Schriftsteller Georg KleinMein stolzer Besucher

An diesem Freitag wird der Schriftsteller Georg Klein 60 Jahre alt. Sein Verleger Alexander Fest erinnert sich an die Geschichte ihrer Freundschaft. von Alexander Fest

Noch immer klar in der Erinnerung: der Augenblick, als ich ihn das erste Mal sah. Er kam in das Büro des Verlags, still, gesammelt, nahm die lederne Mütze vom Kopf und breitete aus einer Mappe eine Reihe von, wie er sagte, »Schopenhauer-Strips« auf meinem Schreibtisch aus, die er zusammen mit dem Zeichner Michael Jordan gemacht hatte. Die Strips, auf denen der Philosoph in Begleitung seines Pudels Butz zu sehen war, veranschaulichten Sentenzen aus dem Schopenhauerschen Werk, von Georg Klein ausgewählt und zu Szenen oder kurzen Geschichten geordnet; sie waren alle Zeugnisse einer wiedergewonnenen Kindlichkeit, die Zeichnungen einfach, wie im Schutz von Ahnungslosigkeit gestrichelt, die Schrift in den Sprechblasen ungelenk und groß. Schopenhauer triumphierte darauf durch Hellsicht über die Welt, und die Menschen mit ihren dicken Köpfen hatten es zu dulden. Georg Klein erklärte mir die Bildergeschichten. Über eine Stunde sprach er, fast ohne aufzusehen. Nur über sich selbst sagte mein stolzer Besucher nichts, sodass ich ihn schließlich, wir schüttelten uns schon die Hand, fragte: Da er ja wisse, was ich im Leben tue, was eigentlich mache er? Die Antwort war, er schreibe. Wenige Tage später erhielt ich mit der Post das Manuskript von Libidissi.

Als Leser kamen wir, wie sich zeigte, aus entgegengesetzten Richtungen aufeinander zu. Kurz nach unserem ersten Treffen handelten wir bei einem Mittagessen den Vertrag für Libidissi aus. Danach wandte sich die Unterhaltung anderen Büchern zu, und ich muss sagen: Die an Schönheiten reiche Befremdung, in die Libidissi seine Leser hineinschickt, hatte größten Eindruck auf mich gemacht, sie erschien mir vorbildlos, und so fragte ich Georg Klein nach den Schriftstellern, die ihm etwas bedeutet hatten. Der sagte leichthin: Er wisse nicht, ob ihn nicht die Bücher seiner Kindheit noch heute stärker prägten als alles, was er sich später angeeignet habe. Ian Fleming zum Beispiel. »Ach ja?«, sagte ich und beugte mich über meinen Teller, im Kopf in Windeseile die mir bekannten oder auch unbekannten Gipfel der englischsprachigen Literatur durchmusternd, James, Woolf, Faulkner, Joyce, Burroughs... Fleming? Von dem hatte ich ja noch gar nichts gehört.

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Wir lernten uns kennen. Zwischen Fahnen, Umschlagentwürfen und Manuskripten redeten wir über Libidissi. Gleichzeitig erfuhr ich von seiner sonderbaren Geschichte: dass dieser Roman keineswegs sein erster, sondern sein dritter war; dass er daneben viele Erzählungen geschrieben hatte; dass er überhaupt seit ungefähr 20 Jahren schrieb und seit 15 Jahren einen Verlag suchte, erfolglos. Der jugendlich wirkende Mann mir gegenüber war Mitte vierzig und »unentdeckt«.

Georg Klein

Am 29. März 1953 in Augsburg geboren, hat Klein zwanzig Jahre für die Schublade geschrieben, bis er, eher durch Zufall, auf Alexander Fest stieß. Dieser verlegte dann 1998 sein Romandebüt »Libidissi«. Klein schreibt Romane, Erzählungen und Essays. Für den »Roman unserer Kindheit« erhielt er 2010 den Preis der Leipziger Buchmesse. Gerade erschienen ist von ihm im Rowohlt Verlag der Essayband »Schund & Segen«, der ihn auch als Kenner populärer Kunst-Genres ausweist.

Erst später verstand ich, wie sehr diese Lebensgeschichte ihm auch entsprach. Schwer fassbare Erfahrung, die doch fast jeder macht: Das als Kränkung Erlebte kann uns in Schutz nehmen. Niederlagen können uns beistehen. Georg Klein, als Autor, war durch die Ablehnung der Verlage um das schöne Gift Jugend und alles, was es zur Folge hat, herumgekommen. Hochgefühl und Hochempfindsamkeit, geteilter Wahn, geteilte Begeisterung, geteiltes Herumhocken, Biografie jedweder Art, die dann verklärt und stilisiert wird und sich doch schnell verbraucht: Sein Erzählen war frei davon. Er schrieb unabhängig von »Erlebnissen«. Er schrieb geradezu gegen das »Authentische« und die Autobiografie. Und so betrat er im Sommer 1998 die öffentliche Bühne auf der Höhe der Reife, nichts um sich als die Weite der ihm gegebenen Formen, Einfälle und Gedanken – ein sich selbst hervorbringender, nur dem eigenen Vermögen vertrauender Künstler.

