Romantik-Museum ParisGretchen und Chopin

Während man in Frankfurt am Main noch um das geplante Museum der Romantik ringt, erzählt in Paris das Musée de la Vie romantique schon seit 1983 von der Romantik als Lebensform. von Alain-Xavier Wurst

Das Musée de la Vie romantique in Paris

Das Musée de la Vie romantique in Paris  |  © D. Messina/Ville de Paris

Seit Kurzem wird heftig darüber gestritten, ob Frankfurt am Main ein Museum der Romantik bekommt. Die Stadt ist klamm, Land und Bund sind es dito. Doch die Feuilletons der Republik trommeln und pfeifen. Seite um Seite wird mit der Forderung nach einem großen Haus für Wunderhörner und blaue Blumen gefüllt. Mal sehen, wie lange die eisernen Kämmerer der öffentlichen Offensive noch standhalten können.

Andererseits darf man als Europäer schon fragen: Wozu ein Museum der Romantik in Frankfurt? Man braucht doch nur in den ICE zu steigen, und man ist, wenn der Zug denn fährt und nicht durch die übliche »Störung im Betriebsablauf« lahm liegt, in weniger als vier Stunden in Paris. Dort gibt es längst, wovon die romantischen Deutschen träumen: ein Musée de la Vie romantique.

Anzeige

Nun gut, es ist vielleicht nicht so groß, wie die Frankfurter es gern hätten. Aber das Haus aus dem Jahr 1830, das uns da am Ende einer kleinen, kopfsteingepflasterten Allee im 9. Arrondissement empfängt, hat einen so verwunschenen Charme, dass es sofort betört. Zumal noch ein Gärtchen mit Fliederbaum dazugehört und zwei filigrane Atelierhäuser, die für Sonderausstellungen genutzt werden.

Der Besucher versteht sofort, weshalb das Musée zu einem besonders gern weitergereichten Geheimtipp unter den vielen kulturellen Geheimtipps in Paris geworden ist. In diesem Haus, in seinen intimen Räumen wie in seiner wehmütig zarten äußeren Gestalt, scheinen die Romantik und das Romantische eins zu werden.

Der zweistöckige Bau im italienischen Stil gehört zu den letzten unverändert gebliebenen Zeugnissen Nouvelle Athènes’, wie dieses Viertel genannt wird, das zum Montmartre-Hügel aufschaut und Anfang des 19. Jahrhunderts entstand. Damals befand es sich noch ganz am Rande von Paris. »Man hört nur den Gesang der Amseln und der Nachtigallen im Grün der Gärten, und alles mischt sich mit dem Duft der Verse, die hier geschrieben und komponiert werden. Abends dann vernimmt man den Lärm der Kutschen aus der Stadt wie das Rauschen eines fernen Wasserfalls«, beschreibt 1823 der Publizist Dureau de la Malle die Idylle des Orts.

Er wurde zu einem Hort der französischen Romantik. Hierher zogen die Künstler, die Dichter, Schauspieler, Musiker und die Aristokraten, die dem Faubourg Saint-Germain entfliehen wollten, hier bauten sie sich ihre teilweise prächtigen Häuser, meist in einem klassizistischen Stil – deshalb der Name La nouvelle Athènes. Unnötig zu sagen, dass die meisten der noch erhaltenen Villen heute Firmen gehören und mit den obligaten Büros gefüllt sind.

Das Haus des Musée de la Vie romantique bewohnte einst der Malerstar Ary Scheffer. Der Künstler – er stammte aus Holland – lebte hier von 1830 bis zu seinem Tod 1858. Er ist heute reichlich in Vergessenheit geraten, gilt vielen als epigonal und süßlich, zumal er gegen Ende seiner Tage sehr verfrommte. Sein virtuoses Gemälde Paolo und Francesca – das berühmte Liebespaar aus dem mittelalterlichen Ravenna, das Dante in seiner Göttlichen Komödie besingt – ist noch sein bekanntestes Werk, einst ein international gern genommenes Cover-Motiv für Aufnahmen von Tschaikowskys Sinfonie Francesca da Rimini.

In den dreißiger und vierziger Jahren stand Scheffer im Zenit seines Ruhms. Er wurde Kunstlehrer in der Familie des Herzogs von Orléans, der 1830, nach der Julirevolution, als »Bürgerkönig« Louis-Philippe den Thron bestieg und dessen liberale Einstellungen Scheffer teilte. Der Künstler brachte Louis-Philippes Tochter Marie (die 1837 den Herzog Alexander von Württemberg heiratete) die Kunst der Bildhauerei nahe. Ihre beiden Gips-Plastiken einer Amazone mit Windhund und eines Reiters, die der Besucher im ersten Stock des Museums findet, bezaubern und beweisen, dass Scheffer seine Zeit an kein Untalent verschwendet hat. Schade nur, dass die junge Künstlerin, in diesen Tagen vor genau 200 Jahren geboren, nicht einmal 26 Jahre alt wurde.

Jeden Freitag verwandelte sich Scheffers Atelier in einen Salon. Hier waren die Größten seiner Zeit zu Gast: Chopin, Delacroix, Liszt, Rossini, Dickens, dazu Gounod und seine Muse, die spätere Gefährtin Turgenews Pauline Viardot. Und, so darf man sehr vermuten, George Sand.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Paris | Museum | Romantik | Frankfurt am Main
    Service