Lothar König : Keiner hat es gewollt

Vom Neonazi-Gegner zu einer Art Staatsfeind: Nun beginnt der Prozess um Lothar König. Der Kampf Pfarrer gegen Justiz wird in einer Niederlage enden. Für wen?

Vor wenigen Tagen, auf der jüngsten Solidaritäts-Demo für den Jugendpfarrer Lothar König, wurde ziemlich laut Back for Good gespielt, dieses Lied der britischen Schmuseband Take That. Ein Kuschelsong, das passt so gar nicht zum wallebärtigen Pfarrer König, zu diesem Aufrührer im Namen des Herrn. Der Titel aber hat einen programmatischen Refrain: Whatever I said, whatever I did, I didn’t mean it . Und das passt dann doch. Frei übersetzt und interpretiert: Was auch immer er gesagt hat, was auch immer er getan hat – Lothar König hat gewiss nicht gewollt, dass es so kommt, wie es nun kommen wird: Dass er bald in Dresden vor Gericht steht.

Die Staatsanwaltschaft hält ihn für einen Aufwiegler. König habe, das ist der Vorwurf aus der Anklageschrift, bei den Dresdner Anti-Nazi-Demos des 19. Februar 2011 von einem Lautsprecherwagen aus den schwarzen Block angefeuert – die Autonomen zur Gewalt aufgepeitscht gegen Polizisten. Ist das wahr?

Er trage zurzeit eine schwere Last, sagt König jetzt, kurz vor dem ersten Verhandlungstag. "Ich bin in ein großes schwarzes Loch gefallen", sagt er, und: "Ich habe Angst, ja." Er bestreitet nicht, damals im Lautsprecherwagen, seinem "Lauti", unterwegs gewesen zu sein. Er bestreitet aber heftig, von dort aus zur Gewalt aufgerufen zu haben. Im Gegenteil, er habe Jugendarbeit geleistet, die Menge eher zurückgehalten. Was ist denn wahr?

Fest steht, dass die Sache ernst ist. König weiß, dass er sogar mit einer Haftstrafe rechnen muss.

Es gibt kaum jemanden, der von diesem Lothar König noch nichts gehört hat. Weil der zur Protest-Ikone der ostdeutschen Linken avanciert ist. Ein Jugendseelsorger aus Jenas Stadtmitte gilt als Vorkämpfer gegen all das, was Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) als "sächsische Demokratie" bezeichnet hat: die angebliche Neigung der freistaatlichen Organe am Verfolgen derer, die sich hervortun im Kampf gegen Rechtsextreme. Wer "Lothar König" hört, der denkt: böses Sachsen.

"Dort, wo Lothar König angeklagt wird, werden alle Antifaschisten angeklagt!", rief jüngst auf besagter Kundgebung die Linken-Politikerin Kerstin Köditz. Man habe den Verdacht, "dass in diesem Land Recht durch Macht entschieden wird", sagte ein anderer König-Unterstützer. "In welchem Land leben wir hier", fragte König selbst, "in einem freien Land, wo die Sonne scheint?" Tja, scheint in Sachsen noch die Sonne?

Die dortige Justiz hat auf jeden Fall ein Imageproblem. Weil es nicht leicht ist, einen Prozess zu führen gegen einen Pfarrer, der sich Neonazis in den Weg stellen will. Der qua Amt als Guter gilt, der gegen die Bösen kämpft. Sachsen verfolgt einen alternativen Priester! Es ist diese Pointe, die die Kritik an der Justiz in Dresden so laut hat werden lassen. So laut, dass man sich fragen muss: Können diese Juristen überhaupt noch unbefangen arbeiten? Sollte Lothar König hart belangt werden, wird es heißen: "Wir haben es schon immer gewusst!" Sollte er mit einem blauen Auge davonkommen, werden alle rufen: "Die sind eingeknickt!" Dass Staatsanwälten öffentlicher Druck nicht immer guttut, deutet sich gerade im Verfahren gegen Ex-Bundespräsident Christian Wulff an. So gesehen hat König ein ähnliches Problem wie Wulff: Die Justiz hat so hoch gepokert, dass sie ihn nicht mehr gewinnen lassen kann, ohne ihren Ruf arg zu ramponieren.

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