Ray KurzweilDie Unsterblichen

Eine Begegnung mit dem Technikvisionär Ray Kurzweil und den Jüngern der "Singularity"-Bewegung von  und Burkhard Straßmann

Ray Kurzweil (Archiv)

Ray Kurzweil (Archiv)  |  © Larry Busacca/Getty Images

Mag die Zukunft der Menschheit auch rosig sein – der Weg dorthin ist schäbig. Er führt vorbei an Lagerhallen und Autohäusern, zwischen Bauzäunen und Müllcontainern hindurch bis zu einer unauffälligen Glastür. Die führt ins Terminal 5. So heißt der Nachtclub in Hell’s Kitchen, einem wenig glamourösen Teil von Manhattan, wo sich an diesem grauen Wintertag die Futuristen treffen. Gekommen sind ungelenke Oberstufen-Nerds mit Notizblöcken. Ältere Herren im Pullover, die ihre Mathelehrer sein könnten. Ernst blickende junge Frauen im Retrolook der 1940er Jahre. Computer-Geeks unterhalten sich mit Risikokapitalgebern, die neue Geschäftsideen suchen.

Das hier ist ein cooles Event. Noch ist die Haupthalle im Terminal 5 weitgehend dunkel, nur gelegentlich flimmern die kleinen Vierecke diverser Smartphone-Displays auf. An die fünfhundert Besucher sitzen auf Plastikklappstühlen um die Bühne.

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Rise of the Machines ist das Thema dieser seltsamen Veranstaltung – die auch "Warten auf Ray Kurzweil" heißen könnte. Ray Kurzweil ist ein Mann, der 18 Ehrendoktortitel amerikanischer Universitäten trägt und der erfolgreich ein Dutzend Unternehmen gegründet hat. Die US-Präsidenten Ronald Reagan und Bill Clinton haben ihn geehrt, er hält zahlreiche technologische Patente und schreibt Bücher wie andere Leute Postkarten. Kurzweil, geboren 1948, ist der Stargast des heutigen Tages und ein in der Technikszene anerkannter Prophet. Unablässig verkündet er seine Frohbotschaft: Niemand muss sterben! Wir alle können das ewige Leben erlangen! Und ich werde der Erste sein!

Aber noch ist der Meister nicht da, deshalb warten alle geduldig. Zack Freedman etwa, der sich als "Hacker aus der nahen Zukunft" vorstellt. Sein Freund David Huerta kennt Kurzweil von vielen Veranstaltungen. Er sagt: "Vor ein paar Jahren galten Kurzweils Ideen als interessant, jetzt sind sie relevant." Oder Alan Sayter. Er hat einen Nachtflug von San Francisco auf sich genommen, um in New York dabei zu sein. "Kurzweil ist der Philosoph der Techies", sagt Sayter, der ein T-Shirt mit der Aufschrift "Singularity" trägt. Das Wort versteht hier jeder. Gemeint ist die Ankunft des wahren Erlösers – der lang ersehnte Triumph der künstlichen Intelligenz über die menschliche. Die Singularität ist der Zeitpunkt, an dem die künstliche Intelligenz die Kontrolle über das Schicksal der Erde übernimmt.

Davor steht jedoch Kurzweil auf dem Programm, und vor den Meister haben die Dramaturgen des Abends zudem noch das Vorprogramm gesetzt. Besucher mit Fachwissen lassen sich gern in Stimmung bringen, Fremde erhalten seltene Einblicke.

Sex mit Robotern

Etwa durch Jincey Lumpkin. Sie ist Rechtsanwältin, Kolumnistin der Huffington Post und selbst ernannte Chief Sexy Officer einer Firma namens Juicy Pink Box, die lesbische Pornos über das Internet anbietet. Lumpkin behauptet, dass Roboter bis 2047 eine menschenähnliche Intelligenz besitzen werden. Früher oder später würden sie auch unsere Sexualpartner werden, weswegen man frühzeitig über ethische und juristische Fragen diskutieren sollte – etwa die, ob auch ein Roboter Opfer einer Vergewaltigung werden könne.

