TürkeiIm Land des Rachenkratzers

Die Türken entdecken den Wein. Viele der besten Flaschen in den Bars von Istanbul stammen aus Thrakien und dem wilden Kappadokien. Zu Besuch bei Winzern, die sich was trauen. von 

Meter um Meter schieben sich die Autokolonnen durch das Viertel Beyoğlu. Istanbul wird vom Feierabendverkehr in die Mangel genommen. Alle drücken auf die Hupe, aber es ist ein kurzes, aufmunterndes Geräusch, das sagen soll: Macht mal hin, wir wollen schließlich alle nach Hause. 18 Stockwerke darüber öffnet sich eine entspannte Gegenwelt. Das Mikla auf dem Dach des Marmara Pera Hotel ist berühmt für moderne türkische Küche, aber keins dieser Restaurants, in denen man vor Andacht stumm auf Designerschälchen starrt. Es wird gelacht, am Nebentisch geht eine Flasche Schaumwein von der Ägäisküste herum, lachsrosa schillert es in den Gläsern. Ich entscheide mich für Boğazkere, der Kellner grinst, als er das Glas mit Schwung abstellt. "Wir nennen ihn Rachenkratzer", sagt er.

Tintenschwarz steht er im Glas, ein wilder, unbändiger Wein. Ich lasse mich gern von seinen mächtigen Gerbstoffen überrumpeln. Sie sorgen dafür, dass er den Gaumen nicht so bald langweilt. Allmählich sieht selbst der Verkehr durchdacht aus, wie von einer höheren Ordnung gesteuert: Die Autoschlangen erinnern an Glühwürmchen, die kurz aufleuchten und dann wegkippen. Geschluckt von einer der Straßen, die hinunter zum Bosporus führen.

Anzeige

Ich ziehe ein paar Ecken weiter, zur Weinbar Sensus. Auf Barhockern sitzen junge Pärchen, sie trinken Wein zu Käsetellern. Einige bestellen Blush, Rosé mit Eis, das Modegetränk des vergangenen Sommers. Am Ende des Holztresens stehen drei junge Männer, jeder hat eine Flasche Wein vor sich. Sie schenken einander ein, schlürfen geräuschvoll aus ihren Gläsern. Einer macht Notizen. Emre heißt einer von ihnen. Er erzählt, dass sie Betriebswirtschaft studieren und sich jede Woche in einer der vielen neuen Weinbars treffen. Die Weinbewegung in Istanbul, so nennt Emre das, werde immer größer. Als ich gehe, beugen sich die drei über die Weinkarte, um eine letzte Flasche auszuwählen – aus türkischem Anbau.

Am nächsten Morgen lädt Taner Öğütoğlu zur Verkostung in die Incirli-Weinbar, im Viertel Beşiktaş gelegen. Öğütoğlu ist Direktor der Organisation Wines of Turkey, in der sich seit 2008 schon 40 Winzer zusammengeschlossen haben. Einige von ihnen sind für heute eigens angereist. Stolz präsentieren sie lebhafte Weißweine, aus Emir und Narince gekeltert, die sich viel frischer zeigen, als man das in der heißen Türkei erwarten würde. Dann schenken die Winzer den roten Öküzgözu ein. Öküzgözu bedeutet Ochsenauge, weil die Trauben auf diese Größe anschwellen können. Die Weine daraus wirken aber keineswegs plump. Auch der Rachenkratzer ist wieder dabei und fällt aus der Reihe mit seinem maskulinen Charme.

"Für guten Wein würde ich fast alles tun", sagt Mustafa Çamlca

Über 800 Rebsorten sollen es sein, die nur in der Türkei zu finden sind. Selbst die Winzer kennen längst nicht alle. "Das ist ein Schatz, den wir heben müssen", sagt Öğütoğlu. "Bei uns hat einmal das Herz der Weinkultur geschlagen." Noah soll am Berg Ararat in Anatolien den ersten Weingarten gepflanzt haben. Diese Geschichte wurde schon 1001-mal erzählt. Die jungen Winzer rutschen unruhig auf ihren Stühlen hin und her. "Wir wollen nicht immer von früher reden", sagt Murat Üner vom Weingut Kayra. "Sondern allen zeigen, was wir heute leisten können."

