ZEITmagazin: Herr Tschütscher, Sie sind Regierungschef des Zwergstaats Liechtenstein. Wie ist es, über nur 36000 Menschen zu herrschen?

Klaus Tschütscher: Es ist natürlich überschaubar. Das hat große Vorteile, weil man sehr viele Leute auch persönlich kennt. Ich werde bei jedem Sonntagsspaziergang angesprochen. Das muss man mögen.

ZEITmagazin: Ihr Land geriet plötzlich ins Licht der Öffentlichkeit, als 2008 der damalige Post-Chef Klaus Zumwinkel verhaftet wurde, weil er sein Geld in Stiftungen in Liechtenstein geparkt hatte.

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Tschütscher: Ja, wir haben damals unglaubliche Aufmerksamkeit bekommen. Die ganze Zumwinkel-Affäre hat in Liechtenstein einen Prozess beschleunigt, der sowieso bereits im Gange war. Liechtenstein hat sich vom alten Geschäftsmodell, das auch auf mangelndem Informationsaustausch aufgebaut war, verabschiedet und erkannt, dass internationale Steuerabkommen kein Nachteil sind, sondern ein Vorteil. Wir unterscheiden auch nicht mehr zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug. Es war damals eine aufgeheizte Stimmung im Land. Ich habe deswegen einige nicht sonderlich nette Briefe erhalten, und zu Beginn, als wir einen wirklich revolutionären Steuervertrag mit Großbritannien schlossen, gab es ganzseitige Inserate in unseren Medien, dass der Regierungschef ein Arbeitsplatzvernichter sei.

ZEITmagazin: Hatten Sie bei den Abkommen mit Großbritannien oder auch den USA überhaupt eine Wahl?

Tschütscher: Das ist eine Interessenabwägung. Wir hätten auch entscheiden können, nichts zu tun und die Konsequenzen zu tragen. Aber in der Politik muss man eben manchmal auch Kröten schlucken, die man nicht selbst produziert hat. Dazu kam, dass ich seit meinem Amtsantritt 2009 unter enormem Erwartungsdruck und Hochspannung stand, auch weil ich ein sehr ehrgeiziger und zielstrebiger Mensch bin. Ich hatte schon beim Eintritt in die Politik den klaren Ehrgeiz, später Regierungschef zu werden. Eine Zeit lang war ich ein richtiger Workaholic, habe nur gearbeitet und geschlafen und fast nichts mehr in meine Umgebung investiert.