Dann kommt Francesca Ferrando, sie bleibt auf der Erde. Die bekennende Philosophin für Posthumanismus forschte schon an der New Yorker Columbia University. Jetzt steht sie mit glitzerndem Flitter im Haar und goldenem Lidschatten auf der Bühne und sieht aus wie eine entfernte Cousine von Prinzessin Leia aus Krieg der Sterne. Ihr Thema sind Cyborgs – Wesen, die teils Mensch und teils Maschine sind. Eine posthumane Gesellschaft, in der sich Mischformen von Menschen und Maschinen tummeln, werde eine gerechtere und tolerantere Welt sein, sagt Ferrando. Der Saal ist ganz bei ihr. Sie fragt die Zuschauer, wer sich bereits heute als posthuman verstehe. Viele Hände heben sich.

Jetzt sind sie bereit. Der Moderator kündigt den Star an. Fast erwartet man einen Tusch. Dann betritt ein schmaler älterer Herr mit Stirnglatze die Bühne. Er trägt einen dunklen Anzug und bequeme Halbschuhe, die Lesebrille baumelt an einem Band um den Hals. Ray Kurzweil ist ein routinierter Redner. Während das aufgeregte Gemurmel im Saal noch anhält, klickt er schon per Fernbedienung die ersten Schaubilder auf einen riesigen Bildschirm. Sie sollen seine Theorie erläutern, wonach das Hirn als Hierarchie von Mustern und elektrischen Impulsen verstanden werden muss. Dies vorausgesetzt, müsste es möglich sein, Hirnfunktionen künstlich nachzubilden und einen Supercomputer zu bauen, der genauso funktioniert wie die Schaltzentrale im Kopf des Menschen. Zu diesem Thema hat Kurzweil kürzlich ein Buch geschrieben, How to Create a Mind. Stapel davon liegen im Eingangsbereich von Terminal 5. Mit dem Kunstgehirn werde die nächste Stufe der Evolution erreicht sein. Was spräche dann noch dagegen, seine Gedanken und Gefühle auf einen Computer zu laden? Eine ewige Sicherungskopie seiner selbst herzustellen. Ist das Unsterblichkeit?

Leserkommentare
  1. Wie schon ein Kommentator in einem anderen Artikel sagte: So lange es kein Programm gibt, das es ermöglicht, einen deutschen Text vernünftig ins Englische zu übersetzen und noch weniger umgekehrt, so lange glaube ich nicht an künstliche Intelligenz. Hier werden beeindruckende Einzelleistungen präsentiert, aber "intelligente Computer"? Kann ich nur lachen. Computer mit Bewußtsein? Ich prophezeihe jetzt mal Herrn Kurzweil, dass er das nicht mehr erleben wird, Pillen hin oder her.

    5 Leserempfehlungen
    • Oyamat
    • 06. April 2013 19:19 Uhr

    Zitat: "So lange es kein Programm gibt, das es ermöglicht, einen deutschen Text vernünftig ins Englische zu übersetzen und noch weniger umgekehrt, so lange glaube ich nicht an künstliche Intelligenz."
    Verständliche Einstellung, aber nicht ungefährlich - es soll schließlich auch nicht gerade wenige Menschen geben, die spätestens an der Forderung der Übersetzung als "vernünftig" scheitern würden :-o . Okay, in der Argumentantion steckt ein heimlicher verbotener Umkehrschluß - der erste Schüler bzw. das erste Programm würden zur Rettung der Intelligenz-Zuschreibung ja glücklicherweise reichen :-) .

    Ich bin da anspruchsvoller: ich würde schon den Beweis verlangen, daß es keine komplexe Täuschung ist, die der Roboter vornimmt, wenn er "intelligenz" zeigt. Er mag intelligent, emotional, was-auch-immer scheinen - aber IST er das, oder tut er nur gewieft so?
    Ich bezweifle, daß es darauf eine plausible Antwort gibt. Jedes "ja, ich bin intelligent" wäre ja nur ein zwangsläufiges "ja", um die Täuschung aufrechtzuerhalten. Selbstbekundungen taugen also nichts. Aber sich in ihn hineinversetzen (wie man es von Mensch zu Mensch macht) würde auch nichts bringen, denn es kann durchaus sein, daß der Roboter (oder wer auch immer) sich selbst ebenfalls betrügt, um besser so tun zu können, als ob er sonstwas wäre. Man könnte also wieder nur auf Betrug stoßen...

    Das heißt, ein *überzeugend* intelligentes technisches System werde ich wohl mein Lebtag nicht sehen.

