Leben und Tod. Krieg und Frieden. Wohlstand und Armut. Die ganz großen Fragen der Menschheit. Darunter tut Eric Schmidt es nicht. Um die letzten Dinge zu erörtern, hat sich der Chairman des Netzkonzerns Google einen Ort mit einem vielsagenden Namen ausgesucht: Paradise Valley – Tal des Paradieses.

Die Veranstaltung ist schon einige Zeit her, es war im Herbst vergangenen Jahres, als Schmidt auf einer Konferenz für amerikanische Computerfachleute verriet, wie aus der Erde durch Technologie ein besserer Ort zu machen sei. Er sagte: Zugang zu freier Information beseitige den Analphabetismus, fege die Korruption hinweg und festige die Demokratie. Er sagte: Vorurteile, Streitereien, ja sogar manche Kriege könnten künftig womöglich vermieden werden, denn die Menschen redeten dank perfekter Übersetzungsprogramme nicht mehr aneinander vorbei. Umweltfreundliche Energie für jedermann? Kein Problem, sagte Schmidt, mittels intelligenter Ressourcenplanung und Netzsteuerung.

Computer und Software verbinden Menschen, sie sind Schmidts Heilsbringer. Er spricht tatsächlich von »Segen«. Der Saal applaudiert.

Könnte es sein, dass der Mann recht hat?

Schmidt verwendet religiöses Vokabular, doch er erläutert bloß die technisch optimierte Zukunft, so wie Google sie vor Augen hat. Er entwirft die ideale Welt von morgen. Menschen mit großen Visionen kommen heute offenbar nicht mehr aus Rom. Auch nicht aus Washington oder Moskau. Schmidt ist kein Priester und kein Politiker. Er ist kein Philosoph, kein Revolutionär und kein Mahatma. Er ist Informatiker und Manager eines privaten Technologiekonzerns. Doch Menschen wie er sind die Propheten, die heute Bilder von einer besseren Welt entwerfen. Religionen und Revolutionäre haben dagegen als Lieferanten von Zukunftsträumen nicht mehr viel zu bieten: Die einen erschöpfen sich oft in Glaubensdebatten oder -kriegen oder errichten gleich Gottesstaaten, von denen die meisten wissen, dass sie die Hölle sind. Die anderen sind gefangen in den engen Grenzen ihrer Staatsgebiete und den Beschwerlichkeiten der politischen Durchsetzbarkeit von Ideen.

Also fühlen sich Technologiekonzerne wie Google dazu berufen, die Rollen der Utopisten, der Zukunftsbildner und Weltendesigner zu übernehmen. Als globale Organisationen sind sie nationalen Regierungen bei der Konzeption einer neuen Welt überlegen: Sie sind schnell, weil sie die mühsamen demokratischen Prozesse von Willensbildung und Entscheidungsfindung ignorieren. Gesetze oder internationale Verträge benötigen viele Jahre – aus den Laboren der Technikriesen quellen Innovationen im Dreimonatstakt.

Nach und nach übertragen Menschen Macht und Einfluss an die Maschinen, die ihrerseits allesamt miteinander verbunden sind. Längst kontrollieren Computer die Kapitalflüsse an den Börsen und treffen Anlageentscheidungen, sie überwachen Kraftwerke und steuern Stromnetze. Demnächst stehen uns Autos zur Verfügung, die keinen Fahrer mehr brauchen. Die testet Google schon seit Jahren. In den US-Bundesstaaten Nevada, Florida und Kalifornien kurven solch computergelenkte Fahrzeuge bereits auf öffentlichen Straßen. In Deutschland befürwortet jeder Dritte die Zulassung solcher Autos.

Die Technik ist das Mittel zur Überwindung des Bösen

Oder 3-D-Drucker: Damit sollen sich nahezu beliebige Gegenstände an jedem Ort der Welt ausdrucken lassen, sobald eine digitale Vorlage von ihnen existiert. Ob Kaffeebecher, Wasserkanister oder Gelenkprothese – nach einem Datendownload produziert jeder im Handumdrehen selbst, was er braucht. Kann man sich das vorstellen?

Oder Mikroroboter: Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat im vergangenen Sommer einen sandkorngroßen Sensor der Firma Proteus für weitergehende Tests zugelassen. Das Teil wird vom Menschen verschluckt und sendet dann medizinische Daten aus dem Inneren des Körpers an ein chipbestücktes Pflaster, von dort geht die Information an ein Handy und danach ins Internet. Die Maschine im Magen? Ein Roboter in der Blutbahn? Ist das sympathisch? Google-Manager Schmidt gibt sich pragmatisch: »Wenn so ein Ding den Unterschied zwischen Gesundheit und Tod ausmacht, dann werden Sie es haben wollen.«

Ob Energie, Gesundheit, Verkehr oder bloße Unterhaltung – der Mensch lagert Bestandteile seines täglichen Lebens zunehmend ins Netz und damit in Computer aus. Die Algorithmen ihrer Software berechnen und beeinflussen das menschliche Dasein. Sie sind unsichtbar, scheinen aber allgegenwärtig, allumfassend und allwissend zu sein. Das sind Attribute, die man früher einmal allein Gott zugeschrieben hat. Ist Gott womöglich ein Computer? Wenn ja, braucht es für das Paradies nicht mehr als eine Steckdose und ein Datenfunknetz.