MoskauBleib ruhig sitzen

Im Moskauer Café Zifferblatt zahlt man nicht für den Kaffee, sondern für den Aufenthalt – zwei Rubel pro Minute. Die meisten Gäste versinken gleich für mehrere Stunden in den Sofas. von Diana Laarz

Ich wollte nicht mit Elena über den Islam diskutieren. Ich wollte auch nicht mit Sergej über Pussy Riot sprechen oder mit Witali über den Dauerstau auf Moskaus Straßen. Aber im Café Zifferblatt werden Fremde schnell zu Bekannten. Ich dachte, ich hätte keine Zeit für große Gespräche. Elena, Sergej und Witali belehrten mich eines Besseren.

Das Zifferblatt ist eine Ausnahme in Moskau – ein kleines Fleckchen Ruhe in einer rastlosen, oft ungemütlichen Stadt, die Lebenszeit frisst wie ein nimmersattes Raubtier. Die Menschen hasten zehnspurige Straßen entlang, quetschen sich in die Metro, haben kaum einen Augenblick, um anderen Menschen ins Gesicht zu schauen. Sie sind immer viel zu lange unterwegs zwischen A und B, kommen zu spät und müssen dann schnell wieder weg. Wer sich dem atemlosen Rhythmus nicht anpasst und stehen bleibt, wird leicht überrannt.

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Ich eile in Moskaus Zentrum durch das Viertel Kitaj Gorod, in dem einige historische Gebäude dem Sturm der Zeit getrotzt haben. In manchen Straßen sind viele Häuser mit nur zwei oder drei Etagen erhalten geblieben, fast meint man, ein Miniaturwunderland zu betreten. Doch Moskaus Rhythmus herrscht auch hier. In pseudofranzösischen, pseudoitalienischen und pseudowienerischen Cafés wird dem Gast schon der Teller unter der Nase weggerissen, während er noch den letzten Bissen Kuchen auf der Gabel balanciert, meist von einem mauligen Kellner, der zwar Wiener Melange serviert, aber keinerlei Wiener Schmäh versprüht. Dazu klingt fröhlicher Pop aus den Lautsprechern großer Flachbildfernseher.

Das Café Zifferblatt liegt versteckt im Hinterhof, keine Reklametafel weist den Weg. An der Tür des Hofeingangs baumelt lediglich ein Pappschild. Ich steige hinauf in den zweiten Stock, betrete ein betagtes Wohnzimmer und habe sofort das Gefühl, in eine Geheimloge geraten zu sein.

Den Möbeln fehlen hier und da ein paar Holzsplitter, aber das tut ihrer Würde keinen Abbruch. Die Gäste sind jung, sie sitzen in knarzenden Lehnstühlen, lümmeln sich auf dem Diwan oder schaukeln im Schaukelstuhl. Einer von ihnen klimpert unbeholfen auf dem Klavier, aus einer Ecke schwappt mehrkehliges Johlen herüber, dort sorgt ein Brettspiel für Aufregung. Das Personal ist von den Gästen nur dadurch zu unterscheiden, dass es in aufreizender Langsamkeit Krümel von den Tischen wischt. Ein junger Mann spricht mich an, das lange Haar zum Zopf gebunden, Wollpullover, in jeder Hand einen Butterkeks, die Reste des dritten im Mund. "Zum ersten Mal hier?" Bevor er weiterzieht, hat er mich zu sich und seinen Freunden an den Tisch eingeladen.

Früher verteilte Mitin Puschkin-Zitate in der Metro

Auf allen Tischen im Zifferblatt stehen Wecker, Liebhaberstücke vom Flohmarkt, oft ohne Zeiger. Sie stehen für das kostbarste Moskauer Gut: Zeit. Und sie stehen für das Konzept des Cafés. Im Zifferblatt geht es nicht um zügigen Konsum, sondern um stressfreies Verweilen. Deshalb bezahlt man für die Zeit, die man bleibt, nicht für den Kaffee. Zwei Rubel kostet die Minute, das sind etwa drei Euro pro Stunde, dafür bekommt man in anderen Moskauer Cafés nicht einmal einen Cappuccino. Am Tresen wird notiert, wann man angekommen ist, danach darf sich jeder selbst bedienen. Es gibt verschiedene Kaffeesorten, Tees aller Art, Kekse und Obst. Aber natürlich geht niemand ins Zifferblatt, um möglichst rasch möglichst viel zu trinken oder zu essen. Hier trifft man Freunde, die man ein paar Stunden zuvor noch gar nicht kannte.

Ausgerechnet der Gründer der Zeit-Oase Zifferblatt zeigt an diesem frühen Abend aber alle Symptome eines gehetzten Menschen. Iwan Mitin, 27 Jahre alt, ein schmächtiger, zarter Russe, wirkt ungeduldig, leicht reizbar, müde. Er hat, ohne viel Erfolg, als Schauspieler und Künstler gearbeitet. Nun ist es sein Glück und sein Unglück, dass sein jüngstes Projekt, das Zifferblatt, ein echter Erfolg geworden ist. Bevor Mitin das Café vor eineinhalb Jahren aufmachte, druckte er Auszüge aus Puschkin-Büchern auf Karteikarten, laminierte sie und verteilte sie in der Moskauer Metro. "Wir haben", stand da zum Beispiel, "so lange so viel mit so wenig vollbracht, dass wir inzwischen in der Lage sind, alles mit nichts zu erreichen". Schon damals wollte Mitin die Moskauer mitten in der Rushhour zum Innehalten und Nachdenken zwingen. Dann besann er sich, verließ die Metro und lud stattdessen zum Nachdenken ins Café.

Leserkommentare
  1. Ahoj, vielen Dank für den Artikel der zum sofortigen Einkehren einläd. Dann werde ich mein kleines Koffer-Grammophon mitnehmen und wir hätten alle Zeit der Welt...

    • Snorrt
    • 08. April 2013 19:36 Uhr

    Animiert dazu, den Glotzkasten auszumachen und sich mit einer warmen Tasse Tee an ein analoges Buch zu setzen.

  2. Der Mensch wie er lebt,
    ist jemand der von uns geht,
    in ferner Zukunft und doch nicht weit,
    verbleibt ihm manchmal viel, manchmal wenig Zeit.

    Wie ein Kunsthasser,
    schätzt der Mensch das Wasser,
    erst dann nicht mehr, wenn es fehlt,
    und endlich geht.

    Drum sei nicht besonders knausrig
    und zahle für die Zeit Geld
    wie du Geld für Zeit zahlst
    und so schließt sich der Kreislauf

    -- Jakob

  3. eigentlich für ein Café eine der besten ökonomischen Ideen, gerade in Städten, wo die Mieten derart hoch sind, dass viele, vor allem junge Leute, keinen Wohnraum besitzen, wohin sie Freunde einladen können.
    Also bleibt zum Treffen nur der Weg in Lokale.

    Auch hier in Deutschland kennen Café-Besitzer das leidige Problem mit vorrangig jungen Menschen, die an einem Getränk kleben, dass sie anfangs kaufen und sich dann 2-3 Stunden lang dran festkrallen.

    Wenn er trotz "full house" nicht über die Runden kommt, dann nimmt er anscheinend zuwenig Geld pro Zeiteinheit.
    Da er keine theoretische Studie machen kann, müsste er eben in praxi sukzessive die Preise erhöhen und schauen, ab welchem Preis die Gäste anfangen auszubleiben....

    Ich wünsche ihm viel Glück und dass dieses System tragfähig bleibt.

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