    MGv Oyamat

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    Das Argument wird immer wieder hervorgebracht, macht aber mMn. insofern wenig Sinn, als dass man es ja ebenso gut auf seine Mitmenschen anwenden könnte (Solipsismus). Macht aber keiner, so viel Vertrauen muss sein - warum aber dann einen Doppelstandard haben und dieses Vertrauen nicht auf "intelligente" Maschinen erweitern? Macht es einen Unterschied, ob ein Hirn aus Kohlenwasserstoffen oder Silizium gebaut ist? Wo ziehen Sie die Grenze?

    "Er mag intelligent, emotional, was-auch-immer scheinen - aber IST er das, oder tut er nur gewieft so?"
    Diese Einstellung könnte ich mir bei einem Skalvenbesitzer vor dem Sezessionskrieg, oder einem Antisemiten vorstellen, aber Sie sind weder das eine noch das Andere. Fest steht, dass diese Exemplare der Gattung h.s.s. sind. Eine Art die ebanfalls vorgibt intelligent zu sein, aber ob Sie dies ist sei dahingestellt.

    Die Entwicklung seit 100.000 Jahren ist ja auch exponentiel, wenn man die Kurve glättet.
    Die Menschlichen Eigenheiten auf, Maschinen übertragen zu wollen ist derzeit noch nicht ausgereift (Übersetzung, Spracherkennung), aber Intelligenz ist m.E. abstrakter.
    Ich danke für Ihren anregenden Kommentar.

  2. ist eigentlich alles möglich. warum nicht. nur ob die dann kurzweil noch brauchen. der mensch hat nicht mal begonnen der potentiale seiner evolution bewusst zu werden und auszuarbeiten, und fluechtet sich stattdessen zum cyborgen.
    auch was kurzweil antreibt?

    Eine Leserempfehlung
  3. Das Argument wird immer wieder hervorgebracht, macht aber mMn. insofern wenig Sinn, als dass man es ja ebenso gut auf seine Mitmenschen anwenden könnte (Solipsismus). Macht aber keiner, so viel Vertrauen muss sein - warum aber dann einen Doppelstandard haben und dieses Vertrauen nicht auf "intelligente" Maschinen erweitern? Macht es einen Unterschied, ob ein Hirn aus Kohlenwasserstoffen oder Silizium gebaut ist? Wo ziehen Sie die Grenze?

    2 Leserempfehlungen
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    ...Macht es einen Unterschied, ob ein Hirn aus Kohlenwasserstoffen oder Silizium gebaut ist?...

    ich denke die aktuelle hirn- und biologie-zellforschung ist da schon weiter, als das man ein hirn aus silizium bauen duerfte. es ist interessánt, wie das nachdenken der menschen unséres zeitalters von der mechanischen revolution immer noch geprägt ist

  4. "Er mag intelligent, emotional, was-auch-immer scheinen - aber IST er das, oder tut er nur gewieft so?"
    Diese Einstellung könnte ich mir bei einem Skalvenbesitzer vor dem Sezessionskrieg, oder einem Antisemiten vorstellen, aber Sie sind weder das eine noch das Andere. Fest steht, dass diese Exemplare der Gattung h.s.s. sind. Eine Art die ebanfalls vorgibt intelligent zu sein, aber ob Sie dies ist sei dahingestellt.

    Die Entwicklung seit 100.000 Jahren ist ja auch exponentiel, wenn man die Kurve glättet.
    Die Menschlichen Eigenheiten auf, Maschinen übertragen zu wollen ist derzeit noch nicht ausgereift (Übersetzung, Spracherkennung), aber Intelligenz ist m.E. abstrakter.
    Ich danke für Ihren anregenden Kommentar.

  5. ...Macht es einen Unterschied, ob ein Hirn aus Kohlenwasserstoffen oder Silizium gebaut ist?...

    ich denke die aktuelle hirn- und biologie-zellforschung ist da schon weiter, als das man ein hirn aus silizium bauen duerfte. es ist interessánt, wie das nachdenken der menschen unséres zeitalters von der mechanischen revolution immer noch geprägt ist

    Antwort auf "Naja..."
  6. Ich würde sagen wir müssen erstmal unseren Planeten für die neugeborenen Menschen fit machen, da brauchen wir keine Unsterblichkeit.

  7. Er will Pillen verkaufen.

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