Dass Wein in den türkischen Großstädten schick wird, ist nicht zuletzt ein Verdienst dieser jungen und begeisterten Winzer. Sie verstehen es immer besser, internationalen Standard mit dem Charakter ihrer Region zu verbinden. Noch lange wird am Tisch darüber debattiert, welche der sieben Anbaugebiete die besten Möglichkeiten bieten: Kappadokien und Thrakien sind die Namen, die am häufigsten fallen. Da liege die Zukunft des türkischen Weins. Ich fahre ihr entgegen.

Mit laufendem Motor wartet Mustafa Çamlca am Taksim-Platz, unser Ziel ist sein Weingut Chamlija in Thrakien, 120 Kilometer nordwestlich von Istanbul. Çamlca fährt zügig voraus, also nichts wie hinterher. Die Schnellstraße führt in die Region Krklareli, wo Bulgarien an die Türkei grenzt. Nach einer Stunde Fahrt zeigen sich die ersten Rebstöcke, Çamlca quetscht die Hupe. Seinen Wein erzeugt Çamlca im Dorf Büyükkarştran, in einem Hinterhof an der Hauptstraße. Das Gut hat er nach seiner Tochter benannt, einer Künstlerin, die auch die knallbunten Etiketten entwirft. Çamlca ist hier im Ort aufgewachsen, in einem der flachen, etwas windschiefen Häuser. In Istanbul hat er ein Wirtschaftsprüfungsunternehmen aufgebaut. Jetzt ist er 51, ein gedrungener Mann mit grauen Haaren, der es gewohnt ist, sich durchzusetzen. Çamlca ist einer der neuen türkischen Wein-Enthusiasten, bereit, etwas zu riskieren. "Für guten Wein würde ich fast alles tun", sagt er.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Beiträgen an der Debatte. Danke, die Redaktion/au

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn du den pro Kopfverbrauch von Alkohol als Massstab für Demokratiefähigkeit nimmst ist "Russland" das Mütterchen aller Demokratie! :-)
    .
    Bischen sehr einseitig!
    .
    Aber sei getröstet: Moslems haben schon immer gern gebechert, auch andere Rauschmittel sind denen nicht unbekannt.
    .
    Die haben es mit dem Alkohol so gehalten wie die Christen mit der "Keuschheit" :-) = Nicht in der Kirche/Moschee, aber wenn es dunkel ist......
    .
    Grinsegruesse
    Sikasuu

  2. In den 70ger Jahren beim Türken hier in D:
    Czakaya= Trockerer gut ausgebauter Weiswein
    Busbag= Sehr empfehlenswerter Roter
    .
    Wenn mich die Erinnerung nicht ganz im Stich lässt.
    .
    Ein alter Türke hat mir dazu mal erzählt, das in den 30ger Jahren franz. Winzer als "Entwicklungshelfer" mit franz. Reben dort sehr gute Arbeit geleistet haben.
    .
    Hab mal eine Quelle gesucht, der Kops funktioniert noch:-):
    http://de.wikipedia.org/w...

    .
    Gruss
    Sikasuu
    .
    Ps. Der Koran verbietet nicht den Wein(Alkohol) sondern nur den übermässigen Konsum. "Was (be)trunken macht ist verboten!" Je nach Richtung wird das ausgelegt: "Ich darf keine Alkoholflasche ansehen!" bis "In kleinen Mengen ist das erlaubt, kein Thema!"
    .
    Pps. Den besten Wildschweinschinken habe ich 1975, 50km von der Schwarzmeerküste gegessen, auf den Weg nach von Erzurum, bei Moslems!;-))

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • YMB
    • 06. April 2013 22:22 Uhr

    Der Koran verbietet explizit das Weintrinken, nur in älteren Suren beginnt es mit Einschränkungen (nicht betrunken beten, dann "Alkohol ist schlecht" usw.)

