämpften Unabhängigkeit wurde Haiti meist von schwarzen Präsidenten regiert, vom Staatsgründer Dessalines bis zum Armenpriester Aristide. Die sich als Elite verstehenden Mulatten hatten die wirtschaftliche, die Schwarzen die politische Macht, und Heiraten zwischen beiden signalisierten einen Aufstieg in der Gesellschaftshierarchie. Hinter dem vermeintlichen Rassenkampf steckt ein sozialer Konflikt, den der kreolische Volksmund so benennt: »Ein reicher Neger ist ein Mulatte, ein armer Mulatte ein Neger.« (Dass das Wort »Neger« in Haiti nicht diskriminierend ist, sei nur in Klammern vermerkt.)

Die wechselseitige Anziehung und Abstoßung erzeugt ein komplexes Double Bind, das die postkoloniale Gesellschaft zusammenhält, und die Protagonistin des Romans, die sich lustvoll ihrem Peiniger unterwirft, verkörpert die Vergewaltigung Haitis durch das Duvalier-Regime, das eine tropische Variante des Faschismus war. Papa Doc berief sich auf Hitler und Stalin, Jesus Christus, de Gaulle, Mohammed und Mao als Vorbilder und brüstete sich damit, einen Himalaya von Leichen angehäuft zu haben: Gemessen an der Bevölkerungszahl, wurden in Fort Dimanche mehr Menschen ermordet als in Buchenwald, und der Roman von Kettly Mars ist schon deshalb lesenswert, weil er diese historische Tragödie dem Vergessen entreißt.