Franziskus : Selig sind, die sich widersetzten

Der Papst sollte Mut zeigen und einen südamerikanischen Protest-Bischof ehren.
Tausende Menschen demonstrieren in San Salvador am Jahrestag der Ermordung von Óscar Arnulfo Romero. (Archivbild) © Roberto Escobar/dpa

Im September 2000 legten Argentiniens Bischöfe ein Schuldbekenntnis für ihr Schweigen unter dem Obristenregime (1976 bis 1983) ab. Sie standen dabei vor einem Bild von Óscar Romero, dem früheren Erzbischof von San Salvador, den die dortige Militärjunta 1980 hatte ermorden lassen. Die Geste bedeutete: Romero handelte, wo wir untätig blieben.

In der Sache Romero rührt sich der Vatikan bis heute nicht. Konservative Kurienkardinäle verschleppen seit Jahren die Seligsprechung eines Märtyrers, der den Armen weit über El Salvador hinaus als Heiliger gilt. Dabei war der Jesuit Romero ebenso wie Jorge Mario Bergoglio lange als konservativer Kirchenmann aufgetreten und hatte die linksgerichtete Befreiungstheologie als Gefahr für den Glauben abgekanzelt. Doch dann, in den Zeiten des Terrors, ergriff er Partei für die Armen. Anders als damals der heutige Papst teilte Romero mit ihnen nicht nur das Brot, sondern auch die Bedrohung. Er pilgerte bei tropischer Hitze in die von Todeskommandos gepeinigten Dörfer, verlas in seinen Predigten die Namen von Verhafteten, Gefolterten, Verschwundenen, Ermordeten. Am Palmsonntag vor 35 Jahren sprach er zum ersten Mal vom "gekreuzigten Volk", das er im Christus der Karwoche spüre. Im vierten Hirtenbrief verkündete er, die Kirche müsse sich mit den Armen "einschließlich der Risiken und ihres Schicksals der Verfolgung solidarisieren". Während Bergoglio in der Residenz des Diktators Rafael Videla eine Messe zelebrierte (um mit ihm über Entführte zu sprechen, wie er später sagte), richtete Romero das Wort in seiner letzten Sonntagspredigt über die Köpfe der Junta hinweg an die Soldaten: "Ihr tötet eure eigenen Brüder unter den Bauern(...). Die Kirche (...) kann angesichts solcher Abscheulichkeiten nicht schweigen! Im Namen Gottes und dieses leidenden Volkes (...) flehe ich euch an, befehle ich euch: Macht Schluss mit der Repression!"

Am 24. März 1980, dem diesjährigen Datum des Palmsonntags, hielt der Erzbischof gerade den goldenen Kelch des Abendmahls in den erhobenen Händen und sprach die Worte: "In diesem Kelch wird der Wein zu dem Blut, das der Preis war für die Rettung der Menschen...". Da traf den 62-Jährigen eine Kugel ins Herz. Blut und Wein vermischten sich auf seinem Ornat. Die Oberschicht ließ die Champagnerkorken knallen. Die einfachen Leute fielen auf die Knie und beteten. Die Polizei kam neun Tage später zum Tatort, die zuständigen Richter erhielten Morddrohungen, die Identität des Todesschützen wurde erst drei Jahrzehnte später aufgedeckt. Es war ein Leibwächter des damaligen Präsidenten, dessen Sohn den Mord angeordnet hatte.

1990 leiteten Romeros Anhänger ein offizielles Verfahren zu seiner Seligsprechung ein. 1996 wurde es von der Ebene des Bistums nach Rom weitergeleitet – und blieb dort liegen. Mittäter des Mordkomplotts leben bis heute unbehelligt in El Salvador. Zusammen mit anderen Vertretern der Oligarchie denunzieren sie Romero weiterhin als "politisierenden Theologen". Dafür haben auch im Vatikan nicht wenige Kardinäle noch immer ein offeneres Ohr als für die Armen. Dass sich Romero schützend vor Bauern und Gewerkschafter stellte, denen die Oligarchie eine kommunistische Gesinnung nachsagte, hält ihm die Kirchenhierarchie bis heute vor. Romero werde von einer "politischen Richtung als Bannerfigur in Anspruch genommen", ließ Benedikt XVI. im Jahr 2007 wissen. "Das ist das Problem." Bei einem anderen Opfer diktatorischer Willkür hatte ihn das nicht gestört: Den polnischen Priester Jerzy Popiełuszko, der vier Jahre nach Romero ermordet wurde, weil er sich mit den Gläubigen gegen das kommunistische Regime des Generals Jaruzelski solidarisiert hatte, sprach Benedikt bereits 2010 selig.