»Eine Erfindung kann immer nur durch eine Erfindung ersetzt werden«, sagte Georg Klein, abwehrend oder einschränkend, auf ich weiß nicht mehr welchen Vorschlag seiner Lektorin Ulrike Schieder hin. Wir saßen wieder in meinem vollgeräumten Büro, und ich merkte, ich begann ihn zu verstehen: In der fantastischen Literatur, zu der man auch die Bücher Georg Kleins rechnen kann, musste buchstäblich alles Erfindung sein, das Plausible und Wahrscheinliche, der Erfahrung Gemäße hatte kein Gewicht. Der ganze riesenhafte Bereich der Abbildung des Realen interessierte Georg Klein nur, wenn er mit seinen Ideen zusammenging. Und trotzdem: Während die fantastischen Schriftsteller sich sonst in fernen Welten, zweiten oder dritten Realitäten, in einem hohen komplexen Prunk der Systeme bewegen, bleibt sein Schreiben immer dicht an unserer Zeit und Wirklichkeit. Zwar spielt auch Libidissi in der Zukunft, aber in der allernächsten, und schon heute, 15 Jahre nach Erscheinen des Romans, muten die darin beschriebenen technischen Geräte hoffnungslos veraltet an– Magnetbänder, Disketten.

Alexander Fest

Geboren 1960 in Berlin, arbeitet Fest als verlegerischer Geschäftsführer des Rowohlt Verlags. Er gründete 1996 den Alexander Fest Verlag, dessen Autoren er mit zu Rowohlt nahm. Er ist der Sohn des langjährigen »FAZ«-Herausgebers Joachim Fest.

An einer Schlüsselstelle des Buchs schauen zwei Agenten auf eine uralte kartografische Zeichnung; sie zeigt eine Stadt, doch das Bild der Straßen und Plätze verändert sich vor ihren Augen; für Sekunden erscheinen darauf Gebäude, die erst Jahrhunderte nach dem Tod des Zeichners, andererseits aber auch Jahrhunderte vor der Geburt der beiden Agenten errichtet wurden. Die Agenten sprechen daraufhin von der »Historie gewordenen Zukunft des Künstlers«. Genauso Libidissi: Das Buch setzte darauf, dass das in ihm entworfene Zukunftsbild schon bald Geschichte sein würde. Nichts, keine Extravaganz der Story sollte davon ablenken, dass das Fantastische für diesen Schriftsteller vor allem Sprache war.

»Originell« nannte mein Vater, Joachim Fest, das ihm Unzugängliche und dennoch Respektable, Respekt-Ermöglichende, vielleicht sogar Respekt-Gebietende. Mit Georg Klein, den er für außerordentlich originell hielt, sprach er, wenn Buchmesse war, gern an unserem Verlagsstand. Mit Erfahrung gewappnet, von Erfahrung vornehmlich zehrend, gab er dem jüngeren Schriftsteller den einen oder anderen Rat, nicht zuletzt angesichts von dessen, wie er zu mir sagte, »nun doch schon überoriginellen« Buchtiteln wie Libidissi oder Barbar Rosa, und Georg Klein nahm die Ratschläge an. Ich bemerkte die beiden im Gespräch: mein Vater redend nach der Art von Leuten, die Aufmerksamkeit gewohnt sind wie die Luft zum Atmen, Georg Klein aufrecht dasitzend und tatsächlich sehr aufmerksam; nur ein, zwei Mal sah ich ein zartes abstraktes Lächeln über seine Züge gehen. Eine Sympathie entstand. Von Zeit zu Zeit erkundigte sich mein Vater nach Georg Klein, dieser nach meinem Vater. 2006, nach dem Tod meines Vaters, erreichten mich von Georg Klein oft täglich Aufmunterung und Zuspruch.

Drei Jahre später, kurz vor meinem 50. Geburtstag, schrieb er mir dann folgenden Brief: »Um ein HAAR hätte ich den Traum von heute Nacht rückstandslos vergessen, aber eben kam er doch noch einmal in die Kammer des Bewusstseins zurück... Bin auf der Buchmesse 1998, unterhalte mich wie dereinst mit Deinem Vater, und wie damals rät er mir, für künftige Romane leichter merkbare Titel als LIBIDISSI zu wählen. Wie damals gestehe ich brav zu, dergleichen in Zukunft zu bedenken, obwohl mich ein heftiges Déjà-vu-Gefühl irritiert: Habe ich just dies nicht schon einmal erlebt? Hat er mir nicht dasselbe schon einmal ans Herz gelegt? Die Pressefrau holt mich vom Stand zu einem Interview-Termin ab. Ich will gerade mit ihr los, da zupft mich Dein Vater noch mal am Ärmel: ›Ach, da wäre noch was, Herr Klein. Und das sage ich Ihnen – Ehrenwort! – zum ERSTEN Mal: Wenn einer fünfzig wird, heißt dies, dass er das fünfzigste Jahr bereits VOLLENDET hat. Wir dürfen uns da von der Sprache nicht irreführen lassen...‹ Im selben Augenblick bemerke ich, dass mein Gegenüber sein langes weißes Haar im Nacken zu einem Zopf gebunden hat, und begreife: Wir sind im Jahr des Herrn 2009, und der Indianerzopf ist seine Jenseitsfrisur. Erschrockenes Erwachen... Georg.«

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