Franz ist 25 Jahre alt, als er in einer halb zerfallenen Kapelle den Eindruck hat, das Kruzifix spreche zu ihm: Er solle die Kirche wieder aufbauen, fordert der Gekreuzigte. Kurz darauf veruntreut Franz Ware aus dem Geschäft seines Vaters, er braucht Geld für die Renovierung.

Anna ist elf bei ihrer Erstkommunion. An diesem Tag überantwortet sie Jesus ihr Leben. Sie sieht ihre Bestimmung darin, für die Sünden der Welt zu büßen.

Johanna ist gerade 13, als sie eine Stimme hört, die ihr aus Richtung der Dorfkirche zuruft. Einmal, zweimal, immer wieder. Schließlich folgt sie den Befehlen der Stimme und verlässt ihre Familie.

Drei Momente, in denen drei Leben radikal die Richtung wechseln. Weil Gott auserwählten Menschen Zeichen sendet, sagt die Kirche. Weil die drei jungen Leute psychische Probleme hatten, vermutet die Medizin. Lässt sich beurteilen, wer recht hat?

In Regensburg schneit es zarte Flocken. Es ist kurz nach zehn, als sich die Pforte der 800 Jahre alten Galluskapelle in der Altstadt öffnet. Domvikar Georg Schwager, ein freundlicher Mann mit grauem Haarkranz und schwarzem Gewand führt in sein Arbeitszimmer. Hier hängt ein kleines Gemälde von Anna, dem Mädchen das sich opfern wollte. Im vergangenen Oktober hat Papst Benedikt Anna Schäffer vor 80000 jubelnden Gläubigen als bislang letzte Deutsche zur Heiligen erklärt. Schwager, der den eindrucksvollen Titel "Leiter der Abteilung Selig- und Heiligsprechungsverfahren im Bistum Regensburg" trägt, hat daran keinen geringen Anteil. Über 30 Jahre dauerte der Prozess im Falle Anna Schäffer. "Es geht uns um die objektive Hebung der Wahrheit", sagt der Domvikar.

Wer sich durch das Leben der Heiligen liest, kann eine Liste mit Verhaltensweisen erstellen, die wir heute als unnormal, auffällig bezeichnen würden

Heilige sind für manche Katholiken entscheidende Mittler zwischen Gott und dem eigenen Leben, für die allermeisten Menschen aber nicht mehr als halbwegs historische Figuren, früher vielleicht bedeutend, heute verblasst. Für die Kirche aber ist das Recht, aus Menschen Heilige zu machen, noch immer eine Frage der Macht. Sie will die Deutungshoheit darüber behalten, welche Visionen als Verrücktheiten "falscher Heiliger" zu gelten haben und welche tatsächlich göttlich genannt werden dürfen.

Wie viele Heilige und Selige die katholische Kirche verehrt, wird nur sporadisch veröffentlicht. Bei der letzten Zählung im Jahr 2004 waren es 6650. Johanna von Orléans, das Mädchen, das den Befehlen der Stimme aus der Dorfkirche folgte, gehört dazu, auch Franziskus von Assisi, der den Vater beraubte und später Tieren gepredigt haben soll und nach dem sich der neue Papst benannt hat. Ebenso Hildegard von Bingen, die Frau, die in Visionen angeblich ganze Buchtexte empfing, Simeon von Aleppo, der Mann, der über Jahre auf einer Säule gestanden haben soll, und Johannes der Täufer, der in ein Kamelfell gekleidet am Ufer des Jordans predigte und sich der Legende nach von wildem Honig und Heuschrecken ernährt hat.

Wer sich durch ihre Leben liest, kann eine lange Liste erstellen. Eine Liste mit Verhaltensweisen, die wir heute als unnormal, besorgniserregend, auffällig bezeichnen würden – vielleicht sogar als psychisch krank.

Simeon von Aleppo wand sich ein Brunnenseil eng um den Körper. Das abgeschnürte Fleisch vereiterte und stank so sehr, dass sich bald niemand in seiner Nähe aufhalten konnte. So wollte Simeon für die Erbschuld des Menschen büßen. Franziskus von Assisi geißelte sich mit Dornengestrüpp, bis er blutete, sobald er sexuelle Lust verspürte. Im Winter tauchte er seinen Körper immer wieder in Eislöcher, bis jede Erregung verzischt war. Anna Schäffer sah an einem Oktobermorgen von einer Hostie fünf Feuerstrahlen ausgehen. Alle trafen ihren Körper. Seitdem schmerzten ihre Füße, die Hände, der Kopf und das Herz. Exakt jene Stellen, an denen Jesus Wundmale getragen haben soll. Sie alle hörten Stimmen, die künftiges Geschehen prophezeiten, Anweisungen gaben, die Welt deuteten. Dem aufgeklärten Leser solcher Wunder drängt sich die Frage auf: Waren eigentlich alle Heiligen verrückt?

Domvikar Schwager zögert, wenn er solche Fragen hört. Sie sind ihm nicht angenehm. Aber dann antwortet er doch: "Das darf man nicht sagen. Natürlich waren die Heiligen nicht verrückt." Im Falle Anna Schäffer habe er ja selbst die jahrelange Prüfung mitbetrieben: "Sie war seelisch gesund."