Der Zauber, der dem Anfang von Papst Franziskus unbestreitbar innewohnt, wird realiter auch daran zu messen sein, ob und wann er die Seligsprechung seines Ordensbruders erreicht. Ob er das Los und die Erlösung der Armen nicht nur innerkirchlich, sondern auch in dieser Welt zur Richtschnur seines Pontifikats macht. Es war Brasiliens großer Erzbischof Dom Helder Camara, der einst auf seinen Wegen in die Slums die Worte prägte: "Wenn ich den Armen Brot bringe, nennt man mich einen Heiligen. Doch wenn ich frage, warum sie nichts zu essen haben, werde ich als Kommunist beschimpft." Nur in der Solidarität mit den Armen "einschließlich der Risiken", wie es Romero formulierte, kann sich Franziskus über die Barmherzigkeit hinaus als mutiger Papst erweisen.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Hass gegen den Glauben

Die Seligsprechung eines Märtyrers durch die katholische Kirche ist keine Ehrung - wie fälschlicherweise hier behauptet wird - sondern ein Ausdruck des Glaubens.

Das Problem bei dem Seligsprechungsverfahren von Óscar Romero ist wohl, das während des Verfahrens ernsthafte Zweifel an dem Motiv an den Mord an ihm aufgetaucht sind. Ein Märtyrer ist nun mal jemand, der wegen Hass gegen den Glauben umgebracht wird.

Das schmälert die Verdienste von Óscar Romero keineswegs -- aber die Motive für den Mord an ihm sind wohl weniger eindeutig, als hier in dem Artikel behauptet wird.

^^

Eine Frage des Glaubens...

Na so einfach ist das mit den Wundern auch nicht. Wenn man es so will, ist ein Wunder auch mit einer besonderen Verehrung der Person verbunden.

Eine Ähnlichkeit gibt es zu einer Heldenverehrung. Also zu einer Person, die für viele Menschen zu einem Vorbild wird. Der Doktortitel passt da gar nicht, wenn ich mir die vielen Pfeifen vorstelle, die mit einem Doktortitel herumlaufen.

Leider spielt der kirchenrechtliche Aspekt keine Rolle bei solchen Empfehlungen. Wieso eigentlich nur er und nicht die bestimmt Tausenden, die an ihrem Glauben festgehalten haben und für ihre Mitgläubigen eingetreten sind?.

Der Tod und das Tun allein kanns doch nicht sein für eine Extra Auszeichnung. Denn zu den Seligen, die in den Himmel kommen, gehören auch die ohne Titel. Der Autor erwartet also ein politisches Zeichen statt ein kirchlich-glaubensbezogenes.

Dass die katholische Kirche als auch Machtorganisation eher den atheistischen Kommunismus fürchtet und damit den Widerstand eher ehrt ist auch klar. Deutschland unterstützt auch keine kommunistischen Widerstandskämpfer.

Die Befreiungstheologie ist eben ein Problem und wenn sie von links in Anspruch genommen wird erst recht. Und was Diktatur ist, ist manchmal so einfach auch nicht zu erkennen. Glaubensgrundsätze z.B. "Du sollst nicht ztöten" oder "Respektiere die weltliche Macht" kann man nicht mal so ändern.

Das kann nur der fordern, der sich fern und gefeit gegen die Diktatur fühlt. Dabei ist in Deutschland bereits die marktkonforme Demokratie ausgerufen. Und wer sagt, dass die Diktatur immer mit Uniformen, Paraden und Militär daher kommen muss?.

Es wäre einfach zu wünschen, dass der Kirche nicht nur auf Glauben und Wertung beruhende Aspekte als Kritik entgegengesetzt werden. Zumindest nicht da, wo sie nach Kirchenrecht handelt. Denn gegen Kritik ian sich ist ja nun nichts einzuwenden.