    ABER EGAL, das ist in der seit den 1920ern säkularisierten Türkei sowieso relativ schnuppe und es gibt in Anatolien auch muslimische Strömungen die ohnehin Alkohol trinken (Aleviten/ Bektashi z.B.), ich denke also eine Diskussion um Religion erübrigt sich.

  3. Wenn du den pro Kopfverbrauch von Alkohol als Massstab für Demokratiefähigkeit nimmst ist "Russland" das Mütterchen aller Demokratie! :-)
    .
    Bischen sehr einseitig!
    .
    Aber sei getröstet: Moslems haben schon immer gern gebechert, auch andere Rauschmittel sind denen nicht unbekannt.
    .
    Die haben es mit dem Alkohol so gehalten wie die Christen mit der "Keuschheit" :-) = Nicht in der Kirche/Moschee, aber wenn es dunkel ist......
    .
    Grinsegruesse
    Sikasuu

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
    • yilly
    • 06. April 2013 22:12 Uhr

    mal wieder was schönes über die Türkei zu Berichten. Denn Istanbul muss man einmal erlebt haben, dort gibt es alles, was das Herz begehrt.

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare zum konkreten Artikelinhalt. Die Redaktion/au

    • YMB
    • 06. April 2013 22:22 Uhr

    Der Koran verbietet explizit das Weintrinken, nur in älteren Suren beginnt es mit Einschränkungen (nicht betrunken beten, dann "Alkohol ist schlecht" usw.)

    ABER EGAL, das ist in der seit den 1920ern säkularisierten Türkei sowieso relativ schnuppe und es gibt in Anatolien auch muslimische Strömungen die ohnehin Alkohol trinken (Aleviten/ Bektashi z.B.), ich denke also eine Diskussion um Religion erübrigt sich.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sind "ältere Suren" weniger Wert als "Neuere" ??
    .
    Wenn der Kuran nicht diskutierbar ist, weil" Allahs Wort" warum dann... siehe oben!
    .
    Die Suren im Kuran, die Trunkenheit, Rauschmittel.... betreffen, zielen doch eindeutig auf " Zustände, Exesse...." in der Zeit "Mohameds" ab, sind aber interpretierbar. Deine Meinung!
    .
    Wenn zu dieser Zeit nicht "Rauschmittel" Exesse ein Problem gesesen wären, hätte "Mohamed" aka Allah (weil der Kuran ja Allahs Wort ist) nicht auf dieses Thema abgehoben!
    .
    Oder ist dieser Einwand jetzt "Logik" mit der man die Schrift "den Kuran" nicht messen darf? "Logik" kommt aus dem "arabischen" Raum, wir haben sie blos übernommen!
    .
    Es gibt wirklich eine sehr große Bandbreite der Themen" Rauschmittel" im Islam.
    .
    Der Alltag (Mit Raki..... nein das geht jetzt zu weit) ist sehr viel weniger eng als die offizielle Auslegung der Schrift!
    .
    Meint, gesehen zu haben,
    Sikasuu

  4. ... In guter Tradition zu Atatürk.

    5 Leserempfehlungen
  5. 4 Leserempfehlungen
  6. 8. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare zum konkreten Artikelinhalt. Die Redaktion/au

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Du hast was verpasst!
    .
    Es gibt NICHTS gastfreundlichres, zugewanderes, als einen Moslem, der das "Gastrecht" nach dem Kuran lebt!
    .
    Versuchs mal, ein wahrer Gläubiger Mohamneds und Allahs wird auch dir, als Reisender, ohne zu fragen zu wem du betest, Essen, Trinken und ein Obdach gewähren........
    .
    Weiss
    Sikasuu

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare zum konkreten Artikelinhalt. Die Redaktion/au

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Türkei | Frankreich | Istanbul | Ankara
Service