Als ich vor zwölf Jahren Arabisch in Kairo lernte, freundete ich mich mit ägyptischen Studenten an. Je näher wir uns kamen, umso mehr interessierten wir uns für unsere ganz verschiedenen Lebensweisen. Sie wollten mich zum Islam bekehren, um meine Seele vor ewiger Verdammnis in der Hölle zu retten. Ich wollte sie von meiner säkularen Weltsicht überzeugen, um sie von der Illusion eines Lebens nach dem Tod zu befreien. In einer unserer Diskussionen fragten sie mich, ob ich sicher sei, dass es Gott nicht gebe. Die Frage überraschte mich. Dort, wo ich intellektuell sozialisiert wurde, galt dies als selbstverständlich. Ich führte ein Argument an, auf das sie ein Gegenargument hatten. Die Diskussion endete ergebnislos.

Und doch wurde mir bewusst, dass ich viele meiner Grundüberzeugungen nicht richtig durchdacht hatte – von der Frage, ob Gott existiere, bis zu der, wie man leben solle. Die Herausforderung durch meine ägyptischen Freunde zwang mich, Ansichten zu verteidigen, die in meinem kulturellen Milieu selten hinterfragt werden. Seitdem habe ich philosophische Workshops in verschiedenen Teilen der Welt organisiert, zum Beispiel an einer palästinensischen Universität in Jerusalem, mit chassidischen Juden in New York und mit Mohawk-Indianern in einem Reservat in Kanada. Dadurch habe ich gelernt, wie unterschiedlich wir alle fundamentale moralische, religiöse und philosophische Fragen beantworten.

Ist das bedauerlich? Nein. Uneinigkeit ist gut, wenn sie zu einem respektvoll geführten Streitgespräch führt. Wie können wir schließlich sicher sein, dass unsere Ansichten über die Welt mit der Welt übereinstimmen oder dass das, was wir für gerecht halten, wirklich gerecht ist? Es gibt viele Gründe, die Wahrheit zu schätzen: weil wir ein Leben führen möchten, das gut ist und nicht nur so scheint; weil für uns die Kenntnis der Wahrheit ein wesentlicher Bestandteil des guten Lebens ist; weil wir ein auf Wahrheit gegründetes Leben als moralische Verpflichtung betrachten; oder weil wir, wie meine ägyptischen Freunde, größere Nähe zu Gott suchen, der die Wahrheit ist (al-Haqq, einer der Namen Gottes im Islam). Natürlich würden wir nicht an unseren Ansichten festhalten, wenn wir nicht davon überzeugt wären, dass sie wahr sind. Aber das bietet natürlich keine Garantie. Waren meine ägyptischen Freunde nicht ebenso überzeugt wie ich? Betrachten wir verschiedene Epochen und Kulturen, finden wir eine verwirrende Vielfalt oft widersprüchlicher Ansichten, die alle von starker Überzeugung getragen werden. Genau deshalb sollten wir Streitgespräche begrüßen: weil sie sich hervorragend dazu eignen, Überzeugungen kritisch zu überprüfen.

Theoretisch müssen wir dazu nicht bis nach Kairo reisen, sondern können auch zu Hause, gemütlich im Sessel sitzend, nachdenken. In der Praxis aber scheinen wir eine verstörende Erfahrung zu brauchen, die uns mit unserer Fehlbarkeit konfrontiert oder – wie es der große muslimische Denker al-Ghazali (gestorben 1111) ausdrückte – die die "Fesseln des Taqlid" löst: jener Ansichten, die von den zufälligen Umständen unserer Sozialisation herrühren.

Bei ihm selbst, so al-Ghazali, hätten sich die Fesseln des Taqlid gelöst, als ihm klar geworden sei, dass er mit ebenso glühender Überzeugung Jude oder Christ hätte sein können, wie er Muslim sei, wenn er statt in einer muslimischen Gemeinde in einer jüdischen oder christlichen aufgewachsen wäre. Er erklärt Taqlid als die Autorität von "Eltern und Lehrern", was wir allgemeiner als all das beschreiben können, was unsere Ansichten bestimmt, ohne dass wir sie selbst durchdacht haben: Medien, Mode, Marketing, aber natürlich auch politische und religiöse Rhetorik.

Gerade weil das so ist, können wir uns glücklich schätzen, in einer Zeit zu leben, in der Gesellschaften zunehmend heterogen und multikulturell werden und in der die Globalisierung uns zwingt, über nationale, kulturelle und religiöse Grenzen hinweg zu diskutieren – so wie ich es in Kairo tun musste. Sie bietet uns Gelegenheiten, unsere Grundüberzeugungen und Autoritäten zu überdenken.

Natürlich ist Verschiedenheit allein noch keine Garantie für ein kultiviertes Streitgespräch (sonst wären der Mittlere Osten und der Balkan die vornehmsten Debattierclubs). Stattdessen erzeugt sie oft Frustration oder schlimmer: schlägt in Gewalt um. Deshalb brauchen wir eine ausgefeilte und akzeptierte Kultur des Streitgesprächs.