Mohammed führt sich auf, als ginge es um ein geheimes Atomlabor. »Die Marokkaner dürfen uns auf keinen Fall bemerken«, entschuldigt er den holprigen Umweg, während er seinen französischen Kombi im Schritttempo über den staubigen Wüstenboden der Westsahara lenkt.

Das Königreich Marokko sieht die 266.000 Quadratkilometer Wüste als integralen Bestandteil seines Territoriums. Die meisten einheimischen Sahraouis hingegen unterstützen den Kampf der Unabhängigkeitsfront Polisario um einen eigenen Staat auf dem Gebiet der ehemaligen Kolonie Spanisch-Sahara.

Immer wieder blickt Mohammed, der junge Politaktivist, der eigentlich anders heißt, ängstlich in den Rückspiegel. Erst seit Kurzem ist er ein freier Mann. Das Jahr im marokkanischen Gefängnis, wozu man ihn wegen Teilnahme an Demonstrationen gegen die Marokkaner verurteilte, sitzt ihm noch in den Knochen. Als am Horizont weiße Treibhäuser auftauchen, sagt Mohammed: »Willkommen im Wirtschaftswunder der Sahara.«

Der Gemüsegarten unter Plastik vor den Toren der Stadt Dakhla ist so groß wie mehrere Dutzend Fußballfelder. Hier baut das französisch-marokkanische Unternehmen Idyl Tomaten und Melonen an.

Verkauft wird das Grünzeug nach Nordamerika, in die EU – und in die Schweiz.

Auch die Konkurrenz ist vor Ort: Azura, ein weiteres französisch-marokkanisches Joint Venture, die Domaines Agricoles von Marokkos König Mohammed VI. und eine Reihe weiterer Schwergewichte der einheimischen Agrarindustrie betreiben unter der ergiebigen Wüstensonne ihre Gemüsefabriken. Das ergaben Recherchen der Nichtregierungsorganisation Western Sahara Resource Watch.

Die Schöpfung hat es sich einfach gemacht mit diesem Flecken Erde am nördlichen Wendekreis: Flache Wüste trifft grünen Ozean. Umso schwerer machen es sich die Menschen: Seit bald 40 Jahren schwelt der Konflikt um das Gebiet, das rund sechseinhalbmal so groß ist wie die Schweiz. Immer wieder fließt Blut auf beiden Seiten. 200.000 Flüchtlinge leben im Ausland, die meisten davon in vier Zeltlagern im benachbarten Algerien.

Marokkos Anspruch auf die Westsahara wird von keinem Land der Welt anerkannt. Für die UN ist sie die letzte Kolonie in Afrika.

Ein seit 1991 geltender Waffenstillstand wird von UN-Truppen überwacht. Ein Referendum, in dem sich die Bevölkerung zwischen einem Anschluss an Marokko oder einem eigenen Staat entscheiden soll, wird seit Jahrzehnten verhindert, weil sich die Konfliktparteien nicht einigen können, wer zum Urnengang zugelassen wird.

Im Konflikt um die Westsahara geht es um mehr als einen Haufen Sand. Hunderttausende marokkanischer Siedler hat die Regierung mit der Aussicht auf günstigen Wohnraum, Arbeitsplätze und höhere Löhne aus dem Kernland nach Süden gelockt. 300.000 Menschen arbeiteten 2008 laut einem marokkanischen TV-Bericht in der örtlichen Gemüsebranche – mittlerweile dürften es bedeutend mehr sein. Marokko schafft auf dem besetzten Wüstenboden demografische Fakten, vorbei an UN-Resolutionen und internationalem Recht.

Sahraouis wie Mohammed, die ursprünglich als Nomaden lebten, bekommen vom Tomatenboom nichts ab. Keine der Farmen gehöre einem von ihnen, sagt er. Und Sahraouis würden nicht einmal als einfache Arbeiter angestellt: »Dieses Geschäft geht an uns vorbei.«

Für den marokkanischen Staat ist die Besetzung der Westsahara ein Minusgeschäft: Subventionen, ein teurer Sicherheitsapparat sowie Steuergeschenke für Investoren. Doch die Unternehmen – darunter auch jene, die im Besitz der Königsfamilie sind – machen Kasse mit der Fischerei, dem Phosphatabbau und eben der Hors-sol-Landwirtschaft.

Die Agrarindustrie ist der neue boomende Wirtschaftszweig in der Wüste. Unterirdische Süßwasserseen machen den Anbau erst möglich. Die fossilen Wasserreserven sind zwar endlich, aber riesig. Die potenzielle Anbaufläche schätzt das Landwirtschaftsministerium in Rabat auf 100.000 Hektar, genutzt werden bisher gerade einmal rund 600 Hektar. Laut den aktuellen Zahlen von 2010 produzierten die Anlagen in der Region von Dakhla rund 60.000 Tonnen Tomaten im Jahr. Und die Regierung treibt das Geschäft voran: Dieses Jahr sollen bereits 116.000 Tonnen Tomaten im Wert von 130 Millionen Euro Dakhla in Richtung Norden verlassen.

Die Früchte aus der Wüste landen auch in den Schweizer Supermärkten von Migros und Coop. Es ist ein heikles Geschäft in einem vergessenen Konfliktgebiet.

Dabei wissen die Schweizer Großverteiler nur zu gut, wie groß die politische Sprengkraft von Gemüseimporten aus Krisenherden ist. Die Ankündigung der Migros, in den besetzten Palästinensergebieten produzierte Waren israelischer Unternehmen speziell zu deklarieren, sorgte im vergangenen Jahr für Wirbel. Inkonsequenz war einer der sachlicheren Vorwürfe, die man dem orangefarbenen Riesen machte: Weshalb deklariert ihr die Ware aus den Palästinensergebieten, aber nicht jene aus der Westsahara? Die Frage stelle sich nicht, konterte damals Migros-CEO Herbert Bolliger in einem Interview mit dem Magazin Tachles , »weil wir aus diesem Gebiet keine Waren beziehen«.

Man muss Herrn Bolliger nachsehen, dass er nicht wusste, was seine Firma verkauft. Denn tatsächlich sind die Tomaten und Melonen aus der Westsahara nicht leicht als solche zu erkennen. Denn sie sind getarnt. Bereits in den Industriezonen des Badeortes Agadir, 1.200 Kilometer nördlich von Dakhla, werden die Konflikttomaten in eingeschweißte Plastikkörbchen mit dem Label Marokko gepackt. Wenn die Tomaten 3.000 Kilometer nördlich in Basel die Schweizer Grenze passieren, zeugt auf den ersten Blick nichts mehr von ihrer wahren Herkunft.

Dass in Agadir Früchte und Gemüse aus Treibhäusern, die im besetzten Gebiet stehen, verpackt werden, bestätigt der ZEIT vor Ort ein leitender Angestellter der Firma Idyl. Er sagt: »Von hier aus beliefern wir auch die Schweiz, wo wir mit Migros und Coop zusammenarbeiten.«

Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) importierte die Schweiz 2012 für rund 30 Millionen Franken Früchte und Gemüse aus Marokko – zum größten Teil Tomaten. Von Waren aus Afrikas letzter Kolonie wissen die Beamten allerdings nichts: Am Schweizer Zoll habe man »in den letzten Jahren keine Importe aus der Westsahara registriert«.

Die korrekte Bezeichnung des Ursprungsorts hätte Konsequenzen – nicht nur bei Konsumenten, die sich aus politischen Gründen gegen die Wüstenfrüchte entscheiden könnten. Von Ende Oktober bis Anfang Mai gelangt marokkanisches Gemüse dank einem Freihandelsabkommen zollfrei in die Schweiz. Für die Westsahara gelten die Verträge jedoch explizit nicht, wie das Seco betont, da die Schweiz die Besetzung des Gebietes durch Marokko nicht anerkenne.

Konfrontiert mit den Erkenntnissen, kündigt die Eidgenössische Zollverwaltung an, genauer hinzusehen und, »gestützt auf die Hinweise von Coop und Migros«, die Importeure zu kontaktieren.